Vom Weg abgekommen

Es war eine umfangreiche Liste an Vergehen, die die Staatsanwältin im Saal 105 des Klever Landgerichts zum Auftakt dem Angeklagten Torsten F. vorhielt. Die Palette reichte vom Widerstand gegen Vollstreckungsbeamte über Körperverletzung und Sachbeschädigung in mehreren Fällen sowie Diebstahl bis zum Hausfriedensbruch.
Dabei soll der wegen Diebstahls und des Besitzes von Betäubungsmitteln vorbestrafte 26-Jährige zwischen 2016 und 2017 unter anderem Container in Brand gesteckt, eine Holzkiste mit Steinen auf die Windschutzscheibe eines Wagens geworfen und die Scheibe mehrerer Geschäfte und des Gasthofs „Zur Brücke“ eingeschlagen habe. Der junge Mann ist zur Zeit in der Landesklinik Essen untergebracht.
Die dramatischste Situation ergab sich am 3. Juni 2017, als er nach Angaben der Staatsanwältin am Hülsparkstadion von zwei Beamten ein Hausverbot erhielt, dann unmittelbar ein Messer zückte und damit die Beamten bedrohte. Nach einer Verfolgungsjagd konnte er erst in einem Keller am Mühlenweg von Sondereinsatzkräften gestellt werden.
Auch soll er mehrfach die Fenster der Wohnung seiner Mutter aufgebrochen und ihren Lebensgefährten dort mit einem Messer bedroht haben.
Der Selbstmord des Vaters machte ihm zu schaffen
Zu den Vorwürfen wollte sich der junge Mann nicht äussern, wohl aber zu seiner Person. Demnach hatte er das Gymnasium bis zur 9. Klasse besucht, die Realschule kurz besucht und war auch kurz im Internat gewesen. Daraus sei er aber abgehauen, habe bis 2015 unter anderem als Gärtner gearbeitet und zuletzt von Hartz IV gelebt.
Mit dem Abbruch der Schule habe er auch mit der Einnahme von Cannabis und Amphetaminen begonnen, 2014 für ein Jahr eine „schlimme Alkoholphase“ gehabt, aber damit aufgehört. „Aus Dummheit“ habe er 2015 im Sommer wieder mit dem Kiffen begonnen.
In der Befragung kam heraus, dass sein Vater 2005 gestorben war. „Das hat Sie mitgenommen?“, fragte der zuständige Richter Jürgen Ruby. „Genau“, antwortete der Angeklagte. Der junge Mann führte aus: „Mein Vater hat sich suizidiert, seitdem ging es nicht mehr so gut.“ Er habe jetzt darüber aber nachgedacht, es abgeschlossen und wolle zukünftig „ein vernünftiges Leben“ mit Schulabschluss und einer Familie führen.
Seine 8000 Euro Schulden kämen von den Sachbeschädigungen und den Handykosten. Die Auswirkungen des Entzugs hielten sich  – bis auf innere Unruhe – in Grenzen, der Zustand auch ohne Neuroleptika sei „gut“, führte der Angeklagte aus. Richter Ruby bestätigte, dass der Angeklagte momentan „einen hervorragenden Eindruck“ mache.
Die Mutter des Angeklagten verweigerte die Aussage. Ihr Lebensgefährte berichtete von einem „unangenehmen Besuch des Sohnes“, als er dort war, obwohl er „wegen der psychischen Probleme“ und der mehrfachen Zerstörung von Scheiben nicht hätte dort sein sollen.
Er habe ihn rausschmeißen wollen. Da habe er wohl aus Angst vor ihm ein Küchenmesser aus dem Messerblock in der Küche genommen, es aber nur vor sich selbst und nicht gezielt in seine Richtung gehalten. Der Zeuge räumte ein, dass der Junge heute „anders als damals“ aussehe. „Vor einem Jahr hatte er 15 Kilo weniger, war abgemagert, ein Hänfling.“
Heftige Situation am Hülsparkstadion
Danach vernahm der Richter die beiden Beamten, die am 3. Juni 2017 am Hülsparkstadion gewesen waren. Beide machten deutlich, dass der Angeklagte ihnen bekannt gewesen sei: „Er hat früher schon mit einem Baseballschläger wahllos Scheiben und Autos eingeschlagen.“ Es sei erkennbar gewesen, dass er dort unter dem Einfluss berauschender Mittel gestanden habe. Er habe „wirr gesprochen“.
Man habe einen Platzverweis ausgesprochen, mit ihm ruhig geredet und versucht, mit ihm das Gelände zu verlassen. Als der Polizist die Personenabfrage gestartet habe, sei die Situation plötzlich gekippt. „Er ist völlig ausgerastet, ging in die Hocke und hatte auf einmal ein Messer“, sprach die Beamtin von einer Art „Küchenschälmesser.“
Man sei dann eine Schritt zurückgegangen, habe die Waffen gezogen und ihn aufgefordert, das Messer fallen zu lassen. Er sei dann über ein Rad gestolpert und hingefallen, ein Beamter habe daraufhin Pfefferspray angewandt, was der Angeklagte aber „einfach weggewischt“ habe.
Surreale Situation
Der Angeklagte habe dann versucht, mit dem Fahrrad weggefahren. Der Polizist konnte das Rad mit einem Tritt in den Hinterreifen zu Fall bringen. Der Angeklagte sein dann  – noch immer mit dem Messer in der Hand – über den Hülspark stadteinwärts zu Fuß weiter geflohen, habe sich an einem Mehrfamilienhaus auf dem Boden gesetzt und begonnen sich auszuziehen. „Eine surreale Situation“, so der Polizeibeamte.
Anschließend sei er in das Haus gestürmt, habe eine ältere Frau im Flur erschreckt und sich dann nach einem Sprung in die Tiefe in einen Kellerraum verbarrikadiert, wo er von Spezialeinsatzkräften überwältigt wurde.
„Die haben es zehn Minuten lang nicht geschafft, ihn  ruhig zu halten“, wandte sich der Beamte direkt an Torsten F. und machte ihm klar, wie viel Glück dieser gehabt habe. Es hätte auch zum Gebrauch der Schusswaffe kommen können. „Der Zeiger hatte lange zwölf Uhr passiert.“
Für den Prozess sind drei weitere Verhandlungstage angesetzt. Dann werden weitere Zeugen zu den diversen Taten befragt.