Zurück zum Abitur nach neun Jahren – Was halten die Kevelaerer davon?

In NRW läuft zurzeit das Volksbegehren „G9 jetzt in NRW“ mit dem Ziel, die Rückkehr zu einer Regelschulzeit mit Abitur nach neun Jahren in der Sekundarstufe II zu erreichen.
Seit dem Jahr 2005 wurde die Schulzeit an Gymnasien (zum zweiten Mal nach 1936) auf acht Jahre gekürzt. Dies ist das so genannte G8- oder Turbo-Abi nach Klasse 12.
Da die Zahl der Jahreswochenstunden am Gymnasium deutschlandweit festgelegt ist (265), haben Schüler am G8-Gymnasium durchschnittlich 33,1 Stunden Unterricht in der Woche. Bis zum Jahr 2013 waren es beim Abitur nach 13 Jahren 29,4 Schulstunden. Damit hatten die Kinder in den Klassen 5 bis 10 im Allgemeinen sechs Stunden Unterricht am Tag, sodass sie gegen 13.20 Uhr die Schule verlassen konnten. Mit dem Turbo-Abi wurde außerdem die 7. Unterrichtsstunde verboten und durch eine 60-minütige Pause ersetzt, sodass der Unterricht an den meisten Gymnasien in der Klasse 6 an einem Tag und ab Klasse 7 an zwei Tagen in der Woche erst um 15.50 Uhr endet.
Das KB hat sich umgehört, was die Bürger in Kevelaer von einer Rückkehr zu einem Abitur nach neun Jahren halten:


Mark-Thomas Hödtke

Mark-Thomas Hödtke


„Von den Schülern und Eltern bekomme ich als Privatlehrer, der auch Nachhilfeunterricht erteilt, die Rückmeldung, dass viele durch die G8 ins Stolpern kommen. Die Verkürzung wurde ja in der Mittelstufe durchgeführt, der zu vermittelnde Stoff blieb aber gleich. Besonders in Mathematik gibt es dadurch oft Defizite, die kaum wieder aufzuholen sind. Der Eindruck, den die Schüler und Eltern mir vermitteln, deutet eindeutig darauf hin, dass sie G9 wieder als reguläre Schuldauer eingeführt haben möchten.
Ich persönlich halte die starre Festlegung auf G8 oder G9 prinzipiell für nicht zielführend. Jedes Kind sollte in der Schule die Möglichkeit haben, nach seinen Fähigkeiten und Neigungen dann den Abschluss zu machen, wenn es sich dafür bereit fühlt. Dies würde aus meiner Sicht auch noch eine längere Schulzeit für einige Schüler bedeuten. Es ist doch nicht nachvollziehbar, dass alle nach der gleichen Zeit ihr Abitur machen müssen.“


Kirsten Humm

Kirsten Humm


„Als Mutter eines ehemaligen Gymnasiasten, der 2016 sein Abitur gemacht hat, finde ich G9 auf jeden Fall besser. Die Kinder haben sehr lange Schultage und müssen dann anschließend noch Hausaufgaben machen. Dadurch ist die Freizeit stark eingeschränkt. Unser Sohn war in der Kreisauswahl im Tennis und hatte daran viel Freude. Durch die hohe Belastung in der Schule konnte er nicht mehr zum Training und musste seinen Sport aufhören. Aber selbst mit Verzicht auf viele Freizeitaktivitäten war die Belastung so groß, dass unser Sohn freiwillig ein Jahr wiederholt hat.
Mit 17 Jahren wissen auch viele noch nicht, welchen Beruf sie anstreben wollen. Wenn sie dann bereits in eine andere Stadt ziehen, um zu studieren, lernen sie zwar schon früh Selbstständigkeit und auf eigenen Füßen zu stehen, die Verantwortung liegt aber immer noch bei den Eltern. Ich möchte noch ein wenig Unterstützung bieten können.“


Astrid Saborowski

Astrid Saborowski


„Ich finde es traurig, dass überhaupt ein Volksbegehren gemacht werden muss. Von Anfang an gab es in der Lehrerschaft, bei den Elternvertretern und den Schülern Widerstand gegen die Verkürzung, weil sie niemand wollte und auch niemand so richtig erklären konnte, wozu sie eingeführt wurde. Die wenigen Befürworter wurden in den Vordergrund gestellt und die immer lauter werdenden Stimmen gegen G8 und für G9 wurden ignoriert. Die vielen Unterrichtsstunden erzeugten bei den Schülern Stress und selbst unsere Tochter, die sicher keine schlechte Schülerin war, musste enorm viel Zeit investieren, um den Stoff des Unterrichts nachzuarbeiten weil in enormem Tempo der Unterricht abgehalten wurde.
Die Schulen und die Schüler sollten selbst wählen können, wie schnell sie das Abitur machen. Jetzt, wo die Wahlen in NRW anstehen, tut sich endlich etwas. Ich finde das Volksbegehren klasse und werde es unterstützen.“


Paula Foitzik

Paula Foitzik


„Als Schülersprecherin am Kardinal von Galen Gymnasium, Jahrgangsstufe Q2, gebe ich die Meinung der Schülervertretung wieder. Wir waren uns einig, dass wir zur G9 keine qualifizierte Äußerung abgeben können, da wir nur die G8 kennen. Vielleicht wäre der Lehrplan nicht so komprimiert, im Krankheitsfall bräuchte man nicht so viel nachholen, und wenn ein Lehrer wechselt, hätte man mehr Zeit, sich seinem Unterricht anzupassen. Der Gedanke, für alles mehr Zeit zu haben, ist aber nicht schlecht. Momentan wird das neunte Jahr oft zur Orientierung und für Praktika genutzt.
Manche machen auch ein Jahr im Ausland, bevor sie ein Studium beginnen. Das Jahr ,Zeitgewinn‘ bei G8 wird manchmal auch genutzt, um eine Ausbildung zu beginnen. Diese senkt dann zusammen mit den Zeitgutschriften den Numerus Clausus, sodass größere Chancen bestehen, sein Lieblingsfach studieren zu können. Uns wird die G9 aber nicht mehr betreffen.“


Clemens Sieben

Clemens Sieben


„G8 ist erst einmal nichts Schlimmes und einige Jahrgänge sind ja auch bis zum Abitur gekommen. Schule ist nichts Leichtes. Aber man sollte sich nicht bange machen lassen bei der verkürzten Schulzeit. Die Landeselternpflegschaft treibt die Diskussion für die G9 stark voran. G8 spart Geld, dies sollte aber kein Argument sein. Die Ausbildung unserer Kinder sollte da Vorrang haben. Wenn ein Wechsel nach G9 kommt, sollten aber auch die Lehrinhalte überarbeitet werden und eine einheitliche Regelung für alle dabei herauskommen. Viele der Lehrinhalte sind nicht mehr zeitgemäß, das ist bei G8 und G9 gleich. Vor den nächsten Landtagswahlen wird aber nichts mehr passieren.
Die Elternpflegschaft des KvGG ist zur Zusammenarbeit im Rahmen der G9 bereit, sollte das Volksbegehren Erfolg haben. Auch die Zusammenarbeit mit den Abiturienten der Gesamtschule ist uns wichtig und muss vorangetrieben werden.“