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Christopher Landwehr musste umplanen: Statt den Jakobsweg lief er Hunderte Kilometer durch die Wallfahrtsstadt

Fast 800 Kilometer durch Kevelaer

Als Christopher Landwehr den Plan schmiedete, im Mai 2020 seine Pilgerreise über den Jakobsweg in Spanien zu starten, hatte der Kevelaerer die Rechnung ohne Corona gemacht. Die Idee stand, alles war geplant und der 50-Jährige voller Elan.

Bruder Thomas Bischop (84) feiert am 6. Mai sein Diamantenes Ordensjubiläum

Erzieher in Goch und Missionar in Mexiko

Am morgigen 6. Mai sind es genau 60 Jahre, dass Bruder Thomas Bischop die Erste Profess in der Brüdergemeinschaft der Canisianer in Münster abgelegt hat. Der 84-jährige Ordensmann ist froh, seinen Lebensabend in Kevelaer verbringen zu können

Peter Tenhaef wurde am Montag 70. Sein Familienbetrieb leidet jedoch unter Corona.

Momentan stehen alle Räder still

Am 19. April vollendete Peter Tenhaef sein 70. Lebensjahr. Vielen Kevelaerer*innen ist er gut bekannt. Ob als Vorstandsmitglied der Bürgerschützengesellschaft, durch die Auszeichnungen für sein ehrenamtliches Engagement, als Getränkegroßhändler und Arbeitgeber sowie als Festkettenträger oder Präsident der Geselligen Vereine.

Dorothee Flemming-Lühr war 30 Jahre lang Kevelaers Stadtarchivarin. Ende März geht sie in den Ruhestand.

Seit 30 Jahren glücklich im Job

Wo sich bei vielen Menschen vermutlich die Haare zu Berge stellen, fühlt Dorothee-Flemming Lühr sich pudelwohl: historische Schriftstücke, Bücher, Papierberge so weit das geschichtsinteressierte Auge reicht. Die Kevelaererin arbeitet seit 30 Jahren im Stadtarchiv der Wallfahrtsstadt und dürfte sich in der Historie wohl mit am besten auskennen.

Die Sopranistin und Pianistin Annja Rossmann verlässt Kevelaer

Die Begeisterungsfähige

Inmitten von Umzugskartons und Noten setzt sich Annja Rossmann an das Klavier und spielt ein paar Minuten. Während des Spiels hat man das Gefühl, dass sie die Tasten eher streichelt als spielt, weil es ihr so leicht von den Händen geht. Annja Rossmann ist ein echtes Kevelaerer Mädchen. Abgesehen von ihrer Studienzeit in Köln lebt sie seit ihrer Geburt in der Marienstadt, wuchs als eines von vier Kindern in einem bürgerlichen Bildungsumfeld auf.

Niklas van Lipzig aus Kevelaer und David Martin gehen mit ihrem zweiten Podcast „dudes.“ an den Start

Zwei Männer und ihr Podcast

Ein Sofa, etwas Technik und eine Menge Humor – mehr brauchte es nicht, als der Kevelaerer Niklas van Lipzig und der Ingolstädter David Martin sich vor zwei Jahren das Projekt „Podcast“ in den Kopf gesetzt hatten. Dass sie wenig später jeden Tag tausende Menschen im Internet mit lustigen Clips aus ihrem Alltag unterhalten und sogar Stars wie Nena und Wincent Weiss mal anmoderieren würden, war für die jungen Männer wohl kaum zu erwarten.

Die Zeichen standen auf Veränderung

Beinahe still und heimlich ging alles vonstatten. Nach einiger Vorbereitungszeit, vielen Formalien sowie einem Eignungsfeststellungsverfahren ist Christina Diehr seit dem 7. Januar 2021 offiziell die neue Schulleiterin des Kevelaerer Kardinal-von-Galen-Gymnasiums. Eine Feier war aufgrund der Corona-Pandemie nicht möglich, lediglich die Übergabe der Urkunde durch den verantwortlichen Dezernenten. Christina Diehr tritt damit die Nachfolge von Karl Hagedorn an, der im Sommer vergangenen Jahres pensioniert wurde. Als Diehr im Februar 2019 zunächst die Stelle als stellvertretende Schulleiterin am KvGG antrat, war es gar nicht ihr Plan, noch einen Schritt weiter zu gehen.

