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„Hilfe und Trost in der Begegnung mit dem Heiligen“

Dieses Jahr waren die Basilika und der Kapellenplatz nicht wie sonst voller Pilger, als am Fest Allerheiligen die Pilgerpforte und damit die Wallfahrtssaison geschlossen wurde.

Auch von der Bruderschaft der Consolatrix Afflictorum und von der Kompturei der Ritter vom heiligen Grab Duisburg kam nur eine kleine Abordnung, die den liturgischen Ein- und Auszug begleitete. Auch musikalisch gab es statt dem vollen Basilikachor und -orchester nur eine kleine Auswahl von Sängern, die unter Leitung von Romano Giefer und unter Orgelbegleitung die lateinische Messe von Josef Pembaur aufführten. In der Marienbasilika reichten für die Teilnehmer die 150 vorgegebenen Sitzplätze. Niemand musste stehen.

Heilige mit Hand und Fuß

Weihbischof Karl Borsch, der aus Aachen gekommen war, ging in seiner Predigt auf Heiligkeit ein: „Heilig ist, wer zu Gott gehört. Gott heiligt uns! Weil wir Kinder Gottes sind, sind wir heilig“. Nun gelte es nur, im Alltag noch das zu werden, was wir von Gott her schon seien, Heilige mit Hand und Fuß, Menschen, die ganz und ungeteilt, einfach und konsequent im Glauben und Leben seien. Es gelte, die Welt und den Alltag, die Freizeit, das Leben in allen Dimensionen von Gott her zu heiligen, sie von Gott her zu sehen und zu verstehen und so die Gegenwart Gottes zu entdecken und einen geweiteten Horizont zu bekommen.

Dass nach Kevelaer so viele Menschen kommen, sei ein Zeichen dafür, dass es mehr geben müsse als das Diesseits. „Die Menschen suchen Hilfe und Trost in der Begegnung mit dem Heiligen. Viele spüren, dass sie nicht vom Kühlschrank und vom Internet leben können. Die Sehnsucht nach Mehr ist da, gerade in diesen bewegten Zeiten.“

Der Weihbischof bekannte, dass ihn in diesen Tagen die Menschen vermehrt um den Segen bitten und gab den Appell: „Schenken auch Sie den Menschen die Nähe Gottes. Zeigen Sie den Alten, Kranken, Einsamen und Trauernden, dass sie nicht allein sind. Stellen Sie Ihre Kinder und Enkelkinder unter den Segen Gottes, so heiligen Sie die Welt und die Menschen.“

Pilgerpforte wurde erstmals von innen geschlossen

Am Ende der heiligen Messe wurde, auch ein Novum in diesem Corona-Jahr, die Pilgerpforte nicht von außen, sondern von innen geschlossen. Weihbischof Borsch betete davor noch zu Gott, dass er den Menschen beistehen möge, die Pandemie zu überwinden.

Pastor Gregor Kauling dankte am Ende für die tiefen und ermutigenden Worte des Weihbischofs. Er sprach dem Bürgermeister Dr. Dominik Pichler für die gute Zusammenarbeit mit Rat und Verwaltung der Stadt seinen Dank aus und mahnte: „Verlieren wir in diesen anstrengenden Zeiten nie die Hoffnung!“ Er dankte allen, die liturgisch, musikalisch oder als Ordner an der Feier mitgewirkt hatten sowie allen, die dafür sorgten, dass der Gottesdienst über Fernsehen und Internet an so viele weitere übertragen werden konnte. Er erwähnte, dass im nun abgeschlossenen Wallfahrsjahr immerhin 20 Bischöfe aus fünf Nationen in der Wallfahrtsstadt waren.

In diesem Jahr sei immerhin ein Drittel der sonst üblichen Zahl der Pilger nach Kevelaer gekommen. Er verwies noch einmal auf die Beerdigung von Pfarrer Richard Schulte Staade am 25. Januar, ohne den Kevelaer nicht so wäre, wie es heute ist. „Wir stehen in Kevelaer in dem Erbe, Menschen zu empfangen, Gastfreundschaft zu leben und Trost zu schenken“, sagte er.

In diesem Jahr sei alles anders, aber er ermutigte dazu, einsame Menschen nicht zu vergessen. Er erwähnte das Wallfahrtsmotto des kommenden Jahres: „Atme in uns, heiliger Geist“ und kündigte schon vorab den geplanten Besuch einiger Bischöfe und des Abtes von Einsiedeln im kommenden Wallfahrtsjahr an.

Am Ende folgte in recht kleiner liturgischer Prozession der Zug zur Gnadenkapelle und das Angelus-Gebet vor dem Gnadenbild.

„Der Weihbischof hielt eine gute Predigt“, würdigte Gottesdienstbesucher Helmut Walter und nannte als Fazit: „Wir sollen keine Angst vor der Zukunft haben“.

„Der Chor hat total schön gesungen. Für die Umstände war die Feier schön gemacht“, meinte Christina Hanenberg. Und ihre Mutter Gabriele fügt an: „Wir freuen uns schon auf die Wallfahrtseröffnung und blicken hoffnungsvoll ins neue Jahr, um hier viele wunderbare Gottesdienste miteinander zu feiern.“

Der Kapellenplatz war im Corona-Jahr nicht wie sonst voller Pilger.

Wallfahrt der Karnevalisten wurde jetzt abgesagt

In einem Schreiben an alle betroffenen Vereine wendet sich der Verein zur Förderung des Rosenmontagszuges Blau Gold Kevelaer an die Karnevalsfans. Darin heißt es:

„Durch die neuen Bestimmungen der Bundesregierung (…) und aufgrund der massiv steigenden Infektionszahlen sowie der jetzt schon unter der Gefährdungsstufe 2 geltenden Einschränkungen haben wir uns schweren Herzens entschieden, die Wallfahrt der Karnevalisten am 8. November abzusagen. Nach heutigem Stand ist auch zu befürchten, dass sich die Situation in den nächsten Tagen noch verschärfen wird. Eine Umsetzung der Vorgaben halten wir leider für nicht möglich. Der gesamte Vorstand vom VFR Blau-Gold hofft auf Euer Verständnis. Wir hoffen, dass Ihr alle und eure Familien und Freunde Gesund durch die nächsten Monate kommt. Im nächsten Jahr würden wir uns freuen, Euch alle wohlbehalten auf unserer Wallfahrt anzutreffen.

