In eigener Sache: Rudolf Beerden, Herausgeber des Kevelaerer Blatts, ist zugleich Repräsentant von „Der Mittelstand. BVMW” für den Kreis Kleve. Er war beim „Zukunftsdialog Wirtschaft” in beiden Funktionen vor Ort – als Berichterstatter dieses Textes und als Netzwerker des Verbandes. Diese Doppelrolle wird im folgenden Bericht transparent ausgewiesen.
Kevelaer/Geldern. Wenn Dominik Lemken über Innovationsförderung spricht, wird er selten allgemein. Der Geschäftsführer der WALTHER Faltsysteme GmbH am Hoogeweg redet über Prototypen, Werkzeugbau, die Zusammenarbeit mit der Hochschule Niederrhein und der TU Dortmund – und über Bundesprogramme, die es einem Mittelständler überhaupt erst erlauben, ein Jahr zu forschen, ohne dass das Tagesgeschäft leidet. Am Rande des „Zukunftsdialog Wirtschaft” am 18. September 2026 im Forum der Realschule An der Fleuth in Geldern machte er im Gespräch mit dem KB deutlich, wie eng das eine mit dem anderen zusammenhängt. Der Autor dieser Zeilen war dabei in doppelter Funktion unterwegs: journalistisch für das Kevelaerer Blatt und als BVMW-Repräsentant im Kreis Kleve.
Ein Nachmittag mit Blick auf 2035
Eingeladen hatten die LEADER-Regionen „Lei.La” (Geldern, Kevelaer, Nettetal, Straelen) und „Lemini” gemeinsam mit der IHK Niederrhein und der Volksbank an der Niers. Unter der Leitfrage, was den Wirtschaftsstandort Niederrhein 2035 auszeichnen soll, kamen mehr als 100 Vertreterinnen und Vertreter aus Politik, Wirtschaft und Verwaltung des südlichen Kreises Kleve zusammen.
Den politischen Rahmen setzte Stefan Rouenhoff, Bundestagsabgeordneter für den Kreis Kleve und seit 2025 Parlamentarischer Staatssekretär im Bundesministerium für Wirtschaft und Energie. In seinem Grußwort machte er die Sorgen des heimischen Mittelstands – Energiepreise, Bürokratie und verlässliche Innovationsförderung – zum Auftrag Richtung Berlin.
Den wissenschaftlichen Impuls lieferte Prof. Dr. Andreas Engelen (Heinrich-Heine-Universität Düsseldorf) mit seinem Vortrag „Von der Vision zur Umsetzung: Mit Future-Back die Zukunft des Unternehmens gestalten”. Sein Ansatz: nicht Schritt für Schritt vom Heute nach vorn planen, sondern vom klaren Zielbild aus rückwärts die heute nötigen Weichen ableiten – ein Denkmodell, das er ausdrücklich auch für Familienunternehmen und Zulieferer im Kreis Kleve anwendbar sieht.
Aus der Praxis folgten Unternehmensimpulse: Christian Grusa (BAAK Sicherheitsschuhe, Straelen) zu Generationenwechsel und Nachfolge, dazu Sara Schnurbusch (DHG Vertriebs- und Consultinggesellschaft, Wachtendonk), die Nachhaltigkeit systematisch in ihre Strategie einwebt und dafür bereits EcoVadis-Gold erhalten hat. Die Netzwerkperspektive brachten Dr. Benedikt Rösen (Wirtschaftsförderung Kreis Kleve), Dr. Anke Schirocki (Agrobusiness Niederrhein) und die Wirtschaftsjunioren Kreis Kleve mit Kreissprecher Benedikt Tebartz van Elst (Irrland) auf die Bühne; Friedhelm Lange (Wirtschaftsförderung Mönchengladbach) steuerte Projektideen aus der Nachbarregion bei. Moderiert von Antonia Cox, endete der Nachmittag mit der Zukunftswerkstatt „Niederrhein 2035″.
Das Gespräch mit Dominik Lemken fand am Rande der Veranstaltung statt, nachdem der Parlamentarische Staatssekretär den Saal bereits wieder verlassen hatte. Der Fall WALTHER – vier abgeschlossene ZIM-Projekte in Kooperation mit Hochschule Niederrhein und TU Dortmund, rund 210 Arbeitsplätze in Kevelaer – ist damit ein Beispiel aus dem eigenen Wahlkreis für Fragen, über die in Berlin derzeit entschieden wird: Zukunft von ZIM, Forschungszulage und Industrieforschungsprogrammen.
