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Autor Dr. Georg Cornelissen (r.) im Gespräch mit Kevelaers Ortsvorsteher Peter Hohl (l.) und Ulrich Francken vom Mundart-Verein „För Land en Lüj“ bei der Vorstellung seines neuen Buches „Nix für ungut!“ im Niederrheinischen Museum Kevelaer. Foto: nick
In „Nix für ungut!“ geht es um Sprache am Niederrhein

Neues Buch von Dr. Georg Cornelissen

Man kann et drehen und wenden wie man will: Sprache ist seine Welt. Und wenn der Sprachforscher Dr. Georg Cornelissen, der in Winnekendonk aufwuchs und dann den Rhein hinaufzog, nach Hause an den Niederrhein kommt, dann sprudeln Wörter und Wendungen aus ihm heraus.

Georg Cornelissen sucht und erforscht weiter „Ortsnecknamen“

Moppe, Knoase, Keckfoars

Was haben die Menschen in Nütterden, Niel, Kehrum (linksrheinisch) und Esserden auf der rechten Rheinseite gemeinsam? Sie werden von den Bewohnern ihrer Nachbarorte als „Böck“, also Böcke, verhohnepiepelt. Dabei muss man an Ziegenböcke (einschließlich ihres besonderen Geruchs) denken.

Georg Cornelissen beschäftigt sich als einer der Väter von „Dat Portal“ mit der Sprache des Rheinlandes

Wie Herr Schmitz zu seinem Namen kam…

„Jeder Jeck ist anders“, sagt man gern im Rheinland, und man könnte auch sagen, „jeder Jeck spricht anders“. Und wie sich ein und dasselbe Wort in den verschiedenen Regionen des Rheinlands anhören kann, ist dem Landschaftsverband Rheinland eine eigene Internetseite wert.

Platt à la carte im „Kävelse Lüj“

Gastgeber Thomas Molderings genoss den Vortrag des Rezitators Wilfried Renard, ehe er sich nach der Begrüßung wieder um das leibliche Wohl der Gäste im Nebenraum kümmerte. Als Inhaber des „Kävelse Lüj“ freute er sich sehr darüber, dass die plattdeutsche Lesung mit dem stadtbekannten Wilfried Renard tatsächlich zustandegekommen war. „Das wäre vor zwei Wochen so vielleicht noch nicht möglich gwesen, aber ich habe daran festgehalten.“ Schade war lediglich, dass nur eine Handvoll Zuhörer das 75-minütige Eintauchen in die besondere Sprachwelt der beiden Kevelaerer Heimatdichter Jupp Tenhaef und Theodor Bergmann verfolgten.

Dafür befanden sich mit Theo Janßen und dem Großneffen von Theodor Bergmanns Frau, Heinrich Baumanns, zwei ausgewiesene Sprachexperten unter den Zuhörern, die die Zeit zwischen den Texten spontan mit plattdeutschen Plaudereien überbrückten. „Die Schwester meiner Oma war Lehrerin, hat den Bergmann geheiratet. Die war auch gebildet und stellte was dar. Ich war damals noch klein, habe sie nur in Erinnerung, so wie ich sie sah“, erzählte Heinrich Baumanns und gab freimütig zu, „dass das einen berührt, wenn man das hier hört und dann darüber nachdenkt.“

„Der Theodor Bergmann ist wahrscheinlich von den beiden der Gebildetere, auch Politiker, hat hier die CDU mit begründet. Das merkt man an der Sprache“, beschrieb Renard die Unterschiede beider Dichter. „Bergmanns Sprache ist noch tiefer ausgeformt. Er arbeitet sozusagen mit dem Florett. Und Jupp Tenhaef ist der, der den Leuten noch mehr auf das Maul schaut, der direkter und einfacher ist, aber dann auch geraderaus sagt, was er denkt. Der hat das sicher nicht so leicht gehabt wie der Bergmann, ist mein Gefühl.“

Quasi spontan trug Renard „auf Zuruf“ eines der 40 Gedichte vor, das sich die Anwesenden von den neben ihm aufgestellten „Carte“-Wandtafeln – mit Tenhaef zur Linken und Bergmann zur Rechten – aussuchen konnten. Und so entwickelte sich eine entspannt-unterhaltsame Rezitation philosophischer, nachdenklicher, humorvoller und alltagsbeschreibender Texte in einer Sprache, die heute nicht mehr ganz so viele, aber noch immer einige verstehen. So erzählte Renard mit seiner sparsam, aber überlegt eingesetzten Mimik und Gestik in Tenhaefs „Üt enne pott“ die Geschichte von „Hond“ und „Katt“, die sich um den Inhalt des Potts streiten, ehe sie feststellen: „Wat sinn wej dann toch Esels!“ Bergmanns Liebesgeschichte „Piche on Griche“ und seinem Glück, „dat sin lief Griche dor stond. On an den Prummenboom Appele bond.“