Mit freundlichen Grüßen und einem Dreifachen Kävele Helau.
Elke Schumacher
VFR-Blau-Gold Kevelaer“

Ergänzend dazu teilt Schriftführer Helmut Baers mit, am 8. November werde per Video ein Grußwort veröffentlicht. Zudem könnten die Wallfahrt-Pins per Mail bestellt, oder im Frisörladen von Michael Schumacher erworben werden.

Zeichen für mehr Solidarität und gegen Rassismus

Unter dem Motto „Tu‘ Deinen Mund auf für die Stummen“ hatten die Aktion pro Humanität und die Vertreter der Kirchen die sechste interreligiöse Wallfahrt gestellt. Zu Beginn versammelten sich traditionell die Religionsgemeinschaften der Juden, Christen und Muslime an dem Marienpark-Denkmal.

„Dass alle drei Religionsgemeinschaften an die denken, denen es nicht gut geht, ist greifbar – und das ist gut so“, sagte Steffi Neu. Die Moderatorin begrüßte die Teilnehmer und forderte die Menschen auf, „die Stimme für die Demokratie zu erheben.“

Man werde „immer wieder bedrängt durch die Krisen und die Ungerechtigkeit weltweit. Es ist gut, dass es dagegen auch eine Globalisierung des Zusammenschlusses und der Gerechtigkeit gibt“, sagte Pastor Gregor Kauling. „Wir erheben heute hier die Stimme für Menschen, die nicht nur unter uns, sondern auch in anderen Regionen der Welt bedroht sind. Denen, die stumm geworden sind, verleihen wir eine Stimme.“

Ahmad Aweimer, Dialog- und Kirchenbeauftragten des Zentralrats der Muslime in Deutschland, erinnerte an den Koran-Satz „Wir haben die Kinder Adams geehrt“ und an de Tatsache, „dass Gott allen Menschen Würde verliehen hat.“ Er hatte sein Schild mit der das Grundgesetz erweiternden Aufschrift „Die Würde aller Menschen ist unantastbar“ versehen. Aweimer erzählte die Geschichte vom Gefährten des Propheten Bihal, der nach unerträglichen Qualen aus der Sklaverei freigekauft wurde und seinen Häschern mit Milde begegnet.

Michael Rubinstein, dem Gemeindedirektor der Jüdischen Gemeinde in Düsseldorf , hielt diese Art der Zusammenkunft in Corona-Zeiten gerade für so wichtig, „weil die Religiosität untereinander gefragter ist denn je.“ Die ganze Welt sprecht über Corona, „aber nicht über die, die keine Stimme haben.“

Es sei „schön, dass wir hier mit den Religionen ganz sichtbar unterwegs sein können“, versichrte David Burau, da man durch die gleicher Welt gehe und es wichtig sei, „aneinander Anteil zu nehmen.“ Er hatte die Idee mit den Sprechblasen gehabt, die die Aufmerksamkeit auf die „Stummen“ der Welt lenken sollten. Die Aktion habe aber gezeigt, dass es wichtig sei, „wo wir gehen, wo Alltag ist“, den Mund aufzutun. „Ich wäre glücklich, wenn jeder eine Stimme oder einen Gedanken mitnimmt, denen eine Stimme zu geben, die es bitter nötig haben.“

Steffi Neu und APH-Mitbegründerin Elke Kleuren-Schryvers gaben danach Stimmen aus den Projekten wieder, für die die Aktion pro Humanität steht, aus Syrien, dem Niger, Griechenland oder dem Mittelmeer. Neu zitierte einen syrisch-katholischer Pater, der von der IS monatelang verschleppt worden war und der Ende Oktober an den Niederrhein kommen möchte. Zudem gab sie Weihbischof Rolf Lohmanns Kritik am „Profitstreben und dem Missbrauch der Ressourcen“ wieder. Und sie zitierte einen Franziskanerpater, der in der zerstörten Stadt Beirut von notwendiger Hilfe und „psychisch total zerstörten“ Menschen sprach.

Kleuren-Schryvers zitierte Erzbischof Laurent Lompo aus dem Niger und desse Aufforderung, die „vornehme Zurückhaltung“ aufzugeben und die Stimme für den „Schutz und die Sicherheit vor dem Terror in der Sahelzone“ zu erheben. Sie gab dem MOAS-Sprecher für Europa eine Stimme. Er fordert für die flüchtenden Menschen auf dem Meer eine Lösung. Und sie erzählte von einem afghanischen Flüchtling in dem Lager Moria. Dort sitzen die Menschen seit März im Lockdown und pandemiegefährdet zusammen. „Als ich das alles gelesen habe, habe ich mich selten so geschämt, Europäer zu sein“, sagte Kleuren-Schryvers. „Das sollte uns Treibstoff sein, für diese Menschen einzutreten, die unsere Stimme brauchen.“

Anschließend vollzog der Tross seinen Weg durch die Stadt. David Burau berichtete an der Antoniuskirche vom Schicksal der eine Million Uiguren in China , die in 1.200 Lagern Massenvergewaltigungen, Elektroschocks und Medikamentenexperimenten über sich ergehen lassen müssen. Er las Auszüge aus dem Leidensbericht einer Uigurin vor, die diese Folter erlebt hatten und über Kasachstan nach Schweden fliehen konnte.

