Vortrag einer beeindruckenden Frau

Nur mit einem kleinen Mini Cooper und einem fast ebenso kleinen, vier Quadratmeter großen Oldie-Caravan, der ihr und ihrer Tochter als Wohn- und Schlafstätte dient, erreichte Nicole Mtawa den „Goldenen Löwen.“ Gut 30 Gäste verfolgten dann den 90-minütigen Vortrag der 40-jährigen, ursprünglich aus Schwäbisch Gmünd stammenden Frau. Sie war auf Einladung des Vereins „wirKsam e.V.“ im Rahmen ihrer Fundraising-Tour für Kinder in Afrika gekommen. Den Draht zu ihr hatte der Verein über die private Freundschaft von Helen Wouters geknüpft.

Mtawa, gelernte Diplom-Ingenieurin für Bekleidungstechnik, schilderte in ihrem Vortrag, wie sie als junge Frau zunächst 2001 bei einer Reise in Australien ihre Ängste zurückgelassen habe, um sich auf Reisen in fremde Länder zu begeben. Den ersten konkreten Kontakt mit Tansania hatte sie persönlich ein Jahr später. Dort begegneten ihr dann im Winter 2003 „zwei Jungen, die nur noch Haut und Knochen waren.“ Diese Begegnung veränderte die junge Frau – nachhaltig.

Sie entschied sich, 2005 nach Tansania zu gehen, um dort Straßenkindern zu helfen. Dabei verliebte sie sich in den Mann Juma, der seit seinem siebten Lebensjahr auf der Straße lebt. 2009 veröffentlichte sie ihr erstes Buch „Sternendiebe“ und gründete anschließend den Verein „Human Dreams“. Nahe der Stadt Neu-Del­hi begründete sie dann in Indien ein Kinderpflegeheim, wo sie im März 2011 das erste voll pflegebedürftige Kind aufnehmen konnte und wo die Mitarbeiter unter deutscher Leitung die Kinder im Heim pflegen oder sogar Hausbesuche machen.

Vergessen Sie, was Sie über Afrika hören.“ (Mtawa)

Fünf Jahre später eröffnete Mtawa in Tansania ein Kinderdorf mit fünf Kinderhäusern für je sechs pflegebedürftige Kinder – in einem Land, wo pflegebedürftige oder kranke Kinder oft aus Aberglaube förmlich versteckt werden. Dort entstand dann auch ein eigenes Rehabilitationszentrum. Dazu kamen autarke Eigenversorgung mit Solarpanel, Garten und eigenem Wasser. „Vergessen Sie alles, was Sie über Afrika hören. Da haben wir das beste Wasser der Welt“, lachte Mtawa.

Anhand diverser Bilder und den sehr persönlichen Geschichten der Kinder, die entweder die Mutter verloren haben oder ausgesetzt wurden, verdeutlichte sie, wie sich die Situation für Kinder durch die Betreuung in relativ kurzer Zeit spürbar zum Positiven verändert. Und den Mitarbeitern vor Ort verschaffe sie durch ein regelmäßiges Einkommen und eine Krankenversicherung Lebenskontinuität. Auch die Kinder würden versichert – für 20 Euro im Jahr (!). „Wer uns also 100 Euro spendet, der sichert fünf Kinder mit ab.“

Mit wenig Geld könnte man viel tun. „Das ist für mich kein Tropfen auf dem heißen Stein“, motiviere sie immer wieder „die Freude, die die Kinder ausstrahlen“, um weiterzumachen. „Sie werden immer voll pflegebedürftig sein, aber sie werden Lebensfreude empfinden und zeigen auf ihre Weise, dass es ihnen gut geht.“ Um Geld aufzutreiben, tourte sie 2017 und 2018 mit dem 23 Jahre alten Mini und dem 53 Jahre alten Transporter durch Europa. Dabei trifft sie die „Weiße Massai“ Corinne Hofmann und einen italienischen Volleyballstar, der mit ihr ein Fotoshooting macht.

Zusätzlich zu dem Kinderdorf wird jetzt in Tansania eine Kita für zwölf Pflegekinder und ihre alleinerziehenden Mütter zur Verfügung stehen. Für dieses Projekt kamen allein von „Ein Herz für Kinder“ 164.800 Euro als Spende zusammen. Für 2020 plant Mtawa jetzt, in Namibia eine tiergestützte Therapiestätte mit Mini-Ponies zu gründen. In den nächsten Tagen erhält sie eine zweijährige Aufenthaltsgenehmigung für das Land, hat bereits von einem Deutsch-Namibianer ein Haus und eine 50.000 Quadratmeter große Fläche 15 Kilometer von Windhoek entfernt erworben. „Dort lebe ich ab Januar.“

Es gibt nicht nur Plan A

10.000 Euro habe sie schon angezahlt, sagt die zierliche Frau. Bis zum 15. Januar, so ist ihr Plan, möchte sie dafür 200 Spender finden, die jeder dafür 1.000 Euro geben. „Es muss klappen. Und wenn es nicht klappt, dann gibt es halt Alternativen.“

Die Zuhörer zeigten sich stark beeindruckt. „Sie ist die bemerkenswerteste Person, die ich je in meinem Leben getroffen habe. Sie hat meine Sicht auf die Welt so sehr verändert. Ich bewundere sie“, meinte die gebürtige Brasilianerin Jaime Müller-Marcena, die selbst in dem Projekt in Tansania und in Indien mitgewirkt hat. Anne van Rennings von „wirKsam e.V.“ fand es danach „erstaunlich, was so eine Begegnung auslösen kann“, und beschrieb es als „beachtlich, was da auch an persönlicher Hingabe“ seitens Mtawa passiert. „Wir sind stolz, Teil dieser Fundraising-Tour zu sein.“

Agnes Bissels aus Geldern meinte: „Ich fand diese Authentizität und dieses große Engagement toll. Wir haben selbst ein Kinderdorf in Tansania.“ „Sie ist ein offener Geist und hat Selbstvertrauen. Ich würde nicht mit einem Kind im Mini reisen“, gestand Andrea Raabe, die extra für den Vortrag aus Xanten angereist war.