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Ludger Holla legt der Politik das Kommunale Handlungskonzept Wohnen 2030 vor

Wo will Kevelaer hin?

Das Thema „Bezahlbares Wohnen“ haben mittlerweile Politiker*innen jedweder Couleur ins Auge gefasst, natürlich auch in Kevelaer. Mehrere Rats-Fraktionen stellten in der vergangenen Wahlperiode Anträge, die dieses und weitere Wohnbau-Themen ins Auge fassten.

Ergänzung zur Bahnstraße 22

Zu dem Artikel „Schüler zeigen Bilder im ‚Kunst-Schau-Fenster‘ (KB 19, 7. Mai) kann KB-Autor Wilfried Schotten „eine kleine Ergänzung liefern, die sich auf diese Hausnummer bezieht.

Mein Vater Josef besaß in den 1920er- und 1930er-Jahren in Köln eine gutgehende Firma für Tapeten und Dekorationen. Zwei Geschäftshäuser wurden im WK II ausgebombt, wobei er 1942 auch seine erste Frau verlor. So verschlug es ihn 1943 nach Kevelaer.

Dort – auf der Bahnstraße 22 – gründete er wieder ein Geschäft für Tapeten, Lacke, Farben. Allerdings verlegte er selbiges schon früh in den 50ern an die Hauptstraße 21 (heute Kocken), ein paar Jahre später erfolgte der Umzug zur Hauptstraße 38 (Anna Dickmann).

Leider existiert meines Wissens kein Foto von dem damaligen Ladenlokal.
Aber das aktuelle ist auch gut anzusehen, oder?“

Foto: WiScho, 2013

Ist der Wohnraum falsch verteilt?

Im Kevelaerer Sozialtreff können Hilfeempfänger und Arme Beratung und Unterstützung im Gespräch erfahren. Ein aktuelles Thema waren zuletzt die „Mietrichtwerte und die Wohnsituation“ in der Wallfahrtsstadt.

Der Sozialtreff ist ein Angebot des Sozialberatungsvereins „Selbsthilfe“, was es mittlerweile in vielen Städten des Kreises Kleve gibt. Jeden ersten Dienstag im Monat bietet der Kevelaerer Sozialtreff in der Tagesstätte „Zur Krone“ Menschen, die Sozialhilfe oder Leistungen nach Hartz IV beziehen, die Gelegenheit, sich mit jemanden über ihre Situation und konkrete Probleme miteinander auszutauschen.

An diesem ersten Abend kamen zwei Betroffene, um ihre Anliegen auszutauschen und um einfach mal über ihre Situation zu sprechen. „Ich wohne seit einem halben Jahr mit vier Leuten in einer WG“, meinte einer der Beiden. Der Mann leidet an Depressionen. „Vorher habe ich alleine gewohnt. Da muss man Kompromisse schließen“, sagt er. Früher habe er gut verdient , einen guten Job gehabt. Die Krankheit in Verbindung mit Alkohol habe sich in sein Leben geschlichen. „Man muss lernen, mit wenig Geld umzugehen“, sieht er füŕs Wohnen noch Potenzial: „In Kevelaer stehen so viele Häuser leer. Kann man da nicht als Stadt daraus Wohnraum machen?“

Für Alleinstehende würde es immer schwerer oder sogar unbezahlbar, kleine Wohnungen zu finden, versichrte Ricarda Lambertz. Die Fachanwältin für Sozialrecht ist beratend im Kreis tätig. Sie schilderte den aktuellen Fall einer Frau mit kleinem Kind, die mit Zwillingen schwanger sei, Hartz IV beziehe und keine Aussicht auf eine Wohnung habe. „Das Jugendamt sagt: Das ist nicht unser Problem und die Vermieter sagen: die nicht.“ Und auch die Räumungsklagen würden zunehmen. Dazu käme, dass in einigen Städten die Zinsbindung für Sozialwohnungen ablief: „Das ist ein langfristiges Problem.“

Ein wesentliches Thema, das die Menschen betreffe, seit die Frage nach dem zukünftigen Mietspiegel. „Das ist kein Kevelaerer Thema. Das haben wir genauso gut in Kleve, Geldern und Emmerich“, erläuterte Herbert Looschelders, Ansprechpartner für den Treff in Kevelaer.

