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„Wir sind überwältigt”

Wer am heutigen Freitag das Klarissenkloster in Kevelaer betrat, dürfte sich vor allem eine Frage gestellt haben: „Wie war das zu schaffen?“ Wohin man schaute, türmten sich Berge von Kartons und Müllsäcken – alle prall gefüllt mit Decken, Schlafsäcken und Isomatten. Diese Hilfsgüter waren durch die „Martinsaktion“ der Stiftung „Aktion pro Humanität“ (APH) gesammelt worden. Die APH-Verantwortlichen hatten kurz vor dem diesjährigen Martinstag die Bevölkerung dazu aufgerufen, für Flüchtlingslager in Griechenland und Syrien zu spenden. Die Zwischenlagerung übernahmen die Klarissenschwestern, die innerhalb einer Woche ganze Räume bis unter die Decke mit den Spenden füllten. Nun wurden die Hilfsgüter in Transporter verladen und auf den Weg gebracht. Die Organisatoren waren überwältigt von der Mithilfe.

„Wir sind überwältigt. Mit so einer Reaktion haben wir nicht gerechnet“, sagt Schwester Bernadette sichtlich gerührt, während um sie herum fleißig gepackt wird. „Wir haben angefangen zu zählen, aber haben irgendwann aufgehört“, lautet ihre Antwort auf die Frage, wie viele Kartons denn zusammengekommen sind. Diese APH-Aktion war bereits die dritte dieser Art in diesem Jahr. Auch wenn bisher immer viel Hilfe gekommen sei, das Spendenaufkommen sei bei dieser Aktion völlig unerwartet gewesen. Eine Ursache sieht Schwester Bernadette in der Verbindung zu St. Martin. Der Gedanke des Teilens sei offensichtlich tief verankert in der Bevölkerung. Außerdem gehe es nun auf den kalten Winter zu – eine Zeit, in der es überlebenswichtig ist, in den Zelten der Flüchtlingslager wärmende Utensilien zu haben.

Jede helfende Hand war gefragt.

„Sechs Schwestern haben direkt mitgeholfen“, sagt Sw. Bernadette. Und weitere hätten dort mit angepackt, wo es nötig war. „Es war anstrengend, aber wir hatten viel Freude dabei.“ Vor allem sei es eine Bereicherung gewesen, zu sehen „mit wie viel Freude die Leute ihre Sachen gebracht haben. Viele Leute haben auch neue Decken gekauft.“ Corona habe die Spendenannahme zwar etwas erschwert, aber keineswegs unmöglich gemacht.

Die Klarissenschwestern schienen trotz der großen Freude über die Hilfsbereitschaft sichtlich erleichtert, als in ihren Räumlichkeiten langsam wieder Boden sichtbar wurde. Die Helfer hatten sich im Innenhof in einer Transportkette positioniert, um die Transporter, die unter anderem vom Deutschen Roten Kreuz bereitstanden, zu füllen. Ein Karton nach dem anderen wurde in gemeinschaftlicher Arbeit verstaut. Am späten Mittag war die Aktion noch in vollem Gange. Dr. Elke Kleuren-Schryvers, Vorsitzende der Stiftung APH, erwartete zu diesem Zeitpunkt, dass am Ende ca. sechs gefüllte Transporter auf den Weg nach Nettetal geschickt werden. Von dort aus übernimmt die Organisation „Human Plus e.V.“ den Transport in die Lager, der in der ersten Dezemberhälfte noch vor Weihnachten ankommen soll.

300 Kinderdecken

Neben zahlreichen Privatleuten erfuhren die Klarissenschwestern und die Verantwortlichen der APH Unterstützung von den Kirchengemeinden Kevelaers, den Pfadfindern aus der Region, der Kita Kruepasch aus Issum, den Steyler Schwestern sowie der Sonsbecker Emmaus-Gemeinschaft. Auch das Team des Caritas-Kleidertreffs in Kevelaer hatte sich etwas Besonderes zur Unterstützung einfallen lassen. Die Verantwortlichen kauften unter anderem durch den Eintrittserlös der Kleiderbasare für Flüchtlinge 300 Kinderdecken. Diese Spende stehe also quasi unter dem Motto „Von Flüchtlingen für Flüchtlinge“, sagt Sylvia Rommen-Ahlbrecht, Vorsitzende der Caritas-Konferenz St. Marien. „Ich freue mich, dass wir für die Kinder etwas tun können.“

