Nur durch Glück die Nazi-Zeit überlebt

Zeitzeugin Eva Weyl erzählt aus dem Lager Westerbork und möchte die heutige Schülergeneration zu „Zweitzeugen“ machen

Eva Weyl erzählt ihre Geschichte im Kardinal-von-Galen-Gymnasium. Foto: KB

Zum wiederholten Male erzählte die Zeitzeugin Eva Weyl den Neuntklässlern des Kardinal-von-Galen-Gymnasiums unlängst von ihrer Zeit im Lager Westerbork in den Niederlanden. Sie besucht etwa 50 Schulen pro Jahr, um die Jugendlichen über die grausame Nazi-Zeit zu informieren.

Weyl wurde 1935 als Tochter zweier deutscher Eltern in Arnheim (NL) geboren. Beide Elternteile waren Juden, ihr Vater lebte im Gegensatz zu ihrer Mutter streng gläubig.
Die 84-Jährige leitete ihren Vortrag mit einem kurzen Comic ein, in dem sie veranschaulichte, wie unwissend viele junge Leute heutzutage sind.

Bevor sie anfing, ihre persönliche Geschichte zu erzählen, betonte sie, dass die heutige Generation für alledies nicht verantwortlich sei. Sie appellierte aber an die Leute: „Man kann nur lernen, wenn man weiß, was passiert ist“.

Ihr Urgroßvater gründete das erste Kaufhaus in Kleve, welches er an zwei seiner Söhne (einer der Großvater von Eva Weyl) übergab. Dies wurde ihnen durch die Regierung Anfang der 30er-Jahre abgenommen. Zu der Zeit wurden die Nürnberger Rassengesetze aufgestellt und Juden als „Untermenschen“ bezeichnet. Ende 1935 entschied ihr Vater nach Arnheim zu ziehen, von wo aus Weyl zusammen mit ihren Eltern im Januar 1942 im nächstgelegene Übergangslager Westerbork untergebracht wurde.

Westerbork war das erste deutsche Lager, das es in den Niederlanden gab. Ausnahmsweise hatten die We­yls zwei Tage Vorbereitungszeit. Vor dem Einzug hatte Eva Weyls Mutter die Knöpfe in ihrem Mantel mit stoffüberzogenen Rohdiamanten ersetzt. Einen dieser Diamanten trägt Eva Weyl heute noch als Ring täglich bei sich.

Im Lager musste sich jeder Jude registrieren lassen und bekam ein „J“ in den Reisepass, womit es unmöglich war, in manche Länder auszureisen. Im Lager selber wurde den Juden eine „Scheinwelt“ von dem Lagerleiter Albert Konrad Gemmeker vorgespielt, erzählte Weyl.

Gemmeker wollte die Juden mit genug Essen, Arbeit und Einrichtungen wie einem Krankenhaus und einer Schule ruhig halten, damit sie von dort aus mit dem Zug nach Ausschwitz gebracht werden konnten.

Das Leben im Lager glich dem in einem normalen Dorf

Das Leben im Lager glich dem in einem normalen Dorf, weil es einen Bürgermeister, einen Spielplatz, ein Theater und sogar eine Kartoffelsuppenmaschine gab. Des Weiteren durften die Insassen alle zehn Tage duschen, Briefe verschicken und erhalten und sogar zum Geburtstag Pfannkuchen machen. Gemmeker wollte Gerüchte über die Ermordung der Juden im Osten vermeiden.

Die Unwissenden konnten sich so einen „industrialisierten Mord“ gar nicht vorstellen. Allerdings drangen die Gerüchte immer wieder zu den Leuten und manche nahmen sich aus Angst das Leben. Eva Weyl und andere Kinder wurden im Unwissen gehalten.

