Kleine Wunderwelt(en) im eigenen Keller

„Der Keller kann Gott weiß was erzählen“, erinnert sich der 71-jährige Friedel Dahlmann an „Après Ski-Parties“ mit 956 Schneeflocken an der Decke, die Fußball-WM mit zwei Toren und grünem Teppich, einem „Schweineball“ mit Heu und Strohballen, einer „Erdnuss“-Party mit dem Boden voller Erdnüsse und dem Suppenessen des Karnevalsclubs. Heute hat der Keller eine ganz andere Funktion: Er beherbergt zahlreiche Landschaften, die der Rentner in sechs Jahren dort allmählich hat entstehen lassen.

Als sich die Tür zum Keller öffnet, glaubt man, in eine andere Welt zu gelangen – Jahrmarktsmusik brandet auf und entlang der Wände findet sich eine riesige Kirmeslandschaft. „Hier vorne links ist dieser kleine Weihnachtsmarkt mit Buden, ein Martinszug – immer so für die Weihnachtszeit. Da hinten rechts in der Ecke ist ein anderer Weihnachtsmarkt. Den hab ich ,Schneemannmarkt‘ genannt, weil er immer mit Schnee zu tun hatte.“ Ein Teil der Winterlandschaft stammt von einem Freund. „Da hab ich ein Brett von 1,20 Meter gekauft und hab das dran gebaut und bin dann höher in die Berge gegangen und es wurde dann immer mehr.“ 

Dazu kommt rechts in dem Raum eine Ober- und Unterstadt mit Bus, Polizei, Stadtverwaltung, Kinderschaukeln plus Hotel – und mit einer Straßenbahn. „Da heißt es jetzt immer noch: ,Heute fährt die 18 bis nach Istanbul’“, singt er und lacht herzhaft. Der „absolute Hammer“ sei aber „der Brixius, unser Weinhändler. Dem habe ich jetzt ,seinen‘ Weinberg gebaut.“

Es begann mit einer Winterlandschaft

Wie er dazu gekommen ist? „Ich bin halt ein verspielter Junge“, lacht der 71-Jährige, der sich dort unten wie in einem Jungbrunnen zu fühlen scheint. „Es fing damit an, dass der Winter-Hintergrund vom 60. Geburtstag war. Da hab ich hier eine Après-Ski-Party im Keller gefeiert. Die Sachen konnte ich danach nicht wegschmeißen.“

Gemeinsam mit seiner Frau fuhr er oft nach Venlo. „Und da bei Leurs, da haben die immer so Landschaften. Das hat mich immer fasziniert“, erklärt Dahlmann. „Und 2015, als ich Rentner wurde, bin ich da mal gucken gegangen. Und meine Frau sagte: ,Wenn Dir das doch soviel Spaß macht, dann kauf Dir doch was davon.‘ Da hab ich mir den ,Fliegenden Teppich‘, das Kettenkarussell, die Selbstfahrer, das Kinderkarussell und zwei, drei Buden gekauft.“ Und ab ging es in den Keller. „Und dann ist das gewachsen – von Jahr zu Jahr immer mehr.“ Was ihn daran fasziniere, diese Landschaften aus Styropor, Rigips, Holzplatten und anderen Materialien zu errichten? „Einfach diese Realität, die Kirmes – das erinnert einen an früher. Dieses Jahr haben mir die Kinder ein neues Fahrgeschäft gekauft, das musste ich wieder neu einbauen. Ich könnte hier den ganzen Tag basteln. Der sechste Winter ist das jetzt.“

Die aktuellste Errungenschaft ist der Winnekendonker Karnevalszug, den er jetzt mit den „Swingenden Doppelzentnern“ und ein paar Wägelchen zusammengestellt hat. „Ich hatte die Doppelzentner eh als Kapelle auf dem Kirmesmarkt stehen und hab das dann aufgebaut. Dazu kamen noch alte Autos von den Kindern – darunter ein Formel 1-Auto, das sogar noch mit Fernsteuerung fährt.