Am Peter-Plümpe-Parkplatz ging Bürgermeister Dominik Pichler nochmal auf das Schicksal der Flüchtlinge auf der Insel Moria ein. „Die Menschen sind ja nicht zum Spaß auf der Flucht.“ Man dürfe sie nicht aus dem Blick verlieren, nur weil man wie einige in Berlin seine „eigenen Probleme“ sehe.

An der Hauptstraße/Ecke Annastraße ging Michael Rubinstein auf das Attentat an Yom Kippur 2019 ein, wonach die jüdische Gemeinde auch viel Solidarität erfahren. „Dass vor Gemeindezentren die Polizei steht vor schusssicherem Glas, wir die Kinder mit eigenen Bussen zur Schule befördern“, daran habe man sich gewöhnt- nicht aber daran, was man an Zuschriften erhalte oder auf Facebook lese.

Er zitierte aus einigen dieser Pamphlete wie „Der Holocaust ist nicht aufgehoben, er verzögert sich nur“ mit Hitler-Bild oder die mittlerweile auch nicht mehr anonym versendeten Email-Anhänge mit Ausdrücken wie „satanische Ausgeburt“ oder „Kriegserklärung der Juden an die Welt“.

Am meisten habe ihn der Satz „Juden , wir haben Euch im Auge“ bedrückt: Dagegen müssten alle ihre Stimme erheben, auch Nichtjuden. „Heute sind wir es, morgen die Muslime, übermorgen die Flüchtlinge und dann irgendwann Christen, die zu ihrem Glauben stehen.“

An der Friedenslichtstele auf dem Kapellenplatz legte Gregor Kauling den Fokus auf Belarus und die Situation dort, die ihn aufgrund seiner Erfahrungen dort sehr berühre. Er habe dort vor Jahren erlebt, wie Mitbrüder im Gefängnis saßen. Und selbst im Wald konnte er mit einem Kollegen nicht frei sprechen, weil sie abgehört wurden.

„Das Gesicht der Proteste in Belarus ist weiblich“, erklärte Kauling. Er führte die Beispiele an, wie eine alte Frau mit roter Fahne inmitten von Soldaten ging, eine junge Frau vorbei an einer Polizeikolonne das Victory-Zeichen zeigte oder der Präsidentschaftskandidatin, deren Mann im Gefängnis sitze und sie im Ausland mit ihren Kindern. Er betete dafür, dass „das Land in eine Revolution geführt wird, die zu Gerechtigkeit und Frieden führen kann.“

Anschließend konnten die Teilnehmer, die ihre Sprechblasen-Wünsche und Hoffnungen freien Lauf lassen, für „Sicherheit, Wohnen und Arbeit“ für die Flüchtlinge, gegen Rassismus, für gleichgeschlechtlich liebende Menschen, ungewollt schwanger werdende Frauen und die Kraft des Gebets.

„Wer sich Maria anvertraut, dem schenkt sie Trost“

Die Coronakrise hat auch vor der Wallfahrt nicht Halt gemacht. Bedingt durch die allgemeinen Hygiene- und Abstandsregel haben in diesem Jahr bislang wesentlich weniger Pilger den Weg nach Kevelaer angetreten als sonst. Dennoch gibt es aus der Wallfahrtsstadt eine Premiere zu vermelden:

„Meines Wissens ist dies nach 1945 das erste Mal, dass sich Christen aus dem Osten der Republik zur Wallfahrt nach Kevelaer aufgemacht haben“, sagt Heinrich Timmerevers. Der Bischof des Bistums Dresden-Meißen feierte mit einem Pontifikalamt in der Basilika den Abschluss dieser viertätigen Pilgertour.

Zuvor waren die Pilger bereits zwei Tage in Münster gewesen und hatten einen Tag lang die Sehenswürdigkeiten von Kevelaer in Augenschein genommen. „Hat diese Wallfahrtstadt doch etwas Überwältigendes“, schwärmte Timmerevers von seiner alten „Heimat“. Schließlich ist ihm die Region nicht fremd. Wurde der Geistliche doch nicht nur 1980 durch Bischof Dr. Reinhard Lettmann im Dom zu Münster zum Priester geweiht und 21 Jahre später an gleichen Stätte zum Bischof.

Bischof Heinrich Timmerevers beim feierlichen Einzug zum Pontifikalamt in der Basilika.

Im Bistum Münster hatte er als Weihbischof und Bischöflicher Offizial seit 2001 auch umfangreiche Verantwortung getragen. Das Bischöflich Münstersche Offizialat Vechta nimmt die bischöfliche Amtsgewalt für den niedersächsischen Teil der Diözese Münster wahr – eine kirchenrechtlich weltweit einmalige Konstruktion.

Seit vier Jahren ist der 68-Jährige nun Bischof von Dresden-Meißen. In dieser Funktion war er als Geistliche Leitung der Pilgerfahrt in Kevelaer. In seinem Pontifikalamt beschäftigte sich der Seelsorger mit der Frage: Was bedeutet Maria in meinen Christsein? „Es gibt dabei ganz unterschiedliche Glaubenszeugnisse“, versuchte Timmerevers eine Antwort anhand von drei Bildern zu geben. „Wer nach Dresden kommt, für den ist neben der Frauenkirche auch ein Besuch der Gemäldegalerie ein Muss“, sagte der Bischof. „Dort befindet sich mit der sixtinischen Madonna von Raffael nicht nur eine der berühmtesten Mariendarstellungen der Welt.“

Einen Seitengang weiter gäbe es zudem ein kleines Bild, das für den Bischof „total faszinierend“ sei: „Maria sitzt mit einer Bibel in der Hand und blättert eine Seite um. Ihr Gesicht ist voller Freude.“ Eine Taube als Darstellung des Heiligen Geistes mache klar, dass es sich um die Verkündigung handele. „Es macht den Eindruck, als sei Maria in das Wort Gottes verliebt“, appellierte Timmerevers an die Gläubigen, dass dies die eigentliche Berufung jedes Christen sei. „Mir geschehe nach Deinem Wort. Das kann jeden Tag von uns gelebt werden.“

