Aufbruch und Innehalten

„Hier sind alle zusammen, das ist auch sowas wie eine Kontaktbörse“, genoss die ehrenamtliche Füchtlingshelferin Sylvia Rommen-Ahlbrecht wie alle anderen Gäste den Austausch der Honorationen, Kirchen- und Vereinsvertreter beim Neujahrsempfang im Priesterhaus.

Ein „bisschen aufgeregt“ gab sich die neue Vorsitzende des Pfarreirates von St. Marien, Birgit Vos. „Dass die Menschen St. Marien als offene Kirche empfinden und sich angenommen fühlen“, formulierte sie den Wunsch für das kirchliche Jahr 2018. „Viel Gesundheit, der Familie soll‘s gut gehen“, lautete ihr ganz persönlicher Anliegen.

Später würde sie als erste Rednerin des Tages und „wohl erste Frau an der Spitze des Pfarreirates mit Wohnsitz in St. Antonius“ und „Wurzeln in St. Marien“ vor allem Kaplan Christian Schwerhoff für seine Arbeit als Verwalter der Pfarrei nach dem Abschied von Rolf Lohmann danken.

Der Empfang 2018 bedeute „Tradition und Wandel“ – in dem Sinne, dass er wie all die Jahre ausgerichtet werde, erstmals aber mit Gregor Kauling als Wallfahrtsrektor. „Wir freuen uns auf die Zusammenarbeit“, hoffte Vos darauf, „mit soviel tatkräftigen und vertrauten Menschen aktiv sein zu können“ und „ein gutes kreatives Tun, damit wir gemeinsam mit Maria Gottes Wort leben.“

Zuvor durften die drei Sternsingerinnen Carolotta, Jasmin und Anna mit ihrem Vortrag für den Frieden auf der Welt eintreten. Anschließend gingen sie herum, um „für die Verbreitung der frohen Botschaft der Weihnacht und des Friedens“ durch die Missionare der Welt eine Spende zu bitten.

„So schnell vergeht ein Jahr“, erinnerte sich danach Dominik Pichler. Man habe 2017 in Kevelaer quasi nichts ausgelassen. Der Bürgermeister blickte auf das neue Stadtfest, den erweiterten Adventsmarkt, den ersten Spatenstich für das Mehrzweckbecken, die Kirmes, die 375-Jahr-Feiern und den „krönenden Abschluss“ mit dem Besuch des Bundespräsidenten als „Anerkennung und Ehre“ für Kevelaer zurück.

In der Mediathek habe er später gesehen, „was man alles mit Licht hingekriegt hat. Dann weiß ich, wofür ich die letzten 20 Jahre GEZ-Gebühren bezahlt habe“, sorgte er für Heiterkeit im Saal. „Das Geld ist in Kevelaer geblieben.“

Pichler richtete den Blick auch auf das bevorstehende Jahr 2018, mit der Veränderung des Stadtbildes mit dem ersten Teil der Hauptstraße bis Annastraße, dem Mechelner Platz und den Planungen für die Bereiche Kapellenplatz Johannes-Stalenus-Platz und Luxemburger Platz. Auch auf der Hüls werde es jetzt losgehen im Frühjahr mit dem Hotel und dem Grenadierwerk im Park. Er habe „viel Hoffnung, das es gut angenommen wird. Wir kriegen das hin.“

Politisch sei das Jahr 2018 „schwierig einzuschätzen“, meinte er mit Blick auf die Großwetterlage in Berlin. „Ob ich darüber glücklicher bin, weiß ich noch nicht so richtig.“
Pichler äußerte aber deutlich sein „Erschrecken und Besorgnis“ darüber, dass 2017 die innere Sicherheit wieder ganz großgeschrieben worden sei und „Themen, die keine sind, künstlich aufgeblasen werden“. Er sprach offen das Beispiel der irischen Wanderarbeiter in Kevelaer an, die zum Sommerlochthema geworden seien. „Da wurde suggeriert, die Welt gehe unter“ – und selbst große „Blätter“ hätten auf einmal Kevelaer erwähnt. Der gelernte Jurist übte auch offene Kritik an den Gesetzen der großen Koalition. „Die Strafprozessordnung wurde vergewaltigt, das Netzwerkdurchsetzungsgesetz schafft gerade die Meinungsfreiheit ab. Da kriege ich persönlich das kalte Grausen.“ Das Wesentliche sei das Grundgesetz. Man solle sich daran erinnern, „dass Meinungsfreiheit was Besonderes ist, was wir uns nicht nehmen lassen sollten“, nur weil Politiker sich aufgrund „hochgejazzter“ Nachrichten dazu berufen fühlten.

