Im Zuge einer mehrtägigen Reise durch Deutschland besuchte eine Gruppe von Fachkräften von Caritas Mexicana am 12. November den Sozialdienst katholischer Frauen e.V. (SkF) im Kreis Kleve im „Haus #hopes“ in Kevelaer. Bei dem von Gerrit Hermans vom Caritasverband Geldern-Kevelaer e.V. initiierten und begleiteten Treffen ging es um den Austausch von Wissen, Erfahrungen, Rahmenbedingungen und Vorgehensweisen im Bezug auf Gewalt gegen Frauen.
Begleitet wurde die Gruppe auch von Christine Decker, Referentin für Öffentlichkeitsarbeit bei Caritas international, die für die sprachliche Verständigung zwischen den deutschen und den mexikanischen Fachkräften sorgte. Von Caritas Mexicana zu Gast waren: Patsy Areli Franco Noriega, Asalia Lechuga Sanchez, Perla Raquel García Pérez, Itzel López del Valle und Llery Raul Alborez Pérez.
Alle begleiten auf nationaler Ebene als „KoordinatorInnen“ Friedens-, Jugend- und Anti-Gewaltprojekte. Zunächst begrüßte Katja Koester, beim SkF verantwortlich für das Übergangswohnen, insbesondere für das Haus #hopes und dessen Mieterinnen, die Gäste und erläuterte ihren Arbeitsbereich. Im #hopes sowie in angemieteten Wohnungen im Raum Kleve finden alleinstehende und alleinerziehende Frauen ein Zuhause, die beispielsweise nach einer Trennung oder Verlust ihrer bisherigen Wohnung eine neue Unterkunft benötigen. Im #hopes werden sie nicht nur untergebracht, sondern auch begleitet, bis sie soweit wieder Fuß gefasst haben, um ihren Alltag selbstständig zu gestalten.
Verschiedene Problematiken
Im Anschluss erklärte Nicole Zigan anhand einfacher Schaubilder ihren Fachbereich der Frauenfachberatungsstelle. Zu ihr und zu den Kolleginnen in Kleve, kommen Frauen mit verschiedenen Problematiken. Im Kern steht immer die akute oder drohende Wohnungslosigkeit, begleitet von beispielsweise finanziellen Sorgen, Arbeitslosigkeit, Trennung, Gewalterfahrungen oder gesundheitlichen Schwierigkeiten. Gemeinsam mit einem Netzwerk aus anderen caritativen Verbänden und Behörden möchte sie Frauen wieder handlungsfähig, unabhängig und selbstsicher machen. Für die Kolleginnen und Kollegen aus Mexiko war vor allem diese Netzwerkarbeit beeindruckend.
Die mexikanischen Fachkräfte koordinieren und leiten verschiedene Programme und Projekte für Frauen und Jugendliche. Gewalt ist in Mexiko ein großes Problem. Es gibt viel Bandenkriminalität, organisiertes Verbrechen und Korruption. Vor allem junge Menschen werden Opfer von Mord, Entführungen und Gewalt.
In den sogenannten „Zentren des Zuhörens“ der Caritas dort steht die ehrenamtliche Tätigkeit im Fokus. Menschen mit Gewalterfahrung werden in Workshops und Selbsthilfegruppen unterstützt und soweit wieder aufgebaut, dass sie am Ende dieses begleiteten Prozesses selbst in der Lage sind, anderen Betroffenen zu helfen. Sie lernen, das Erlebte emotional zu verarbeiten, ihre Gefühle und Erfahrungen zu kommunizieren, Grenzen zu setzen, Entscheidungen zu treffen und einen neuen Lebensentwurf, eine neue Perspektive für sich zu finden. Dieser Heilungs- und Selbstfindungsprozess dauert etwa 6 bis 12 Monate.
Neuer Lebensentwurf
Einen neuen Lebensentwurf gestalten auch die Mitarbeiterinnen vom SkF mit den von ihnen betreuten Frauen, so Karin Schlebusch vom Team Ambulant Betreutes Wohnen. Die Frauen erhalten Unterstützung bei der Wohnungssuche oder dem Wohnungserhalt, bei der Arbeitsplatz- oder Ausbildungsplatzsuche, bei der Strukturierung ihres Tagesablaufs oder dem Abbau von Schulden. Ziel ist dabei immer, die Frauen dahingehend zu stärken, dass sie ihren Alltag wieder selbstständig bewältigen können.
Die mexikanischen Fachkräfte berichten von einer sehr abgelegen, kleinen Gemeinde am Pazifik. Hier landen oftmals die Schmugglerboote der Drogenkartelle. Die Bevölkerung lebt in Angst zwischen den Fronten, Drohungen und Gewalt sind allgegenwärtig. Die Mitarbeiterinnen, die den Menschen in dieser Gegend helfen wollen, arbeiten unter Lebensgefahr.
Sie bedienen sich eines kleinen Tricks. Sie reisen mit einem Stuhl und einer Bibel durch den Ort von Tür zu Tür und wenn sie bei einer Kontrolle auf der Straße aufgegriffen werden, sagen sie, sie wären nur zum gemeinsamen Bibellesen und Gebet da oder würden einen Krankenbesuch machen. So erreichen sie nach und nach immer mehr Menschen im Ort und treffen sich schließlich mit Rosenkränzen in den Händen und Bibeln unterm Arm in der Kirche zur Selbsthilfegruppe, auch hier unter dem Vorwand, eine Bibelstunde abzuhalten.
Die Kirchen und Gemeinden haben in Mexiko noch einen deutlich höheren Stellenwert und bieten den Rahmen für die Hilfsprojekte der Caritas. Die Kevelaerer Kolleginnen sind beeindruckt vom Mut und der Entschlossenheit der Ehrenamtlichen, unter so schwierigen Bedingungen zu helfen.
Am Ende überreichten die mexikanischen Kollegen den Mitarbeiterinnen des SkF ein selbstentworfenes Spiel „Lotterie – Handwerker des Friedens“. In diesem Spiel tauchen Begriffe auf, die für die Arbeit mit Betroffenen von Bedeutung sind, z. B. Hoffnung, Empathie, Dankbarkeit, Vertrauen und Geduld. Alle Teilnehmenden empfanden den Austausch als inspirierend und bereichernd und waren dankbar für dieses Treffen.