Antragsstopp beim ZIM
Das Zentrale Innovationsprogramm Mittelstand (ZIM) des Bundeswirtschaftsministeriums ist seit fast zwei Jahrzehnten eines der zentralen Förderinstrumente des Bundes für Forschungs- und Entwicklungsprojekte kleiner und mittlerer Unternehmen. Am 7. Juli 2026 verhängte das Ministerium um 12 Uhr einen befristeten Antragsstopp – die rund 536 Millionen Euro Haushaltsmittel für 2026 waren angesichts stark gestiegener Nachfrage praktisch verbraucht (BMWE/ZIM). Für viele Unternehmen bedeutete das: Innovationsprojekte pausiert, teils komplett aufgegeben.
Der Bundesverband mittelständische Wirtschaft (BVMW) schrieb Ende August in einem offenen Brief an Wirtschaftsministerin Katherina Reiche und Finanzminister Lars Klingbeil: „Ausgerechnet eines der erfolgreichsten Instrumente zur Förderung mittelständischer Innovationen wird in einer Phase ausgebremst, in der Deutschland mehr Investitionen, mehr Forschung und mehr Wachstum dringend benötigt.” Sechs weitere Wirtschaftsverbände schlossen sich an.
Wenige Wochen später beschloss der Haushaltsausschuss des Bundestages, bis zu 272 Millionen Euro für die Industrieforschungsprogramme IGF, ZIM und INNO-KOM nachzuschieben. Der BVMW verweist zudem darauf, dass bereits im Frühjahr 2025 nach seiner Intervention „ausreichend Mittel” für das ZIM bereitgestellt worden seien. Vollständig geöffnet ist die Antragstellung derzeit nicht – Bund und Verbände zielen auf Anfang 2027, sobald der neue Haushalt steht.
Warum das ausgerechnet Kevelaer angeht
Für Lemken sind das keine fernen Berliner Nachrichten, sondern Betriebsalltag. WALTHER Faltsysteme, seit Jahrzehnten am Hoogeweg ansässig, stellt faltbare Mehrweg-Ladungsträger her und beliefert nach Unternehmensangaben Kunden aus Automotive, Elektronik, Handel und Lebensmittelindustrie. Rund 210 Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter arbeiten heute für das Familienunternehmen – vom Werkzeugbau über Produktion und Montage bis in Vertrieb und Verwaltung. Produziert wird in Kevelaer, geliefert wird auch nach Übersee; 2024 wurde das Unternehmen als eines der ersten im Kreis Kleve mit dem Umwelt- und Klimazertifikat ÖKOPROFIT ausgezeichnet.
In den vergangenen Jahren hat WALTHER vier ZIM-geförderte Forschungs- und Entwicklungsprojekte abgeschlossen – jeweils in Kooperation mit der Hochschule Niederrhein und der TU Dortmund. Aus dieser Zusammenarbeit von Wissenschaft und Praxis seien Ergebnisse hervorgegangen, die das Unternehmen anschließend auch für eigene Produkte habe nutzen können, sagt Lemken. Bereits 2018 hatte WALTHER etwa mit dem Fachbereich Textil- und Bekleidungstechnik der Hochschule Niederrhein den sogenannten Fast-Fashion-Container für die Modelogistik entwickelt.
Ein eigenständiges Produkt ist der WALTHER-Rollcontainer mit patentiertem Schnellkopplungssystem. Wesentliche Erkenntnisse aus den ZIM-Projekten seien in dessen Entwicklung eingeflossen, sagt Lemken; das Vorhaben selbst sei aber nicht Teil der ZIM-Förderung gewesen. Nach Angaben des Herstellers lässt sich der Rollcontainer im leeren Zustand um bis zu 80 Prozent im Volumen reduzieren und verbindet klassische Rollcontainer-Logistik mit dem Faltbox-Prinzip – vor allem für den Rücktransport leerer Behälter. Fach- und Designjurys zeichneten das Produkt in den vergangenen Jahren mehrfach aus: pro-K Award 2020, Deutscher Verpackungspreis in Gold 2021, German Design Award 2021 und Red Dot Award: Product Design 2022.
