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„Die Jugend hat mich jung gehalten“

Fast sein ganzes Leben lang war Bruder Werner Bölsterling für Jugendliche zuständig. 21 Jahre lang wirkte der studierte Sozialpädagoge als Erzieher auf der Gaesdonck. Danach arbeitete er 13 Jahre als Pastoralreferent in Bocholt und gründete dort auch 1994 die Pfadfinder, die noch heute bestehen. Seit 2012 vollbringt Bruder Werner seinen Lebensabend im Priesterhaus in Kevelaer. Nach zwei Rückenoperationen ist er seit drei Jahren auf einen Rollator angewiesen. „Ohne Rollator könnte ich nicht mehr laufen, aber sonst geht es mir sehr gut. Die Jugend hat mich jung gehalten“, meint der Jubilar lächelnd.  

In Kevelaer war er bis zu seiner körperlichen Einschränkung noch für die Caritas tätig und betreute einen eigenen Bezirk. Nun ist er immerhin noch in der Caritas-Konferenz. „Mehr geht für mich leider nicht, mir fehlt dieser Dienst sehr“, muss er zugeben. Zur Gaesdonck hat er immer noch eine gute Verbindung und 2019 war er noch in Bocholt, um das 25-jährige Bestehen „seiner“ Pfadfinder zu feiern. „Ich bin sehr stolz, dass die jungen Leute sich immer noch treffen. Rund 100 Kinder und Jugendliche, die zum Teil mit mir zusammen angefangen haben, sind heute noch dabei. Das zeigt, dass die Pfadfinder für Jugendliche immer noch sehr aktuell sind.“ 

Und wenn die Bocholter Pilger mit dem Bus nach Kevelaer kommen, dann holt Bruder Werner die fußbehinderten Pilger auf dem Peter-Plümpe-Platz ab, um in Prozession zur Gnadenkapelle zu ziehen, wo er dann eine kleine Andacht hält. Auch mit Rollator lässt er sich diesen Dienst nicht nehmen. Nur im letzten Jahr fielen alle Wallfahrten der Bocholter aus, was Bruder Werner bedauerte. Aber mit Zuversicht und Geduld sieht er einem hoffentlich baldigen normalen Wallfahrtsbetrieb entgegen und freut sich, auch mit Bewegungseinschränkung noch lange im Dienst für die Menschen zu sein.

Ein Wahlkevelaerer wird 80 Jahre

„Eigentlich möchte ich gar nicht in die Zeitung“, sagt Gerhard Müskens, der am 22. September 2020 sein 80. Lebensjahr vollendet hat, bescheiden. Dabei könnte seine Lebensgeschichte mehrere Seiten füllen. Seit 2005 wohnt er mit seiner Ehefrau Thea in Kevelaer und sagt ohne lange zu zögern: „Wir fühlen uns hier sauwohl.“ Geboren und aufgewachsen ist er in Kessel bei Goch. Dort hat er seine heutige Ehefrau kennen und lieben gelernt und mit ihr viele glückliche Jahre auf einer kleinen Kartstelle, dem Elternhaus von Thea, in Kessel-Grunewald verbracht. Neben Schweinen und Hühnern zogen beide liebevoll ihre Kinder groß und lebten gemeinsam mit der Oma unter einem Dach, bis diese im stolzen Alter von 87 Jahren verstarb.

Auf dem Hof gab es immer viel Arbeit. Nicht nur das Vieh musste gepflegt, auch das umliegende Land sowie das Haus mussten in Stand gehalten werden. Hauptberuflich arbeitete Gerhard Müskens bei der Klever Union. Vielen ist diese als Butterfabrik bekannt. Dort, wo heute riesige Wohnkomplexe stehen, verbrachte der Jubilar 37 Jahre seines aktiven Beruflebens. „Feierabend hatte mein Vater nie“, erinnert sich seine Tochter Monika Behrens, die vielen KB-Leser/innen durch die Rubrik „Bildgedanken“ bekannt sein dürfte. „Er hat sogar Teppiche geknüpft. Einen Webteppich für mein Kinderzimmer, auf dem später meine beiden Töchter spielten“, sagt sie mit Blick auf ihre Eltern. „Ja genau“, wirft Thea ein, „ich hatte mir das Sortiment bestellt, doch mir fehlte einfach die Geduld. Da hat Gerd mir geholfen. Und weil es ihm Freude bereitet hat, kamen weitere Teppiche hinzu.“

Die Offenheit, Neugier und das Interesse an den unterschiedlichsten Dingen haben ihn sein Leben lang begleitet und angetrieben. Als leidenschaftlicher Fotograf rückte er so manches Motiv ins rechte Licht und erwarb Preise für einige seiner außergewöhnlichen Bilder. Gerne stellte er diese anderen zur Verfügung, ebenso sein Wissen über die Geschichte rund um Goch. Jahrelang hat er ehrenamtlich als Autor für die Zeitschrift „An der Niers und Kendel“ gearbeitet und führte gemeinsam mit seiner Frau zu Beginn der Öffnung von Schloss Moyland zahlreiche Gruppen durch das geschichtsträchtige Gemäuer.

Nach Wien, Budapest und Paris

„Unser Familienurlaub war meistens gleichzeitig eine Studienreise“, schmunzelt Monika Behrens. „Ich konnte mir zwar nicht alles merken, doch war es mir und meinem Bruder nie langweilig.“ Später, als die Kinder aus dem Haus waren, besuchte das Ehepaar Müskens mit dem Briefmarkenverein große Städte wie Wien, Budapest, Paris, Berlin und viele mehr. Dabei faszinierten Gerhard Müskens stets die großen Bauwerke sowie die unendlichen Weiten, aber auch die schlichte Schönheit der einzelnen Orte. „Mein Mann hat alles behalten, er kann so viel erzählen“, sagt seine Frau nicht ohne Stolz.