Auch Pastor David Burau von der Evangelisch Freikirchlichen Gemeinde in Kevelaer war unter den Helfern. Es sei beeindruckend, wie viele Menschen im Rahmen einer solchen Aktion zusammenkommen, betonte er. Oftmals sei es eben ganz einfach, Menschen zu helfen. Inmitten der Hektik der Helfenden sorgte er zwischenzeitlich für einen Moment der Ruhe und des Innehaltens, indem er im Gebet zu den Anwesenden sprach.

Auch die Pfadfinder, die sich bereits vorab für die Aktion eingesetzt hatten, packten mit an.

Heike Waldor-Schäfer von der Aktion pro Humanität zeigte sich beim Anblick der vollen Transporter gerührt. „Ich habe das Gefühl, die Leute freuen sich, wenn sie etwas tun können. Man merkt auch, dass sie das gerne tun“, war ihr Eindruck von den Spendern und Helfenden. Auch viele Kinder hätten den Sinn dieser Aktion verstanden: zu helfen. Ein Kind aus der beteiligten Issumer Kita habe sogar seine geliebte Einhorndecke abgegeben – eine Geste, die in Erinnerung bleibt.

Den Beteiligten schien während der Packaktion noch einmal deutlich zu werden, welche Ausmaße die Sammlung angenommen hatte. Nicht umsonst hatte man irgendwann von Kartons auf große Säcke umsteigen müssen, es habe einfach nicht gereicht, blickt Schwester Bernadette zurück auf die vergangene Woche, in der sie mit den Klarissenschwestern eine beachtliche Arbeit geleistet hat. Auch wenn dies sicherlich nicht die letzte Aktion dieser Art war, ist vorerst Erleichterung angesagt, dass alle helfenden Hände so gut ineinander gegriffen haben. Und was nach diesen Tagen an erster Stelle steht, weiß Schwester Bernadette genau: „Heute Abend atmen wir erstmal durch.“

Kevelaerer Martinsaktion für die Flüchtlinge in den Zeltlagern

Im Klarissenkloster können noch einmal warme Decken abgegeben werden – noch vor Weihnachten sollen die Hilfsgüter vom Niederrhein dann in den Flüchtlingslagern ankommen.

Der St. Martinszug ist vieler Orten am Niederrhein abgesagt. Nicht aber die großartige Geschichte des Teilens, die mit dem Heiligen Martin verbunden ist.

Und so folgen jetzt alle Kirchengemeinden Kevelaers, die Pfadfinder vom Stamm Hartefeld, die Kita Kruepasch in Issum, die Steyler Schwestern, die Sonsbecker Emmaus-Gemeinschaft und auch wieder die Kevelaerer Klarissen dem neuerlichen Aufruf der Stiftung „Aktion pro Humanität“ (APH) und der Organisation Human Plus e.V. in Nettetal, für den nun nahe kommenden Winter noch einmal Decken zu sammeln für die Menschen in den Zelt-Flüchtlingslagern in Griechenland und in Syrien.

Die ersten Aktionen von Hilfslieferungen vom Niederrhein vor wenigen Wochen und aus der Zeit gerade zu Beginn des Corona Lockdowns im ersten Jahresdrittel 2020 sind nun abgeschlossen – alle gespendeten Sachen sind verteilt. Die Decken wurden in den Flüchtlingslagern Dar Alama und Almadrasa in der Region Killi, zwischen Idlib und Aleppo in Syrien, dankbar angenommen.

Nun startet Teil 2 der Aktion. Vom Martinstag an können eine knappe Woche lang – bis Mittwoch, 18. November – wieder wärmende Decken und Schlafsäcke (bitte gewaschen) und auch Isomatten bei den Klarissen in Kevelaer (St. Klara Platz 2) abgegeben werden. Bitte keine Steppbetten oder Kleidung abgeben – die Menschen in den Flüchtlingslagern brauchen dringend Decken, um sich gegen die Kälte in den Zelten schützen zu können. „Decken sind wesentlich praktikabler als Oberbetten mit Daunen, weil Decken schneller wieder trocknen können, wenn sie nass wurden“, so APH-Vorsitzende Dr. Elke Kleuren Schryvers.

