Wohnen ist ein Menschenrecht

Zahlreiche Bürger und Betroffene versammelten sich am Donnerstagvormitttag, 6. September 2018, auf dem Roermonder Platz zu einer Diskussion darüber, was man für sozial Schwächere und den sozialen Wohnungsbau unternehmen könne. Der Caritasverband Geldern-Kevelaer hatte zu dem Diskussionsvormittag eingeladen. Auf einem Flipchart konnten die Anwesenden ihre Wünsche anbringen. Teamassistentin Carmen Klein diskutierte mit den Leuten.

„Ich habe bei mir jeden Tag die Frage: Haben Sie Wohnungen für uns? Das ist unser täglich Brot“, berichtete sie. Sie sei sich sicher: „Das Problem ist definitiv gewachsen. Wir haben zu wenig Wohnungen, egal wo.“ „Und oft nicht die passgenauen“, ergänzte Maria Wouters von der „Lebenshilfe“ den Gedanken. Zudem seien „barrierfreie Wohnungen oft nicht zu bezahlen“.

Auch die Politik verfolgte die Diskussion. „Sozialer Wohnungsbau steht für uns ganz oben“, sagte der Kevelaerer SPD-Vorsitzende Michael Vonscheidt. „Wir müssen Grundstücke finden, wo man das betreiben kann“, habe aber am Beispiel Schubertstraße, wo die Anwohner dagegen Druck gemacht haben, gesehen, wie schwierig das sei.

Die Resonanz zeige, „dass das Thema den Leuten unter den Nägeln brennt – nicht nur in den Großstädten, sondern auch hier“, sagte Caritas-Sprecher Tobias Kleinebrahm. Daher fahre die Caritas aktuell die Kampagne „Jeder Mensch sucht ein Zuhause“. Und deshalb habe man auch das kleine Wohnzimmer inmitten des Platzes aufgebaut. „In Kevelaer suchen aktuell 88 Einzelpersonen und 47 Familien eine Wohnung“, zitierte Kleinebrahm die Zahlen aus dem Caritas-Beratungspool.

Bürgermeister Dominik Pichler (M.) im Gespräch mit Caritas-Sprecher Tobias Kleinebrahm (r.). (Foto: aflo)

Bürgermeister Dominik Pichler (M.) im Gespräch mit Caritas-Sprecher Tobias Kleinebrahm (r.). (Foto: aflo)

Kleinebrahm begann die Diskussion mit dem Leiter der sozialen Dienster der Caritas, Gerrit Hermans, und Bürgermeister Dominik Pichler. Hermans machte klar, dass das Ganze seit fünf bis zehn Jahren Thema sei und zunehmend Menschen keinen Wohnraum mehr fänden. „Das hat mich überrascht, weil Wohnen ein Menschenrecht ist – was längst nicht mehr selbstverständlich ist.“ Die Caritas versuche, „Referenzbrücke“ zu sein, gerade auch bei Flüchtlingen. Da erlebe man aber Vorbehalte, zitierte er die Reaktionen auf eine Wohnungsbewerbung eines Ghanaers: „Nee – ich hatte zuletzt einen Alkoholiker.“ Die Berater seien vielfach überfordert. „Gemeinsame Besichtigungen können wir nicht leisten – da greifen wir auf einen Pool von Ehrenamtlichen zurück. Wir brauchen da dringend mehr Ressourcen.“

Bürgermeister Dominik Pichler sah auch, „dass wir mehr Sucher als Anbieter“ von Wohnungen habe. Man sei als Stadt „bemüht“, könne da aber „nicht im Umfang von 47 Familien“ akut etwas ausrichten. Es seien nicht so viele Flächen vorhanden. Er erinnerte an den Ratsbeschluss, dass die Stadt Flächen für sozialen Wohnraum ausweisen soll. „Aber bei der ersten Fläche ging es nicht, an die GWS [Wohnungsgenossenschaft Geldern, Anm. d. Red.] zu verkaufen. Das wollten die Leute nicht – und dann die Ratsmehrheit“, ging er indirekt auf das Thema Schubertstraße ein und zeigte so die Grenzen dessen auf, was die Stadt bewegen könne. Das Thema eigene Wohnungsbaugenossenschaft habe man „hinten angestellt“, da wolle man erst abwarten, was auf Kreisebene bei der Initiative für eine kreisweite Genossenschaft herauskomme.

In Sachen Flüchtlinge habe man Häuser angekauft, damit die Großunterkunft an der Schravelner Heide freigezogen werden und die Menschen dezentral untergebracht werden können, wies er später den Vorwurf zurück, die Stadt würden schlechte Wohnungen zur Verfügung stellen. „Wir sind auch nur Konkurrenten auf dem Markt“, erinnerte er an die Situation 2015/2016. Da musste man nehmen, was ging und da seien auch mal „einfache Wohnungen dabei gewesen, die auch als heruntergekommen gelten“. Heute suche man nach „ordentlichen Wohnungen.“

In die Debatte wurden auch Betroffene mit einbezogen – so zum Beispiel Hans-Joachinm Pöppke. „Meine Wohnung wurde wegen Eigenbedarf gekündigt“, schilderte der gebürtige Gelderner, der seit vier Jahren in Kevelaer lebt, wie verzweifelt er seit zwei Monaten ohne Erfolg nach einer Wohnung sucht. „Ich hab eine Anzeige im Internet aufgegeben, hat sich kiener gemeldet. Ich habe Bekannte gefragt – bisher ist nix gekommen.“ Nun fürchte er, am Monatsende auf der Straße zu stehen. Der Bezieher einer Erwerbsunfähigkeitsrente von 600 Euro „plus Zuschuss“ kommt nicht weiter. „Über zwei Monate – null Ergebnis. Traurig. Falls das nicht klappt, bin ich obdachlos.“ Er sehe die „verzwackte Situation“, dass es auch noch 88 andere gibt. Vom Amt gebe es klare Vorgaben in seiner Situation: „Warm 420 Euro und 50 Quadratmeter, sonst übernehmen die keine Kosten.“ Das Problem: „Teure Wohnungen gibt es genug.“

Auch Thomas Kuhlmann vom Therapiezentrum Haus Dondert berichtete, dass die Klienten seiner Einrichtung zunehmend Schwierigkeiten hätten, geeignete Wohnungen zu finden.

Den Blick noch erweitern konnte die Flüchtlingshelferin Liz Schoofs, die eine schwerstbehinderte Mutter hat: „Schwerbehinderte kriegen schlecht Wohnungen – mit einem Elektromobil kommen die gar nicht durch eine Tür oder einen Flur.“ Und wenn sie für ihre Leute Wohnungen suche, müsse sie manchmal tief durchatmen, wählte sie deutliche Worte: „Es gibt Leute in Kevelaer, die das letzte Loch anbieten. Da hab ich mich geschämt.“