Beide halten sich durch tägliche Sparziergänge mit Hündin Wanda fit. Wanda ist 21 Jahre alt, ein richtiges Familienmitglied und ebenfalls bei allen beliebt. Ihren Umzug in die Wahlheimat Kevelaer hat das Ehepaar nie bereut. „Die Menschen um uns herum sind immer hilfsbereit, freundlich und offen. Als ich eine benachbarte Bäuerin mit Gummistiefeln im Garten sah, wusste ich sofort, dass ich hier sogar Platt sprechen kann.“ In Kessel-Grunewald hingegen seien fast alle Häuser an Niederländer verkauft worden. „Es lebt nur noch eine ehemalige Nachbarin dort, mit der wir manchmal telefonieren.“

Gerhard Müskens blickt auf 80 erfüllte Jahre zurück. „Heute würden wir das alles nicht mehr schaffen“, sagt er. Und auch wenn er nun keine Riesenerdbeeren, Bohnen oder Kartoffeln mehr anbaut, ein Trecker steht dennoch in seinem Schuppen. Auf Hochglanz poliert, strahlt dieser mit seinem Fahrer um die Wette und wird regelmäßig gewartet. „Denn: Gesundheit ist wichtig!“ Dies ist sein größter Wunsch, besonders auch für seine Familie, wobei er wieder zuversichtlich und gewinnbringend lächelt.   

Mit Leib und Seele Bäuerin

Auf dem Hüdderather Hof fühlt Kathrin Quinders sich pudelwohl. Mit viel Liebe pflegt sie ihre Rosen, hat den Garten immer im Blick und stellt sich daraus jeden Sonntag einen eigenen Blumenstrauß zusammen. Regelmäßig empfängt sie dabei noch ihre Kinder, Enkel und Urenkel. Das Familienleben erfüllt die Kevelaererin. Und dass sie all diese Sachen mit beinahe 90 Jahren noch erleben kann, dafür ist Quinders sehr dankbar. Am 16. August feiert sie ihren 90. Geburtstag – aufgrund von Corona zwar nicht so groß wie erhofft, aber der Familientrubel darf trotzdem nicht fehlen.

Am 16. August 1930 wird Kathrin Leurs als ältestes von fünf Geschwistern auf einem Bauernhof in Wetten geboren. Das landwirtschaftliche Leben wurde ihr damit quasi in die Wiege gelegt. Dass sie dann im Jahr 1956 ihren Theo heiratet, den sie auf einem Reiterball kennengelernt hatte, führt sie auf den nächsten Bauernhof. Denn ihr Mann bewirtschaftet damals einen landwirtschaftlichen Betrieb auf Hüdderath. Dort feiern die beiden Kevelaerer, für die die Kirche immer eine große Bedeutung hatte, damals ihre Hochzeit. Ein Ereignis blieb der Familie von diesem Tag besonders in Erinnerung: Die Braut bekam zur Hochzeit eine Kuh als Mitgift. Als diese Reißaus nahm und mit vereinten Kräften wieder eingefangen werden musste, sorgte das für die nötige Action.

Kathrin Quinders besuchte auf dem Weg ins Berufsleben zunächst die Landwirtschaftsschule und anschließend das Mädchenpensionat in Remagen. Später ist sie „mit Leib und Seele Bäuerin“, sind sich ihre Kinder einig. Sie packte überall mit an, war besonders verbunden mit den Tieren. Heute gilt ihre Leidenschaft immer noch dem Hof, auf dem sie sich ihre Selbstständigkeit bewahrt – wohlwissend, dass einer ihrer Söhne mit seiner Partnerin nebenan wohnt und zur Stelle ist, wenn sie doch einmal Hilfe benötigt. Durch den Hüdderather Hofladen, den die beiden betreiben, ist immer Leben auf dem abgelegenen Grundstück.

Immer auf dem Laufenden bei den Enkeln

Mit ihrer Familie hält die 89-Jährige telefonisch Kontakt. Hin und wieder bekommen die Enkel, die teilweise das Leben in der Großstadt erkunden, einen handgeschriebenen Brief. Der regelmäßige Kontakt liegt der Kevelaererin am Herzen. Am liebsten ist es ihr aber natürlich, wenn die Familie zu besonderen Anlässen auf dem Hof zusammenkommt. Zwar kann sie die fünf Kinder, zehn Enkel und vier Urenkel nicht mehr alle selbst verköstigen, das tut den Familienfesten aber keinen Abbruch.

So wird es am Wochenende zu ihrem Geburtstag eine reich gedeckte Frühstückstafel geben. Am liebsten hätte Quinders ihre ganze Familie dabei, was sie aufgrund des Coronavirus in diesem Jahr allerdings nicht verantworten möchte. Dennoch freut sich die heimatverbundene Kevelaererin auf ihren Ehrentag und hofft, sich noch viele Jahre um den Hof kümmern zu können. „Wenn es so weiter geht, sind wir zufrieden“, sagt die 89-Jährige.

Er will gestalten, motivieren und sich einbringen

Gerne hätte er sein Jubiläum mit einem großen Tag der offenen Tür gefeiert, gesteht Winfried Janssen, als er seinen Gesprächsgast an dem Eingangszaun empfängt und durch die Einfahrt die Treppe hinauf entlang der Fenster in die Wohnung führt. „Aber das fällt alles wegen Corona ins Wasser“, bedauert der mittlerweile 80-Jährige. In seinem Wohnzimmer fallen mir die Zeichnungen seiner Enkel auf, die an den Wänden verteilt zu sehen sind. „Und das hier, das bin ich im Alter von fünf Jahren“, zeigt er auf einen Rahmen. „Das hat ein Engländer gezeichnet, der in Sonsbeck gelebt hat.“ Auf der Zeichnung findet sich der Name „Jaar Sonbroeck“ und das Datum „Mai 1945“.

