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Verkehrsprobleme in Twisteden: „Da muss was passieren”

Wie sehr den Menschen das Thema auf den Nägeln brennt, zeigt sich, als zu dem Ortstermin an der Dorfstraße / Maaßstraße mehr als ein Dutzend betroffene Anwohner vor Ort, Beteiligte und ein Landwirt auftauchen. Annette Davies-Garner wohnt an der Dorfstraße / Ecke Kuhstraße. „Es ist laut – sehr laut und zwar morgens um fünf bis abends spät um sieben Uhr – am Wochenende eigentlich auch durchgehend, solange das ‚Irrland‘ geöffnet hat.“ Seit zwölf Jahren wohnt sie dort. „Ich glaube, dass es schlimmer geworden ist. Der ‚Irrland‘-Verkehr hat auf jeden Fall zugenommen, wobei die LKW und die Landmaschinen viel schlimmer sind, die hier durchrauschen, weil die viel lauter sind. Unser Haus hat Holzzwischendecken, die schwingen dann mit, wenn ein LKW durchrauscht.“

„Wenn ich mir die Berichterstattung vor Augen führe, dann heißt es, die rasen. Die meisten rasen nicht. Die fahren 50, wie das hier erlaubt ist“, sagt Davies-Garner. „Aber das ist in der Enge der Straße unglaublich schnell. Wenn ein zweispanniges Gefährt neben einem mit 50 angerauscht kommt und man ist Fahrradfahrer, dann möchte man nur in den nichtvorhandenen Graben springen.“

„Das ist einfach nur Katastrophe”

Karin Cox (62), Anwohnerin an der Ecke Dorfstraße /  Maasweg, ist gegenüber groß geworden und wohnt hier seit über 60 Jahren. Für sie ist das Aufkommen „teilweise katastrophal, weil die LKW hier durchfahren. Das ist einfach nur Katastrophe. Dass der Verkehr zugenommen hat, alles gut und schön, sagt keiner was, aber ich weiß nicht, ob es wirklich nötig ist, dass die alle hier durch das Dorf fahren müssen.“

Sie beobachte „Lastwagen sämtlicher Nationen, Kieslastwagen, die hinten bis zur holländischen Grenze fahren und da Kies abholen. Und das fängt schon morgens um 5 Uhr an, manchmal bis 19, 20 Uhr abends.“ Sie selbst wohne „etwas zurückgesetzt,  das geht, aber wenn ich hier draußen zugange bin, muss ich aufpassen, dass man mir meinen Allerwertesten nicht abfährt.“ Und sie verstehe nicht, „dass die 30er Zone drüben gegenüber der Volksbank anfängt, wobei die Bushaltestelle für die Schulkinder hier vorne ist. Ich weiß nicht, warum man nicht hingeht, und die 30er Zone etwas zurücklegt.“ Da sei wohl das Problem, dass auf einer Kreisstraße genau festgelegt sei, wo man 30 einrichten darf und wo nicht. „Die Leute, die Gesetze machen, sollen sich an den Kopf packen.“

Elke Heisters arbeitet seit 25 Jahren in der Metzgerei an der Dorfstraße, sieht gegenüber die Schule und den Kindergarten, „Ich pack mich an den Kopp, wie die Autofahrer drauf sind. Egal ob die Ampel umspringt, wupp, geht das auf das Gaspedal. Ich krieg immer noch den Schrecken, habe die Sorge, dass das nicht wahrgenommen wird. Es war an  der Schule fünf vor acht mal ein Polizist bis 8 Uhr und war dann weg. Das ist schon lange her.“

„Man wird krank davon”

Ursula Schmitt, 66 Jahre alt, wohnt auf der Dorfstraße 5 neben der Gaststätte links. „Bei mir scheppert´s und vibriert es den ganzen Tag. Wenn diese Kipper durchkommen, die fahren leer und die fahren voll“, erzählt sie. „Dann fahren morgens um 6 Uhr die Blumenlaster leer durch das Dorf, 70 km/h ohne Probleme. Die kommen langsam wieder zurück, bei mir oben ist eine kleine Kuppe, und dann scheppert´s wie irre. Und Trecker mit Anhänger – eine Katastrophe.“ Sie wird demnächst in das betreute Wohnen ziehen – „nicht  nur deswegen, aber man wird krank davon. Keinen Tag kann ich draußen sitzen, kann nicht mehr die Terrasse nutzen, weil man überhaupt nicht sitzen kann. Ich kann nix lesen oder mich unterhalten.“ Eine Lösung wäre für Ursula Heuvens, „dass die Ortsumleitung eingeführt wird. Man muss ja nicht durch das Dorf fahren – über Lüllingen. Mein Haus steht richtig auf der Ecke an der Straße. Ich habe ständig Sorge, dass da jemand in die Ecke reinfährt. Und es ist laut in der Gaststätte.“