Er erzählte in Tenhaefs „Wülderej“ die Geschichte von „Wülder (=Maulwurf) Jann, wo die Menschen „gönne mej nit ens de Loch (=Luft)“ , erinnerte in „Kermes vor de Dör“ an die Zeit, als „Maj hiew ek op de Lukas drop met all Pet on Krachte.“ Und er gab am Ende eine „Gujje Roat“: „Nit alstevööl verwachte/Et besten es, me hält merr Moat, on drevvt nit soviel Stuss on Stoat/ on Wönß on met Gedachte.“

Neben so intelligent-humorvollen Texten wie „Jann well traue“ über den „döchtege Tömmermann“, der „en beggen döseg, en beggen domm“ mit zwei Frauen vermählt werden möchte („Ek häb se allebeij lief.“) und dem wunderbaren „Antöneke“ in der Schule, wo der Lehrer daran verzweifelt, dass er nicht eins und eins zusammenzählen kann, spiegelte er mit Bergmanns Texten auch Themen, die heute hochaktuell sind. So debattierte er das Thema „Europa“ im gleichnamigen Gedicht („Off dann van ons Jonges in kommenden Tit waell ens no dat Europa kömt?“) und beschrieb in „Ohme Pit“ die Grausamkeit des Menschen im Krieg – mit einer unfreiwilligen Anspielung auf die Unruhen in den USA heute. „Es alles verlore? – Helpt nimand nit? – Eck ersteck – Ohme Pit!“
Trotz der geringen Zuhörerschaft war Molderings von den besonderen literarischen Momenten sehr angetan. „Ich hoffe, dass ich Sie nochmal ansprechen darf, wenn wieder mehr geht und es noch etwas populärer gemacht worden ist. Ich würde das gerne fortsetzen“, wandte er sich danach mit einem persönlichen Dank an Renard, der sich einer weiteren Lesung nicht abgeneigt zeigte.

Da war Napoleon auch Platt

Es gibt wohl kaum einen Wissenschaftler, der so beständig seine Forschung in so spannende Geschichten zu fassen vermag: Erst erzählt Sprachwissenschaftler Dr. Georg Cornelissen die schöne Geschichte von der Herkunft des Wortes „Fisimatenten“ – das komme aus dem Französischen, meinten manche, die napoleonischen Soldaten hätten die deutschen Damen aufgefordert „Visite ma Tente“ („Besuche mein Zelt“). Und daraus hätte sich dann der Spruch „keine Fisimatenten machen“ ergeben. „Ist natürlich alles Quatsch“, erklärt er dann. Zur Zeit Napoleons habe es am Niederrhein kaum französische Soldaten gegeben.
Niederrhein und Niederlande

Der Mann aus Winnekendonk muss es wissen, denn er befasst sich beruflich auch mit der Sprachgeschichte dieser Zeit. Wer sich mal selbst davon überzeugen will, wie sich das anhört, der ist bei ihm und am Samstag, 28. September, 14.30 Uhr, im Niederreinischen Museum in Kevelaer an der richtigen Adresse. Dann wird Georg Cornelissen die Zeit der Franzosen am Niederrhein sprachlich auferstehen lassen und ihren Einfluss auf das niederrheinische Platt und die niederländische Sprache – beide eng verwandet und gut vermischt – erläutern.
Dass die jeweils knapp 20-minütigen sprachlichen Ausflüge in die Napoleonische Zeit in der knapp zweieinhalbstündigen Veranstaltung zwischen „Trottoir“, „Portemonnaie“, „prackesiere“ und „Plümmo“ keine trockenen Vorträge sein werden, ahnt jeder, der Cornelissen einmal erlebt hat.
Appetithäppchen

Dazu gibt‘s zwischendurch auch noch ein paar Appetithäppchen in Form von frühen Tonaufnahmen. Die Veranstaltung ist eine Zusammenarbeit, bei der das LVRInstitut für Landeskunde und Regonalgeschichte, der Verein „För Land en Lüj“, das Niederrheinische Museum Kevelaer sowie dessen Förderverein zusammenarbeiten.
Und dann kommen auch noch die Preußen

Unter anderem gibt es Dialektproben aus der Franzosenzeit, die ältesten Texte sind Übersetzungen des Gleichnisses vom verlorenen Sohn aus dem Jahre 1806. Mit entsprechenden Karten erläutert Cornelissen die Frage, wie „niederländisch“ der Dialekt der Franzosen damals klang. „Französische Lehnwörter im niederrheinischen Platt“ sind ebenso ein Thema, bevor er schließlich die Nachfolgeregelungen – für die natürlich die Preußen zuständig sind, wer sonst – in Sprachpolitik und Sprachalltag ab 1815 erklärt.