Winfried Janssen wurde am 24. Mai 1940 in Sevelen als ältester von fünf Kindern als Sohn eines Organisten und Küsters geboren. „Krieg war Alltagsgeschehen für uns“, sagt Janssen heute. „Wir haben noch von Weitem den blutroten Himmel im Ruhrgebiet gesehen. Und ich kann mich gut an den Alarm erinnern, wo die Maschinen von England kamen. Da mussten wir in die Keller rein.“

Aus der Zeit sind ihm noch einige bruchstückhafte Fragmente in Erinnerung geblieben. „Anfang 1945 wurden wir Richtung Paderborn evakuiert, und da habe ich die kaputten Städte gesehen. Unterwegs kamen dann die Tieffliegerangriffe. Die schossen die Leute vom Rad, wenn Du nicht schnell genug warst. Da mussten wir raus aus dem Bus, da war ein Haus in der Nähe, rein in den Keller.“

Zwischen Krieg und Kirche

Er sah auch ein Flugzeug, das über Sevelen brannte und in Geldern abstürzte. „Und neben dem Bürgermeister lagen die Soldaten im Garten, da bin ich in einen Panzer rein, als die Deutschen noch die Front hier hatten.“ Als der Vater auf Heimaturlaub war und dann wieder weg musste, „weiß ich noch genau die Stelle, wo er auf den Laster gestiegen ist und weggefahren ist.“ Ob er an der Front war, weiß er nicht. Sein Vater war im ersten Weltkrieg gefallen und er war der einzige Sohn.

Das kirchliche Leben „das hat mich geprägt“, sagt er. „Das war ein Bestandteil unseres Lebens.“ Als Messdiener ging er dem Vater, als der aus dem Krieg zurückkehrte, viel zur Hand. „Bis auf Beichte habe ich alles mitgemacht“, muss er an der Stelle schmunzeln. „Ich war ja auch ‚backstage‘ bei allen, die da bei den Vorbereitungen mit einbezogen waren“, sagt Janssen. „So habe ich Kirche, die Kapläne, die Pfarrer, die Vielzahl dieser geistlichen Herren kennen und schätzen gelernt. Da waren einige dabei, die waren menschlich gesehen für jungen Menschen solche, an denen man sich orientieren konnte.“

Der Vater war ein begnadeter Musiker, leitete den Chor in Sevelen. „Da hatte ich aber nix von“ – im Gegensatz zu seinen beiden Brüdern, die beide Instrumente lernten. „Mein Talent war, an dem Musik-Studium vorbei zu kommen. Aber die Liebe zur Musik, die ist geblieben.“ Der kleine Winfried verbrachte viel Zeit bei der Familie des Großvaters mütterlicherseits, der Bürgermeister von Sevelen war und selbst acht Kinder hatte. „Eine Schwester wohnte in Geldern, wo ich zur Schule ging. Da wohnte ich, um den Weg abzukürzen. Die jüngste Schwester wohnte in Hönnepel, wo wir auf dem Hof die Pferde auf die Weide führten. Und im Krefeld wohnten zwei Vettern. Das war für mich die große weite Welt.“

Eine Schwester meiner Mutter war mit dem ehemaligen Gelderner Stadtdirektor Matthias op de Hipt verheiratet. „Da habe ich viel mitbekommen.“ Aus seinen Erzählungen bekommt er einen Begriff des demokratischen politischen Systems, das im Entstehen begriffen ist. „Das war ja britische Verwaltungszone, und die Bürgermeister und Stadtdirektoren sind ja erstmals eingesetzt worden. Und nach 1949 kamen die ersten Wahlen.“ Als der Vater aus dem Krieg zurückkam, hatte der kleine Winfried „intensive Erziehungsversuche – vor allem meiner Tanten“ – hinter sich. „Als mein Vater ansetzte, da hatte ich soviel ‚Abwehrkräfte‘ aufgebaut, dass er da nicht viel ausrichten konnte, auch wenn das Regiment streng war. „Wenn Gleichaltrige draußen spielten, musste ich Zähne putzen und ins Bett.“

Vom Starkstromelektriker zum Rektor

Mit 17 Jahren absolvierte Winfried Janssen nach der Volksschule in Krefeld eine Lehre als Starkstromelektriker. „Da lernte ich was Anderes kennen als die gut behütete Situation zu Hause. Da kam ich in eine Welt, wo der Arbeiter im Stundenlohn sein Geld unter teilweise sehr schwierigen Verhältnisse verdienen musste.“ Erstmals erlebte er „die Kontraste derjenigen, die die Fabriken betreiben, und der Arbeitnehmer. Da habe ich Einblicke in deren Gegebenheiten, deren Denken und wirtschaftlichen Verhältnisse bekommen.“

Seine Frau Ingrid heiratete er im Dezember 1963 in Geldern erst standesamtlich, im April 1964 kirchlich. Aus der Ehe gingen die beiden Kinder Verena und Daniel hervor. Das Paar zog 1970 nach Winnekendonk. Janssen ging über den zweiten Bildungsweg und in die Abendschule nach Kempen. Im Jahr 1968 wurde er Lehrer. „Während meiner aktiven Zeit als Elektriker hatte ich viel mit Azubis zu tun. Da habe ich für mich gesagt: Mit deinem Wissen kannst Du das besser rüberbringen, indem Du in die Schule gehst.“ Naheliegend wäre da Berufsschullehrer gewesen. „Aber ich habe mich für die jüngere Schüler entschieden, weil ich die mit meinem Wissen und Möglichkeiten auf das Berufsleben vorbereiten wollte“, sagt Winfried Janssen. Das habe er bis 2004 als Schwerpunkt seiner schulischen Arbeit gesehen. Aus dieser Arbeit ging dann später unter anderem der Berufsinfotreff bei der Sparkasse hervor.