Ein zweites Bild hat der 68-Jährige in einer Paderborner Kapelle entdeckt, wo Maria bei der Hochzeit zu Kana zu sehen sei. Sie schaue dem Betrachter direkt in die Augen und zu ihren Füßen stände der Text: „Was er euch sagt, das tut.“ „Wir ehren Maria am meisten, wenn wir uns dieses Wort zu eigen machen“, forderte der Bischof aus Dresden die Gläubigen auf, das was der Herr ihnen sage, ins tägliche Leben zu übertragen. „Es kann viel Glück darin liegen, wenn wir nach seinem Beispiel handeln.“

Bischof Heinrich Timmerevers (3. von links) besucht mit den Priestern aus Kevelaer nach dem Gottesdienst die Gnadenkapelle mit dem Gnadenbild der Mutter Gottes.

Und schließlich spannte Timmerevers den Bogen nach Kevelaer, wo Maria als Trösterin der Betrübten verehrt wird: „Wenn ich dieses Bild sehe, frage ich mich: Wie viel müssen wir in unserem Leben aushalten, weil wir ohnmächtig sind?“

Das sei ihm auch bewusst geworden, als er während des Lockdowns öfter durch das fast menschenleere Dresden gegangen sei: „Ich habe den Rosenkranz gebetet und gemerkt: Was kann uns dieses Gebet für einen Trost geben. Wer sich Maria anvertraut, dem schenkt sie Trost. Wir danken Gott, dass er uns diese Mutter geschenkt hat.“

Zum Abschluss seines Besuchs in Kevelaer betete der Dresdener Bischof mit den Pilgerinnen und Pilgern sowie den Priestern der Wallfahrtsstadt an der Gnadenkapelle ein „Gegrüßet seist Du, Maria“.

Zu Fuß von Rees nach Kevelaer

Rund 100 Pilger haben sich am Wochende zu ihrer traditionellen „Wallfahrt von Rees nach Kevelaer aufgemacht. Die ersten Teilnehmer versammelten sich bereits um 5 Uhr an der St. Cosmas und Damian-Kirche in Bienen und brachen von dort aus auf. Eine Stunde später erhielten die Gläubigen der Pilgersegen in der Pfarrkirche Mariä Himmelfahrt in Rees, ehe es mit der Fähre „Rääße Pöntje“ über den Rhein ging.

Gemeinsam den Sonnenaufgang zu erleben und durch Wald und Wiesen zu gehen, „das ist schon beeindruckend“, versicherte Tim de Baay, der erstmals zusammen mit seinen Brüdern Clemens und Lutz zum Orgateam der die Wallfahrt gehörte. Sie seien seit ihrer Kindheit mit dabei. „Das ist Wallfahrt für die Seele“, drückte er sein Gefühl aus. „Wenn man einmal Spaß daran hat, macht man weiter mit.“ Ähnlich sah es sein Bruder Clemens: „Mit sieben Jahren war es das erste Mal, heute ist es die 45. Wallfahrt. Das ist ein bisschen wie nach Hause kommen.“

Kurz nach den Fußpilgern hatte sich auch eine Radpilgergruppe von Millingen aus auf den Weg gemacht. „Es ist eine gute Erfahrung, wenn eine Gemeinde unterwegs ist und so zusammenwächst“, fand der Millinger Diakon Bernhard Hözel. Ihn berührte das Thema der Kevelaerer Wallfahrt „Ich bin da, wo Du bist“ sehr. „Mein Wunsch wäre, dass dieser Satz vielen Kraft und Hoffnung gibt und für viele, die in Bedrängnis sind, eine Lebenssäule sein kann.“
Unterwegs hatten die Pilger unter anderem Halt zur Andacht in der St. Hubertus-Kirche Kehrum und zur Eucharistiefeier in St. Laurentius Uedem Halt gemacht.

Pfarrer Andreas Eiden sprach in seiner Predigt über die Bedeutung des Wortes „attraktiv“ im Sinne von „anziehend zu sein – wir für Jesus Christus und Gott und umgekehrt“. In diesem Jahr habe die Wallfahrt eine besondere Bedeutung, fand Tim te Baay. „Ich glaube, dass es ein Faktor ist, dass man in Corona-Zeiten eine gewisse Beständigkeit spürt.“ Dinge, die ansonsten selbstverständlich galten, seien durch Corona in Frage gestellt. „Und da ist die Wallfahrt so eine gewisse Konstante, zum einen, dass sie stattfindet und zum anderem, weil es nochmal die Tiefe im Glauben neu bestätigt.“

Im Forum Pax Christi wurde die Wallfahrter gesegnet und absolvierten gemeinsam der Kreuzweg. „Die Kerzenkapelle fehlt natürlich heute, das ist anders“, sahen auch Claudia und Jan Scholten das Besondere in dem Ereignis an sich. „Berührend ist das Ganze, nicht Einzeldinge. Auch wenn uns alle Angehörigen am Fähranleger sonntags abholen, das sind berührende Momente.“ Und in Sachen Abstand und Maske hätte alles „super geklappt.“

An seine Grenzen kommen

Am nächsten Morgen folgten eine weitere Pilgermesse im Forum, das Gebet vor dem Maria-Gnadenbild und der Auszug der Fußpilger Richtung Heimat. Anne Dopp­stadt aus Bienen war zum fünften Mal dabei. Sie genoss das tolle Gemeinschaftsgefühl. „Es ist immer so, dass man an seine Grenzen kommt, aber gefordert ist. Das gibt mir Kraft und Selbstbewusstsein, dass ich ein Ziel erreichen kann und immer gedankliche Klarheit.“

Den Mund aufmachen für Stumme

Neue Zeichen in der Stadt Kevelaer? Ja, vielleicht!? Sie sind die stummen Vorboten für die 6. Interreligiöse Friedenswallfahrt. Unter dem Leitgedanken „Tu deinen Mund auf für die Stummen“ steht die diesjährige Interreligiöse Friedenswallfahrt am Sonntag, 30. August.

