Wenn Kinder zu Persönlichkeiten werden

Wollten Sie, liebe Leser, auch schon immer mal wissen, was ein Hosenbauer ist und was dieser macht? Die Vorschulkinder des St. Marien-Kindergartens in Kevelaer interessierte diese Frage auch brennend. Also kam diese, wie viele andere Fragen auch, auf die immer länger werdende Frage- und Wissensdurstliste. Diese haben sich die „Lernwale“, so nennen sich die diesjährigen angehenden Schulkinder, während ihrer ersten Konferenz selbst zusammengestellt.
„Wir Erzieherinnen orientieren uns im letzten Kindergartenjahr nach den Fragen und Interessen der Kinder“, erklärt Irmgard Rütten, Erzieherin im St. Marien-Kindergarten. Das Erzieherteam hat es sich zur Aufgabe gemacht, die Fähigkeiten, Talente und Interessen individuell zu fördern und zu stärken. „Wir möchten die Kinder in ihrem Selbstbewusstsein stärken, sie als Persönlichkeiten in die Schule entlassen“, fügt die Leiterin der Einrichtung, Maria van Meegen, hinzu.
Ständig weiterentwickelt
Ein Konzept, was die katholische Einrichtung vor etwa zehn Jahren eingeführt und seither ständig weiterentwickelt hat. Welche Begabungen jedes Kind in sich trägt, wird schon in den ersten Wochen nach der Aufnahme im Kindergarten deutlich. „Das müssen wir erst gar nicht aus ihnen rauskitzeln, ganz im Gegenteil, die Kinder zeigen uns genau, wo ihre Stärken liegen“, berichtet Irmgard Rütten. Und genau da setzt das Team der Einrichtung an. Die Erzieherinnen holen die Kinder da ab, wo sie gerade stehen, erkennen, wo die Fähigkeiten liegen. „Und diese gilt es dann zu verstehen, zu fördern und zu unterstützen“, erklärt Waltraud Metten, ebenfalls Erzieherin in der viergruppigen Einrichtung.
Denn auch die Zeit im Kindergarten habe sich gewandelt. Heute verbringen schon die Kleinsten mehr als einen halben Tag im Kindergarten. Das heißt für Erzieherinnen auch, Aufgaben der Bildung zu übernehmen. Eine Aufgabe, die das Team in der Einrichtung ernst nimmt. „Je freier ein Kind von emotional belastenden Gefühlen ist, desto aufnahmefähiger ist es“, garantiert das Erzieherteam.
Das alles setzt ein großes Vertrauensverhältnis voraus, welches die Eltern aber schon bei der Anmeldung mitbringen. In der Eingewöhnungsphase, die etwa sechs Wochen dauert, heißt es für Eltern wie für Erzieher, Zeit aufbringen. Denn Sicherheit und Vertrauen wollen aufgebaut werden.
Keine Projektwochen
Fühlen sich die Kinder aber erst einmal wohl in der Bären-, Gänseblümchen-, Sonnenschein- oder Sternengruppe, dann entdecken die Erzieherinnen ganz schnell, wo die Stärken der Kinder liegen. Wie von selbst erschließt sich, dass Ina gerne tanzt, Fynn lieber auf dem Bauteppich werkelt und Paul gerne draußen in der Natur ist.
„Wir veranstalten keine Events oder Projektwochen, wir widmen uns das ganze Jahr über den Interessen und Stärken der Kinder“, erklärt die Leiterin. So entdeckt der Naturliebhaber, dass ein Baum nur mit einer starken Wurzel Bestand hat und Pflanzen nicht im Supermarktregal wachsen. „Wenn wir Marmelade kochen, schauen wir, woher das Obst kommt, können es eventuell aus dem eigenen Garten ernten, haben es aufwachsen sehen“, führt Irmgard Rütten weiter aus. Produktinformation steht im Vordergrund.

Lernen soll Spaß machen


Im letzten Kindergartenjahr erleben die Kinder ihre erste Kinderkonferenz im Mitarbeiterzimmer. Hier dürfen sie, gemeinsam mit den Erzieherinnen, ihre Fragen und Wünsche äußern, suchen gemeinsam nach einem Namen, der die Kinder durch das Entlassjahr begleitet. „Das alles geschieht in einer demokratischen Abstimmung und wird in einem eigenen Protokollbuch dokumentiert“, erklärt Irmgard Rütten.
Und so befinden sich die „Lernwale“ immer auf dem Weg, ihren Wissensdurst zu stillen. Gemeinsam mit Tanja Lenzen, Maria Derricks, Irmgard Rütten, Waltraud Metten und Maria van Meegen erforschen sie, wie ein Haus gebaut wird, warum eine Gitarre Töne macht, was mit Nudeln passiert, wenn sie ins Wasser fallen oder wie eine Rakete gezündet wird. „Ein Lob und Dank an die Eltern, die uns in dieser Arbeit sehr unterstützen“, sagt das Erzieherteam.
Wale auf dem Weg
Oft erschließt sich ein neuer Anknüpfungspunkt, der natürlich weiter erforscht werden muss. Regelmäßige Konferenzen führen die Kinder bis zum Abschlussfest, was sie ebenfalls mitgestalten und organisieren. Denn was die „Lernwale“ auf dem Weg zur Schule alles erlebt, erobert und gelernt haben, wie sie ihre eigene Schultüte kreiert und gebastelt haben, – gerade hierbei wird jedes Talent sichtbar – möchten die angehenden Schulkinder natürlich ihren Eltern präsentieren. Ach ja, die Anfangsfrage, was denn ein Hosenbauer ist, können die Kids natürlich auch beantworten. „Das ist ein Schneider und der zaubert ganz tolle Sachen an der Nähmaschine“, rufen die Kinder, die an einer solchen selbstverständlich ihre Kreativität ausprobieren dürfen. Vielleicht begleitet das ein oder andere selbstgenähte Teil das selbstbewusste ehemalige Marienkindergartenkind zum ersten Schultag.