Schlechte Prognose für angeklagten Kevelaerer

Im Verfahren gegen einen 26-jährigen Kevelaerer wegen des Vorwurfs zahlreicher Straftaten – vom Widerstand gegen Vollstreckungsbeamten über Körperverletzung und Sachbeschädigung in mehreren Fällen und Diebstahl bis zum Hausfriedensbruch – standen am dritten Verhandlungstag am 18. Dezember 2017 die Aussagen mehrere Zeugen und des Gutachters im Mittelpunkt.
Richter Jürgen Ruby verlas im Kontext des Vorgangs am 9. Juni 2017 die Ergebnisse der Blutproben, die keinerlei Alkohol aufwiesen, dafür aber zwei toxikologische Befunde.
Anschließend gab er ein handschriftliches Schreiben des Angeklagten vom Juni wieder, das dieser im LVR-Klinikum Essen verfasst hatte. Dort bezog er sich auf den Verlust des Vaters mit 15 Jahren. Er äußerte, er habe Drogen genommen, um im Leben voran zu kommen „und nicht um aufs Leben zu scheißen. Ich wolle nie Verbrecher sein, sondern ein Leben nach Regeln, Recht und Ordnung, weil es so sein muss.“
Im Juni bei dem Vorfall am Hülsparkstadion habe er lediglich „ein Messer gefunden“. Er habe „selbst sehr große Angst“ gehabt. „Ich wollte nur weg, fliehen wegen meiner Angst.“ Er sei „falsch von den Polizisten behandelt“ worden und habe sie nicht mit dem Messer angreifen wollten. „Ich war nicht aggressiv, es war nur zum Schutz“, er wolle sich „dafür entschuldigen“.
Beim Untersuchungsrichter am 8. Juni habe der Angeklagte ausgeführt, dass der Vorwurf des Widerstandes gegen Vollstreckungsbeamten am Hülspark nicht stimme. Man habe sich dort aufhalten dürfen und ihn trotz der Kenntnis seiner Person nach dem Namen gefragt. Er habe das Messer nur zum Schutz gehabt. „Und im Keller wollte ich einen Notarzt, da wurde ich verarscht“, trug Richter Ruby vor. „Ich habe keine Psychose, wurde von Amphetaminen nie aggressiv.“
Zeugen befragt
Die Inhaberin der Gaststätte „Zur Brücke“, Anna Sürgers-Bollen, bestätigte dann, dass der Angeklagte nachts ein 120 Jahre altes, hochwertig verglastes Fenster im Wert von 2500 Euro mit der Brechstange zerschlagen habe.
Er habe vor zwei Jahren schon drei Scheiben eingeschlagen. In der Nacht habe er gerufen: „Mein Name ist Thorsten F.. Mein Vater hat sich das Leben genommen“ und „Schönes Auto, schönes Auto“. Sie habe ihn aber beruhigen können. Später habe der Mann im Hof am Fahrradständer Selbstgespräche geführt. Seit dem Vorfall schlafe ihr 13-jähriger Sohn aber im Elternschlafzimmer, so die Zeugin. Eine Nachbarin bestätigte anschließend im Wesentlichen ihre Aussage.
Eine Kevelaerer Polizistin berichtete von der Anzeige des Lebensgefährten seiner Mutter, am 23. Mai 2016, wo sich der junge Mann zum wiederholten Mal unerlaubten Zutritt zu dem Haus der Mutter verschafft habe, sich aus der Küche ein Messer geschnappt habe und auf den Lebensgefährten zugegangen sei.
Eine andere Kollegin berichtete von dem Einprügeln auf ein „Langsam fahren“-Männchen auf der Bahnstraße mit einer Eisenstange. Er sei „sehr aggressiv“ gewesen, sei anschließend darauf herumgesprungen und -getreten und mit der Eisenstange schwingend in Richtung Innenstadt gegangen. Das Männchen habe man später ohne Schaden wieder zusammenstecken können.
Als er angesprochen wurde, sei er mit der erhobenen Stange ein paar Schritte auf die Beamten zugegangen, woraufhin ihr Kollege die Waffe gezogen habe. „Es war eine drohende Haltung“, gab die Polizistin an.
Schließlich habe er die Stange niedergelegt und man habe ihn ein paar Meter später mit großer Mühe fixieren können, wobei sie sich die rechte Hand leicht verletzt habe. Der Angeklagte habe selbst angegeben, am Vormittag Drogen genommen zu haben. Auch eine Angestellte des dortigen Friseurladens sagte dazu aus.