Die alte Form Volksschule wurde durch die Schulreform 1968 und die Fachlehrer der 70er Jahren grundlegend verändert. Janssen lehrte Naturwissenschaften, Physik, Mathematik und Wirtschaftslehre, später auch Geschichte. Von 1977 bis 1984 war er Konrektor der Edith-Stein Schule, kehrt 1984 als Direktor an die Theodor-Heuss-Hauptschule zurück und ging am 31.Juli 2004 in den Ruhestand. „Ich habe gerne unterrichtet. Das war nicht so, dass ich vor den Schülern geflohen bin. Ich konnte deren Macken, Methoden und Verhaltensweisen schnell erkennen. Und ich habe versucht, bei Schülern, die erziehungsresistent waren, Akzeptanz zu bekommen und denen eine Perspektive zu zeigen.“

Heute komme er mit vielen Ehemaligen ins Gespräch, die die Sinnhaftigkeit seiner Bemühungen anerkennen. Viele seien Unternehmer, Lehrer oder Menschen mit besseren Bezügen als er selbst geworden. „Das sind so die Momente, wo du ein bisschen zurückkriegst und denkst: verdammt, hast Du doch nicht alles falsch gemacht.“

Vom Jungsozialisten zum Bürgermeister-Kandidaten

Die politische Karriere begann, als er 1973 in die SPD eintrat und Vorsitzender der Jungsozialisten wurde. „Ich habe immer nur Kommunalpolitik gemacht, weil ich dann nah an den Leuten bin, um direkt was tun zu können und direkt die Verantwortung zu übernehmen, wenn was schief ging. Und ich bin keinem Streit aus dem Weg gegangen.“

Anfang der 70er Jahre kamen viele neue Lehrer aus der 68er-Generation nach Kevelaer. „Und es war damals das Gesamtschulprojekt hier, das anstand.“ Dem Rat in der Form wollte man nicht die Zukunft der Jugend überlassen. Und die SPD befand sich über die Willy-Brandt-Jahre im Aufschwung. „Da waren selbst Peter Hohl und Edmund Bercker in der SPD“, erinnert er sich. Aber das ging auch nicht ohne Konflikten ab. „Der Werner Helmus sagte: solange der mit am Tisch sitzt, bleibe ich nicht. Da ist der aufgestanden und gegangen.“ Denn als Jungsozialist habe man in der damals „stark schwarz gefügten Welt“ wortwörtlich als „ein rotes Tuch“ gegolten.

Über den Bundestagsabgeordneten Helmut Esters wurde diese Strömung parteiintern allmählich gesellschaftsfähig. Im Juli 1974 wurde Janssen stellvertretender Vorsitzender des Ortsverbandes. Und 1975 folgte der erste Wahlkampf, den die jungen Leute mit aufzogen. „Das hat uns Mut gemacht, weiter zu machen.“ Er selbst kam mit in den Stadtrat, wurde später auch Fraktionsvorsitzender im Rat. Weitere erfolgreiche Wahlkämpfe an der Haustür folgten, in denen er sein Organisationstalent mit einbringen konnte.

Zu ungeduldig

„Auf Widerstand zu stoßen, das war in Kevelaer so gesehen Tagesgeschäft“, beschreibt Janssen die politische Zeit. „Da musstest Du tricksen, Mehrheiten schaffen.“ Zugleich sei „Politik immer ein Feld, das von Kompromissen beherrscht wird. Da habe ich nie meinen Kopf durchgesetzt. Meine Ideen haben aber nicht allen gefallen“, räumt er ein. Und dazu kommt noch eine weitere persönliche Eigenschaft. „Ich bin in vielen Dingen zu ungeduldig“, gesteht er selbstkritisch. Als Wahlkampfleiter habe er immer das aufgebaute Konzept zügig und so gut wie möglich umsetzen wollen. „Da erwarte ich sicher auch zu viel – und erwarte, dass die anderen auch so mitmachen.“ Wichtig sei in der Politik aber auch eins: „Man kann politisch verschiedener Meinung sein, auch mit den CDU-Leuten. Aber da war immer eine Ebene, wo man das besagte Bier danach trinken konnte und die Ideologien nicht so wesentlich waren.“ Dass er mit CDU-Hilfe zum Rektor der Theodor-Heuss-Hauptschule gewählt wurde, gefiel nicht jedem Sozialdemokraten.

Einen besonderen Draht entwickelte er zu seinem Parteikollegen Klaus Hölzle. „Der war Anwalt, ein begnadeter Redner. Wenn der zum Haushalt sprach, war alles im Rat still. Das war ein Ereignis.“ Beide hätten als Tandem gut funktioniert, sagt Janssen. „Da war schwer gegen uns anzukommen“, gibt er zu.

„Ich hatte realistisch nie eine Chance“

Im Jahr 1986 trat der begeisterte Stadionsprecher beim KSV vom Fraktionsvorsitz zurück, als er den SPD-Platz im Verwaltungsrat der Sparkasse nicht an Werner Helmus freimachen wollte – und ihm die Fraktion ein Ultimatum stellte. 1988 endet seine Arbeit im Parteivorstand, ein Jahr später schaffte er es in den Kreistag. 1992 ist er zurück im Ortsvorstand, mit in der Fraktionsführung, 1996 auch im Unterbezirksvorstand. Drei Jahre später zog Winfried Janssen für die SPD 1999 in den Wahlkampf um das erstmalig zu besetzende Amt des hauptamtlichen Bürgermeisters. „Ich hatte realistisch nie eine Chance“, sagt Janssen heute, auch wenn er sich in den Wahlkampf voll reingehängt hatte und „dafür breite Unterstützung“ erfuhr.