Auch in Corona-Zeiten bleibt dem interreligiösen Initiativkreis unter Regie der Wallfahrtsleitung dieses Anliegen wichtig und wird, weltweit betrachtet, immer noch wichtiger. Zunehmende Spaltung, Missachtung, Hass, vermehrtes Schweigen und größer werdende Sprachlosigkeit zu vielen aktuellen Themen, die den Weltfrieden, den Frieden in unserem Land, in Europa, in jedem selbst behindern, gilt es an solch einem Tag zu thematisieren. Minderheiten, Unterdrückten, Ungewollten, Gehassten, Sprachlos-Gewordenen und Ohnmächtigen (s)eine Stimme zu geben, wird immer wichtiger.

Mit Sprechblasen-Plakaten durch die Stadt ziehen

„Wir werden schweigend, mit Mund-/Nasenschutz, jedoch mit unseren eindrücklichen Sprechblasen-Plakaten durch die Stadt ziehen und so den vielen Stummen in unserer Zeit und Welt das Wort geben,“ erläutert der Rektor der Wallfahrt in Kevelaer, Pastor Gregor Kauling, das Geschehen an diesem besonderen Wallfahrtstag.

So sieht man jetzt im Vorfeld, in diesen Tagen in den Straßen von Kevelaer, an einigen markanten Orten, Kreide-Symbole mit diesen Sprechblasen auf dem Boden.

Pastor David Burau von der Evangelisch-Freikirchlichen Gemeinde Kevelaer hatte diese ausdrucksstarke Idee als symbolhaftes Zeichen für diese 6. Interreligiöse Friedenswallfahrt. Diese sprechenden Münder sind sozusagen die stillen Verkünder dieser besonderen Wallfahrt in Kevelaer, die in den letzten Jahren immer mit symbolhaften Zeichen wie den blauen Friedensschafen kombiniert war.

Start zur Interreligiösen Friedenswallfahrt ist um 16 Uhr im Marienpark. Falls bis dahin aufgrund der aktuellen Entwicklungen steigender Corona-Infektionen Einzel-Anmelderegularien erforderlich sind, werden die Teilnehmer gebeten, sich ab 15.30 Uhr dort einzufinden.

Im Marienpark findet die Begrüßung der Teilnehmenden durch die Vertreter der drei abrahami­tischen Religionsgemeinschaften statt: Juden, Christen, Muslime.

Die Stiftung Aktion pro Humanität wird als Mitbegründer dieser Wallfahrt im Jahr 2015 zur Intention einen interreligiösen Startimpuls geben und Menschen das Wort geben, die aktuell in der Welt kaum Gehör finden. Menschen im Krieg, im Hunger unter Corona und Terror. In den Projekten der Stiftung in der Welt. Niger, Syrien, Libanon.

Einen ersten Beitrag zum Thema „Tu‘ deinen Mund auf für die Stummen“ spricht dann an dieser ersten Station Ahmad Aweimer, der Dialog- und Kirchenbeauftragte des Zentralrats der Muslime in Deutschland. Rassismus und Corona sind seine Intentionen.

Statement für Flüchtlinge

Die zweite Station an der St. Antonius-Kirche wird dann thematisch von Pastor David Burau, Evangelisch-Freikirchliche Gemeinde Kevelaer, besetzt. Bei der dritten Station vor dem Rathaus wird der Bürgermeister ein politisches Statement für die Flüchtlinge an den Außengrenzen Europas abgeben.

Kevelaer ist Sicherer Hafen und möchte – wie viele andere Städte in Deutschland – geflüchteten Menschen z. B. aus dem Lager Moria/Lesbos eine Stimme und eine Perspektive durch Aufnahme geben. Station 4, Annastraße/Ecke Hauptstraße: Hier werden von Michael Rubinstein, dem Gemeindedirektor der Jüdischen Gemeinde in Düsseldorf sehr bedrohliche, offen antisemitische Stimmen zu hören sein, die gerade wegen der vielen Stummen in der Gesellschaft nicht unthematisiert bleiben dürfen. Er wird begleitet vom Kantor der jüdischen Gemeinde.

An der letzten Station dieser 6. Interreligiösen Friedenswallfahrt bei der Friedenslichtstele auf dem Kapellenplatz werden die Teilnehmer musikalisch vom Basilika-Organist Elmar Lehnen begrüßt. Rektor der Wallfahrt, Pastor Gregor Kauling, wird den vielen Menschen in Belarus seine Stimme geben, die ganz aktuell friedlich um politischen Einfluss und gegen Unrecht aufstehen.

Mit den Pilgern auf dem Weg sein wird die Moderatorin Steffi Neu. Sie ist Botschafterin der Stiftung Aktion pro Humanität und wird diese 6. Interreligiöse Wallfahrt für den Frieden begleitend moderieren.

Gegen 17.30 Uhr wird diese Interreligiöse Wallfahrt enden. Sie wird, in Absprache mit der Stadt Kevelaer, nach den aktuellen Coronaschutz-Bedingungen des Landes NRW durchgeführt werden, in enger und zeitnaher Koordination mit dem Ordnungsamt der Wallfahrtsstadt Kevelaer.  Alle Teilnehmer müssen eine Mund-/Nasenmaske tragen.

Auf den Homepages der Wallfahrtsleitung St. Marien Kevelaer sowie der Stiftung Aktion pro Humanität können die DIN-A-4-Plakate mit den Sprechblasen heruntergeladen werden zum Ausdrucken. Gern können sie dann von den Teilnehmern daheim bereits im Vorfeld beschriftet werden. Einige Sprechblasentexte könnten dann an der Friedenslichtstele verlesen und so ganz beredet werden… „Tu‘ deinen Mund auf für die Stummen“.

