„Wir können nur für die Visionen der Zukunft stehen“

Einen eingefleischten Sozialdemokraten kann man Ulli Hütgens nicht nennen. Denn der 54-jährige, ausgebildete Elektrotechnikmeister, Energieanlagen-Installateur und gelernte Lokführer ist erst seit Januar 2018 Mitglied der SPD. „Es ging damals darum, die GroKo zu verhindern – da wurde mit geworben“, begründet er heute den damaligen Schritt. Gemeinsam mit seiner langjährigen Lebensgefährtin Katrin Heyer, mit der er sich jetzt gemeinsam in der SPD engagiert, war der gebürtige Aldekerker Jahre zuvor mal Mitglied in der „Piratenpartei“. Die digitale Frage, die habe ihn damals schon angesprochen. „Das war 2012, da war ich ein Jahr aktiv. Wir standen mal am Roermonder Platz“, erinnert er sich. Allerdings habe es bei dem Ganzen an Substanz gemangelt. „Das Professionelle fehlte, trotz guter Ideen“, bewertet Hütgens diese Zeit aus heutiger Perspektive.

2017 begann seine Lebenspartnerin dann, regelmäßig in die Fraktionssitzungen und die Treffen der SPD zu gehen. Dann trat er ein, wurde Beisitzer im Vorstand – und beschloss, als sich im Januar 2020 die Situation ergab, sich bei der Mitgliederversammlung um das Amt des Vorsitzenden zu bewerben. Er sei schon das Jahr zuvor darauf angesprochen worden, ob er Interesse hätte. „Ich bin nicht der Typ für halbe Sachen – wenn, dann bringe ich mich auch ein.“ Er habe gesehen, „wo man unterpacken kann und ich war dabei.“

Die Wahlen am 30. Januar riefen parteiintern deutliche Reaktionen hervor. Björn Völlings wechselte kurzerhand zu den Grünen, wo sich schon die frühere SPDlerin Brigitte Middeldorf befand. Und SPD-Fraktionschef Horst Blumenkemper beklagte öffentlich den schlechten Zustand der SPD. Das habe ihn „überrascht“, gesteht Hütgens. Er verstehe, dass Völlings „eine politische Karriere verfolgt“ und dass er bei den Grünen gelandet sei, störe ihn nicht so sehr. „Meine zweite Hälfte ist grün“, meint er verschmitzt. Aber es störe ihn „die Art und Weise, dass er nicht kooperationsbereit war und dass es nur in Richtung Vorwürfe und Abrechnung ging. Das ist nicht schön.“ Und „wenn man Sozialdemokrat ist, dann ist man das.“

Jeder hat die Berechtigung, dabei zu sein

Natürlich sei bei der SPD in den letzten Jahrzehnten „ja gut gesäbelt worden“, umschreibt er die Personalkonflikte der Partei etwas martialisch. Er ganz persönlich habe in dem Geist nicht gehandelt. „Ich habe gemerkt, dass es nicht richtig ist, dass sich Leute aus Befindlichkeiten heraus entfernen sollen oder müssen.“ Die Partei brauche schlicht „jeden, der sich einbringen will.“ Und jeder habe die Berechtigung, dabei zu sein. „Als seine Wünsche nicht so in Erfüllung gingen, bockte er etwas rum“, meint Hütgens etwas salopp zu seinem Parteikollegen Blumenkemper.