Auf einem „Bierwagen“ findet sich eine großen Spritze und die Aufschrift: „Hier kommen die neuen Impfdosen“. Ein Wagen aus „Schnee“ ist mit dem Volksbank-Motto „Wir machen den Weg frei“ verziert. Und auf dem Mottowagen findet sich der Spruch „Mit Schnaps und Gin ist der Virus hin“ plus Minimodell des Coronavirus. „Das gehört ja im Karneval dazu, aktuelle Sachen muss man machen.“ In der Vergangenheit kamen immer schon mal Gruppen gucken, berichtet Dahlmann. „Dann melden die sich an, dann kommen Fahrradgruppen, irgendwelche Bekannte und gucken sich das an. Jetzt tut sich ja nix im Moment, aber vielleicht können wir das ja nachholen.“ 

„Kellerkind“

Seine Frau sei „begeistert“ ob seines Hobbys: „Die kann oben Fernsehen gucken, wie sie will – ich bin immer abends im Keller.“ Kein Wunder, dass er  von ihr schon den Spitznamen „Kellerkind“ weg hat, fällt ihm ein, „dass das noch nicht alles“ ist. Er führt zur gegenüberliegenden Tür. „Das war früher der Spielkeller für die Kinder“, gibt er den Blick frei auf seine zweite selbstgeschaffene Welt. „Da gibt es das Berchtesgadener Land mit Sessellift und einen Streifzug von Hamburg mit Reeperbahn.“    

Auch wieder aktuell: Der Run auf die Skigebiete hat bei Friedel Dahlmann im Keller längst eingesetzt. Foto: AF

Tatsächlich entdeckt man dort einen weiteren Reichtum an spannenden Details: eine tatsächlich fahrende Seilbahn mit Skileuten, Wintercamping und eine Art „Mosel-Alm“, wo „immer die Post abgeht“, scherzt der Senior. „Dann ist da noch Wintercamping mit Wohnwagen.“ Vieles hat er selbst gebaut, verweist er auf den Fernsehturm und den „Michel“. „Und das Freudenhaus ist da, die Herbertstraße, die berühmte ,Ritze‘ von der Reeperbahn und das ,Dollhaus‘. Da oben im Zelt, die können es gar nicht abwarten“, weiß man spätestens jetzt, warum Dahlmann am Eingang immer stehen habe: „Erst ab 18“. Für die Elbphilharmonie habe er eine Linoleumplatte verwandt, die Fenster ausgeschnitten, dahinter ein paar Löcher und Licht hinten angeklebt. „Jetzt hat man den Eindruck, dass das die echte „Elbphi“ ist“,sagt er.

Und das Kreuzfahrtschiff AIDA habe er von Schatorjé bekommen. „Ich bin in Kevelaer über die Hauptstraße. Da stand dieser Traumschiff-Prospekt auf der Straße. Und dann hab ich gefragt, ob ich das haben könnte. Und die sagten: „Ehe das verregnet, kann ich Ihnen das gerne geben.“ Dahlmann klebte es auf Linoleum „und jetzt habe ich sogar ein Traumschiff, das hier in den Hafen läuft.“

500 Figuren

Unter den Landschaften befinde sich auch „ganz viel Kabelsalat“, erzählt Dahlmann. „Da habe ich schön mit Klebeband draufgeschrieben, was was ist. Und wenn da was kaputtgeht, hat man es einfacher.“ Wie viele Lichter er in die verschiedenen Landschaften verbaut hat, mag er nicht zu sagen. „Ich kann nur sagen: Bei den Figuren, die hier an der ganzen Anlage sind, bin ich bei 500.“ Die Besucher, die zu ihm kommen, sagen immer: Das können sie nicht glauben, dass es sowas in dem Keller überhaupt gibt. Die denken immer: Da steht so eine Eisenbahn da.“ 

„Ein bisschen bekloppt muss man sein, sonst kann man das nicht machen“, gibt er zu. Die Geräuschkulisse den Tag lang störe ihn gar nicht. „Das ist Leben für mich.“ Wer weiß, ob die nicht ganz ernst gemeinte Idee, die er noch im Kopf hat, vielleicht doch Wirklichkeit wird. „Wenn gut Wetter ist, haben die Nachbarn schon gesagt, machste mit den Wagen einen kleinen Karnevalszug und dann gehe ich mit der Trommel, die hier in der Ecke steht, voran. Und die anderen ziehen den Karnevalswagen – als einziger Karnevalszug in Deutschland.“