Mögliche Sachbeschädigung und Nötigung
Ein weiterer Zeuge äußerte sich zu einem Vorfall im April 2017, als der Angeklagte mehrere Mülleimer an der Holbeinstraße in Brand gesteckt haben soll. Er sei nachts von dem Mann geweckt worden, weil dieser nicht in seine Wohnung kam und ihn bat, mit dessen Haustür aufzubrechen. Das habe er abgelehnt. Daraufhin sei der Angeklagte zur Haustür rausgegangen. Er selbst habe nur noch das Klappern von Mülltonnen und dann die Feuerwehr später gehört. Der Zeuge sprach von einem „wirren Blick, wahrscheinlich Drogen, aber die Unterhaltung war normal“.
Ein weiterer Zeuge gab an, am Tag danach mit dem Angeklagten über die „Scheiß Situation“ gesprochen zu haben. Er habe daraufhin geantwortet, dass er „alles wieder aufräumen“ wolle. Aufgrund der Aussagen machte der Richter darauf aufmerksam, dass eine ergänzende Verurteilung wegen versuchter Sachbeschädigung und versuchter Nötigung in Frage komme.
Der Betreuer des Angeklagten sagte aus, er habe ihn Ende 2016 kennengelernt. Der Kontakt sei im Januar dann bis März abgebrochen, bis der Angeklagte erstmals in der Psychiatrie war. Danach habe man sich über das weitere Vorgehen hinsichtlich einer ambulanten psychiatrischen Betreuung oder betreutem Wohnen beraten. „Leider ist es dazu nicht gekommen, weil er nach seinem ersten Freigang nicht mehr zurück kam.“
Ohne Drogen kooperativ
Er habe ihn nicht unter Drogeneinfluss angetroffen, da war er immer kooperativ, konnte Dinge nachvollziehen. „Er hat auch Potenzial“, führte der Betreuer aus. Beim letzten Kontakt in der Psychiatrie sei er sehr positiv gestimmt gewesen, habe eine Ausbildung machen und einen positiven Weg gehen wollen.
Die Umsetzung sei aber schwieriger. Als der Angeklagte im Rahmen eines Belastungs-/Erprobungswochenendes nicht wieder den Weg in die Klinik zurückkam, habe er versichert, er habe den Weg nicht zurückgefunden. Dabei sei es aber nicht geblieben. Hinsichtlich einer Unterbringung in eine Psychiatrie wären „ab Mittwoch“ kurzfristig noch Möglichkeiten gegeben.
Gutachter Jack Kreutz gab dann ein sehr detailliertes und umfangreiches Gutachten zu dem Persönlichkeitsbild des Angeklagten und dessen Zustandes während der einzelnen Taten ab. Er habe dreimal mit ihm gesprochen – am ausführlichsten zuletzt am 12. Dezember, nachdem sich dieser in den zwei Gesprächen zuvor hinsichtlich seiner Bereitschaft recht ambivalent gezeigt habe. Kreutz sprach von einer „schweren Persönlichkeitsstörung, die er durch Erfahrung nüchtern gut beherrscht“. Die entscheidende Frage sei, ob die Drogen oder die Persönlichkeitsstruktur für die Taten ursächlich sind.
Schlechte Zukunftsprognose
Seine Einschätzung war, dass mit den Amphetaminen „mehr Öl auf die Glut gegossen“ werde und er „mit Amphetaminen über Tage auffällig“ sei.  Sonst sei er „antriebsgemindert, auffällig in der Struktur, aber nicht primär psychotisch“ und therapieerfahren.
Der Angeklagte sei eindeutig suchtabhängig – von Alkohol, aber noch stärker von Amphetaminen, weniger von Cannabis. Kreutz äußerte die Überzeugung, dass in dem Angeklagten „irgendetwas schwelt. Ich wünsche ihm, dass das nie ausbricht und er schafft, keine Drogen zu nehmen.“ Ansonsten sei zu befürchten, dass sich seine Persönlichkeitsstörung autonomisiert, dass dann tatsächlich das Wahnhaft-Ängstliche auch ohne Drogen da ist und sich die Gefahr von Gewalthandlungen gegenüber Nichtkranken vervielfacht.
Eine Therapie werde für ihn „viel schwieriger, als er sich das vorstellt.“ Die Zukunftsprognose für ihn sei in jedem Fall  „sehr schlecht, egal von welcher Seite man ausgeht“, sagte Kreutz. Er habe nach dem traumatischen Verlust des Vaters als Kind immer weiter Verhaltensauffälligkeiten gezeigt. Und er werde sich zu 99 Prozent die alten Verhaltensmuster wieder zu eigen machen, wieder Polizisten angreifen, „wenn nichts passiert“, sprach sich der Experte tendenziell für den Maßregelvollzug mit dem etwas stärkeren Akzent auf die Suchtmitteltherapie aus.
Ein Urteil könnte bereits am heutigen Mittwoch fallen.