Er zitierte den Satz von Immanuel Kant, den er den Schülern bei der Abifeier 2017 mitgegeben hatte: „Habe den Mut, dich deines eigenen Verstandes zu bedienen.“ Man dürfe sich, insbesondere von den sozialen Medien und der Politik, nicht „einlullen lassen“. Es dürfe auch andere Meinungen geben abseits des Mainstreams.

Danach nutzte Gregor Kauling in seiner 20-minütigen Rede zunächst die Gelegenheit, von seinen „Startproblemen“ in Kevelaer zu berichten. „Kaum hatte ich das erste Gespräch beim Bürgermeister, flatterte an meinem Auto ein Zettel“, hatte er gleich die Lacher auf seiner Seite. Auch er dankte Christoph Schwerhoff dafür, wie „wunderbar“ der die letzten Monate gemeistert hate „Ein Priester im Bistum mit ganz großem Potenzial. Wir können froh sein für die Zeit, die er bei uns ist, gerade im Bereich der Kinder-und Jugendarbeit.“ Die Gemeinde habe mit Lohmann „einen Pastor genommen und einen Weihbischof geschenkt bekommen“, dankte er seinem Vorgänger für dessen Arbeit.

Dankbarkeit als zentrale Botschaft

In den Mittelpunkt seiner Rede stellte er die „Dankbarkeit“. Diese sei „in Tagen von Ansprüchen und Forderungen, die an uns gestellt werden, seltener geworden.“ Dabei setze man sich oft selbst unter Druck und überlaste die Menschen. Man lasse sich vom Tempo der Zeit mitreißen. Dazu komme der Eindruck, „dass die Weltgemeinschaft auseinanderbricht und verlässliche Partner nicht mehr so sicher sind.“ Misstrauen überlagere den Frieden 70 Jahre nach dem Zweiten Weltkrieg. Sorge hätte oft eine tägliche Präsenz. „Die weihnachtliche Botschaft sagt aber: Fürchte dich nicht.“

Vor dem Hintergrund könne man dankbar sein, „dass wir ein solches Ehepaar an der Spitze unseres Staates wissen dürfen“, bezog er sich auf den Besuch von Frank-Walter Steinmeier und seiner Frau und sprach von „zwei Menschen mit großer Ausstrahlung, Sachkompetenz und Empathie.“ Ihr Besuch habe Kevelaer gut getan, vor allem, wie sie aufgetreten seien.
Im neuen Jahr sei es „wichtig, Luft zu holen. Wir können nur geben, wenn wir selber empfangen“, richtete er sich an die Anwesenden und Aktiven der Stadt. Kauling lobte den festen Zusammenhalt des Gruppen- und Verbandswesens im Feiern und Mitleiden. Und er sprach von der „sozialen Sorge in Caritas und Diakonie, die den Menschen am Rand nicht übersieht“. Im Geiste von Papst Franziskus sei es „der Gradmesser unserer Glaubwürdigkeit, wie wir mit den Armen umgehen.“

Anknüpfend an seine Vorgänger, unterstrich Kauling mit Blick auf die Stadtentwicklung die Rolle von Kapellenplatz und Gnadenkapelle als „Herzkammer“ der Stadt und „Quelle des Lebens, der Liebe und des Trostes für die Menschen. Es ist gut, mit diesem Platz höchst sensibel umzugehen.“

„Mit Maria den Frieden suchen“ sei ein gutes Wallfahrtsmotto 2018, dem man sich in diversen Begegnungen, Vorträgen und Sminaren nähern wolle. „Weniger ist mehr“, wolle man sich auf die wesentlichen Botschaften konzentrieren, „die wir weitergeben wollen.“ Eine davon sei „Vergebung“, ohne die Frieden nicht denkbar sei. „Das ist kein Schwächeanfall des Glaubens. Sie macht auch ein Unrecht nicht rechtens. Aber sie zieht den Stachel aus dem Fleisch des Hasses, der Spirale von Gewalt und Gegengewalt“, erinnerte er an die interreligiöse Wallfahrt: „Wir sind als Christen die Einladenden in einer Kultur der Barmherzigkeit.“

Der Pastoralplan sei aufgestellt, mit dem Pfarreirat und den Vertretern des Bistums besprochen und weitestgehend gewürdigt worden. Ein wichtiger Punkt, der anzupacken sei, sei die Öffentlichkeitsarbeit.

Zum Schluss gestattete sich Kauling ein persönliches Wort: „Ich bin dankbar für alle, die mich in den vergangenen Wochen aufgenommen haben, so dass ich nicht nur Pfarrer und Wallfahrtsrektor sein darf, sondern auch Bürger und Mensch.“ Er wünschte allen ein „gutes und erfolgreiches gesundes neues Jahr.“ Und seine Rede endete mit einer Art Versprechen: „Und ich meine es, wie ich es sage: ad multis annis – auf viele Jahre.“