Schon zum vierten Mal in Folge stellt die Lehr- und Produktionsküche der Schulmensa in Kevelaer die oder den Besten ihres Ausbildungsberufs im Bezirk der Industrie- und Handelskammer zu Duisburg. In diesem Jahr trägt die 21-jährige Judith Bürger diesen Titel. Mit 86 von 100 Punkten hat sie ihre Abschlussprüfung zur Fachpraktikerin Küche bestanden – das beste Ergebnis im gesamten IHK-Bezirk. Eine weitere Auszubildende aus der Kevelaerer Mensa kam auf 85 Punkte. Am 8. Oktober werden beide von der Niederrheinischen Industrie- und Handelskammer in Duisburg für ihre Leistung geehrt. Betrieben wird die Schulmensa seit 2012 vom SOS-Kinderdorf Niederrhein, das dort junge Menschen mit besonderem Unterstützungsbedarf in Küche und personalen Dienstleistungen ausbildet.
Vom Schulpraktikum zur Bestnote
Für Judith Bürger ist die Auszeichnung ein besonderer Höhepunkt eines Weges, der genau dort begann, wo er nun endet: in der Schulmensa. Nach ihrem Hauptschulabschluss an der Sekundarschule absolvierte sie dort zunächst eine berufsvorbereitende Bildungsmaßnahme, kurz BvB. Sie lernte das Team kennen, bekam einen Einblick in den Arbeitsalltag und merkte schnell, dass sie hier gut zurechtkam. Danach stand für sie fest: „Ich will bleiben und die Ausbildung zur Fachpraktikerin Küche beginnen.“
„Ich koche und backe schon immer gerne. Und hier in der Schulmensa habe ich mich einfach von Anfang an wohlgefühlt“, erzählt die 21-Jährige. Sie lebt mit ihrer Familie in Hartefeld, einem Dorf zwischen Sevelen und Geldern.
Drei Jahre harte Arbeit im geschützten Rahmen
Die Ausbildung zur Fachpraktikerin Küche ist stark praxisorientiert und enthält weniger Theorie als eine klassische Kochausbildung. In ihren drei Ausbildungsjahren hat Judith alle wichtigen Arbeitsschritte einer professionellen Küche erlernt: Lebensmittel vorbereiten, Speisen zubereiten, Arbeitsabläufe organisieren, Hygienevorgaben einhalten – und auch dann konzentriert bleiben, wenn es schnell gehen muss.
Begleitet wurde sie dabei von ihren Ausbilderinnen und Ausbildern sowie einem Sozialpädagogen, einer Stützlehrerin und einer Psychologin. So können die jungen Menschen ihre beruflichen Fähigkeiten entwickeln und gleichzeitig an Dingen arbeiten, die ihnen noch schwerfallen.
Wie wichtig diese Unterstützung für sie war, beschreibt Judith so: „Der geschützte Rahmen war für mich sehr wichtig. Ich bin eine Person, die sich gerne viele Sorgen macht, ja, vielleicht auch zu viele, vor allem, wenn etwas nicht auf Anhieb klappt. Wenn das dann zu Anspannung geführt hat, standen mir das Mensa-Team und auch meine Mit-Auszubildenden zur Seite. Wir haben einander in solchen Situationen unterstützt. Ich habe gelernt, mir dann kurz Zeit zu nehmen und tief durchzuatmen. Danach ging es direkt weiter.“
Mathe als größte Hürde
Auch bei fachlichen Hürden blieb Judith dran. „Mathe war schon immer ein großes Thema für mich“, sagt sie. Schon in der Schule musste sie dafür mehr lernen und üben als für manches andere Fach. Das blieb auch während der Ausbildung so. Dass sie trotzdem drangeblieben ist, zeigt ihre Ausdauer – und genau die sollte sich am Ende auszahlen.