Er bedauert, dass sich auch Heinz Ermers zurückgezogen hat – und dass öffentlich das Bild einer SPD besteht, in der es nur Querelen gibt. „Natürlich ist das Käse. Wir haben nicht das beste Ansehen. Wir haben den Vorwurf der Querelen zur Kenntnis genommen – und da dagegengehalten. Wir können nichts für die Vergangenheit. Wir können nur für die Visionen der Zukunft stehen.“ Ihm ganz persönlich sei es wichtig, „Leute zusammenzuhalten, in Prozesse einzubinden. Ich bin bemüht, möglichst viele Leute dabeizuhalten.“ Hütgens nennt das „im kleinen Team die Entscheidungen treffen, im großen Team Entscheidungen finden.“ Deswegen habe er auch mit einigen geredet, die sich von der SPD in der Vergangenheit zurückgezogen haben. „Ich habe denen gesagt, wir stehen für die Sache.“ Den Eindruck, dass es nur um das eigene Ego und Befindlichkeiten ginge, „den wollen wir nicht.“

Natürlich steht ja nach Ermers´ Abgang noch die Wahl des zweiten Vorsitzenden an. „Das sollte schon jemand sein, mit dem die Chemie stimmt und der mich so vertritt, wie ich das auch gerne hätte.“ Und er würde sich wünschen, dass „auch mit dem zukünftigen Fraktionsvorsitzenden die „Zusammenarbeit in Zukunft besser ist“. 

„Wir wollen mehr Sozialdemokratie in Kevelaer platzieren“

Dass man mit Dominik Pichler den Bürgermeister mit SPD-Parteibuch unterstützt, obwohl er „aus dem Amt heraus“ kandidiert, verstehe sich von selbst, sagt Hütgens. „Das war ein schönes Foto mit den Grünen“, findet er – und sieht das entspannt. Pichlers Ansatz versteht er. „Als die CDU noch ,1.0‘ war, wollte er sich neutraler darstellen.“ Seit es offiziell klar ist, dass Mario Maaßen für die CDU antritt, hat sich die Konstellation da natürlich verändert. Man müsse jetzt ein vernünftiges Fundament für vernünftige Arbeit erzeugen, glaubt Hütgens fest daran, dass „viel mehr möglich für die SPD“ in Kevelaer ist. „Wir wollen mehr Sozialdemokratie in Kevelaer platzieren – back to the roots“, ist sein Credo.

Er setze dabei auf Authentizität und kreative Ideen. „Dass die Sache nach vorne kommt. Wenn jemand sagt, er kann es besser, kein Problem.“ Sein Vorteil sei es, noch einen gewissen „unbefangenen Blick zu haben und nicht soviel zurückzugucken. Da habe ich nicht so ein starres Denken.“ Dass es „ein ungünstiger Zeitpunkt“ für die Kommunalwahl ist, räumt er ein. „Aber es kommt, wie es kommt.“ Die letzten sechs Jahre Politik in Kevelaer einzuordnen, fällt ihm schwer, „weil ich jetzt erst in diesem Jahr mit der richtigen politischen Arbeit angefangen habe. Es sind Dinge auf den Weg gebracht worden, aber es hätte auch mehr werden können.“

Diskussionsprozess

Bei der Ausgestaltung des Wahlprogramms in den vergangenen Monaten habe sich gezeigt, wie viele sich in den Diskussionsprozess – wenn auch schwierig via online aufgrund der Corona-Pandemie – mit eingeschaltet haben. „Das hat es ewig nicht mehr gegeben“, gibt er die Eindrücke wieder, die an ihn herangetragen worden sind. „Wir haben da bestimmt zehnmal zusammengesessen und an dem Programm gearbeitet. Das war sehr effizient und effektiv, da ist viel Zeit und Engagement reingeflossen.“

Was die gestalterischen Schwerpunkte der SPD für die nächsten Jahre sind? Da nennt Hütgens die Ansiedlungsmöglichkeiten auch für kleine Unternehmen in den Industriegebieten, in Sachen Klima nachhaltiges Bauen und zukunftsorientiertes Begrünen, mehr Natur und eine „entschleunigte“ Innenstadt. Es sollen weniger Fahrzeuge in die Stadt kommen, der Schwerlastverkehr möglichst herausgehalten werden, Ältere sich unbeschwert in der Stadt fortbewegen können. Und es soll „Straßen geben, wo man nur noch mit dem Fahrrad fährt.“ Die Pilgerströme mit den Bussen solle man „nach außen“ bringen, einen Shuttle-Service einrichten und eine bessere Anbindung der City an die Hüls ebenfalls durch einen Shuttle-Service erreichen.