Wallfahrt von 1642 bis heute

Viele Besucher zieht es in die Innenstadt der historischen Wallfahrtsstadt. Dort führt ihr Weg durch die Einkaufsstraßen hin zum Kapellenplatz, der mit seiner Gnadenkapelle sowie der ältesten Kirche am Platz, der Kerzenkapelle, sehr beeindruckt.

Hinzu kommen weitere Highlights, wie die Marienbasilika, die mit ihrem 90 Meter hohem Turm bereits aus weiter Entfernung gut zu erkennen ist. Hinter all diesen Sehenswürdigkeiten verbergen sich unzählige Geschichten, die es zu entdecken gilt.

Die langjährige und erfahrene Gästeführerin Marianne Heut-gens geht geschichtlich weit zurück in das Jahr 1642, als der Han-delsmann Hendrick Busman das kleine Gnadenbild der „Tröste-rin der Betrübten“ in einen Bildstock am Wegesrand einsetzte. Sie nimmt die Gäste mit auf die Reise, als erstmals eine Wallfahrt nach Kevelaer stattfand. Dabei geht sie auf viele Fragen ein, die vor 375 Jahren die Menschen beschäftigten.

Die Gästeführung findet am 15. August, um 18.30 Uhr, unter Ein-haltung der aktuellen Schutzmaßnahmen statt. Startpunkt: Priesterhaus. Die Teilnahme ist nur unter vorheriger Anmeldung unter 02832 122-991 oder tourismus@kevelaer.de möglich. Die Karten können allerdings auch direkt im Büro der Abteilung „Tourismus & Kultur“ im Rathaus zum Preis von 6 Euro pro Person oder 15 Euro pro Familie erworben werden. Kinder bis fünf Jahre nehmen kostenlos teil, müssen jedoch registriert werden. Die Teilnehmerzahl ist auf zehn Personen beschränkt. Je nach Bedarf werden weitere Gästeführer eingesetzt.

Im Anschluss an die Führung findet um 20 die Vigil statt, an der die Gäste unverbindlich teilnehmen dürfen. Dabei handelt es sich um eine liturgische Feier zum Übergang in die Nacht anlässlich des Festes Maria Himmelfahrt. Die Kirche feiert damit, dass das Licht auch in der Nacht den Menschen leuchtet.

Auch während der Pandemie ist es möglich, in Kevelaer zu Gast zu sein

Wenn Dr. Rainer Killich aus seinem Fenster im Priesterhaus schaut, kann er den gesamten Kapellenplatz überblicken. Rechts die kleine Kapelle mit dem Gnadenbild, links die Basilika, etwas im Hintergrund dazwischen die Kerzenkapelle. Mittlerweile lodern wieder viele kleine Flammen an der Außen-mauer, die Ständer für die Opferkerzen der Pilger füllen sich zusehends. „Langsam läuft es wieder an“, sagt der Generalsekretär der Wallfahrt Kevelaer.

Auch die Wallfahrt hat unter der Corona-Pandemie gelitten. Traditionell war der Terminkalender voll. Doch dann kam der März und mit ihm das Virus. Die Pilgerleitertagung musste ausfallen. Und bei Killich stand das Telefon nicht mehr still: „Ich schätze, dass rund 95 Prozent aller Gruppen die Wallfahrt für dieses Jahr abgesagt haben. Einige haben sie vom Frühjahr in den Herbst verlegt, aber die meisten kommen nicht wie sonst üblich.“ Dennoch spürt er eine hohe Verbundenheit mit dem Wallfahrtsort. Oft las er rührende Mails und führte lange Telefonate mit Menschen, denen die Absage ehrlich leidtat.

„Uns ist diese Verbundenheit sehr wichtig“, betonte der Generalsekretär. So machte die Wallfahrtsleitung das Angebot, stellvertretend zumindest die jeweilige Pilgerkerze in Kevelaer zu segnen und anzuzünden, um die oft über Jahrhunderte gepflegte Tradition nicht abreißen zu lassen. Auch Einzelpilger konnten sich per Mail an das Priesterhaus wenden, jeden Tag wurden für sie Kerzen aufgestellt. „Das war eine sehr intensive Zeit“, resümiert Killich.

Immerhin durfte am 1. Mai die Wallfahrtseröffnung gefeiert werden, unter strengen Hygieneauflagen zwar, aber es sei ein wichtiges Signal gewesen. Noch immer dürfen sich maximal 150 Menschen gleichzeitig in der Basilika versammeln, um gemeinsam den Gottesdienst zu feiern.„Das funktioniert gut und hat sich eingespielt“, versichert Killich.

Mittlerweile kommen auch wieder erste, meist kleinere Gruppen in die Marienstadt.
Pastoralreferent Dr. Bastian Rütten berichtet von den seelsorglichen Erfahrungen im ersten Halbjahr der Pandemie: „Wir experimentieren und lernen.“ So lade man die Menschen, die sonst um 15 Uhr eine Andacht in der Basilika feiern konnten, nun zu einem Glaubens- und Gebetsimpuls unter freiem Himmel am Gnadenbild ein.

Dort würden auch Kerzen und andere Gegenstände der Pilger gesegnet. „Das wird sehr gut angenommen, oft bleiben Menschen, die eher zufällig vorbeikommen, stehen und hören sich den Impuls an“, hat er beobachtet. Insgesamt hat der Theologische Referent der Wallfahrt die vergangenen Monate erlebt als eine „Zeit der intensiven Kontaktpflege mit seelsorglichen Zügen“.