Der Endspurt vor der Prüfung
Besonders intensiv wurde es in den Wochen vor der praktischen Abschlussprüfung. In der Schulmensa wurde gekocht, wiederholt und nachgebessert. Couscous-Salat, Chili con Carne, panierter Seelachs und Apfelpfannküchlein gehörten zu den möglichen Prüfungsgerichten. Was schon sicher gelang, kam ein paar Wochen später noch einmal auf den Plan. Was noch nicht saß, wurde häufiger geübt, bis die einzelnen Arbeitsschritte routiniert ineinandergriffen.
Koch und Ausbilder Thomas Wanders stellte daraus verschiedene Menüs zusammen. In der Vorbereitung hatten die Auszubildenden drei Stunden Zeit, um sie zuzubereiten, in der eigentlichen Prüfung waren es vier. Die knappere Übungszeit war bewusst gewählt, damit die jungen Köchinnen und Köche lernen, auch unter Druck ruhig zu bleiben und ihre Abläufe einzuhalten.
Für Judith zahlte sich das aus. Am Prüfungstag wusste sie, was zu tun war, und konnte sich auf das verlassen, was sie in den Wochen zuvor immer wieder geübt hatte. Thomas Wanders hat diese Entwicklung eng begleitet: „Judith hat das mit Bravour gemacht. Sie hatte ihre Abschlussprüfung schon Wochen und Monate vorher im Blick.“ Das Ergebnis: 86 von 100 Punkten und damit das beste Ergebnis ihres Ausbildungsberufs im Bezirk.
Nicht nur eine Übungsküche
Für Wanders zeigt der Erfolg auch, wie wichtig die intensive Begleitung während der Ausbildung ist. „Wir investieren hier viel Zeit in eine wirklich grundlegende Ausbildung der jungen Menschen. Wir schaffen einen Ort, an dem man sich wohlfühlen kann und an dem auch viel gelacht wird. Gleichzeitig wird hier jeden Tag sehr viel geleistet.“
Denn die Schulmensa ist kein reiner Übungsbetrieb. In Spitzenzeiten gehen dort bis zu 750 Essen über die Theke. Die Küche versorgt Schülerinnen und Schüler der Gesamtschule und des Gymnasiums Kevelaer täglich mit frisch gekochten Mahlzeiten sowie einer Pasta-, Salat- und Desserttheke. Zusätzlich bereitet das Team Mahlzeiten für eine offene Ganztagsschule außer Haus vor und liefert sie aus.
Mitten in diesem laufenden Betrieb lernen die Auszubildenden ihren Beruf. Sie stehen nicht daneben, sondern arbeiten von Anfang an mit. Nach und nach übernehmen sie mehr Aufgaben und Verantwortung und erleben dabei unmittelbar, dass ihre Arbeit gebraucht wird und sich andere auf sie verlassen.
Ausbildung mit Ablaufdatum
Gerade deshalb wiegt die Nachricht schwer, die in Kevelaer schon länger im Raum steht: Das Ausbildungsangebot in der Schulmensa endet voraussichtlich 2027, weil die bisherige Förderung durch die Agentur für Arbeit ausläuft. Zum 31. Juli 2027 werden die jungen Menschen des dann letzten Ausbildungsjahrgangs ihre Ausbildung in der Mensa beenden. Ob und in welcher Form es danach weitergeht, wird derzeit zwischen der Wallfahrtsstadt Kevelaer und möglichen Partnern sondiert.
In den vergangenen Jahren hat das SOS-Kinderdorf Niederrhein rund 250 junge Menschen in der Schulmensa auf das Berufsleben vorbereitet. Über 95 Prozent von ihnen fanden anschließend eine Beschäftigung auf dem ersten Arbeitsmarkt. Judiths Erfolg reiht sich damit in eine lange Liste von Werdegängen ein, die in der kleinen Ausbildungsküche am Kevelaerer Schulzentrum ihren Anfang nahmen – und zeigt zugleich, was mit dem Auslaufen der Förderung verloren zu gehen droht.
