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„Es ist auch für uns ein völlig neues Szenario“

Schon als kleines Kind habe er sich viel mit Computern beschäftigt, muss André Dicks  bei der Erinnerung schmunzeln. „Es gab öfters Ärger, weil ich zu viel Zeit am PC verbrachte, aber ich konnte mich letztendlich durchsetzen“, erzählt der heute 32-jährige IT-Fachinformatiker für Systemintegration, der in Weeze wohnt. Es sei für ihn naheliegend gewesen, „dass ich nach der Bundeswehrzeit etwas mache, was mit dem PC zu tun hat.“ Und aus dem Praktikum bei der Stadt wurde schließlich eine Ausbildung.    

Heute ist Dicks der zuständige Administrator für alle Kevelaerer Schulen. „Vorher hatten wir keine Informatiker für die Schulen. Dann wurde vor ein paar Jahren die Stelle geschaffen und man hat mich zum Systemverantwortlichen für alle Schulen erklärt.“ Mit Herbert Valks steht ihm mittlerweile ein weiterer Kollege zur Seite.

Feste Ansprechpartner

„Als ich anfing, hatten die wenigsten Schulen feste Ansprechpartner für IT-Belange benannt. Manche Schulen hatten zwar Informatiklehrer, die sich auch um gesamtschulische Belange kümmerten, die Kommunikation war aber schwierig, da es nie einen eindeutigen Ansprechpartner gab.“ Mit den Jahren wuchs der Aufwand. „Wir verwalten mittlerweile alle Server, Netzwerke, Telefonanlagen und vieles mehr eigenständig.“ Das läuft zentral bei ihm im Büro zusammen. „Es gibt immer wieder Projekte, die nicht nur mit den Schulen, sondern auch mit dem Schulamt und dem Gebäudemanagement abgestimmt werden müssen.“ 

Viele Kommunen nehmen für die Administration der Schulen das Kommunale Rechenzentrum Niederrhein (KRZN) in Anspruch. In Kevelaer kümmere sich die Stadt eigenständig um die Schuldigitalisierung. „Ich mache da fast alles. Langweilig wird es nie. Jeden Tag gibt es etwas Neues.“ Diese Lösung hat aus seiner Sicht viele Vorteile. „Wenn man die Verantwortung für alle Systeme hat, kann man diese auch effizienter steuern und schneller reagieren. Dies kommt letztlich allen Schulen zugute.“ 

Weil er immer weiß, wie viele Schüler*innen, Lehrer*innen und Klassenräume von einem Projekt betroffen sind, kann er die Auswirkungen technischer Umsetzungen und Ausstattungen gut beurteilen. „Wichtig ist es, sich die Frage zu stellen, wie kann die Schule in zehn Jahren technisch aufgestellt sein.“ 

Dass die Versorgung aller mit Endgeräten Monate in Anspruch genommen hat, sei kein Wunder, sagt Dicks. „Die Beschaffung musste ja noch stattfinden, Fördermittel freigegeben, Ausschreibungen getätigt, Firmen beauftragt, alles bestellt und bezahlt werden. Das sind auch Dinge, die viel Zeit fressen. Deshalb dauert das unter Umständen so lange.“ Und die nötigen iPads müssten ja auch alle lieferbar sein. Aufgrund der Coronapandemie gab es da teilweise Engpässe – „egal wo man bestellen wollte.“ Im vergangenen Herbst habe man zum Beispiel von einem zentralen Lieferanten das Signal erhalten, es gebe beispielsweise keine Notebooks mehr. Viele Firmen hatten im Vorfeld schon kommuniziert, dass Lieferungen für dieses Jahr nicht mehr möglich sind.

Erhöhter Druck

Mit Corona habe sich natürlich eine neue Situation ergeben. „Dass die Schulen und die Lehrerschaft erhöhten Druck haben, Unterricht trotzdem stattfinden zu lassen und sich in neue Bereiche begeben müssen“, sei ersichtlich. Nach seiner Einschätzung werde es „noch dauern, bis wir in Klassenstärke Digitalunterricht leisten können, weil hier auch die pädagogischen Möglichkeiten beschränkt sind.“ Jeder könne den Stream zu Hause ja einfach ausmachen. „Es sind ja nicht nur technische Probleme, die das Distanzlernen erschweren. Diese sind nur ein Baustein. Man spricht oft nur von Ausstattungsproblematiken, obwohl es noch viele weitere Faktoren gibt.“