Im Speisesaal wurden die Tische neu gestellt, um die Einhaltung der Abstands-regeln zu gewährleisten. Mit dem ganzen Team freuen sich Rainer Killich (links) und Bastian Rütten auf die Gäste.
Foto: Bischöfliche Pressestelle

Zudem habe er erlebt, dass bei vielen Einzelpilgern das Bewusstsein für die Bedeutung der Wallfahrt zu spüren sei. Einige kämen in Vertretung größerer Gruppen, andere hätten sich nach der Absage großer Wallfahrten entschieden, nun selber nach Kevelaer zu kommen. Darauf habe man sich auch im Priesterhaus eingestellt, das in den früheren Jahren während der Wallfahrtszeit ausschließlich durch organisierte Gruppen belegt war. Nun hätten auch Einzelpilger die Chance, die Übernachtungsmöglichkeit und das damit verbundene seelsorgliche Angebot des Hauses direkt im Zentrum der Wallfahrtsstadt zu nutzen, mit Vollpension. Auch das sei neu.

„Alle Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter hier freuen sich, wenn sie wieder für die Pilger da sein dürfen. Auch während der Pandemie ist es möglich, in Kevelaer zu Gast zu sein“, betont Rütten. Natürlich gelten im Priesterhaus – das, anders als es der Name vielleicht vermuten lässt, nicht nur Geistlichen eine Herberge bieten kann -, die üblichen Hygienevorschriften. Im Speisesaal wurden die Tische entsprechend den Abstandsregeln aufgestellt, statt am Büfett wird das Essen direkt auf dem Teller serviert. „Für die meisten Gäste ist das schon eine Selbstverständlichkeit“, sagt Rütten.

Aus Gesprächen mit den Besuchern weiß er: „Die Begegnung mit der Trösterin der Betrübten, als die Maria hier in Kevelaer verehrt wird, tut den Menschen gut. Viele sagen, dass es ihnen nun wieder besser geht. Es geht dabei gar nicht darum, Leute irgendwie in eine andere Realität zu holen, sondern um das Hier und Jetzt. Leib und Seele gehören da zusammen und das erfahre ich sehr deutlich bei den Gästen, die zurzeit hierhin kommen als Pilger oder Wallfahrer, aber auch als Touristen.“

Einen Zwischenstopp in Kevelaer eingelegt

Ein Pilger der besonderen Art hat in Kevelaer Station gemacht. Manfred Ingenwerth pilgert zu Fuß auf dem Jakobsweg nach Santiago de Compostela.

Gestartet in Bloemendaal in den Niederlanden kam er auf der rund 2.800 Kilometer langen Pilgerstrecke auch nach Kevelaer. Der 61-Jährige ist Mitglied der deutschen Jakobusgesellschaft und ist vor dieser großen Pilgertour schon alle großen deutschen Steige zu Fuß abgewandert. Über 5.000 Pilgerkilometer sind in seinen Büchern offiziell dokumentiert.

Nachdem er 2010 von einer schweren Krankheit genesen war, ist er nun dabei, das abgelegte Gelübde zu erfüllen, im Fall der Genesung zum Grab des hl. Jakobus zu pilgern. Mit dabei hat er seinen mit einer Muschel und Sinnsprüchen verzieren Pilgerstab sowie einen 24 Kilo schweren Rucksack, in dem er Zelt, Schlafsack und Campingkocher trägt. „Das Pilgern hilft mir, zu mir selbst zu finden, Ängste zu überwinden und Vertrauen zu gewinnen”, ist er überzeugt. In fünf bis sechs Monaten hofft er, ans Ziel zu gelangen.

Danach möchte er nach einer kleinen Pause allerdings unter anderem nach Fatima weiterpilgern.

Hoffnung für die Wallfahrt

Auch im Priesterhaus in Kevelaer sind die Auswirkungen der Corona-Pandemie seit langer Zeit zu spüren. Neben der reduzierten – bis vor Kurzem gänzlich eingestellten – Beherbergung findet auch die Wallfahrt in diesem Jahr in viel kleinerem Ausmaß statt. Dr. Rainer Killich, Generalsekretär der Wallfahrt Kevelaer, sprach im Interview mit dem Kevelaerer Blatt über die aktuelle Situation.

Kevelaerer Blatt: Die Wallfahrt findet durch Corona auf sehr viel kleinerem Niveau statt. Wie stellt sich dadurch die aktuelle Situation für das Priesterhaus dar?

Dr. Rainer Killich: Grundsätzlich unterscheidet sich die Situation des Priesterhauses als Beherbergungsbetrieb natürlich nicht von der Situation in anderen Häusern. Ab Mitte März waren wir komplett geschlossen und seit Christi Himmelfahrt dürfen wieder Gäste übernachten. Das traf ein sehr dichtes und intensives Tagungsprogramm im Vorfeld der Wallfahrt, das in Gänze ausgefallen ist. Derzeit gelten die üblichen Regeln: Außer für Ehepaare ist nur Einzelunterbringung möglich und den Speisesaal haben wir auf ein Drittel der üblichen Kapazität reduziert. Unter dem Strich bedeutet das, dass wir derzeit nur wenige Einzelgäste betreuen und das wird sicher auch noch eine Weile so bleiben.

Wie wird sich in diesem Jahr die Wallfahrt darstellen?

Es wird in diesem Jahr aller Voraussicht nach keine großen organisierten Wallfahrten geben. Einzelne Pilgergruppen überlegen, kleine reduzierte Varianten ihrer jährlichen Wallfahrt durchzuführen. Beispielsweise überlegen die Bocholter Fußpilger, die normal mit 800 bis 1.000 Teilnehmern nach Kevelaer kommen, in Kleingruppen zu gehen – zeitversetzt und auf unterschiedlichen Wegen unabhängig voneinander, um die Abstandsregeln einhalten zu können. Man findet sich dann erst in Kevelaer zum Gottesdienst zusammen. Andere Gruppen verlegen ihre Termine in den Herbst. Problematisch ist derzeit vor allem die Anreise – Busfahrten sind gerade erst wieder unter strengen Hygieneauflagen möglich.

Wie sieht es aus mit Pilgermessen, der Andacht an der Gnadenkapelle und dem Gehen des Kreuzweges?

