Der Familienchor sang „zwischen Himmel und Erde“

„Wo man singet, lass dich ruhig nieder, / Ohne Furcht, was man im Lande glaubt; / Wo man singet, wird kein Mensch beraubt; / Bösewichter haben keine Lieder.“ – Die Zeilen aus der Feder von Johann Gottfried Seume (1763–1810) fassen beinahe kürzest möglich zusammen, was zum einen inhaltliches Leitmotiv des jüngsten Konzerts des Familienchores der Basilikamusik gewesen ist, als auch das, was Wallfahrtsrektor Kauling in seiner Begrüßung noch einmal in Worte fasste.

Unter dem Motto „Friede, Friede – Ein Konzert zwischen Himmel und Erde“ hatte der Familienchor am vergangenen Freitag, 29. Juni ins Forum Pax Christ eingeladen und das nicht folgenlos: Beinahe jeder Stuhl war mit altersmäßig bunt gemischten Zuhörern besetzt. Unterstützt wurde das gut fünfzigköpfige Vokalensemble erstmals durch ein Streichquartett und in eingespielter Manier durch Christoph Spengler am Klavier sowie Jörg Seyffahrt am Schlagzeug.

Nach der musikalischen Begrüßung fand Pfarrer Kauling einige knappe einführende Worte und strich mit Blick auf die momentanen politischen Querelen in Europa heraus, dass uns trotz aller religiösen und kulturellen Unterschiede eines eine: unsere unveräußerliche Menschenwürde. Und musikalische Äußerungen wiederrum seien es, die in allen Kulturen der Erde eine wichtige und oft Gemeinschaft stiftende Rolle spielen. Zugleich begrüßte er mit Erzbischof Laurent Lompo aus dem Niger einen in Kevelaer nicht unbekannten Ehrengast.

Was wurde musikalisch geboten? Im Großen und Ganzen war es eine gelungene, dem lauen Sommerabend gemäße, leicht hörbare Mischung aus zeitgemäßer Sakralmusik, Filmmusik, Pop, Gospel und jazzig angehauchten Arrangements. Beinahe alle Stücke waren für die etwas ungewöhnliche Besetzung aus gemischtem Chor, Streichquartett, Klavier und Schlagzeug arrangiert, was der Wirkung sehr zu Gute kam. Die insgesamt sechs Musikblöcke wurden durch Chorleiter Romano Giefer jeweils charmant anmoderiert.

Der sich der Begrüßung anschließende Musikblock brachte dann mit „Gott schenkt Dir seine Liebe“ auch gleich eine Komposition Christoph Spenglers, der den ganzen Abend in ausgesprochen souveräner Weise, mit deutlich hör- und sichtbarem Spaß am Klavier begleitete. Einem Stück Filmmusik aus „Herr der Ringe“ folgte mit „Alone he prays“ eines der innigsten Stücke des Programms – Jesu‘ einsames Gebet im Garten Gethsemane zeigt doch eine sehr menschliche Seite des Gottessohnes und das spürte man auch.

Einzige A-capella-Nummer

Nach so viel Erdenschmerz ging es im nächsten Block wieder Richtung Himmel. Der Titelsong aus „Skyfall“ hat unbestritten Ohrwurmqualitäten, woran, wenn man es denn kaputtanalysieren möchte, die Wahnsinnsstimme von Adele ebensolchen Anteil hat, wie die pop-sinfonische Begleitung. Da wirkte die hier gebotene Fassung doch ein bisschen wie die ‚erleichterte Volksausgabe‘ von James Bond – Arrangements für andere Besetzungen haben eben ihre Grenzen. Mit „Elijah Rock“ konnten sich die Männerstimmen anschließend in einem Chorklassiker in Szene setzen – im Übrigen die einzige A-capella-Nummer des Abends.

Der vierte Block hielt mit „Niemand sonst hat solche Macht“ wieder ein Highlight bereit. Dieses Stück Kirchenmusik aus der Feder des Schweden Roland Utbult ist ein wohltuender Beweis, dass zeitgenössische Sakralmusik sowohl musikalischen als auch textlich-inhaltlichen Anspruch vereinen kann. Man spürte, dass der Chor in dieser Musik zu Hause ist. Zweifelsohne hatten Sänger und Zuhörer natürlich auch an den Arrangements aus Funk und Fernsehen ihren Spaß, aber per se kommt man hier nie ohne Kompromisse aus, die einen wesentlichen Aspekt des Originals entfernen, so wie Frank Sinatras Stimme – sie war schlicht einmalig.

Auch wenn im Chor alle gleich sind, blieb es doch nicht unerwähnt, dass ein Teil der bürgermeisterlichen Familie fester Bestandteil des Chores ist. Aber nicht der sonst die vorderen Plätze und das Mikrofon gewohnte Vater hatte in Udo Jürgens‘ „Ihr von morgen“ seinen großen Auftritt, sondern seine Tochter Maria Pichler, die mit ihrer schönen Rezitation mühelos alle Herzen für sich einnahm und dieser Hymne an die Zukunft besondere Bedeutung verlieh.

Erlös der Pfarrfestes

Nach einem weiteren musikalischen Block ließ es sich Wallfahrtsrektor Kauling nicht nehmen, dem Abend noch eine besondere Note zu verleihen, indem er bekanntgab, wie der Erlös des diesjährigen Pfarrfestes von rund 8.000 Euro Verwendung finden soll. Ihm war es wichtig, dass dabei sowohl Aktivitäten der Weltkirche als auch die Arbeit vor Ort unterstützt werden sollen. So wurde Erzbischof Laurent Lompo ein symbolischer Scheck für die Entwicklungszusammenarbeit in seinem Heimatland Niger überreicht und auch die Basilikamusik konnte sich über Unterstützung freuen. Als drittes Projekt wurde stellvertretend Ernst Koppers bedacht, der sich der Restaurierung des Grabes von Friedrich Stummel verschrieben hat. Der Todestag dieses für Kevelaer so bedeutenden Künstlers jährt sich im nächsten Jahr zum einhundertsten Mal.

Ein, wenn nicht der bedeutendste Name zeitgenössischer geistlicher Chormusik fehlte an diesem Abend noch und mit dem letzten Stück der Programmfolge wurde auch diese Erwartung eingelöst: Ohne John Rutter ist ein Chorkonzert heute ebenso „vergebens“, wie ein Orgelkonzert ohne Bach. Mit „The Lord bless you and keep you“ setzte der Chor einen würdigen (ersten) Schlusspunkt und zeigte noch einmal seine Stärken. Das begeisterte, mit verdientem Applaus nicht sparsame Publikum erklatschte sich anschließend noch drei Zugaben.

Romano Giefers raumgreifendes Dirigat und seine sprechende Mimik und Gestik animierte den Chor, auch in dem langen Programm immer wieder, sein Bestes zu geben. Und diese Begeisterung und Freude am gemeinsamen Singen kam beim Publikum an, ja sprang förmlich über. Nicht unwesentlicher Beitrag für den musikalischen Erfolg des Abends war gewiss auch das Streichquartett. Nach fast zwei Stunden pendeln zwischen Himmel und Erde traten sicher alle angerührt den Heimweg an – spurenlos konnte so ein eingängiger Abend an niemandem vorüber gehen.