Das Handicap war, dass es fünf Kandidaten damals gab, wo sich das Wählerpotenzial zergliederte. „Da konnte ich nie auf eine Größenordnung kommen, die den Pahl gefährden hätte können.“ Und die SPD im Bund „hatte in der Regierung zu der Zeit auch keine gute Bilanz vorzuweisen.“ Immerhin erreicht er mit 24,6 Prozent mehr Stimmen als seine Partei. „Aber es hat mir schon weh getan“, gesteht Janssen, als er Pahl als Erster zum Sieg gratulierte. „Die Nacht habe ich nicht geschlafen. So abgebrüht war ich nicht.“ Der erste Schultag danach war „für mich wie im Film. Aber das Leben geht ganz schnell weiter.“

Die Beförderung des Ehrenamts sieht Janssen als eine wichtige Weichenstellung. Als einen der größten konkreten Erfolge bezeichnet er „die Tatsache, dass wir mit der CDU die Wirtschaftsförderung haben gründen können. Umso mehr hat es mich getroffen, dass die unter Stibi aufgelöst wurde – auch weil das bis heute nicht richtig funktioniert. So sehe ich das, und bin da sicher nicht der Einzige.“

Abschied und letzte Karriere

Ab der Stadtratswahl 1999 war er SPD-Fraktionsvorsitzender und mit Hilfe der CDU zweiter stellvertretender Bürgermeister, was der SPD missfiel – und das problematische Verhältnis zu dem eigenwilligen Denker erneut offenlegte. „Anfang der 2000er Jahre gab es eine unliebsame Zeit“, ist Janssens Bezeichnung dafür. „Da kam eine jüngere Generation, die das Gefühl hatte, die Alten waren jetzt lange genug dran.“ Obwohl für ihn klar war, dass 2004 Schluss ist. „Das war terminiert und abgesprochen. Aber das ging einigen nicht schnell genug.“

2001 ersetzen die Genossen ihn durch Sigrid Ehrentraut im Fraktionsvorsitz. Der Konflikt um den Posten als stellvertretender Kreisvorsitzender – die Kevelaerer wollten Jörg Vopersal, Parteichefin Barbara Hendricks ihn – führte ein Jahr später zu Janssens Rückzug. Er blieb aber bis zu seinem politischen Karriereende 2004 zweiter stellvertretender Bürgermeister. Danach wollte er Herr über seinen eigenen Terminkalender werden. 2005 erhielt er das Bundesverdienstkreuz. Ein Jahr später wurde er „aus Geselligkeit und Spaß an der Freud’“ Mitglied der Bürgerschützen, arbeitete die Chronik des Vereins auf und machte die Öffentlichkeitsarbeit. „In der Zeit sind wir 2008 nach Kevelaer gezogen.“

Über die Bürgerschützen kam er 2017 zum Krippenmarkt, wo er als „Marktmeister“ und mittlerweile auch Geschäftsführer der „Event- und Marketing-Agentur“ noch immer aktiv ist. Seine „letzte Karriere“ nennt er die Arbeit an diesem Projekt. „Bei dem Marktmeister kann das durchaus noch zwei-,drei Mal so sein, bis mich jemand mit dem Rollator drüber schiebt“, sollte die Gesundheit mitmachen, sagt er. Dafür will er mit der neuen „Fiets“ so viel fahren wie möglich. Für den Geschäftsführer will er so bald wie möglich einen Nachfolger benennen. Ob er es brauche, gebraucht zu werden? „So würde ich das nicht sehen, auch wenn meine Frau das oft sagt. Ich will gestalten. Ich will was tun, bringe mich dafür 100 Prozent und mehr ein, will motivieren und Leute finden, die mitmachen. Das ist mir an vielen Stellen gelungen.“

„Kevelaer wird nicht untergehen“

Natürlich ist Janssen seiner Frau Ingrid, die seit Jahrzehnten an seiner Seite ist, dankbar für ihren Beitrag. „Politik ist nicht immer familienfreundlich“, formuliert er diplomatisch das, was an Zeit für Sitzungen, Wochenenden und politische Treffen drauf ging. „Aber die Kinder sind in der Erziehung nicht zu kurz gekommen.“ Heute pflegt er das Home-schooling mit seinen Enkeln.

Wie er die Zukunft Kevelaers sieht  Da will er angesichts von Corona lieber noch keine Prognose wagen. „Nichts wird mehr so sein wie vorher, aber es wird sich auch nicht alles ändern.“ Der Schwerpunkt für das persönliche Lebensumfeld werde stärker werden. Das sehe man am Peter-Plümpe-Platz „Kein Auto wird es genauso wenig geben wie nur Grün“, da komme es auf die Gewichtig an. „Der totale Grün-Plan, davon wird 2030 mehr umgesetzt sein, als dass das Auto im Mittelpunkt steht.“ Kevelaer werde die Bedeutung als Wallfahrtsstadt sicher behalten, ist er überzeugt. „Das Bedürfnis, die Trösterin der Betrübten zu besuchen, wird sicher nicht weniger.“ Außerdem sei er sehr überzeugt von der jungen Generation der Geschäftsleute, die „Kevelaer in diesem Bestand erhalten“ können mit inhabergeführten Geschäften und Leuten, die „Ahnung haben“. An eins, daran glaubt er fest: „Kevelaer wird nicht untergehen.“

„Sie hat immer gute Sinn“

Fröhlich wirkte sie, als sie das Messer zückte, um die Geburtstagstorte anzuschneiden, die man ihr zu Ehren gemacht hatte. Gemeinsam mit den Angehörigen genoss Maria Behr die gemeinsame Zeit an ihrem Geburtstag im Garten und wurde mit der Bäckerstorte überrascht, die mit Zuckerguss überzogen eine Art „grünen Rasen“ und eine Oma mit Dutt und Spaten darstellen sollte. „Wir haben einen schönen Tag verlebt“, waren sich ihre beiden Töchter Helga und Monika angesichts des besonderen Jubiläums einig. Maria Behr ist ein echtes „Kävelse Mädchen“. Sie wurde am 6. Mai 1930 als Maria Lohmann und als eines von vier Kindern in der Wallfahrtsstadt geboren. Der Vater war Buchbinder, die Mutter Kontoristin. Ihr ältester Bruder starb 1943 im Krieg.

Eine große Torte gab’s zum Geburtstag. Foto: privat

Nach dem Besuch der Schule arbeitete sie als Hauswirtschafterin auf dem Bauernhof Terlinden. Im Jahr 1956 heiratete sie dann den Hufschmied und späteren Landmaschinenschlosser Alois Behr. Ihn hatte sie in einer Gaststätte in Lüllingen auf der dortigen Kirmes kennengelernt. Das junge Paar zog schließlich nach Winnekendonk. Maria Behr hörte mit ihrem Job auf, brachte eine Tochter und einen Sohn zur Welt. 1962 kamen sie dann nach Twisteden, wo sie ihre zweite Tochter bekam. Heute gibt es dazu schon drei Enkelkinder.