Judiths Zukunftspläne
Judiths Weg zeigt, wie gut die einzelnen Schritte ineinandergreifen können: erst die Berufsvorbereitung in der Schulmensa, dann die Ausbildung und schließlich der Abschluss als Innungsbeste. Für Judith beginnt nun der nächste Abschnitt. Dass sie beruflich in der Küche bleiben möchte, steht für sie fest. Service oder klassische À-la-carte-Gastronomie sind weniger ihr Bereich. Gut vorstellen kann sie sich dagegen eine Großküche, etwa in einem Seniorenheim oder einer Betriebskantine, wo feste Abläufe herrschen und sie sich auf ihre Aufgaben konzentrieren kann.
Bei der Stellensuche ist sie offen und mobil. Mit ihrem eigenen Auto kommen Arbeitsplätze im Kreis Kleve ebenso infrage wie im Kreis Wesel oder im Raum Duisburg. Entscheidend ist für sie weniger der Ort als das Umfeld: klare Strukturen, Verlässlichkeit und ein Team, in dem alle respektvoll miteinander umgehen.
Genau diese Eigenschaften bringt sie auch selbst mit. Ihr Anleiter sagt über sie: „Judith ist sehr zuverlässig, gewissenhaft und neugierig. Sie will immer dazulernen und bringt sich gut in ein Team ein. Sie braucht ein bisschen Zeit, um in neuen Situationen anzukommen. Wenn die Routine einmal da ist, geht für sie alles leicht von der Hand.“
Wie es für Judith konkret weitergeht, steht noch nicht fest. Zunächst sucht sie eine passende Stelle, mittelfristig kann sie sich auch eine eigene Wohnung vorstellen. In ihrer Freizeit engagiert sie sich bei den Pfadfindern, singt im Kirchenchor und spielt gelegentlich Tennis.
Die Bühne gehört ihr am 8. Oktober
Am 8. Oktober wird Judith von der Niederrheinischen Industrie- und Handelskammer Duisburg-Wesel-Kleve in Duisburg für ihr Prüfungsergebnis ausgezeichnet. Auf diesen Moment freut sich die 21-Jährige schon sehr – drei Jahre nach ihrem ersten Tag in der Schulmensa steht sie nun als Bezirksbeste auf der Bühne.
Schnelle Fakten
Die Schulmensa Kevelaer im Überblick
Seit 2012 betreibt das SOS-Kinderdorf Niederrhein die Mensa am Schulzentrum Kevelaer und bildet dort bis zu 40 junge Menschen mit besonderem Unterstützungsbedarf in Küche und Hauswirtschaft aus.
Täglich werden bis zu 750 frisch zubereitete Mahlzeiten für die Gesamtschule und das Gymnasium Kevelaer ausgegeben, zusätzlich liefert das Team Essen an eine offene Ganztagsschule.
Seit November 2023 ist die Mensa bio-zertifiziert; Rindfleisch, Reis und Nudeln kommen ausschließlich in Bio-Qualität auf den Teller.
Mit Judith Bürger stellt die Schulmensa 2026 bereits zum vierten Mal in Folge die oder den Innungsbesten im Ausbildungsberuf Fachpraktiker beziehungsweise Fachpraktikerin Küche im IHK-Bezirk Duisburg – 2025 hatte diesen Titel Michelle Blenkers mit 85 Punkten geholt.
Die aktuelle Förderung durch die Agentur für Arbeit läuft zum 31. Juli 2027 aus, sodass der jetzige Ausbildungsjahrgang voraussichtlich der letzte in dieser Form sein wird.
Über die künftige Ausrichtung der Mensa und der Ausbildung wird derzeit zwischen der Stadt Kevelaer und möglichen Kooperationspartnern verhandelt.


Wallfahrtsstadt Kevelaer
Rudolf Beerden