„Ich wollte lange Zeit Pastorin werden“, erzählt die 54-Jährige von ihren anfänglichen beruflichen Plänen und kann sich dabei ein Schmunzeln nicht verkneifen. „Ich habe dann aber gemerkt: Nee, das ist doch nichts für dich.“ Schlussendlich führte sie der Weg nach ihrem Abitur nach Essen für ein Lehramtsstudium – Englisch und Deutsch für die Sekundarstufen 1 und 2. Was folgte, war ein Referendariat an einem Essener Gymnasium und die Tätigkeit an einer Gesamtschule, bevor die Lehrerin nach Wesel ans Andreas-Vesalius-Gymnasium wechselte. 22 Jahre lang unterrichtete sie dort und konnte als Oberstufenkoordinatorin bereits Erfahrungen in der Verwaltung sammeln.

„Dann ist man irgendwann in einem Alter, in dem man sich fragt: Was machst du jetzt?“, schildert Diehr, die gebürtig aus Voerde am Niederrhein stammt und heute mit ihrem Mann in Geldern wohnt. Und während der Wunsch nach einer neuen Herausforderung in ihr aufkeimte, wurde am KvGG nach einer stellvertretenden Schulleitung gesucht. Nach einem „positiven ersten Eindruck“ der Einrichtung nahm Diehr die Stelle an. Die heute 54-Jährige war noch nicht lange in der Marienstadt tätig, als dann relativ schnell feststand, dass der damalige Schulleiter Karl Hagedorn bald in den Ruhestand gehen würde. Im Herbst 2019 sei nach ausgiebiger Beratung mit ihrem Mann, der als Schulleiter an einer Gelderner Schule tätig ist, sowie positivem Zuspruch aus dem Kollegium schließlich die Entscheidung gefallen, Hagedorns Nachfolge antreten zu wollten, erzählt Diehr. 

„Ich bereue es nicht. Ich habe gemerkt, ich fühle mich hier wohl.“ Das sei natürlich die Voraussetzung gewesen. Was das Kevelaerer Gymnasium für sie auszeichnet? Als besonders positiv empfinde sie die „große Bandbreite“ an der Schule. Es gebe eben nicht einen thematischen Schwerpunkt, um den sich alles dreht, stattdessen würden viele Bereiche abgedeckt. 

Sie möchte nicht aufs Unterrichten verzichten

Außerdem sei der Eindruck – den sie im Übrigen von der ganzen Stadt hat – dass alles sehr familiär ablaufe. Sie könne nicht nur auf ein engagiertes Kollegium, sondern auch auf die Eltern bauen. „Und diese Schule hat unfassbar nette Schülerinnen und Schüler“, was nicht selbstverständlich sei, berichtet die erfahrene Lehrkraft, die aktuell einen Englisch-Leistungskurs betreut und auch künftig nicht gänzlich auf das Unterrichten verzichten möchte. Ob sie durch ihren Positionswechsel damit rechnet, dass die Schüler*innen ihr im Unterricht künftig anders gegenübertreten? „Nein.“ Ein respektvoller Umgang sei immer das A und O, egal ob Schüler*in, Lehrkraft, Hausmeister oder Elternteil. „Und ich glaube nicht, dass sie bei mir mehr Hausaufgaben machen als bei den anderen“, sagt Diehr augenzwinkernd.