Die erste Herausforderung bei der aktuellen Digitalversorgung der Schulen „war für uns, eine Idee davon zu haben: Was brauchen wir, damit jeder teilnehmen kann – ob an einem Chat, beim Dateiversand oder der Teilnahme an einer Videokonferenz.“ Man habe sich vorher schon um Lösungen gekümmert. „Diese waren lizensiert und standen bereit. Es ist aber etwas anderes, eine neue Plattform schrittweise einzuführen oder den Einsatz dieser von allen Beteiligten innerhalb kürzester Zeit abzuverlangen.“ 

Für den digitalen Unterricht habe man Tablets angeschafft. „Ob Grundschule oder weiterführende Schule, es ist am einfachsten, damit umzugehen“, sagt André Dicks. Kinder der ersten bis dritten Klasse lernten gerade schreiben. „Da kann ich nicht erwarten, dass sie sich per E-Mail und einem achtstelligen Passwort einloggen.“ Sei das Tablet konfiguriert, könne man mit dem Finger patchen und dann tauchen die Inhalte auf: „Das ist einfacher für jüngere Kinder.“ Man habe Strategien gesucht, „wo wir Herr der Lage sein können – trotz der vielen Geräte. Wir haben daher iPads angeschafft, mit dem Ziel, sowohl für Kinder wie Lehrer eine gemeinsame Basis zu schaffen.“

Mit der Zeit neue Techniken entwickeln

Obwohl vieles automatisch läuft, funktioniert nicht alles reibungslos. Einige der ausgegebenen Geräte habe man noch einmal neu konfigurieren müssen, sagt André Dicks zur Ausgabe der Tablets an die Schulen. Die Anzahl war jedoch gering. Aktuell kommen auch von Eltern noch Fragen, wie bestimmte Funktionen auf den Geräten freigeschaltet werden können. Bislang könne man die Fragen individuell und schnell beantworten, werde sich aber irgendwann ein automatisiertes Verfahren überlegen, wo in einem Glossar häufig gestellte Fragen erklärt werden. „Es ist auch für uns ein völlig neues Szenario, an Lehrer, Schüler, Verwaltungsmitarbeiter so viele Geräte gleichzeitig herauszugeben und in Betrieb zu nehmen.“

Anfang Dezember habe man 280 Lehrergeräte verteilt. An einem Ausgabetag vor den Weihnachtsferien wurden 260 Schülergeräte aus dem Digitalpakt ausgegeben – für Familien, die über keine technische Ausstattung verfügen. Die restlichen Geräte werden nun in den Schulen ausgegeben. „Alle Familien müssten dann soweit technisch ausgestattet sein, um an einem Videoseminar teilnehmen können, bei dem sie die Aufgaben herunterladen, bearbeiten und zurückschicken können.“ Alle Schüler*innen kurzfristig mit einer Lernplattform zu versorgen, die online funktioniert, sei auch nicht einfach. „Es gibt immer wieder Nachrichten, dass verschiedene Lernplattformen in Bundesländern ausfallen oder überlastet sind.“ Entsprechend habe man sich einen eigenen Video-Meeting-Server angeschafft, „damit wir Herr des Verfahrens sind und nicht nur Zuschauer. „Es ist auch für uns unzufriedenstellend, wenn wir E-Mail und Videoserver anbieten und dann hören wir, es gibt technische Schwierigkeiten.“ 

Internet-Engpässe habe man an den Schulen sicher auch. Zum Glück schaffen die bereitgestellten Glasfaseranschlüsse an den Grundschulen hier Abhilfe. Dort habe man die Bandbreite bereits erhöhen können. „Da wo es drückt, am Schulzentrum, da müssen wir leider noch warten“, sagt Dicks. Im Schulzentrum gebe es fünf Anschlüsse mit 100 MBit. „Wir haben an die 2.000 Schüler, da bräuchten wir deutlich mehr Kapazität.“ Man hoffe, über das Förderprogramm des Kreises Kleve für die Bereitstellung der Gigabit­anschlüsse in den Schulen bald auch im Schulzentrum besser versorgt zu werden. 

Solange müsse man „die Ressourcen, die wir haben, so gut wie möglich ausschöpfen“ und Bereiche priorisieren, sagt der IT-Experte. Man versuche „möglichst viele Videostreams und -konferenzen möglich zu machen.“ Zurzeit wirke sich die fehlende Bandbreite nicht so extrem auf die Schulen aus, weil die Schüler momentan den häuslichen Anschluss nutzten. Nach Ende des Shutdowns sei das aber wieder anders.