Christina Laukens wohnt zwar im Twistedener „Outback“, aber ihre drei Kinder kommen trotzdem zur Schule, möchten gerne auch mal Freunde im Dorf besuchen. „Ich untersage denen, an der Dorfstraße entlang zu fahren. Das Einzige, was sie dürfen, ist, sich zur Ampel zu bewegen, und, egal wohin sie möchten, von der Ampel aus hinten über den Dorfplatz zu agieren“, sagt die 39-Jährige. „Mir ist das einfach zu gefährlich.“ Und die Dorfstraße sei „generell sehr zugeparkt, oft schieben sich viele LKWs durch das Dorf.“ Und das Nadelöhr Bäckerei-Volksbank sei so eng, dass sich das da oft zurückstaue.

Der Rückstau birgt Gefahren

Landwirt Theo Heuvens aus Kleinkevelaer will was zur öffentlichen Kritik sagen. „Da wurde behauptet, dass der landwirtschaftliche Verkehr zugenommen hat. Das kann ich an sich nicht nachvollziehen. Wir haben Flächen auf der anderen Seite Richtung Wemb, da müssen wir durch das Dorf fahren. Da bleibt uns keine andere Wahl.“ Aber die Flächen, die westlich und östlich liegen, „die können wir auch durch Wirtschaftswege erreichen.“ Seiner Meinung nach hätte man die Umgehungsstraße, die man da geplant hatte, ausbauen müssen. „Ich weiß nicht, ob das noch möglich ist, das müsste man nachprüfen. Wir haben das schon vor Jahren vorgeschlagen“, sagt er. Die Verkehrsinseln sehe man nicht so gerne. „Wir hätten lieber gesehen, wenn wir durch das ganze Dorf eine 30-Zone machen, mit Überwachung. Dann hätte der ganze Verkehr gleichmäßig durchfahren können: Stattdessen hast Du Rückstaus, anfahren, bremsen, anfahren, bremsen. Das ist von der Umwelt ungünstig – und der Rückstau ist einfach nervig und nicht ganz ungefährlich.“

Johanna Ambrosius, Ortsvorsteherin von Kleinkevelaer, findet diesen Vorschlag nicht so schlecht. „Poller weg und 30 – das wäre besser als diese Poller.“ Selbst fahre sie die Dorfstraße oft mit dem Rad. „Ich finde das schwierig. Wenn die Kinder da raus kommen und rüber müssen, ist sehr unübersichtlich.“ Und gerade an diesem Morgen „haben mich fast zwei Autos umgefahren, weil ich links abbiegen musste.“

Konzept mit „Irrland“

Auch Josi Winkels-Tebartz van Elst, Betreiberin des „Irrland“, ist gekommen, um mit den Betroffenen den Austausch zu suchen. „Wir sind nicht untätig, weil uns bewusst ist, dass wir insbesondere am Wochenende für viel Verkehr sorgen. Und es ist auch nicht schön, der Verursacher dessen zu sein“, sagt sie. Vom Ursprung sei es so auch nicht geplant gewesen, „sonst hätte man wahrscheinlich an der Autobahn so einen Park geplant, aber er ist da.“

Man habe mit der Stadt Kevelaer gemeinsam ein Konzept entwickelt, „dass ab Lüllingen Verkehrsschilder aufgestellt werden. Die ständen jetzt da, wenn es Corona nicht gegeben hätte.“ Zukünftig soll also „der Verkehr geradeaus über die Umgehungsstraße“ geschickt werden und nicht Richtung Kreisverkehr, sondern bis über den Lievenheer gehen. „Da haben wir eine Fläche kaufen können, so dass wir eine Zuwegung zu unseren Parkplätzen von hinten gewährleisten können, so dass das ‘Auwelt’ auch nicht betroffen ist.“