Problem mit Nebenkosten

Aus seiner Sicht sei es „erfreulich, dass die Mietrichtwerte leicht angehoben werden. Zufrieden sind wir auch mit den Werten für die Grundmieten, was den Mietspiegel betrifft. Was nicht passend ist, ist die Ermittlung der durchschnittlichen Nebenkosten und Heizkosten, das passt auch nicht in allen 16 kreisangehörigen Städten.“

Eine Immobiliengesellschaft habe die Zahlen dazu geliefert. „Die versucht das jetzt gerichtsfest zu machen. Wir glauben, dass das nicht gerichtsfest ist.“ Dementsprechend sei jetzt beim Landessozialgericht Essen ein Gerichtsverfahren anhängig. Looschelders hofft, dass die Sache zu Neben- und Heizkosten zugunsten seiner Klienten entschieden wird. „Denn die Hälfte der Haushalte muss nach deren Ermittlung als unangemessen dastehen.“ Das bedeutet am Ende, „dass die tatsächliche Miete nicht übernommen wird, sondern ein Teil fehlt, der vom Mund abgespart werden muss.“

Den Begriff „angemessen“ erläutert Looschelders an einem Beispiel. „Nehmen wir den Mietrichtwert für einen Singlehaushalt in Kevelaer bei 450 Euro brutto warm als angemessenen Wert. Nehmen wir an, dass durch Nebenkosten Nachzahlungen 240 Euro für das Jahr anstehen. Dann würde die vorher angemessene Wohnung durch die Nebenkostennachforderung unangemessen.“

Das Grundsicherungsamt sei geneigt, „zu sagen, die Nachzahlung ist unangemessen und die muss vom Hilfebezieher aufgebracht werden.“ Wenn die Vorauszahlung vom Vermieter dann angehoben würde, sei die Miete 20 Euro zu hoch.“ Und der Hilfebezieher muss jeden Monat 20 Euro „vom Mund absparen“. Dieses Verhalten der Behörde wäre aber eindeutig rechtswidrig.

Dann eine neue angemessene Wohnung zu finden, sei hart, sagt Looschelders. „Ein halbes Jahr ist da Zeit. Aber oft ist es nicht möglich, eine neue angemessene Wohnung zu finden. Aber die Sachbearbeiter bestehen auf einer Kostensenkung.“

Und der Wohnungsmarkt sei umkämpft. „Dazu kommen noch wie in Kleve die Studenten. Jemand, der alleinerziehend ist oder Alkoholprobleme hat, wird nicht so gerne als Mieter genommen.“ Dazu komme noch, dass es für günstige Angebote oft 20 bis 30 Bewerber gäbe. „Da haben die Sozialempfänger weniger Chancen.“

Das Problem habe es schon vor den Hartz-Reformen gegeben. „Aber dadurch ist der Personenkreis derjenigen größer geworden, die in Armut leben und die von Armut bedroht sind. Und der Unterschied zwischen arm und reich spreizt sich immner stärker. Die Einen bewohnen immens teuren Wohnraum und die Anderen kommen nicht einmal bei bescheidenstem Wohnraum zum Zuge.“

Seine Folgerung lautet: „Der Wohnraum ist falsch verteilt. Ein alter Mensch lebt auf 150 Quadratmeter, weil es keinen passenden Wohnraum gibt.“ Man könne nicht „auf Teufel komm raus die Gegend zersiedeln, das geht auf die C02- Bilanz. Wir müssen das gut bewirtschaften und verteilen.“

Modell der Zukunft

Aus seiner Sicht wäre ein Mehrgenerationen-Wohnen wie im Klostergarten sowas wie „ein Modell der Zukunft“. Und auch bei bestehenden Häusern könne man sanieren. „Da haben wir ganz viele Ressourcen, die nicht gut verteilt sind.“

Looschelders würde sich mehr Impulse für den sozialen Wohnungsbau wünschen: „Beim sozialen Wohnungsbau ist es nicht immer so, dass Größe und Preis angemessen sind, aber in der Regel schon.“ Aber der Wohnraum selbst wird immer kleiner. „Da mietet man nur 35 bis 40 Quadratmeter an.“

Einige Vermieter nutzten das auch aus und nähmen „für die letzte Kaschemme 450 Euro, weil das Amt das zahlt. Da haben wir es fast schon mit Wuchermieten zu tun.“ Die Mieten des sozialen Wohnungsbaus bestimme das Land nach der „Kostenmiete“.„Aber sie schlagen beispielsweise mit einem Stellplatz von 30 Euro quasi etwas oben drauf, obwohl unsere Klientel keine Autos hat.“

Bewahren und entwickeln

Auf dem Unternehmerabend der Kreis-Wirtschaftsförderung wurde deutlich, dass Kevelaer noch Potenzial für neue Immobilien und Wohnen hat. Expansives Wachstum soll aber nicht stattfinden.