Schul-Präsenzunterricht ist ab Montag aufgehoben

Es war gegen halb zwölf Uhr, als NRW-Ministerpräsident Armin Laschet und sein Stellvertreter Joachim Stamp in Düsseldorf vor die Presse traten, um angesichts der steigenden Fall- und Todeszahlen in Sachen Corona für einen „harten Lockdown so schnell wie möglich“ zu plädieren – und verbindlich die NRW-Verordnung verkündeten, dass der Präsenzunterricht an Schulen ausgesetzt sei.

Die Schulen in Kevelaer traf das wie alle Einrichtungen kurzfristig. „Wir sind dabei, das auszuarbeitetn“, sagte die stellvertretende Schulleiterin des Kardinal-von Galen-Gymnasiums, Christina Diehr, als das KB sie um 14.30 Uhr in der Schule erreichte, angesichts der neuen Situation. „Wir halten uns an die Vorgaben, die uns das Ministerium gegeben hat.“ Dementsprechend wird man den Unterricht in den Klassen 5 bis 7 zu den regulären Stunden anbieten. Ab der achten Klasse wird es keinerlei Präsenzunterricht geben. Nur die Klausuren in der Q2 sollen nach Diers Worten stattfinden. „Diejenigen, die nicht zu uns kommen, erhalten Material über das Lernmanagement und    können damit arbeiten. Und der Kollege wird bei denen, die „auf Distanz“ sind, elektronisch die Aufgaben einholen.“ Nähere Details werde man dann auf der Homepage nachlesen können.

„Die Schulmail ist gerade rausgekommen, um 13:32 Uhr gekommen. Wir sind dabei, zu überlegen, wie wir es umsetzen“, beschrieb der Leiter der Kevelaerer Gesamtschule, Christoph Feldmann, die Situation auf Anfrage. „Vorgesehen ist, die Schüler der fünften bis siebten Klassen im Präsenzunterricht zu beschulen, die Jahrgangsstufen acht bis dreizehn in der Distanzbeschulung.“ Für die fünften bis siebten Klassen sei es so, „dass die Eltern die Kinder vom Präsenzuntericht befreien können. Dann gehen die aber auch in Distanzschulung. Das ist die Vorgabe des Ministeriums.“ Jetzt gehe es noch um die Frage, wie man mit den Kurs- und Klassenarbeiten ungehe. „Die Schüler*innen können zu den Prüfungen kommen“, laute da seine Aussage.

Die vor kurzen eingetroffenen Tablets werden sicher eine gute Unterstützung sein, sagt Feldmann. „Die helfen uns, das jetzt zu realisieren und das Angebot zu machen.“ Der Zeitpunkt der Ankündigung sei „überraschend“ gewesen, so dass man bestimmt nicht alle Schüler*innen noch damit erreicht habe. „Wir sind noch durch die Klassen gegangen und haben gebeten, Materialien mit nach Hause zunehmen.“ Die Regelung gilt jetzt bis Jahresende. „Und die Schulferien sind um zwei weitere schulfreie Tage – also den 7.und 8. Januar 2021 – verlängert – worden. Also geht es dann erst am 10. Januar weiter.“
Persönlich könne er den Schritt nachvollziehen. „Wir haben ja weiter steigende Zahlen oder Plateauzahlen, wie man es immer nennen will, nachvollziehen kann ich das – die Kurzfristigkeit nicht.“

Mit Rotation zurück in die Schulen

Nachdem die Abiturienten und Abschlussklassen seit einiger Zeit wieder zu Schule dürfen, strömen seit kurzem auch in Kevelaer wieder mehr Kinder in die Schulen. So ist es seit einigen Tagen den Viertklässlern wieder möglich, in die Grundschulen zu gehen.

Momentan kehren auch alle Jahrgänge Klasse für Klasse in den Unterricht zurück. Dabei wird ein Rotationsmodell angewendet, so dass pro Tag ein anderer Jahrgang gruppenweise Präsenzunterricht hat. So sollen bis zu den Sommerferien alle den „gleichen Umfang an Unterricht“ erhalten haben. Viele Eltern sind froh über diese Öffnung. „Es ist gut, dass die Schüler wieder etwas mehr Struktur bekommen, nachdem sie nun neun Wochen Onlineschooling hatten“, findet Sabrina Derks. Ihr neunjähriger Sohn Lukas besucht die Overberg Grundschule in Winnekendonk. Seine Mutter macht sich keine Sorgen, über mögliche Infektionen, da Hygienemaßnahmen eingehalten werden.