Die Sammelaktion wird wieder maßgeblich von den Klarissenschwestern in Kevelaer getragen. Sie sammeln und verpacken die Decken. Von der Aktion pro Humanität wird dann der Zuliefertransport nach Nettetal durchgeführt. Von dort geht die wärmende Fracht dann in der ersten/zweiten Dezemberwoche an die Bestimmungsorte in Griechenland und Syrien.

„Vor Weihnachten könnte dann die Verteilung noch stattfinden“, so Anaestis Ionnaidis von der Organisation Human Plus in Nettetal. Er koordiniert die LKW-Transporte in diese Regionen.

Ein unerträglicher Zustand

Der Familiennachzug beim Flüchtlingen läuft nicht und ist willkürlich, kritisiert de Caritas Kevelaer/Gelder. Zwei Männer, die sie betreut, haben ihre Frauen und Kinder seit fünf Jahren nicht mehr gesehen.
Seit 2015 lebt der Syrer Maeof in Kevelaer. Mittlerweile arbeitet der der aus Al-Rakka stammende Mann für zunächst ein Jahr als Koch im Restaurant „Zum Einhorn“.
Der 46-Jährige hat Sprachkurse belegt, engagiert sich sozial und fährt jeden Samstag und Montag eine 97-jährige Frau aus einem Altenheim mit ihrem Rollstuhl spazieren. Er tut alles, um sich langfristig vernünftig zu integrieren. Aber er versteht nicht, warum es so lange braucht, bis seine Familie nachkommen kann: „Ich habe sie seit fünf Jahren nicht mehr gesehen“, sagt der Flüchtling und zeigt die Bilder seines 13 Jahre alten Sohnes und seiner sieben Jahre alten Tochter.
Maeof holt sein Handy hervor, zeigt Bilder seines „Hauses“. Was man sieht, ist nur noch ein Trümmerhaufen. „Meine Familie lebte dort auf offenem Gelände“ – ohne Spielraum, in einer IS-Hochburg. „Sie mussten sich oft verstecken“, so Maeof.
Die Famiie lebt in Zelten oder gehe in eine andere Stadt. Zeitweise hielten sie sich sogar in der Wüste auf, wie man auf verschwommene Handybildern erkennt. Sie wandern von Ortschaft zu Ortschaft. „Und die Kinder gehen nicht in die Schule.“ Das Wasser, das sie zu trinken bekommen, verursacht ihnen immer wieder Bauchschmerzen.
„Ich schicke ihnen Geld, soweit das geht”, sagt Maeof. Aber viel sei es nicht, da er seine Wohnung davon bezahlen müsse. Vor zwei Jahren habe er mit den Ausländerbehörden das Gespräch geführt. Seitdem habe sich in Sachen “Familie” aber nichts getan.
Angst um das Leben der Familie
Somit lebt Maeof in ständiger Angst, dass seinen Lieben etwas passieren könne. Es gibt Perioden, da „habe ich sechs Monate nichts von ihnen gehört“, erzählt Maeof. „Vielleicht sind die Kinder morgen schon tot“, macht sich diese seelische Pelastung auch gesundheitlich bemerkbar. Er war zwei Monate krankgeschrieben. Die Ärzte fanden keine Hinweise auf eine körperliche Krankheit.
Mittlerweile kann er wieder arbeiten, tut es gern und will das auch. “Das ist besser als zu Hause zu sitzen und nachzudenken.“ Die Gedanken kehren trotzdem immer wieder zurück. „Bis wann kann man das aushalten?“, bricht es aus ihm heraus. „Ich habe doch hier alles richtig gemacht.“
Das Schicksal mit ihm teilt der sechs Jahre jüngere Mohamed. Er stammt aus Damaskus, flüchtete mit seiner Mutter 2015 aus der damals heftig umkämpften Hauptstadt. Nach einer mehrwöchigen Odyssee mit langen Fußmärschen kam Mohamed schließlich nach Kevelaer, musste aber seine Frau und seine drei Kinder zurücklassen.
Die Entscheidung damals sei furchtbar gewesen. Aber „es war das Geld“, das für die Flucht aller fehlte. Und sich mit einer Familie (die jüngste Tochter war erst acht Monate alt) wochenlang auf den Weg machen, ging nicht mal eben so.