Für Lemken lässt sich aus der Bilanz der vier ZIM-Projekte eine Kernaussage ableiten: Steuergeld sei nicht in einer Studie versickert, sondern in Beschäftigung und Wertschöpfung in Kevelaer geflossen. Nur durch Innovationen waren Wachstum möglich und so langfristig ma Niederrhein erfolgreich wirtschaften.
Innovationsförderung als Standortfaktor
An dieser Stelle wird ein Aspekt sichtbar, der in der bundesweiten Debatte um Förderprogramme mitunter in den Hintergrund tritt: Programme wie das ZIM fördern nicht nur einzelne Produkte, sondern haben aus Sicht der beteiligten Unternehmen auch Wirkung auf ganze Standorte. Die rund 210 Arbeitsplätze bei WALTHER sind laut Lemken das Ergebnis jahrelanger Entwicklungsarbeit, die ohne regelmäßigen Zugriff auf Bundesförderung in dieser Tiefe kaum möglich gewesen wäre. Ausgereifte Innovationen ziehen Aufträge nach sich, Aufträge Investitionen in Werkzeuge, Maschinen und Fachkräfte – und zusätzliche Stellen in Kevelaer wirken auf Gewerbesteuer, Ausbildungsplätze und regionale Kaufkraft. Aus dieser Perspektive ist Innovationsförderung auch ein Standortfaktor für den Niederrhein.
Verbandsarbeit aus Sicht eines Mittelständlers
Lemkens Einschätzung beim Zukunftsdialog fällt entsprechend nachdenklich aus: Ohne das Engagement von Wirtschaftsverbänden wie dem BVMW, so seine Beobachtung, wäre das Programm in dieser Form wohl nicht so schnell wieder auf die politische Tagesordnung gekommen. Wenn Berlin unter Sparzwang gerate und Förderlinien wegzubrechen drohten, sei eine bundesweite, branchenübergreifende und parteipolitisch unabhängige Interessenvertretung für den Mittelstand aus seiner Sicht ein wichtiger Faktor – neben Kammern, Fach- und Regionalverbänden, die ihrerseits eigene Akzente setzen.
Seit dem Spätsommer hat der BVMW auch im Kreis Kleve einen eigenen Repräsentanten: Rudolf Beerden, vielen Leserinnen und Lesern als Herausgeber des Kevelaerer Blatts bekannt und Autor dieses Berichts. In dieser zweiten Rolle war er auch in Geldern, um am Rande des Zukunftsdialogs Kontakte in die regionale Unternehmerschaft zu knüpfen und die neue BVMW-Struktur im Kreis bekannter zu machen.
Der Verband will bestehende Angebote im Kreis nicht ersetzen, sondern ergänzen – mit Formaten zu Fachkräften, Ausbildung, Nachfolge, Energie, Bürokratie und Digitalisierung. Wie tragfähig diese Repräsentanz für die rund 21.000 gewerblichen Unternehmen im Kreis Kleve tatsächlich ist, wird sich in den kommenden Monaten zeigen. Berichte über den BVMW, seine Veranstaltungen oder Gespräche wie das mit Dominik Lemken weist das KB grundsätzlich als solche aus.
Was der Fall WALTHER über Verbandsarbeit sagt
Der Fall WALTHER weist über den Einzelbetrieb hinaus: Ein Mittelständler forscht mit zwei Hochschulen, nutzt über Jahre hinweg ein Bundesförderprogramm – und ist darauf angewiesen, dass dieses Programm politisch abgesichert bleibt. Wer ZIM, Forschungszulage, Bürokratieabbau oder Energiepreise nicht nur im Betrieb spürt, sondern auch in Berlin adressiert sehen möchte, kann das kaum allein von der Werkbank aus tun.