Die Overberg Grundschule hat einen Rotationsmodell entworfen, mit dem die Jahrgangsstufen in Gruppen eingeteilt werden und nicht zu viele Schüler gleichzeitig im Gebäude sind. Auch Lukas sei begeistert über die Öffnungen: „Er findet es schön, dass er seine Freunde wieder treffen kann und die Lehrerinnen und Lehrer wiedersieht“, sagt Sabrina Derks. „Ein Unterricht zu Hause kann den normalen Schulalltag nicht ersetzen.“

in den weiterführenden Schulen wurden Konzepte entwickelt, um die Jahrgänge wieder vor Ort zu unterrichten. Am Kardinal-von-Galen-Gymnasium wird zwar auch weiterhin der Online-Unterricht fortgeführt. Darüber hinaus können nun die Schülerinnen und Schüler der Qualifikationsphase aber auch wieder am Präsenzunterricht teilnehmen. Die Jahrgangsstufe wurde alphabetisch in zwei Gruppen eingeteilt, so dass wochentags abhängig die Schüler zur Schule kommen. Jeder Raum darf pro Tag nur einmal benutzt werden und der Mindestabstand muss eingehalten werden. Sobald dies nicht möglich ist, muss eine Maske getragen werden, wie vom Ministerium vorgeschrieben.

Der Oberstufenschüler Ben Vos ist zwiegespalten in seiner Meinung zu der Schulöffnung: „Einerseits ist es gut, seine sozialen Kontakte pflegen zu können.“ Andererseits ist er sich nicht sicher, ob diese Lockerung vielleicht zu früh stattfinden: „Ich habe Angst, dass sich dadurch die Situation verschlechtern kann.“ Dennoch glaube er eher, dass seine Mitschüler und die Schule die Hygienemaßnahmen einhalten können. „Mittlerweile hat wohl jeder verstanden, dass das alles ziemlich ernst zu nehmen ist. Ich vertraue auch der Schule, dass sie bei Verstößen durchgreift“, sagt Vos.

Nachdem den Abiprüfungen (26. Mai) sollen auch weitere Jahrgangsstufen wieder zur Schule kommen. Bis dahin wird ein Konzept für Präsenzunterricht bis zu den Sommerferien ausgearbeitet, wonach alle Schüler einmal in der Schule waren. Dieser Unterricht ist verpflichtend, doch Schülerinnen und Schüler einer Risikogruppe, sowie erkrankte Schüler müssen nicht erscheinen.

An der Gesamtschule in Kevelaer wird es ähnlich gehandhabt. Marcelino Kleyda, der in dieser Woche seine zentralen Abschlussprüfungen schreibt, geht bereits seit drei Wochen wieder zur Schule. Zufrieden über das Unterrichtsangebot sei er jedoch nicht: „Das Angebot ersetzt einfach nicht den normalen Unterricht. Wir bekommen Aufgabenblätter, die wir auch zu Hause bearbeiten können.“ Angst vor einer Infektion habe er nicht, da seine Schule strikte Regelung befolge. Desinfizieren, Sicherheitsabstand und das Tragen von Masken gehört bei ihm mittlerweile zum Schulalltag.

Seine Prüfungen werden nun von seinen Klassenlehrern gestellt, statt wie normalerweise vom Ministerium. Ob er danach wieder zur Schule müsse, sei noch nicht klar. Nur, dass jetzt erst einmal die Jahrgangsstufe 9 in die Schule zurückkehre. Über weitere Teilnahme am Unterricht werde erst nach den Prüfungen informiert.

Ein Lernschub für Lehrer und Schüler beim digitalen Musikunterricht

Ein Virus hat es geschafft, weltweit vieles auf den Kopf zu stellen. Nach einer anfänglichen Ratlosigkeit hat sich auch das Musikerehepaar Maren und Thomas Brezinka schnell auf die ungewohnt andere Situation eingestellt. Wie sie aus der Corona-Pandemie für ihre Unterrichtspraxis neue Ideen gewannen und die Krise auch als bleibende Chance für die Zukunft sehen, darüber sprach das Kevelaerer Blatt mit den beiden Musikern.

KB: Sie unterrichten ja beide Geige und Bratsche bzw. Klavier im Einzelunterricht. Wie war dieser Unterricht in der Praxis in Corona-Zeiten? War es überhaupt möglich, unter Einhaltung der Abstands- und Hygienevorschriften zu unterrichten?