Eher Grün

Beim Peter-Plümpe-Platz wäre er persönlich „eher für eine Begrünung, aber da muss man ein gesundes Mittelmaß“ zwischen den Anliegen der Geschäftsleute und den Menschen finden, die eine bessere Lebensqualität wollen. Ob die Kirmes da das „Zünglein an der Waage“ sein sollte? An der Stelle zögert Hüttgens. „Sich in der Innenstadt lieber aufhalten, weil es dort schöner ist“, das ist eher seine Idee. Luftschleusen wären da auch ein Thema und vor allem Maßnahmen, um dem Klimawandel zu begegnen. Denn man brauche praktische Lösungen, wenn es zum Beispiel um Starkregenereignisse gehe. Hütgens ist in jedem Fall ein Fan stärkerer Bürgerbeteiligung. „Die Bürgerbeteiligung beim Peter-Plümpe-Platz finde ich eine Supersache, das ist ein altes Ding der SPD.“ Schade sei nur, dass da so wenige Bürger mitgewirkt hätten, findet der Ortsverbands-Vorsitzende.

Das Bauprojekt Lindenstraße, das im Stadtentwicklungsausschuss vorgestellt wurde, habe ihn persönlich überrascht, passe möglicherweise aber zu einem der Topthemen der SPD in der Wahl: der Frage nach sozialem, bezahlbarem Wohnraum. „Wir müssen gucken, dass die Leute erschwinglich wohnen.“

Die SPD befürworte die OW1 – auch wenn Hütgens seine persönlichen Bauchschmerzen nicht verhehlen mag. „Ich finde die OW1 wichtig, aber würde mir wünschen, sie wäre nicht nötig. Insgesamt ist das ein riesiges Ding, das man da hinbaut“, spricht er von einem „einschneidenden Eingriff“. In einem KB-Leserbrief dazu in einer der jüngsten Ausgaben seien ihm viele Dinge „nahe gegangen“, sagt er. „Wenn man es schaffen würde, diese ganze Pendler- und Verkehrsstruktur herunterzufahren, dann wäre die OW1 vielleicht nicht notwendig. Das würde für mich die bessere Variante sein. Aber ich glaube trotzdem, dass sie für Kevelaer wichtig ist.“ Denn als „indirekter Anwohner“ bekomme er mit, „wie die Menschen darunter leiden.“

Nicht zufriedenstellend

Die SPD wirbt für einen „Streetworker“ als Schnittstelle zwischen der Jugend und der Verwaltung und eine bessere Anbindung des ÖPNV. Was da mit dem RE10 ablaufe, sei „alles andere als zufriedenstellend“. 

Und die Probleme, die das Coronavirus und die bevorstehenden Defizite im Haushalt auslösen werden, die sieht er schon. „Angepasst und angemessen an Corona handeln“, sagt Hütgens dazu. „Man kann nur priorisiert Projekte machen – aber nicht auf Kosten von Minderheiten und Schwachen“, stellt er klar. So gesehen sei das Wahlprogramm eine „Absichtserklärung“ – aber natürlich auch ein Statement, welche Ideen eine Partei für eine Stadt hat.

Der Termin müsse noch kommuniziert werden, sagt Hütgens.  Aber das Programm soll auf einem Parteitag am 8. Juli 2020 verabschiedet werden. Und dann will man mit klassischen Ständen – unter den Bedingungen von Corona – und auch digital den Wähler von den Vorschlägen überzeugen. „Es hatten viele Leute Lust da mitzumachen – und so soll es auch weitergehen“, sagt Karin Heyer, die am Ende des Gesprächs dazustößt. Was aus Hütgens´ Sicht für die SPD ein Erfolg bei der Wahl wäre? „Wenn wir die Mandatszahl halten können, das wäre erfolgreich.“