Über 200 Gäste fanden sich im weiten Rund des Venga“-Restaurants wieder. „Dann knacken wir sicherlich den Fragenrekord“, gab sich Moderatorin Andrea Franken gleich zu Beginn optimistisch.

Im Zuge ihrer Tour durch das Kreisgebiet hatte sich die Kreiswirtschaftsförderung mit ihrem Geschäftsführer Hans-Josef Kuypers dem Thema „„Wohnungsbau: Bedarfe – Flächen – Programme“ angenommen.

Den ersten Aufschlag in der knapp zweistündige Diskussion machte Kuypers selbst, der zunächst nochmal den Bongers-Gartenbaubetrieben zur Verleihung des Hochschulpreises der Kreis-Wirtschaftsförderung für nachhaltige Zierpflanzenproduktion sowie den drei Marketing-Preisträgern gratulierte.

Das Thema „bezahlbarer Wohnraum“, so Kuypers, sei auch am Niederrhein in aller Munde. Der Kreis Kleve gehe nach den Zahlen der im Auftrag gegebenen Wohnungsmarkt-Studie davon aus, dass im Kreisgebiet bis zum Jahr 2030 üver 20.400 neue Wohnungen benötigt würden .

Für Kevelaer bedeute das demnach ein Bedarf von 1.848 neuen Wohnungen davon 792 Ein-und Familienhäuser, 309 Etagenwohnungen , 554 frei finanzierten und 246 öffentlich geförderte Wohnungen.

Überzogene Zahlen?

Dem widerprach Bürgermeister Dominik Pichler recht deutlich. „Stimmen die Zahlen dieser Studie? Also: Ist der Bedarf denn überhaupt da? Und wie sehr sollte Kevelaer überhaupt noch wachsen?“ Das seien doch zentrale Fragen.

Die „in dem Raum geworfenen Zahlen“ bezeichnete Pichler als „völlig überzogen“. Er berief sich dabei auf die aktuell der Stadt vorliegenden Interessenlisten für Baugrundstücke, die einen Bedarf für Kevelaer von 330, in Twisteden 80, in Wetten 100, in Winnekendonk 90 und für Kervenheim 50 vorsehen.

Einiger der Bewerber hätten sich sogar mehrfach in die Listen eingetragen. „Aber selbst bei stumpfer Addition liegen wir mit 650 weitaus geringer.“ Und was „bezahlbaren Wohnraum“ angehe, gebe es sicherlich Bedarf, aber nicht in der genannten Größenordnung von knapp 250 Wohneinheiten bis 2030.

Zum Thema „Wohnraum“ vertrat Bürgermeister Pichler eine klare Position.

Er nannte anschließend vier Gründe, warum ein massives Wachstum für Kevelaer nicht in Frage käme. Kevelaer sei zwar Zuzugskommune. Doch auch die demografische Entwicklung mache auch vor der Wahlfahrtsstadt nicht Halt. Man könne nicht pauschal sagen, dass wir überall in NRW „weniger, älter und bunter“ werden. „Doch auf mittlere bis lange Sicht sehe ich ein erhebliches Risiko, wenn eine Kommune auf maximale Expansion setzt.“

Pichler argumentierte mit für Neubauten nötigen Flächenversiegelung und den damit einhergehenden Raubbau an der Natur, mit stadtplanerischen Aspekten und mit dem Freiwerden von Bestandsimmobilien, wo eine Chance gerade für kleinere und barrierefreie Wohnungen in der Innenstadt bestehe.

In Sachen bezahlbaren Wohnraum habe die Stadt eine gut acht Wohneinheiten umfassende Fläche an die GWS veräußern wollen, habe dafür aber keine Mehrheit erhalten. Insgesamt habe man von 2017 bis heute 73 Wohngebäude mit Wohneinheiten zugelassen. In diesen neuen Gebäuden und durch Änderung oder Erweiterung von Bestandsgebäuden seien 216 Wohneinheiten und zusätzlich zehn Ferienwohnungen geschaffen worden.