Maren Brezinka: Wir üben ja einen klassisch analogen Beruf aus und es war klar, dass wir uns deutlich verändern mussten. Ab 16.3. konnte man nur noch online unterrichten – zum Glück gibt es das heutzutage. Die erste Frage war: Wie soll das gehen, online miteinander zu musizieren, wo es doch immer etwas zeitversetzt ist? Denn Musik ist ja Zusammenklang und auch menschliches Kooperieren und Einfühlen. Also machten wir uns auf der Suche nach Ideen.

Es stellte sich heraus, wie wertvoll die unterschiedlichen digitalen Formate für unsere Arbeit sind, von denen wir die gängigsten ausprobierten: Threema, Email, WhatsApp, YouTube, Garage Band, Skype, Zoom, FaceTime, Duo. Dabei haben wir auch an den Datenschutz gedacht, wobei alle Eltern eingewilligt haben, dass wir online unterrichten. Sie haben auch sehr deutlich artikuliert, wie froh sie und ihre Kinder über unsere Online-Angebote sind. Denn gerade in dieser Zeit, als jeder auf sich selbst zurückgeworfen wurde, hat sich gezeigt, dass  die Fähigkeit, ein Musikinstrument zu spielen, von großem Wert ist. Ein Instrument zu lernen, ist eine Herausforderung für Geist und Körper gleichermaßen, die unserem Alltag einen tieferen Sinn geben kann.

Wie war die Umstellung auf reinen online-Unterricht praktikabel (auch vom Zeitmanagement und der Leistungsvorgabe)? Werden die Leistungsziele genauso erreicht wie beim Unterricht im direkten Gegenüber?

MB: Zunächst war es ein aufregendes Versuchslabor, nur praktikabel mit viel Speicherplatz auf den Geräten und mit ständiger Verfügbarkeit, was aber kein Problem darstellte, weil man ja Zeit hatte. Wir teilten die Schüler in zwei Gruppen ein. Die Jüngeren arbeiteten mit Elternhilfe an kleinen Videos, die sie mehrfach pro Woche schickten. Sie bekamen Lehrvideos von uns zurück mit Tipps, Demonstrationen, neuen Aufgaben. Dabei wuchs die Eigenverantwortlichkeit der Schüler – wer schickt schon gerne ein schlechtes Video von sich? – sowie die Selbstkritik und die eigenen Ansprüche, denn man hörte sich jetzt bewusster „von außen“ zu. Das alles bei etwas weniger Zeitanspruch für die Lehrer.

Die Verbesserungsvorschläge von uns waren nachhaltiger als sonst, weil die Schüler sie sich immer wieder ansehen konnten. Manch ein Schüler hat auf diese Weise ein ganzes Noten-Buch in einer Woche durchgearbeitet (sonst drei Stücke pro Woche), ein anderer hat Vibrato in zehn Schritten in einer Woche gelernt (was sonst monatelang dauert). Sicherlich war das für die Eltern mehr Arbeit, aber auch Freude. Und natürlich gab es auch Probleme wie arg verstimmte Instrumente oder dass den ganz Kleinen doch die lebendige Person der Lehrkraft sehr gefehlt hat.

Die größeren Schüler werden mit Skype, Zoom oder Facetime unterrichtet. Als technisches Hauptproblem stellte sich das zeitweilig schlechtes Internet in machen Orten dar, was von uns nach und nach – z.B. durch Wechsel von einem Format oder Gerät zum anderen – gemeistert wurde.Es stellte sich heraus: Es geht nicht alles, aber es geht viel, und es geht anders. Gewohnheiten wie Mitspielen oder Begleiten des Lehrers an Geige oder Klavier funktioneren nicht. Eben mal Noten und gefilmte Übehilfen zum Mitspielen schicken ist mehr Arbeit als sonst. Auch das Einspielen von Klavierbegleitungen zum Mitspielen erfordert mehr Zeitaufwand für den Lehrer.

Mit vielen Schülern haben wir mehrfach in der Woche Kontakt. Es entstanden Ideen, die dazu führten, dass jetzt viel eigenverantwortlichere Schüler bessere digitale Übehilfen für zu Hause bekamen. Auf diese Ideen wäre man vor der Corona-Zeit nicht gekommen. So wurden von den Schülern viel mehr Stücke fertiggestellt als sonst, d.h. mitunter in nur einem Monat das Pensum von zwei Monaten oder mehr.

Wie kann das sein? Haben die Schüler mehr Zeit?