Dass sie heute auf dem „Chefsessel“ im KvGG sitzen würde, hätte sie vor zwei Jahren nicht gedacht, gesteht Diehr, die als Ausgleich in ihrer Freizeit gerne auf dem Golfplatz steht, verreist und Konzerte besucht. Die Geschicke der Schule leitet sie allerdings nicht erst seit dem 7. Januar, sondern seit der Pensionierung Hagedorns im Sommer. Und aktuell ist sie quasi „2 in 1“: Schulleitung und ihre eigene Stellvertretung. Denn Letztere gibt es derzeit am KvGG nicht. Das soll sich in naher Zukunft jedoch ändern.

Eigene Ideen ins Schulleben einfließen lassen

Einige wichtige Details sei sie im Vorfeld noch mit ihrem Vorgänger durchgegangen. „Vieles lernen Sie aber ‚on the Job‘ – das ist dann learning by doing.“ Letztlich sei es wichtig und auch gut so, eigene Vorgehensweisen in die Arbeit einfließen zu lassen. „Ich sehe auch keinen Nachteil darin, dass ich von außen komme“, betont die Schulleiterin. Das ermögliche ihr einen „neuen Blick“ auf die Schule. Man betrachte die Strukturen schlichtweg anders, wenn man noch nicht seit vielen Jahren in demselben System tätig ist.

Komplett „auf links drehen“ möchte Diehr das KvGG nicht. Veränderungen und Optimierungen soll es dennoch geben. Dazu zählt unter anderem das Vorantreiben der Digitalisierung. „Wie können wir Aspekte der Digitalität in den Unterricht einbringen?“, sei da eine zentrale Fragestellung. Vor allem die Corona-Pandemie habe hier viele neue Ansätze aufgezeigt. Außerdem stehe in Zusammenarbeit mit der Stadt die Weiterentwicklung des Schulgebäudes an – dafür brauche es weitreichende Planungen, auch aus pädagogischer Sicht. Weitere Ziele seien die Analyse und Optimierung der Kommunikationswege an der Schule, eine Verbesserung der Außendarstellung sowie die individuelle Förderung der Schüler*innen in Form von Vorbereitungskursen zum Abitur („Fit for Abi“), durch das Programm „Schüler helfen Schülern“ und weitere Förderungsangebote. Vieles sei auf einem guten Weg, könne aber an einigen Stellen überdacht, optimiert und erweitert werden, meint die Schulleiterin.

All das gelinge allerdings nicht in einem Alleingang. „Man kann es nur gemeinsam schaffen“, sagt die Schulleiterin, die auch nach mehr als zwei Jahrzehnten immer noch sichtlich glücklich über ihre Berufswahl scheint. „Es ist ein sinnvoller Beruf. Dieser Beruf kann einen erfüllen und einem unglaublich viel Spaß machen.“ 

„Die Jugend hat mich jung gehalten“

Fast sein ganzes Leben lang war Bruder Werner Bölsterling für Jugendliche zuständig. 21 Jahre lang wirkte der studierte Sozialpädagoge als Erzieher auf der Gaesdonck. Danach arbeitete er 13 Jahre als Pastoralreferent in Bocholt und gründete dort auch 1994 die Pfadfinder, die noch heute bestehen. Seit 2012 vollbringt Bruder Werner seinen Lebensabend im Priesterhaus in Kevelaer. Nach zwei Rückenoperationen ist er seit drei Jahren auf einen Rollator angewiesen. „Ohne Rollator könnte ich nicht mehr laufen, aber sonst geht es mir sehr gut. Die Jugend hat mich jung gehalten“, meint der Jubilar lächelnd.  

