Kunst in Corona-Zeiten: Kreativ bleiben

Entspannt-konzentriert beugt sich Daniel Neuys im KuK-Atelier über seinen Laptop. Der 39-Jährige hat gerade mit seinem Gast eine Videosequenz gedreht und möchte sich das Ergebnis des Zusammenseins ansehen. „Sieht gut aus“, meint er zufrieden. Nein, ein Vergnügen sei die Coronazeit für Künstler*innen nicht. „Es ist herausfordernd, damit umzugehen“, sagt der kreative Kopf. „Ich handle gern spontan und improvisiere gerne, aber drumrum habe ich gerne einen feststehenden Rahmen. Und wenn der wegfällt, muss ich mich jedes Mal selbst neu ,sichern‘. Das ist sehr ungewohnt.“ 

Konzerte und Veranstaltungen organisieren, sich mit anderen Künstler*innen ungezwungen austauschen – das alles ist im Moment so wie sonst nicht möglich. Dazu kommt „so ‘ne Unsicherheit, mit so einer permanenten Bedrohung irgendwie.“ Natürlich habe auch er wochenlange Phasen gehabt, wo er Angst hatte, in ein Loch zu fallen. „Aber das ist halt die Lebenskunst.“ In der Phase des ersten Shutdowns habe er viel Zeit an seinem Zeltplatz „Anna Fleuth“ in Winnekendonk verbracht. „Ich bin ja auch Permakultur-Designer. Das ist auch Kreativität“, sagt er. 

Im Sommer habe man vom Verein „wirKsam“ aus noch einige künstlerische Dinge realisieren können – wie die Performance des Kölner Künstlers Holger Maik Mertin am Museum, die mitorganisierten „Schlosskonzerte“ der Geigerin Lea Brückner oder das Malen mit den Kindern zum „Late Night-Shopping“ im KuK-Atelier. Jetzt im zweiten Shutdown verbringe er oft die Zeit im Distanzunterricht mit seinen Kindern, um am Nachmittag im KuK-Atelier einzeln jemanden zu treffen oder auch mal nach draußen zu gehen.

Am Anfang war das Kunstlokal

Die diversen Ankerpunkte und Interessen würden ihm helfen, die Situation einigermaßen gut zu bewältigen. „Ich bin auf verschiedenen Schienen unterwegs.“ Und wo eine besondere Zeit herrscht, bekommt sie nun sogar ihren Ausdruck in einer ganz besonderen Form der künstlerischen Interpretation – in dem Projekt „Distanz-Handlungen.“ Angefangen habe alles „mit dem ,Kunstlokal‘ im KuK im Dezember 2020“, erzählt Neuys. Damals habe er begonnen, sich mit Video-Streaming zu beschäftigen. „Ich habe da die Künstler mit ihren Fotos von der Ausstellung hier zusammengebracht mit einer Live-Stream-Improvisation an der Gitarre.“ So wurde ein „virtueller Gang“ durch die „Wirksam-Ausstellung“ möglich.

Voller Körpereinsatz nötig.

Dazu hatte er die Videokamera an der Decke hängen. Das „Kunstlokal“ plus die aktuelle Situation inspirierten ihn zu einer Idee. „Das Einzige, was möglich ist, sich mit einer Person zu treffen. Ich wollte das, was geht, nutzen, um kreativ zu sein – und was erlaubt ist.“ So traf er sich mit dem Maler Axel Theyssen. „Er hat dann auf seiner Seite des Kamerabildes gemalt – und ich machte elektronische Musik dazu, alles improvisiert. Und alles wurde von der Kamera gefilmt.“ 

Theyssen schlug ihm vor, im Baumarkt einen grünen Teppich zu kaufen. Neuys stellte fest, dass das über die Kamera transportierte Bild aber nicht grün, sondern sehr grau und pixelig rüberkam. „Unperfekt, unfertig“, so wie er es selbst mag. Aus seinem Skizzenbuch fotografiert er Bilder, Situationen ab, scannt sie ein und fügt sie via Computer in das Bild ein. Er und die jeweils zweite Person bewegen sich am Boden, jeweils durch irgendwas in der Mitte getrennt.

So entstand dann das Konzept „Distanz-Handlungen“. „Mit einer Bekannten – einer anderen Künstlerin – habe ich eine Szene mit einem Baum gestaltet, wo wir versuchen, aneinander auf Distanz vorbeizukommen.“ Die Bewegungen entsprechen dabei nicht dem Bild, das sich auf dem Computer darstellt, weil die beiden auf dem Boden sich bewegen und dadurch eine andere Silhouette erzeugen. „So „klettert“ sie auf dem Baum – und ich „wandere um den Baum herum.“ 

Über diese Form der Darstellung bekomme der ganze Rahmen „seine ganz eigene Ästhetik“ – und die Gegenwart einen ihr angemessenen Ausdruck. „Man will sich als Künstler auch ausdrücken, nicht stehenbleiben“, sagt Neuys.

Kleine Silhouetten-Filmkunstwerke

Dabei zeichnet der Computer das Video zu der Performance auf – und Neuys unterlegt das Ganze dann mit seinen Musik-Interpretationen. „Das ist eine Mischung aus Malerei, Musik und Videokunst.“ Auf diese Weise sind kleine Silhouetten-Filmkunstwerke entstanden – wie „God is a DJ“, wo es scheint, als krabbele er aus einem Kreuz heraus. Und in dem Video „Befangen“ hat er ein „Zimmer“ als Rahmen-Fotografie eingeführt, die zwei Performern als Bewegungsrahmen für die jeweils getrennte Distanz-Bewegung dient. „Ich markiere dabei vorher mit einem Band die Konturen auf dem Boden, damit man sich im Bild bewegen kann.“

Auf YouTube sind die kurzen Sequenzen unter dem Stichwort „Daniel Neuys“ zu finden. „Das ist für mich eine Art virtueller Ausstellungsraum.“ Die Reaktionen der Leute, die am Johannes-Stalenus-Platz und dem Fenster vorbeikamen, waren schon von Erstaunen gekennzeichnet, sagt Neuys. „Dann sehen die Leute uns hier auf dem grünen Teppich räkeln. Die erwarten das gar nicht.“ 

Demnächst soll das Ganze noch eine Erweiterung finden. Zusammen mit dem Autor Max Pothmann, mit dem er im Rahmen des Projekts „Wort und Tonschlag“ seit Jahren zusammenarbeitet. „Er ist auf Elternzeit in Gran Canaria und rief mich an, ob wir bei unserer Arbeit die Projektionsebene Video nicht mit dazu packen wollen.“ Kurzerhand stellte Neuys in einer vierstündigen Arbeit das Video „Tod einer Pomeranze“ mit Pothmanns Text und seiner Musik plus Video-Performance zusammen. Und für Neuys steht fest: „Das wollen wir aufführbar machen.“