MB: Einerseits ja, aber andererseits hatten sie auch mehr als sonst für die Schule zu arbeiten. Ich denke, es ist Mehreres: zunächst der Reiz des Neuen und der Spaß an der digitalen Kompetenz, gepaart mit Spaß an einer sinnstiftenden Tätigkeit in schwierigen Zeiten. Außerdem ist der Unterricht sehr konzentiert, sogar lustig und fantasievoll. Davon wird vieles bleiben für den Unterricht „danach“. Gelegentlich treffe ich – z.B. beim Einkaufen – einen Schüler live. Das ist immer ein Erlebnis! Wie unterschiedlich das doch ist, wenn man sich lebendig vor sich hat. Deswegen freuen wir uns natürlich alle, wenn wir endlich wieder analog unterrichten und musizieren dürfen. Aber die Erkenntnisse dieser Zeit werden bleiben.

Neben dem Einzelunterricht leiten Sie drei Kinder- und Jugendorchester. Natürlich fielen die letzten Wochen die Proben aus und momentan ist nicht absehbar, wann größere Gruppen an Menschen wieder zusammenkommen können. Haben Sie für die Jungen Streicher auch schon Möglichkeiten gemeinsamen Musizierens angedacht oder schon gefunden?

Thomas Brezinka: Das Wesen eines Orchesters besteht im kollektiven Musizieren, im Aufeinander-Hören, im Zusammensein mit Gleichgesinnten, in der gemeinschaftlichen Ausübung von Klangkunst mit ihren tiefgründigen Botschaften – im Idealfall vor einem konzentriert lauschenden aufnahmebereiten, wohlwollenden Publikum. Derzeit ist das natürlich nicht möglich – doch die Vorbereitung hierzu sehr wohl. Das heißt: wir haben auch hier Video- und Tonaufnahmen verschickt, entweder von ganzen Stücken (bei den Streichmäusen) oder von einzelnen Stimmen (Cappella Piccola) oder mit detaillierten Übeanweisungen für bestimmte schwierige Passagen (Jugendstreichorchester). Jede Streichmaus sollte uns dann eine Aufnahme schicken, bei der sie zu unseren Einspielungen mitspielt. Ebenso die Musiker der Cappella Piccola. Sobald wir von allen die Aufnahmen haben, kommen die nächsten Stücke dran. Das funktioniert sehr gut und hat den Vorteil, dass jeder seine Stimme richtig übt.

Auf diese Weise werden wir Ende Juni, wo wir hoffentlich in kleinem Rahmen wieder Konzerte geben dürfen (z.B. nur für die Eltern), sehr gut vorbereitete Orchester haben, die dann natürlich noch mehr Spaß am Zusammenspielen haben werden als sonst. Was wird das für eine Freude sein, wenn wir wieder konzertieren dürfen, sowohl für die Musiker, als auch das Publikum!

Das Interview führte Doris de Boer. 

Lernen und Lehren in Coronazeiten

Drei Wochen der Schulschließung waren zu Ende, dann folgten die regulären Osterferien. Herkömmlichen Unterricht haben die Schülerinnen und Schüler seitdem nicht mehr erhalten.

Diesen Zwischenzustand haben die Lehrer Jens Auerbach und Nicole Lücke vom Kardinal-von-Galen-Gymnasium zum Anlass genommen, aus verschiedenen Perspektiven auf das Lernen und Lehren der vergangenen Wochen am Kevelaerer Gymnasium zu schauen. Dazu haben sie stichprobenartig Kontakt mit Schülerinnen und Schülern, Eltern sowie Kolleginnen und Kollegen aufgenommen und leitfadengestützte Interviews und Befragungen durchgeführt.

Das Kardinal-von-Galen-Gymnasium (KvGG) hatte sich im Zuge der Corona-Krise dazu entschieden, über eine hauseigene Download-Lösung den Schülerinnen und Schülern das Unterrichtsmaterial zur Verfügung zu stellen. „In der Vergangenheit wurden in unserer Schule zwar verschiedene digitale Arbeits- und Kommu-nikationsplattformen diskutiert, jedoch stehen abschließende datenschutzrechtliche Bewertungen verschiedener Anwendungen durch das Ministerium für Schule und Bildung NRW noch aus“, sagt Schulleiter Karl Hagedorn.

Der Systemadministrator des KvGGs, Markus Pleger, ergänzt: „Während an verschiedenen Schulen überlastete Plattformen zum Ausfall führten, sind bei uns in den letzten drei Wochen nahezu zwei Gigabyte Datenvolumen stabil zur Verfügung gestellt worden.“

Tagesaktuell sorgen Pleger und seine Kollegin Stefanie Kröselberg dafür, dass die Lernaufgaben aller Kolleginnen und Kollegen des KvGGs für die Schülerinnen und Schüler abrufbar sind. „Die gewohnt unkomplizierte, direkte Kommunikation innerhalb des Kollegiums trägt auch in der aktuellen Situation dazu bei, dass wir Hand in Hand arbeiten können“, betont Kröselberg.