Die kleine Tochter erkennt ihn nicht
Der Sohn ist heute elf Jahre, eine Tochter neun und die andere fünf Jahre alt. „Die Jüngste hat mich noch nie richtig gesehen“, sagt der 40-Jährige. „Man hat ihr mal ein Foto von meinem Bruder und mir, ihrem Baba (Vater) gezeigt. Und sie fragte: Wer ist Baba?“
Auch Mohamed ist wie Maeof als Flüchtling für ein Jahr anerkannt und genießt „subsidiären Schutz“ – mit der Option auf Verlängerung und der Chance auf Niederlassungserlaubnis nach fünf Jahren, wenn er einen festen Job hat und mit der Sprache klarkommt.
Mohamed hat die diversen B1- und B2-Sprachkurse absolviert, vor kurzem einen Vertrag als Schweißer in Wachtendonk unterschrieben. Und er war die Person, die in dem „Grubi“-Maskottchen-Kostum steckte: „Da musste ich oft mit Kindern auf das Foto, da bricht mir das Herz dabei.“
Ihm seit wichtig, zu betonen, „wie dankbar wir dafür sind, was Menschen für uns hier machen. Wir vergessen nicht, was Deutschland für uns tut.“ Allein die Tatsache, seine Familie all die Jahre nicht gesehen zu haben „das reicht als Beschreibung“ für das, was er empfindet, aus, sagt er.
Dazu kommt das selbe Gefühl wie bei Maeof die tägliche Angst um das Leben der Familie. „Sie sind bei einem Bruder, nicht zentral in Damaskus. Aber auch Israel wirft Bomben. Drei Tage lang gab es kein Wasser.“ Und seineFrau sei krank.
Ausweglose Lage
Dazu käme die ausweglose Lage für die Zivilisten, die gar nichts mit diesem Krieg zu tun hätten:. „Alle diese Leute, von Assad und vom IS, denken, wir sind gegen sie.“ Dabei wolle man nur in Frieden leben.
Selbst in Deutschland müsse man aufpassen, weil es hier Menschen gebe, „die Informationen nach Syrien schicken.“ Und die syrische Polizei habe seine Frau zweimal gefragt, „wo ich bin.“
Für Mohamed ist es schwer, zu verstehen, dass er seine Liebsten nicht in den Arm nehmen kann: “Mein Bruder wohnt im Saarland und konnte seine Familie schon nachholen.“ Seine Kinder verstünden nicht, warum dessen Familie „Glück“ hatte und sie nicht.
Aber dass „immer und immer wieder Gesetze geändert“ würden, was eine Zusammenführung erschwert, sei für ihn „eine negative Überraschung.“ Was er damit meint, sind die Beschränkungen des Familiennachzuges auf monatlich 1.000 Personen bundesweit für Menschen mit „subsidiären Schutz“, Das hatte es noch nicht gegeben, als er den Antrag erstmals stellte.
Permanenter e-mail-Verkehr
Die Anträge lägen vor. Man schreibe permanent e-mails an die deutsche Botschaft nach Beirut und nach Syrien, unterstrich Gudrun Blumenkemper, die die beiden seitens der Caritas Geldern/Kevelaer berät und unterstützt. „Aber die gehen wohl nach Referenznummern“, meinte die engagierte Frau.
Natürlich kenne man nicht die Umstände, unter denen vor Ort so eine Botschaft agieren muss. Trotzdem koche auch bei ihr angesichts der Verzweiflung der beiden Männer oftmals die Wut hoch: „Das auszuhalten ist auch für mich in der Beratung schwer.“ Diese heftigen Emotionen müsse sie da schon von sich wegschieben: „Sonst könnte ich hier nicht sitzen.“
Dass man aus dem „kleinen“ Kevelaer nicht die Welt verändern kann, sei ihr klar. Die Möglichkeiten, was zu tun, seien in ihrer Position begrenzt: „Wir werden politisch nichts rütteln können. Man kann nur Verständnis für die Menschen erreichen und die 25. Mail zur Botschaft schicken.“ Wann das aber zu etwas führen wird, sei ungewiss.