Ihr größtes Hobby sei der Garten, verraten ihre beiden Töchter. Den liebe sie über alles. Dazu liest die Jubilarin gerne, rätselt viel, puzzelt sehr gerne und geht viel spazieren. Und ihre hervorstechendste Eigenschaft sei, dass sie „immer gute Laune hat und sich durch nichts unterkriegen lässt“, sagen die Kinder. „Sie hat immer gute Sinn.“

Mit 105 Jahren führt sie ein zufriedenes Leben mit einer großen Familie

Am 9. April 1915 wurde Elisabeth Selders als eines von insgesamt fünf Geschwistern geboren. Die katholische Ausprägung kam von den Eltern, die als Landwirte von Straelen aus nach Wetten auf den Wankumshof, einem Pachthof von Schloss Haag, zogen.

„Damals gab es noch alles auf so einem Hof – Kühe, Schweine, Hühner“, erzählen ihre Kinder die sie an ihrem Ehrentag leider nur anrufen konnten. Denn wegen der Coronakrise herrscht auch im Regina Pacis in Kevelaer striktes Besuchsverbot.

Elisabeth Selders verlebte eine normale Kindheit, half wohl auch schon im frühen Alter auf dem Hof, ging zur Volksschule und arbeitete später im Haushalt eines Pfarrers im Klever Raum. 1943 heiratete sie ihren Mann Wilhelm Selders, der einen landwirtschaftlichen Betrieb in Wetten unterhielt. Gemeinsam haben sie vier Kinder – drei Jungen und ein Mädchen.

„Meine Mutter hat den Laden gut im Griff gehabt, die Hausarbeit gemacht, auf dem Feld gearbeitet und vier Kinder groß gezogen. Sie hat gewusst, was sie macht“, beschreibt ihr Sohn Willi das gemeinsame Zusammenleben. „Und wir haben in der Jugend mit angefasst. Man hat uns gesagt, wo es langgeht. Aber so lernten wir auch Selbstständigkeit. Sie hatte viel Vertrauen zu uns, war eine liebevolle Mutter. Das ist sie noch heute.“ Bei der kfd war Elisabeth Selders jahrelang ehrenamtlich tätig, trug als Bezirkshelferin Zeitungen aus und kassierte Beiträge.

Der älteste Sohn übernahm 1971 den Hof, verpachtete schließlich die Ländereien. 1988 starb Elisabeth Selders‘ Ehemann. Sie blieb bis zum Jahr 2017 auf dem Hof. Dann – im stolzen Alter von 102 Jahren – zog sie in das „Regina Pacis“, weil ihr Sohn sie nicht mehr pflegen konnte. Als Übergangslösung gedacht, wurde daraus die neue „Heimat“. Dort fühlt sie sich sehr wohl.

Sie liest viel Zeitung

Für ihr Alter geht es der ältesten Bewohnerin Kevelaers ziemlich gut. Bereits Ende der 80er Jahre bekam sie zwar eine zweite neue Hüfte und heute ist sie gehbehindert und kann nicht mehr laufen. Sonst hat sie aber keine Probleme. Und geistig ist sie noch auf der Höhe der Zeit. Sie liest viel Zeitung, schaut fern. „Letztens sagte sie noch: Ich hab doch keine Langeweile.“

Als gläubige Christin kann sie nicht die Messe erleben, höre aber jeden Tag den Gottesdienst im Fernsehen. „Und sie sagt uns immer, auf welchem Programm das dann läuft. Und sie weiß immer ganz genau, was Pastor Kauling oder unser Weihbischof Lohmann, wenn er zu Besuch in Kevelaer ist, so alles sagen. Das erzählt sie dann, wenn man kommt.“

Von ihren Kindern kennt sie jede einzelne Telefonnummer auswendig. „Und sie quatscht auch viel mit denen.“ Ihre zwölf Enkelkinder haben viel Zeit mit ihrer Oma verbracht. Als sie noch mobil war, kümmerte sie sich ausführlich um sie, zusammen verbrachten sie viele Stunden beim Gesellschaftsspiel.

Nach wie vor ist sie der unbewusste Fixpunkt für alle. „Sie weiß alles, was in dieser Familie läuft, ist gut über ihre Kinder, Enkel und 13 Urenkel informiert.“ Wenn zum Beispiel einer der Urenkel ein Praktikum in Australien oder Bolivien macht, „weiß sie komplett Bescheid,“ weil sie sich sehr dafür interessiert.

Keine Geburtstagsfeier

Das ist auch der Grund, weswegen alle Familienmitglieder sie so im Herzen tragen, „Wir hatten einen sehr schönen 100. Geburtstag, mit einem musikalischen Ständchen der Enkel und Urenkel im Wettener Waldschlösschen, den sie im Kreise ihrer Enkel und Urenkel verbracht hat“, erinnern sich gerne alle an diesen Tag, der so wegen Corona leider nicht wiederholbar ist. „Sie hat zwei Weltkriege erlebt – und jetzt sowas, wo die Welt stillsteht. Sie fragt, ob das alles sein muss, wie das alles so kann. “

Aber sie klage auch nicht groß darüber, dass man sie nicht besuchen kann – auch nicht zu ihrem Geburtstag. „Im ‚Pacis‘ bleibt sie in ihrem Raum. Voriges Jahr zum 104. Geburtstag haben wir sie in den kleinen Gesellschaftsraum gefahren. Sie legt da auch gar keinen Wert darauf, im Vordergrund zu stehen. Sie lebt bescheiden, ist glücklich und zufrieden.“

Zum 100. Geburtstag gab’s noch ein Ständchen von der Familie. Ein Treffen zu ihrem 105. Geburtstag konnte aufgrund der Corona-Krise nicht stattfinden.
Fotos: privat