Sollte künftig vorerst kein Präsenzunterricht stattfinden dürfen, empfehlen die Schülerinnen und Schüler zur besseren Orientierung eine veränderte Systematik der im Download-Bereich zur Verfügung gestellten Lernaufgaben. Bei Schülern, Eltern wie Lehrern findet die organisatorisch praktikable Umsetzung des Homeschoolings nach Recherche der Lehrer jedoch insgesamt Zustimmung.

Damit liegt das Gymnasium auf einer Linie mit mediendidaktischen Konzepten in Zeiten von Corona: „Der technische Aufwand, den Schülerinnen und Schüler betreiben müssen, um an Aufgaben zu gelangen, darf nicht höher sein als der kognitive Aufwand, der nötig ist, um sie zu bearbeiten“, twittert beispielsweise der Mediendidaktiker Dr. Axel Krommer.

Kein Neuland für die Schule

Zugute kommt der Schule nach eigener Aussage in der jetzigen Situation, dass Digitales dort schon seit einiger Zeit großgeschrieben werde. Tablets wurden angeschafft und alle Lehrerinnen und Lehrer im Umgang mit dem Tablet im Klassenraum geschult. Der Einsatz von und Umgang mit digitalen Medien im Unterricht ist Teil des Medienentwicklungskonzepts, das mit schulinternen wie schulexternen Fortbildungsaktivitäten des KvGGs abgestimmt ist.

Wie die Befragung ergab, wird Unterricht in der Oberstufe teilweise in Online-Formaten fortgesetzt. Jedoch können nicht alle Schülerinnen und Schüler zu Hause uneingeschränkt auf Computer, Laptop oder Tablet zurückgreifen.

„Neben der Frage nach der grundsätzlichen digitalen Ausstattung ist nicht außer Acht zu lassen, dass neben Homeschooling zeitgleich Homeoffice der Eltern stattfinden muss und etwa vorhandene Endgeräte mit Eltern und Geschwisterkindern zu teilen sind“, sagt Annette Zirwes, Fortbildungsbeauftragte am Kevelaerer Gymnasium und Co-Leiterin des Fortbildungs-Kompetenzteams Kreis Kleve, die in der aktuellen Situation hilfreiche Tipps zur Nutzung digitaler Tools im Unterricht gab.

Lerninhalte über digitale Plattformen und Apps bereitzustellen, bildet nur einen Aspekt von erfolgreichem Lernen und Lehren in Zeiten geschlossener Schulen. Nach wie vor „ist es notwendig, den Schülerinnen und Schülern neben klar formulierten Aufgabenstellungen die Gelegenheit für Nachfragen sowie Rückmeldungen zu den bearbeiteten Aufgaben zu geben“, heißt es in den Unterstützungshinweisen des Landesinstituts für Schule NRW. „Dabei sind die Perspektive und die Anliegen unserer Schülerinnen und Schüler für eine eventuelle Fortsetzung der Lernprozesse auf Distanz besonders aufschlussreich“, kommentiert die stellvertretende Schulleiterin Christina Diehr.

Individuelle Bedürfnisse

Die befragten Schüler gaben an, die Lernaufgaben weitgehend selbstständig bearbeiten zu können. Um ihre Arbeitsprozesse effektiv einteilen zu können, wünschen vor allem die Schüler der höheren Jahrgangsstufen die Bereitstellung des wöchentlichen Workloads möglichst zu Wochenbeginn. „In den unteren Jahrgangsstufen hingegen benötigen die Schülerinnen und Schüler in der Regel mehr schrittweise Anleitung, weshalb hier aus fachdidaktischen Erwägungen heraus anstelle von Wochen- teilweise Tagesarbeitspläne eingesetzt wurden“, erläutert Erprobungsstufenkoordinator Marcel Robens.

„Natürlich ist es wichtig, das Lernen in allen Fächern fortzusetzen, gleichwohl berichteten Eltern unserer Fünft- und Sechstklässler von einem insgesamt hohen Arbeitspensum. Wir müssen in Zukunft mit Augenmaß berücksichtigen, dass eine heimische Schulstunde unter den aktuellen Bedingungen einer anderen zeitlichen Taktung folgt“, so Robens weiter.