Viele Projekte sind in Planung

Aktuell im Verfahren oder in Planung seien (ohne den zweiten und dritten Bauabschnitt der Hüls) 178 bis 193 Wohneinheiten, benannte Pichler einige Beispiele.

Bei der Hubertusstraße werde das Bebauungsplanverfahren wohl für 15 bis 20 Wohneinheiten Anfang 2020 abgeschlossen sein. Der Satzungsbeschluss dazu werde im Rat am 19. Dezember abschließend erfolgen. Beim Baugebiet Hüls, wo Land, Stadt und private Eigentümer aktiv seien, seien im ersten Bauabschnitt gut 50 Mehrfamilienhäuser, sowie bis zu 50 Einzel- und Doppelhäuser vorgesehen.

Der Bebauungsplan für den nördlichen Bauabschnitt sei rechtskräftig- Die weitere Entwicklung sei abhängig von Entwässerungsplanung und der „Umlegung Kuckucksley“. Pichler nannte das Jahr 2022 als „halbwegs realistisch“: Zwei weitere Bauabschnitte mit gut 5,2 Hektar und weiteren 80 Wohneinheiten seien in Abstimmung mit der Bezirksregierung möglich.

An der Wettener Marienstraße soll es 15 Wohneinheiten geben. Das Bebauungsplan-Verfahren werde voraussichtlich im Sommer 2020 abgeschlossen sein. Für den Bereich Sportplatz Kevelaerer Straße in Winnekendonk mit 17 Wohneinheiten sei noch ein Bebauungsplan nötig. Der städtebauliche Entwurf werde aktuell abgestimmt und im Stadtentwicklungsauschuss vorgestellt. Im Entwurf sind auch private Grundstücksflächen vorgesehen.

In Twisteden sei hinsichtlich der Erweiterung Elisabethstraße mit gut 25 Wohneinheiten die Flächennutzungsplanänderung im Verfahren; der Bebauungsplan in Vorbereitung. Und was Kervenheim anginge, sei für die von der Stadt geplante Erweiterung am Haagschen Feld mit seinen 15 Wohneinheiten sowohl die Flächennutzungsplanänderung als auch ein Bebauungsplan erforderlich

Gutes Fundament wichtig

Im Anschluss an Pichlers Vortrag holte Moderatorin Andrea Franken Stephan Kunz von der NRW-Bank, Carsten Ostendorfp von der Sparkasse und Felix van Benn von der Volksbank an der Niers nach vorne.

Alle drei Männer waren sich einig: das Zinsniveau fürs Bauen ist so günstig wie nie, die Baukosten aber steigen, langfristige Zinssätze und gute Planung seien sinnvoll. „Alles ist noch möglich und machbar“, war der bestimmende Tenor. Das sei „Investieren in Betongold“, betonte van Well, der Interessierte dazu aufrief, früh Eigenkapital zu bilden und sich vernünftig beraten zu lassen.

Ostendorp riet dazu, hinsichtlich einer Immobilie schnelle Entscheidungen zu treffen, da es auf „ein Objekt zehn Interessenten“ gebe. Oft komme der Kunde zu einem Makler und höre dann: „Das Objekt ist verkauft.“ Für eine Investition sei auch die Lage wichtig, öffentliche Förderung nicht immer das Richtige, ergänzte Kuntz.

Zur zweiten Diskussionsrunde holte sich Andrea Franken zum Thema „Wohhnstandort Kevelaer“ eine zu große Runde aufs Podium.

Zu viele Themen auf einmal

Bürgermeister Pichler, Ludger Holla vom städischen Planungsamt, Planer Jörg Bousard, Paul Düllings von der Wohnungsbaugenossenschaft Geldern, Baunternehmer Pauk van Meegern, Michael Gey vom Immobilienbüro Aben und Kreiswirtschaftsförderer Kuypers durften sich zu zahlreichen Themen äußern:

Pichler durfte sagen, worauf er in seiner Amtszeit stolz sei, nannte da das Gradierwerk auf der Hüls („Da hat der Architekt was Geiles hingekriegt“), die Erweiterung des Fundaments ärzlicher Versorgung in Kevelaer durch die Ärzteansiedlung nahe des Rilanos.