Der Beständige in einer unbeständigen Zeit

Kein großer Empfang, nur vereinzelte Besuche von Mitgliedern der Familie, der große Bahnhof fand zum 75. Geburtstag von Peter Hohl wegen Corona nicht statt. „Das ist eine wunderschöne Übung, zu sehen, wie es nach der Politik so ist“, meint der Jubilar im Gespräch mit dem KB. „Ich hatte mir das anders vorgestellt, aber ich versuche das positiv zu sehen.“

Geboren wurde der passionierte Maler und Klavierspieler am 14. April 1945 in Benkendorf bei Halle in den Wirren des sich zum Ende neigenden Krieges. Die Mutter floh mit ihrem Kind über Kassel und Hamm nach Pfalzdorf, wo die Schwiegereltern auf einem Bauernhof lebten. Der Vater, der als Feuerwerker in Holland Bomben entschärfte, kam nach und verkaufte nach dem Krieg über Autos in der Region.

Seine Kindheit verbrachte Peter Hohl in Uedemerbruch und Uedem. Er absolvierte sein Abitur in Goch. „Ich wollte Pastor werden“, erinnert er sich. Deshalb studierte er aus Überzeugung evangelische Theologie, stieg dann aber auf Pädagogik um. Von 1973 an unterrichtete er an der Weezer Johannesschule bis zu seinem Ausscheiden 2009.

Anfang der 70er Jahre begannen seine politischen Aktivitäten. Hohl arbeitete 1973 mit Edmund Bercker als Bildungsobmann im SPD-Ortsvereinsvorstand Kevelaer, wechselte aber 1974 schon zur CDU.

Ein Grund war der „Radikalenerlass“ der sozial-liberalen Koalition zur Überprüfung von Bewerbern für den Öffentlichen Dienst auf deren Verfassungstreue. „Da stand ich mit meiner Meinung mitten in der CDU“, erzählt er. Und er folgte seinen Überzeugungen als „Verfechter der repräsentativen Demokratie.“ Ein Jahr später zog der damals 30-Jährige in den Klever Kreistag ein, von der Motivation angetrieben, „den neuen Kreis Kleve zu gestalten. Man muss auch mit gestalten,das habe ich, so gut wie es ging, immer versucht.“

Rückgrat bewiesen

Dort wurde er stellvertretender Fraktionsvorsitzender und Vorsitzender des Jugendhilfeausschusses. Als eines der wichtigsten politischen Projekte bezeichnet Hohl, dass man Anfang der 90er Jahr den Erweiterungsbau des Kevelaerer Museums durchgesetzt hat. Dafür stimmte er damals sogar mit der Rückendeckung seiner Kevelaerer Parteikollegen mit der Opposition und durfte dafür sein kurzes Engagement als Pressesprecher der Kreis-CDU abgeben.

„Das war eine Ausnahme. Aber ich wollte mich da nicht verbiegen lassen. In meinen Wahlaussagen stand damals ganz klar drin: für einen Erweiterungsbau am Museum.“
Hohl hat klare Prinzipien. „Wichtig ist, eine politische Meinung zu haben, aber noch wichtiger ist, wie sieht die Meinung über Politik aus?“ Das sei eine latente Aufgabe. „Diese Entweder-oder-Geschichten sind in der Politik sehr gefährlich“, sieht Hohl einen „gewaltigen Unterschied zwischen Gesinnungsethik, die bei der CDU keine starke Grundlage ist, und der Verantwortungsethik.“

Ein Mann des Ausgleichs

Wenn Horst Blumenkemper beschreiben soll, was ihn persönlich und politisch geprägt hat, muss er nicht lange überlegen. „Das hatte alles mit Gerechtigkeit zu tun“, sagt der SPD-Politiker, der am heutigen Mittwoch 75 Jahre alt wird. Blumenkemper wurde am 5. Februar 1945 in Sachsen-Anhalt in der kleinen Gemeinde Pömmelte geboren. Er hat noch eine fünf Jahre ältere Schwester. „Wir waren von Kevelaer evakuiert im Bereich der Elbe“, erzählt der Jubilar. Nach dem Krieg  kehrte die Familie nach Kevelaer an die Weezer Straße zurück. Sein Vater war bei der Bundesbahn im Weichenbau lange Jahre tätig, dann Soldat und nach dem Krieg war er Schrankenwärter, Polsterer und Dekorateur – und Sozialdemokrat. „Aber der hat sich weniger engagiert. Er war ja von Berufs wegen nicht viel zu Hause.“

Den jungen Horst interessierte Politik brennend. „Wir haben immer schon im Radio Bundestagssitzungen gehört.“ Aus Büchern bekam er später „die Rolle der SPD in der ‚Braunzeit‘ und welchen Attacken sie schon unter Hindenburg ausgesetzt war“ vermittelt. „Und mein Vater beschrieb mir auch das Soldatenleben unter der ‚braunen Brühe‘.“ 1951 kam Blumenkemper in die Hubertusgrundschule, danach auf das Pro-Gymnasium in der Bogenstraße. Nach der Schulzeit trat er 1965 – nach einem Jahr im Wartestand – in die Polizei ein, fuhr zur Ausbildung unter anderem nach Linnich und Bochum. Nebenbei machte er Musik in einer Beatband namens „Scorpions“. Im Dezember 1967 heiratete Blumenkemper seine Margarete. Um 1963/1964 trat er in die Kevelaerer SPD ein, knüpfte Kontakte zu Sozialdemokraten wie Hein Friesen und Helmut Esters, den er sich nicht scheut, „eine Art Ziehvater“ zu nennen.