Dass die Aufgaben unterschiedliche Komplexitätsgrade aufweisen, wurde in der Regel positiv eingeschätzt: Neben der Arbeit mit dem Lehrwerk kamen methodisch auch produktions- und projektorientiertere Aufgaben zum Zuge. Freiere Aufgabenformate förderten die Lernmotivation, insbesondere weitgehend selbstständig arbeitender Schüler. Damit freie Aufgabenformate aber nicht zu „Familienprojekten“ heranwachsen, stehen die Fachlehrerin oder der Fachlehrer für individuelle Nachfragen und Begleitung zur Verfügung.

Etwas zurückhaltend nutzten die Fünft- und Sechstklässler dieses Angebot der Kontaktaufnahme. „Sollte die Schulschließung weiter andauern, ist dieses Unterstützungsangebot unbedingt einzuholen“, richtet sich Schulleiter Karl Hagedorn da vor allem an seine jüngeren Schülerinnen und Schüler. Wie in Zeiten des Präsenzunterrichts wendeten sich die Schülerinnen und Schüler bei kleineren Rückfragen allerdings erst mal an ihre Klassenkameraden, womit ihnen, eigenen Angaben zufolge, meistens schon geholfen war.

#Sport- und Deutschlehrer Oliver Verheyen sieht das besondere Potenzial in der aktuellen Lehrsituation darin, mehr denn je die individuellen Lernleistungen seiner Schülerinnen und Schüler in den Blick nehmen und gezielte Fördermaßnahmen ableiten zu können. In einem sind sich Schüler, Eltern wie Kollegen allerdings völlig einig: Ihnen allen fehlt der Austausch in der direkten Begegnung. Dementsprechend lobt der Elternpflegschaftsvorsitzende Clemens Sieben nicht nur die „schnelle Einstellung auf den digitalen Unterricht“, sondern auch die „gute und ruhige Kommunikation.“

Die Elternschaft fühle sich gut, sachlich und zeitgerecht über aktuelle Entwicklungen informiert. Und sollte in der nächsten Zeit der persönliche Kontakt mit Schülern und Eltern weiter nicht möglich sein, liegen Pläne bereit, „die anstehenden Wahlen in der Mittel- und Oberstufe aus der Distanz durchzuführen, die wir zeitnah kommunizieren werden“, informieren Mittelstufenkoordinatorin Cornelia Kleff und Oberstufenkoordinatorin Monika Janßen. Die Hoffnung aller ist aber, dass man sich bald wieder in Gesundheit am Kardinal-von-Galen-Gymnasium wiedersieht.

Herkunftssprachlicher Unterricht im Kreis Kleve

Erziehungsberechtigte können ihre Kinder zurzeit an den Schulen im Kleve zum Herkunftssprachlichen Unterricht für das Schuljahr 2020/2021 anmelden. Der Herkunftssprachliche Unterricht ist ein Angebot des Landes NRW für Schülerinnen und Schüler, die zwei- oder mehrsprachig aufwachsen.

Ziel ist es, die herkunftssprachlichen Fähigkeiten in Wort und Schrift zu erhalten, zu erweitern und wichtige interkulturelle Kompetenzen zu vermitteln. Im aktuellen Schuljahr haben sich im Kreis Kleve bereits mehr als 900 Schülerinnen und Schüler zu diesem Unterricht angemeldet.

Zum nächsten Schuljahr kann das Angebot erweitert werden, so dass der Herkunftssprachliche Unterricht in den Sprachen Arabisch, Kurmanci, Niederländisch, Polnisch, Russisch und Türkisch durch das Schulamt für den Kreis Kleve eingerichtet wird. Von der Grundschule bis zum Ende der Sekundarstufe I werden die Schülerinnen und Schüler hier durch ausgebildete Lehrkräfte an unterschiedlichen Grundschulen und weiterführenden Schulen im Kreis Kleve unterrichtet. Am Ende der Sekundarstufe I nehmen die Schülerinnen und Schüler an einer schriftlichen und mündlichen Prüfung teil.

Weitere Informationen mit konkreten Unterrichtsangeboten, Anmeldeformularen und Ansprechpartnern werden von den Schulen an die entsprechenden Schülerinnen und Schüler weitergeleitet. Sie können aber auch unter www.kreis-kleve.de/hsu heruntergeladen werden.

Die Anmeldung zum Herkunftssprachlichen Unterricht im Kreis Kleve zum Schuljahr 2020/21 ist noch bis zum 30. April an der Regelschule möglich. Aufgrund des zurzeit ruhenden Schulbetriebs werden die Erziehungsberechtigten gebeten, die ausgefüllten Anmeldeformulare der Regelschule auf dem Postweg oder per Mail zukommen lassen.