In der Basilika können derzeit rund 150 Gottesdienstbesucher gemeinsam eine Messe feiern, im Forum ebenso. In den kleinen Räumen der Kerzen- und Beichtkapelle ist das derzeit natürlich entsprechend runterreduziert. Vor der Gnadenkapelle und auf dem Kreuzweg gelten die normalen Abstandsregeln.

Was für Reaktionen nehmen Sie wahr, wenn Sie mit Pilgerleitern reden?

Man spürt eine hohe Verbundenheit mit Kevelaer und dass es den Menschen ein echtes Herzensanliegen ist, hierher zu kommen – das spürt man momentan in beinahe jedem Gespräch. Es wird eigentlich immer probiert, eine Alternativmöglichkeit später im Jahr und mit reduzierter Teilnehmerzahl zu finden.

Haben Sie Angst, dass die Wallfahrt durch die Corona-Krise dauerhaft Schaden nimmt?

Bei den deutschen organisierten Pilgergruppen habe ich wenig Sorge. Die Verbindung zu Kevelaer ist intensiv und manchmal spürt man sogar die Regung, dass man jetzt erst recht pilgern müsste. Ich bin mir ziemlich sicher, dass es im nächsten Jahr sogar zu einem Aufblühen im Sinne eines Nachholeffektes kommen wird.

Um was ich mir Sorgen mache, sind die niederländischen Buspilgergruppen. Viele Pilger aus diesen Gruppen sind sehr alt und gehören damit klar der Hochrisikogruppe an. Selbst wenn Busreisen wieder möglich sind, kommt aus dieser Richtung das Signal, dass viele Pilger zumindest momentan gar nicht mitfahren würden. Da habe ich bei der einen oder anderen Gruppe wirklich Sorge, dass das zu einem Bruch führen kann, der nur schwer zu reparieren ist.

Wie sehen Sie generell die Zukunft des Pilgerns?

Bei einigen der eben angesprochenen Buspilgergruppen, insbesondere aus den Niederlanden, ist ohnehin seit Längerem ein gewisser Rückgang spürbar, gerade auch weil dort der Nachwuchs fehlt. Dafür spüren wir bei den individuell anreisenden Tagesbesuchern eine Zunahme – Radpilgern ist dank E-Bike ohnehin ein Trend. Und auch wenn die Säkularisation in den Niederlanden deutlich weiter fortgeschritten ist als in Deutschland, suchen die Menschen dennoch nach spirituellen Orten. Die Stimmung hier in Kevelaer, das Besondere des Kapellenplatzes und die Möglichkeit, eine Kerze anzünden zu können, ziehen einfach an. Eine Aufgabe für die Zukunft wird es sein, diese Menschen auch weiterhin oder wieder neu für unsere Gottesdienste zu begeistern. Wir suchen dafür auch nach neuen Formaten, mit denen wir auf die Menschen zugehen wollen. Zum Beispiel kommen wir anstelle der sonst üblichen Pilgerandacht in der Basilika um drei Uhr nachmittags raus auf den Kapellenplatz. Das gibt die Möglichkeit, eine Andacht mitfeiern zu können, ohne die Hemmschwelle des Betretens einer Kirche überschreiten zu müssen.

Hinter der ganzen Wallfahrt steht im Priesterhaus natürlich auch ein großer Stab an Mitarbeitern. Wie sah deren Krisenalltag aus?

Das Positive für alle kirchlichen Mitarbeiter ist in jedem Falle, dass niemand in Kurzarbeit gehen musste. Wir haben versucht, mit der Situation flexibel umzugehen und Sachen zu erledigen, die schon lange mal dran waren. So wurde das ganze Haus intensiv geputzt und anstehende Wartungsarbeiten ließen sich besonders gut erledigen, außerdem wurden Überstunden abgebaut, wo das möglich war, oder in anderen Arbeitsbereichen ausgeholfen. Darüber hinaus waren die Mitarbeiter/-innen im Prinzip freigestellt, in der Praxis der eine mehr, der andere weniger. Da hier niemand ohne einen entsprechenden Arbeitsvertrag beschäftigt ist, hat das Bistum Münster für unsere Mitarbeiter/-innen die Situation aufgefangen. Es war natürlich für alle beruhigend, dass am Monatsersten das Gehalt auf dem Konto ist.

Welche betriebswirtschaftlichen Spuren wird das hinterlassen, nicht nur beim Priesterhaus, sondern auch beim Bistum?

Keine Frage: Das kostet alles viel Geld und verschärfend hinzu kommen die durch die Steuerausfälle absinkenden Kirchensteuereinnahmen. Seitens des Bistums sind wir zum Sparen angehalten und entsprechende Maßnahmen sind angeordnet. So hatte die Bistumsverwaltung schon vor Corona das mittelfristige Einsparen von mehreren Millionen Euro angekündigt, indem man zum Beispiel frei werdende Stellen nicht wiederbesetzt. Tendenziell wird sich wohl die Entwicklung beschleunigen, dass man kirchlich keine durchgehende Flächenversorgung mehr wird aufrechterhalten können – Kevelaer wird als besonderer Ort immer im Fokus stehen. Die Bedeutung Kevelaers für das Bistum Münster ist allen bewusst.

Wie sieht der Trend für die zweite Jahreshälfte und das nächste Jahr aus?

Glücklicherweise buchen alle Pilgerleiter, die ihre Gruppen für dieses Jahr stornieren müssen, im gleichen Atemzug für das nächste Jahr. Das gibt auch ein Stück weit Zuversicht darauf, dass die Tendenz da ist, in diesem Jahr Versäumtes nachzuholen. Auf einen kleinen Nachholeffekt hoffe ich auch dadurch, dass einige Pilger, die nicht mit dem Bus kommen können in diesem Jahr, sich in den kommenden Wochen zumindest individuell auf den Weg nach Kevelaer machen werden.

Interview: Matthias Wirth