Holla stützte seinen „Chef“ in der Frage eines „angemessenen Wachstums“ der Wohnstadt Kevelaer, verwies zugleich auf die 2.000 Baurechtsvorschriften als Genehmigungshindernisse und auf die Tatsache, dass die Bezirksregierung eben einige Ortschaften als Baukulisse nicht auf dem Schirm habe.

Jörg Bousard sah viel Potenzial für neue, „moderne Architektur“ neben dem historischen Bestand. Man dürfe bei allem Drängen, Bedarfe zu decken, nicht die Qualität aus dem Auge verlieren.

Düllings sprach von „viel Bedarf an Verdichtung in der City“, den Sinn von Investitionen auch in den energetischen Zustand des Bestands und großen Entwicklungsbedarf in Kervenheim, um da wieder „den einen oder andere Dienstleister“ hinzubekommen.

Michael Gey machte deutlich, dass man in dieser Ortschaft „gut verkauft“, weil Kunden aus dem Ruhrgebiet und dem Rheinland kommen, die sonst solche Grundstücke wie dort nicht bekämen. Von Meegern problematisierte die Leerstände der Innenstädte, lobte das Gymnasium und eröffnete noch das Themenfeld der fehlenden Handwerker und Fachkräfte.

In der Diskussion mit dem Publikum ging es danach noch unter anderem um die Höhe der Mieten, die doch oft höher als die anzustrebenden 30 Prozent Einkommen seien und den Begriff „sozialen Wohnungsbau“, den man nach Hollas Meinung vor Ort definieren müsse. Der Bürgermeister verteidigte die „Baukultur“ und das „Gesicht“ der Innenstadt als wichtige Errungenschaften.

Zur Schlussrunde durfte sich jeder Diskutant noch was wünschen „Was Kevelaer ausmacht, bewahren und beim Bauen können wir Neuerungen und Visionen vertragen“, sagte Bousard. Und Kuypers´ Fazit lautete: „Grundstücke sind schon knapp und schnell reserviert. “ Die Region habe eine riesige Chance als „Speckgürtel der Großstädte“ und sei glücklicherweise in Sachen „Bevölkerung und Wohnen“ eine Wachstumsregion.