In Kevelaer war er bis zu seiner körperlichen Einschränkung noch für die Caritas tätig und betreute einen eigenen Bezirk. Nun ist er immerhin noch in der Caritas-Konferenz. „Mehr geht für mich leider nicht, mir fehlt dieser Dienst sehr“, muss er zugeben. Zur Gaesdonck hat er immer noch eine gute Verbindung und 2019 war er noch in Bocholt, um das 25-jährige Bestehen „seiner“ Pfadfinder zu feiern. „Ich bin sehr stolz, dass die jungen Leute sich immer noch treffen. Rund 100 Kinder und Jugendliche, die zum Teil mit mir zusammen angefangen haben, sind heute noch dabei. Das zeigt, dass die Pfadfinder für Jugendliche immer noch sehr aktuell sind.“ 

Und wenn die Bocholter Pilger mit dem Bus nach Kevelaer kommen, dann holt Bruder Werner die fußbehinderten Pilger auf dem Peter-Plümpe-Platz ab, um in Prozession zur Gnadenkapelle zu ziehen, wo er dann eine kleine Andacht hält. Auch mit Rollator lässt er sich diesen Dienst nicht nehmen. Nur im letzten Jahr fielen alle Wallfahrten der Bocholter aus, was Bruder Werner bedauerte. Aber mit Zuversicht und Geduld sieht er einem hoffentlich baldigen normalen Wallfahrtsbetrieb entgegen und freut sich, auch mit Bewegungseinschränkung noch lange im Dienst für die Menschen zu sein.

Seelsorger und Entwicklungshelfer

Eine kleine Kapelle mitten im Grasmeer der argentinischen Pampa. Wir schreiben das Jahr 1949. Vor dem Kreuz kniet ein Missionar der Steyler Societas Verbi Divini. Angesichts der schier unendlichen Weite seines neuen Arbeitsgebietes hat den 35-jährigen Pater Augustin van Aaken der Mut verlassen. Er hat die Fahrt zu seiner Missionsstation unterbrochen und bittet um neue Kraft und um Glauben. Mitten im Gebet fällt sein Blick auf das bunte Glasfenster und den darunter stehenden Namenszug: „Heinrich Derix, Kevelaer“. Nach einem Augenblick ungläubigen Staunens, so erinnerte er sich später, kehrten Glauben und Zuversicht zurück: „Als ich die drei Worte las, da sagte ich mir: Wenn das kleine Kevelaer hier vertreten ist, dann bist Du am richtigen Platz.“

Augustin van Aaken wurde 1914 in Kevelaer geboren. Seine Eltern August van Aaken und Bernhardine Johanna van Aaken, geborene Te Niersen, bewirtschafteten in der Hauptstraße 51 den Pilgerhof „Zum St. Josef“. Angeschlossen an das 45-Betten-Haus waren ein kleines Geschäft und eine Zimmermeisterwerkstatt. Die letztere sicherte der wachsenden Familie außerhalb der Wallfahrtszeit ein regelmäßiges Einkommen. Wie seine zehn Geschwister arbeitete Augustin van Aaken schon als Kind im Familienbetrieb mit. Das stark christlich geprägte Elternhaus und die enge Anbindung an das Wallfahrtsgeschehen ließen ihn früh die Weichen für seinen späteren Lebensweg stellen.

Mit 14 Jahren lenkte der Kontakt mit Missionaren der Steyler Ordensgesellschaft Societas Verbi Divini seine beruflichen Wünsche und seine jugendliche Neugier auf die weite Welt in reale Bahnen. Im April desselben Jahres wechselte er von der Kevelaerer Rektoratschule auf das Gymnasium in Steyl. Sein Abitur machte er 1935 im ordenseigenen Missionspriesterseminar in St. Augustin bei Bonn. Im Anschluss begann er dort sein Noviziat.

Lebensmittelmarken für ein Festmahl

Verpflichtungen zum Arbeitsdienst unterbrachen 1936/37 die Priesterausbildung van Aakens und angesichts der drohenden Schließung des Seminars in St. Augustin kürzte der Orden die Vorbereitungszeit auf die Priesterweihe ab. Am 27. April 1941 wurde Augustin van Aaken in St. Augustin zum Priester geweiht. Seiner ersten Heiligen Messe am Tag darauf folgte zu Pfingsten, am 2. Juni 1941, die Heimatprimiz mit Domkapitular Wilhelm Holtmann in der Kevelaerer Basilika. Die Familie van Aaken hatte seit Monaten Lebensmittelmarken für ein Festmahl gesammelt, und die ganze Nachbarschaft beteiligte sich an den Vorbereitungen.