Eine Art Neuanfang in Kevelaer

1968 kam Blumenkemper als Polizist nach Köln, fuhr da Funkstreife, wohnte dort auch neun Jahre. Politisch engagierte er sich für Themen wie Verkehr und für die Personen am Rande der Gesellschaft. Er machte seine Ausbildung zum Kommissar, wurde Einsatzleiter der Polizei im Müngersdorfer Stadion. Im Jahr 1977 kam er erst nach Moers, dann nach Geldern und nutzte die Chance, nach Kevelaer als stellvertretender Stationsleiter zu kommen. „Das war wie ein Neuanfang, ein zweites Erleben von Kevelaer. “

Den Brand der Antoniuskirche erlebte er hautnah als Beamter vor Ort mit. Als sachkundiger Bürger vertrat er die SPD im Planungsausschuss, kümmerte sich um bauliche Fragen, die Verkehrsstruktur und die OW1. Im Jahr 2014 übernahm Blumenkemper nach dem gesundheitsbedingten Rückzug von Ralf Angenendt die SPD-Fraktion. „Das war nicht einfach“, meint der Jubiliar. „Aber wir haben das integrierte Handelskonzept positiv begleitet und erreicht, dass das Mehrzweckbecken gebaut werden konnte.“ Und der Gestaltungsprozess auf der Hüls komme allen zugute.

Ein Abschied mit Wehmut

Für ihn sei wichtig gewesen, große Entscheidungen die Stadt betreffend „auf große Füße“ zu stellen, auch zusammen mit anderen Fraktionen. „Der Bürger erwartet von uns, die Stadt nach vorne zu bringen, dass alle was davon haben. Das ist meine Art von Politik.“ Fairer Umgang und Glaubwürdigkeit spielten dabei die entscheidende Rolle. Bei der Kommunalwahl im September tritt Blumenkemper nicht mehr an. Den Abschied sieht er mit  Wehmut. „Aber mit 75 nach gut 50 Jahren kann man vielleicht auch mal sagen, es muss gut sein.“ Ein politischer Mensch werde er aber immer bleiben, sagt Blumenkemper.

Hobbys gibt es mit Tennis, Fahrradfahren, der alten  Fender Stratocaster aus Bandzeiten und Schalke 04 genug. Und wie er die Zukunft seiner Partei sieht? „Ich bin nicht optimistisch im Moment. Das liegt aber immer an den Charakteren, die in der Politik unterwegs sind – sowohl oben als auch unten.“

Ein Leben auf See

„Ich habe schon als Kind aus Zeitschriften Matrosen mit der Schere ausgeschnitten“, erinnert Günther Stenmanns sich gerne zurück an die schon früh beginnende Liebe zur Schifffahrt. Stenmanns feierte am Dienstag seinen 94. Geburtstag, seine letzte Weltreise ist nicht einmal zehn Jahre her. Geboren ist der ehemalige zweite Steuermann am 15. Oktober 1925 in Wetten, lange war er nach seiner Schulzeit auf See unterwegs und nun lebt er seit einigen Jahren im Haus für Senioren Regina Pacis in Kevelaer.

Stolz hält Günther Stenmanns auch heute noch seine Bescheinigung der Lehre als Schiffsjunge in der Hand, die er 1941 begann. Warum es damals nur zwei Jahre anstatt drei Lehrjahre waren, daran erinnert der 94-Jährige sich noch genau: „Wären wir inzwischen in den Krieg gekommen, hätten wir nichts in der Hand gehabt.“ Mit 17 Jahren wurde er eingezogen und ab 1943 arbeitete Stenmanns nach einigen Lehrgängen auf einem U-Boot. „Ich kam gar nicht mehr nach Hause“, erinnert er sich.

Im Jahr 1964 hörte er auf mit der Schifffahrt. Irgendwann hatte er ein ganz besonderes Verlangen: „Ich hatte den Wunsch, einmal um die Welt zu fahren.“ Angetrieben von Karel Gotts Lied „Einmal um die ganze Welt“, machte er mit 80 Jahren seine erste Weltreise – 180 Tage auf See. Fünf Jahre später, erzählt Stenmanns, veranlasste ihn erneut ein Lied zur Reise – Hans Albers mit seinem Song „Einmal noch nach Bombay“. „Einmal durch den Suez und durch den Panama“ heißt es in dem Lied. Kurzerhand ist der damals 85-Jährige dann ins Reisebüro gegangen und „dann bin ich mit 85 noch durch den Suez und den Panama-Kanal.“ Ein halbes Jahr habe die Reise gedauert.

Zusammenbruch und Herzprobleme

Neben der Musik, die Stenmanns damals ermutigte, war es der einfache Wunsch: „Ich wollte rund um die Welt.“ Mit 86 Jahren startete er schließlich noch eine dritte Weltreise – leider kam er diesmal auf anderem Wege zurück nach Deutschland als geplant. Ein Zusammenbruch und Herzprobleme haben ihn damals außer Gefecht gesetzt, „sodass ein mehrwöchiger Krankenhausaufenthalt in Argentinien folgte“, erzählt Stenmanns. An diese Reise erinnert der 94-Jährige sich noch heute genau. Er sei damals mit dem Flugzeug nach Amsterdam geflogen worden, anschließend folgte ein Transport nach Düsseldorf und eine Fahrt mit dem Krankenwagen nach Kleve und schließlich habe er einen Herzschrittmacher bekommen.

Seitdem reist Stenmanns nicht mehr, seine Sehkraft hat der 94-Jährige fast gänzlich verloren. Auch wenn ein bisschen Wehmut mitschwingt, der ehemalige Schiffsjunge blickt mit Freude auf die Zeit zurück: „Ich bin dankbar, dass ich das alles noch erleben konnte.“ Heute ist er im Regina Pacis in Kevelaer sehr glücklich. Trotz seiner fehlenden Sehkraft ist Stenmanns selbstständig. Nicht nur, dass er selbst seine Geburtstagsorganisation in die Hand nimmt – Stenmanns geht, erzählt er, jeden Tag „wenn ich gefrühstückt habe, durch Kevelaer an die frische Luft“ und am Nachmittag setzt er sich auf eine Bank am Museum. Für seine Eigenständigkeit ist der 94-Jährige dankbar. Seinen Geburtstag feierte er am Dienstag im kleinen Kreise beim Kuchenessen im Regina Pacis.