Unvereinbare Standpunkte

Wie sehr die Anwohner das Thema tatsächlich umtreibt, ließ sich alleine schon daran ablesen, dass in dem Versammlungsraum im „Einhorn“ kaum ein Platz mehr frei blieb. „Wenn da so´n Block hinkommt, ist das nicht schön so optisch“ und „Das wäre ja direkt auf der Wiese“ war die Skepsis bei Einzelnen schon vor der eigentlichen Debatte deutlich herauszuhören.
Der Geschäftsführer der GWS, Paul Düllings, machte vor Beginn der Infoveranstaltung deutlich, was der Sinn der Zusammenkunft ist. „Wir wollen vorstellen, was wir wollen“, bezog er sich auf die „Unruhe“, die im vergangenen Sommer durch die mediale Berichterstattung zwecks möglicher Flüchtlingsunterbringung dort entstanden sei.
Dabei kritisierte er sehr deutlich, dass der Eindruck vermittelt worden sei, dass quasi der Bau eines Mehrfamilienhauses schon fast beschlossene Sache sei und die Objekte nur einer Interessensgruppe, nämlich Flüchtlingen, zugeordnet werden sollen.
„Wir haben noch nicht begonnen und auch noch nicht erworben, wir haben es angeboten bekommen“, machte er klar. Entsprechend habe man versucht, eine Konzeption zu entwickeln, die genehmigungsfähig sei. „Wir tragen vor, was theoretisch kommen kann.“
Der anwesende Bürgermeister Dominik Pichler präzisierte die Aussage. Die Politik habe im letzten Jahr grundsätzlich entschieden, sich über stadteigene Bebauungsflächen Gedanken zu machen. Und sie hatte knapp entschieden, dass die GWS die Rasenfläche überplanen soll, aber über einen Verkauf noch nicht entschieden wird – vor dem Hintergrund eines Bürgerantrages, der sich gegen die grundsätzliche Nutzung der Fläche ausgesprochen hatte.
Als Wohnungsbaugesellschaft, die von diversen Kommunen – darunter auch Kevelaer mit knapp neun Prozent der Anteile – getragen werde, habe man den Auftrag, nach Flächen zu suchen, um der „ganz starken Nachfrage nach Mietwohnungen“ in Kevelaer und dem Kreis Kleve als Zuzugsgebiet zu begegnen, so Düllings.
Es gebe einfach den Trend nach immer kleineren Wohnungen, die Niederlassungsfreiheit der Arbeitskräfte, damit den Zuzug aus Osteuropa und die ankommenden Flüchtlinge. „Die, die da ein dauerhaftes Aufenthaltsrecht haben, gehen natürlich auch auf den Markt.“
Düllings machte deutlich, dass sich das mögliche Angebot an die Bestandsmieter der GWS-Häuser, die sich verbessern wollten, richte – und das Angebot der dann leer werdenden, billigeren Wohnungen an die Personen, die weniger Chancen am Wohnungsmarkt haben. Es sei kein Billigwohnungsbau vorgesehen. Die angestrebte Miethöhe bei Neubauten sei bei „6,40 Euro, 6,60 Euro – eventuell 6,80 Euro“.
Architekt Jörg Bousart stellte die Pläne vor
Der Architekt Jörg Bousart, der schon für die GWS Objekte geplant hat, stellte dann in einem Kurzvortrag die Grundzüge der Planungen für die Fläche Ecke Schubertstraße/Beethovenring vor.
Sie sehen zwei Gebäude mit insgesamt acht bis neun Wohneinheiten mit Garagen vor. Die Größe der Wohnungen soll 50 bis 75 Quadratmeter umfassen und sich von der höhen- und größenmäßigen Struktur einbetten in die vorhandene Bebaung – also zweigeschossig mit Dachgeschoss.
Man sei noch nicht so weit, konkret etwas zum Klinker oder zu Farben zu sagen, so Bousart. Das seien Fragen der Detailplanung, die man erst nach einem Grundsatzbeschluss bearbeiten müsse.
Für die Anwohner formulierte Werner Hax vom Beethoovenring die zentrale Gegenrede zu den Plänen. Er hatte zu dem Anliegen damals den Bürgerantrag gestellt.
„Uns geht es nicht um Ihre Gründe“, machte er klar, dass die Ablehnung der Bürger sich nicht gegen diese spezielle Bebauung richtet. „Aber nicht an dieser Stelle. Für uns ist die Grünfläche notwendig in diesem Quartier. Es ist uverständlich, dass die Stadt das zur Bebauung angeboten hat.“
Er wohne seit 1962 dort, sein Vater habe für die Herrichtung der Grünfläche gekämpft. „Wir sind entschieden gegen die Bebauung und entschlossen, wenn die Bebauung kommen soll, das juristisch prüfen zu lassen.“ Ein Bau nach § 34 des Baugesetzbuchs über „Vorhaben innerhalb der im Zusammenhang bebauten Ortsteile“, wie es dem Unternehmen vorschwebt, sei Interpretationssache und sehr schwammig.
Weitere Anwohner machten deutlich, dass man nicht mal ein Auto zum Parken dort abstellen könne, die Bebauung auch Garagen zustelle und man für die Grünfläche früher sogar Aufschlag gezahlt habe.
Eine Frau mahnte die „historische Verantwortung“ an. Die mindestens 170 Jahre alte Eiche dort dürfe man nicht fällen, das Insektensterben nicht weiter befördern. Dafür könne man grundsätzlich Ausgleichsmaßnahmen schaffen, meinte Düllings dazu.
Bürgermeister Dominik Pichler machte kurz vor Ende der eineinhalbstündigen Diskussion noch mal klar: Es sei noch nichts entschieden. Selbst wenn man nach § 34 Baugesetzbuch bauen wolle, winke die Bauaufsicht nicht alles durch. Die anwesende Politik werde das Stimmungsbild mit in ihre Entscheidung mit einbeziehen.
Nur der KBV-Politiker Karl Renard machte ein paar Detailbemerkungen. Die anwesenden Fraktionschefs von SPD, CDU, FDP und Grünen äußerten sich mit keinem Wort zu der Angelegenheit. Alexander Florié-Albrecht