Im Übergangslager lebte Eva Weyl zusammen mit ihren Eltern in überfüllten Baracken. In der Spitze lebten in dem halben Quadratkilometer großen Lager 17.000 Juden. Durch seine Kon­trolle über die Entscheidung, wer „auf Transport“ mit dem Zug nach Ausschwitz gebracht wurde, habe sich Gemmeker wie „der König vom Lager“ gefühlt.

Montagnachts um 24 Uhr wurden immer die Listen mit den Namen der Personen vorgelesen, die am Dienstag mit dem Zug abtransportieret werden würden. Dabei starb jedes Mal ein Zehntel der Insassen, da es zu wenig Platz in den Viehwagons gab.

Der Aufenthalt der Familie Weyl wurde aber immer wieder verlängert, da ihr Vater eine wichtige Arbeitsstelle in der Administration des Lagers hatte, sodass die Familie „vorübergehend bevorzugt war“. Das hieß, dass sie nicht abtransportiert werden durften und sogar eine eigene Zweizimmerwohnung bekommen hatten.

Zwar wurde die Familie später dennoch auf die Liste zum Abtransport gesetzt, doch wurde das Lager am 12. April 1945 bei einem Luftangriff der Kanadier attackiert, weil diese dachten, dass das Lager aufgrund des großen Schornsteins eine Fabrik sei. In dem Chaos verschwand die Liste mit den .1500 Namen derer, die am folgenden Tag abtransportiert werden sollten. Dadurch wurde Weyls Familie nicht nach Ausschwitz gebracht: „Der Schornstein hat unser Leben gerettet.“ Seit dem Tag trinkt ihre Familie jedes Jahr am 12. April „auf das Leben“.

Zwei Tage vor Kriegsende floh Gemmeker, wurde jedoch gefasst. Später wurde Gemmeker zu nur zehn Jahren Haft verurteilt, da er behauptete, er habe nicht gewusst, dass die Juden in Auschwitz umgebracht wurden und man ihm das Gegenteil zu der Zeit noch nicht nachweisen konnte. Er wurde aber als Schreibtischmörder bezeichnet, weil er rund 80.000 Juden in den Tod geschickt hat.

Die Weyls zogen nach dem Krieg nach Amsterdam und ihnen wurden Pakete mit Kleidung und amerikanischen Zigaretten zugeschickt, die sie auf dem Schwarzmarkt verkauften, um wieder an Geld zu kommen. 1950 verbrachte Eva Weyl ihre Ferien bei ihrem Großvater in Freiburg, wo sie sich in einen Jungen namens Fritz verliebte. Ihr Großvater verbat ihr die Beziehung, da der Vater des Jungen einer der größten Nazis in Freiburg war.

Immer erst denken und dann handeln

Daraufhin habe sie als damals 15-Jährige gefragt: „Was kann der Fritz denn dafür, was sein Vater getan hat?“ Dies übertrug Weyl auf die Generation der Schüler und betonte: „Ihr seid nicht für die Vergangenheit verantwortlich, jedoch für die Zukunft. Also immer erst denken und dann handeln“.

Seit über zehn Jahren hält Eva Weyl Vorträge an vielen Schulen, ab und zu gemeinsam mit der Enkelin Gemmekers. Diese habe eine Zeit lang Schuldgefühle wegen ihres Großvaters gehabt. Heute sind die beiden Frauen gute Freundinnen.

Zum Schluss zeigte Weyl ein Video, in dem die Enkelin durch die Villa ihres Großvaters Gemmeker läuft und entsetzt über die Taten ist, die ihr Großvater begangen hat. Auf die Frage hin, ob Weyl sich jemals gewünscht habe, nicht jüdisch zu sein, antwortete sie: „Früher nein, heute ja, da es meiner Familie viel Leid erspart hätte.“ Mit ihren Vorträgen will sie Jugendliche zu „Zweitzeugen“ zu machen, damit diese Geschichte nicht in Vergessenheit gerät und sich nicht nochmal wiederholt.

Maja Zymelka und Kai Stassen