Und man müsse natürlich auf die Navigationssysteme Einfluss nehmen. „Das ist eine der schwierigsten Punkte bei der Geschichte. Aber die reagieren erst, sobald die Beschilderung steht. Normalerweise wären sie schon angebracht, das ist eine Hausnummer, die können wir in diesem Jahr wohl nicht stemmen.“ Sie sieht außerdem eine Entlastung, sobald die OW 1 kommt. Diese Entlastung werde aber naturgemäß ein paar Jahre auf sich warten lassen. „Die möchte man hier sicher nicht noch ertragen.“

„Das Irrland ist ein Teilproblem“

So sieht es auch Nadine van Lipzig: „Das Irrland ist ein Teilproblem“, sagt die 43-Jährige. „Aber das morgens hat nix mit dem ‚Irrland‘ zu tun.“ Sie begleite ihre Kinder immer noch zur Schule, obwohl sie schon zwölf Jahre alt sind. „Hier sind viele rücksichtslose Fahrer am Start, die auch die Kinder bewusst sehen und trotzdem nicht auf die Bremse gehen.“

Seitens der Politik diskutieren neben Johanna Ambrosius auch der SPD-Ratsherr Norbert Baumann und Wolfgang Röhr von den Grünen mit. „Das ist ja nichts Neues. Die Problematik für die Schulkinder ist am größten“, sagt Baumann. Wir haben mit den Grünen zusammen Tempo 30 vor Monaten gefordert, aber das wurde vom Kreis abgelehnt – weil es sich um eine Kreisstraße handelt. Wir werden da nicht aufhören, zum Kreis zu gehen“, versichert er. Auch eine weitere Ampel wäre eine Möglichkeit. „Aber das ist auch ein Problem, weil es Kreisstraße ist. Das Gleiche am Maasweg, da wird ähnlich schnell gefahren. Da haben wir gesagt, grundsätzlich in geschlossenen Ortschaften 30. Im Gerberweg gibt es seit 15, 20 Jahren Tempo 30, das weiß kaum jemand. Wenn überall 30 ist, sieht es anders aus.“ Und wenn das bedeuten müsse, „dafür erst politisch jede einzelne Straße gesondert zu betrachten“, um das rechtlich einzuführen, „dann machen wir das.“ Auch Radspuren habe man angesprochen, sagt Baumann. „Aber auch das ist schwierig, weil es eben eine Kreisstraße ist.“

Ähnlich sieht das sein Kollege Wolfgang Röhr von den Grünen. Im Grunde seien sich ja die Parteien alle einig. „Die CDU hat ja auch Teilanträge gestellt, alle immer wieder, wenn es auffiel. Man muss sich fragen, ob man in geschlossenen Ortschaften nicht generell Tempo 30 macht.“ Denn mache man das punktuell, werde das missachtet. „Die Polizei ist personell nicht stark genug, um das zu überprüfen. Und was die Dorfstraße betrifft, die ist ja gar nicht ertüchtigt für so viel Verkehr.“ Man müsse gesellschaftlich ehrlicher werden. „Das, was wir hier erleben, ist der Verkehr, den wir alle als Autofahrer selber produzieren.“

Die Schwierigkeit der Gesetzesänderung

Rita Spitz-Lenßen, die das Thema immer wieder mit anstößt, hat eine Studie über das Verkehrsaufkommen im Frühjahr/Sommer gefordert, damit man ein Bild von dem Aufkommen hat. Norbert Baumann hält davon nichts. „Was bringt eine Studie, wenn alle der Meinung sind, hier sollte 30 km/h sein? Dann muss halt der Kreis das Gesetz ändern.“ Wolfgang Röhr hakt da ein: „Das funktioniert ja nicht, das sind teilweise Landes- und Bundesgesetze.“   

Landwirt Heuvens macht am Ende der Diskussion noch einen interessanten Vorschlag: warum nicht die Straße von Kreis- auf Landstraße zurückstufen? „Das ist ja auch passiert am Velder Dyck bei uns in Kleinkevelaer bis Stoppstraße. Da müsste man fragen, ob das auch hier nicht möglich ist. Dann hätte die Verwaltung und die Politik in Kevelaer hier mehr Einflussnahme.“