Drei Wege zu kostengünstigem Wohnungsbau in Kevelaer

Der Wohnungsmarkt in Kevelaer ist alles andere als entspannt: Das Mietniveau ist vergleichsweise hoch, der Anteil an selbst genutztem Eigentum auch. Hinzu kommt ein erhöhter Druck durch Flüchtlinge, Studierende und Mitarbeiter von Fluggesellschaften, um nur die größten Gruppen zu nennen. Und schließlich kostet ein hohes Mitniveau auch die Stadt deutlich mehr Geld bei der Wohnungsversorgung von Bedarfsgemeinschaften aus der Sozialgesetzgebung.
Da macht die Idee, kostengünstigen Wohnraum zu schaffen, durchaus Sinn. Die SPD-Fraktion hatte dazu mit einem Antrag angestoßen, sich in Bezug auf Handlungsmöglichkeiten seitens der Stadt informieren zu lassen. In der gemeinsamen Sitzung der Sozial- und Gebäudemanagement-Ausschüsse stellte am Dienstagabend die Technische Beigeordnete der Stadt Nettetal ein Modell vor, mit dem die Gemeinde im Kreis Viersen an diese Aufgabe herangegangen ist.
Susanne Fritzsche ist zugleich Vorstandssprecherin der Baugesellschaft Nettetal AG, deren größter Anteilseigner die Stadt ist. Schon der Abriss zu Unternehmensform, Bilanz und den Bautätigkeiten in den vergangenen Jahren war äußerst interessant. Denn Fritzsche nahm kein Blatt vor den Mund, was positive, aber auch negative Erfahrungen der Nettetaler angeht.
Zum Abschluss ihres Vortrags zeigte sie dann drei Wege auf, wie in Kevelaer aus ihrer Sicht sozialer, beziehungsweise kostengünstiger Wohnungsbau seitens der Stadt initiiert und gefördert werden kann. Dies könne entweder durch eine eigenständige Wohnungsbaugesellschaft oder Genossenschaft, durch einen städtischen Eigenbetrieb oder durch eine Kooperation zwischen Stadt und einer Wohnungsbaugesellschaft erfolgen. Die Beigeordnete aus Nettetal – die übrigens in Weeze wohnt – zeigte auch die Vor- und Nachteile der jeweiligen Modelle auf.
So sieht sie auf der positiven Seite einer eigenständigen Gesellschaft oder Genossenschaft eben deren Eigenständigkeit, hohe Flexibilität und größere Verhandlungsspielräume sowie kurze Entscheidungswege. Allerdings seien hier zunächst erhebliche Investitionen erforderlich, sowohl um die erforderliche Mindestzahl von Wohnungen zu kaufen oder zu bauen, um ein solches Unternehmen wirtschaftlich betreiben zu können, als auch für den Aufbau einer Gesellschaftsstruktur und beim Personal.
Ein städtischer Eigenbetrieb könne hingegen seine Arbeit weitgehend mit städtischem Personal und beauftragten Architekten abwickeln, so Fritzsche. Zudem sei ein sukzessiver Aufbau der Strukturen und des Gebäudebstandes möglich. Bei einem Eigenbetrieb sei die Kontrolle durch politische Gremien naturgemäß sehr stark. Defizite sieht sie in möglicherweise starren Strukturen und längeren Entscheidungswegen. Zudem habe städtisches Personal in der Regel keine Erfahrung mit der Wohnungsbewirtschaftung und der Personalpool müsse daher sinvollerweise aufgestockt werden.
Städtisches Vermögen
Viele positive Aspekte habe dagegen aus ihrer Sicht eine Kooperation zwischen Stadt und einer Wohnungsbaugesellschaft, stellte die Nettetaler Beigeordnete dar. Vor allem ein schrittweiser Aufbau von Portfolio und Strukturen schlügen hier zu Buche und es könne städtisches Vermögen gebildet werden. Planungs- und Bauleistungen könnten durch einen Eigenbetrieb erfolgen, die Bewirtschaftung der Wohnungen durch die Gesellschaft erfolgen. Allerdings müsse in diesem Modell die Erfahrung Dritter eingekauft werden, erläuterte die Expertin.
Der Kevelaerer Beigeordnete Marc Buchholz, der über einen Zeitungsartikel über ein Wohnprojekt der Baugesellschaft auf die Aktivitäten der Nettetaler gestoßen war, fragte gleich mal nach, ob die Gesellschaft auch außerhalb der eigenen Stadtmauern aktiv werden würde und ob sich Susanne Fritzsche eine Kooperation mit Kevelaer vorstellen könne. Die Vorstandssprecherin der Baugesellschaft versprach, die Frage in die entsprechenden Gremien mitzunehmen.