Mittelstandsverbände – vom BVMW über Kammern bis zu Fach- und Regionalverbänden – versuchen an dieser Stelle Brücken zu bauen: als Ansprechpartner in Berlin, wenn Programmstopps drohen, als regionales Netzwerk für Erfahrungsaustausch zu Fachkräften, Nachfolge, Digitalisierung oder Energie, und als Kanal, über den aus konkreten betrieblichen Problemen politische Forderungen werden können – so wie beim Brandbrief zur Wiedereröffnung des ZIM. Genau darauf zielten in Geldern auch die Beiträge zur Netzwerkperspektive: Dr. Benedikt Rösen (Wirtschaftsförderung Kreis Kleve), Dr. Anke Schirocki (Agrobusiness Niederrhein), die Wirtschaftsjunioren Kreis Kleve mit Kreissprecher Benedikt Tebartz van Elst (Irrland) und Friedhelm Lange (Wirtschaftsförderung Mönchengladbach) unterstrichen, wie sehr Standortarbeit heute von kooperativer Zusammenarbeit lebt – zwischen Unternehmen, Hochschulen, Wirtschaftsförderungen, Kammern und Verbänden über Kreis- und Regionsgrenzen hinweg. Der Fall WALTHER – mit ZIM, Hochschule Niederrhein, TU Dortmund und Bundespolitik in einer Kette – ist dafür ein Beispiel aus dem Kreis Kleve. In solchen Debatten entscheidet sich am Ende auch, ob Betriebe wie WALTHER Faltsysteme in fünf Jahren noch gemeinsam mit einer Hochschule ein neues Produkt entwickeln und ob sie ihre rund 210 Arbeitsplätze vor Ort halten und ausbauen können. Dominik Lemken hat sich dazu längst eine eigene Meinung gebildet.
Schnelle Fakten
- Zukunftsdialog Wirtschaft: Freitag, 18. September 2026, Forum der Realschule An der Fleuth in Geldern. Veranstalter: LEADER-Regionen „Lei.La” (Geldern, Kevelaer, Nettetal, Straelen) und „Lemini”, in Kooperation mit IHK Niederrhein und Volksbank an der Niers. Mehr als 100 Gäste aus Politik, Wirtschaft und Verwaltung. Referentinnen und Referenten u. a.: Stefan Rouenhoff (Parl. Staatssekretär BMWE), Prof. Dr. Andreas Engelen (HHU Düsseldorf), Christian Grusa (BAAK Sicherheitsschuhe, Straelen), Felix Vos (MERA Petfood, Kevelaer), Sara Schnurbusch (DHG, Wachtendonk), Dr. Benedikt Rösen (Wirtschaftsförderung Kreis Kleve), Dr. Anke Schirocki (Agrobusiness Niederrhein), Wirtschaftsjunioren Kreis Kleve mit Kreissprecher Benedikt Tebartz van Elst, Friedhelm Lange (Wirtschaftsförderung Mönchengladbach). Moderation: Antonia Cox
- ZIM – Zentrales Innovationsprogramm Mittelstand: Bundesweites Förderprogramm des BMWE für Forschungs- und Entwicklungsprojekte kleiner und mittlerer Unternehmen; seit dem Start mehr als 80.000 geförderte Unternehmen .
- Antragsstopp seit 7. Juli 2026: Wegen ausgeschöpfter Haushaltsmittel keine neuen ZIM-Anträge und Skizzen; ausgenommen sind bestimmte internationale Kooperationen. Bewilligte Projekte laufen weiter. Wiederaufnahme angestrebt Anfang 2027.
- BVMW – Der Mittelstand: Nach eigenen Angaben bundesweiter, branchenübergreifender und parteipolitisch unabhängiger Wirtschaftsverband mit über 300 regionalen Ansprechpartnern. Initiator des offenen Briefes zur Wiedereröffnung des ZIM.
- Ansprechpartner im Kreis Kleve: Rudolf Beerden, Repräsentant „Der Mittelstand. BVMW” und Herausgeber des Kevelaerer Blatts – erreichbar unter rudolf.beerden@bvmw.de bzw. auf LinkedIn.
- Transparenzhinweis: Der Autor dieses Berichts war beim Zukunftsdialog in doppelter Rolle vor Ort – als Berichterstatter des KB und als BVMW-Repräsentant für den Kreis Kleve. Beide Funktionen werden konsequent offengelegt.
- WALTHER Faltsysteme GmbH: Hersteller faltbarer Mehrweg-Ladungsträger, Hoogeweg 136, Kevelaer. Familienunternehmen mit rund 210 Mitarbeiterinnen und Mitarbeitern. In den vergangenen Jahren vier abgeschlossene ZIM-Projekte in Kooperation mit Hochschule Niederrhein und TU Dortmund. Rollcontainer mit Volumenreduzierung von bis zu 80 %; mehrfach ausgezeichnet (u. a. Red Dot 2022, Deutscher Verpackungspreis Gold 2021, German Design Award 2021, pro-K Award 2020). ÖKOPROFIT-zertifiziert 2024.


pelemele