Im Juli 1941 lösten die Nationalsozialisten das Missionspriesterseminar St. Augustin auf, und van Aaken kehrte in seine Heimatstadt zurück. Er begleitete Bischof Clemens August von Galen auf dessen Firmreise durch das Bistum und holte im Priesterseminar Eichstätt die fehlenden Teile seiner Priesterausbildung nach. Als auch das Eichstätter Kloster seine Pforten schließen musste, wurde er Kaplan im württembergischen Aulendorf.

Im September 1942 erhielt Augustin van Aaken seine Einberufung zum Kriegsdienst. Nach einer Sanitäterausbildung in Ulm wurde er an die Ostfront versetzt und tat dort Dienst als Krankenträger. Siebenmal wurde Augustin van Aaken während der Kriegsjahre verwundet; von einer schweren Granatenverletzung im Gesicht behielt er mehrere Splitter im Kopf zurück; als er ein anderes Mal mit einem lebensgefährlichen Darmdurchschuss ins Lazarett eingeliefert wurde, stellten ihn die Ärzte buchstäblich zum Sterben beiseite. Ein ebenfalls im Lazarett befindlicher Priester erteilte van Aaken in der Nacht die Sakramente, und als er ihn am kommenden Morgen nicht mehr unter den Verletzten fand, hielt er ihn für tot. Tatsächlich befand sich Augustin van Aaken zu diesem Zeitpunkt zumindest in der Nähe des Himmels – sein Vetter Ernst van Aaken, Sportarzt und im Krieg Kommandeur eines Sanitätshubschraubers, hatte ihn zufällig unter den Verletzten entdeckt und ausfliegen lassen. Mehr als 30 Jahre später stieß der Priester aus dem Lazarett, der van Aaken längst unter den Gestorbenen wähnte, anlässlich dessen Bischofsweihe in der Zeitung auf den Namen. Ein Anruf bei der Familie in Kevelaer bestätigte das Unglaubliche; bei einem Heimatbesuch des Bischofs feierten die beiden Männer ein inniges Wiedersehen.

Abschied von seiner Familie

Das Kriegsende 1945 erlebte Augustin van Aaken im Lazarett, und nun drängte der inzwischen 31-Jährige darauf, endlich in den Missionsdienst eintreten zu dürfen. 1949 erhielt er seine Bestimmung für den Missionsdienst in Argentinien. Im Februar nahm er Abschied von seiner Familie – gemäß den Missionsregeln „für immer“, und tatsächlich sollte er zumindest seine Mutter nicht lebend wiedersehen.

Van Aakens erstes Missionsfeld war die argentinische Pampa. Das Land war politisch labil. Die Inflation wuchs, und das auf Militär und Gewerkschaften gestützte Regime sah sich einer wachsenden Zahl von Gegnern gegenüber, die es rigoros verfolgte. Als sich der Konflikt zwischen Präsident Peron und den von der katholischen und liberalen Opposition unterstützten Militärs Mitte Juni 1955 zuspitzte, wurde auch van Aaken verhaftet. Nach einigen Tagen kam er wieder frei und setzte nach dem Putsch von General Aramburu seine Arbeit unter dem neuen Militärregime fort.

Festkettenträger Josef Schotten und Adjutant Hans Wolsing nehmen 1973 Glückwünsche von Bischof van Aaken entgegen.

1961 kehrte Augustin van Aaken erstmals zu einem Besuch in seine Heimat zurück. Nach dem Heimaturlaub sollte er in Paraguay seine Arbeit wieder aufnehmen. Augustin van Aakens neuer Wirkungskreis lag mitten im Urwaldgebiet. Zentrum seiner Arbeit als erster Provinzial der Societas Verbi Divini in Paraguay wurde Encarnación, nach der Hauptstadt Asunción die zweitgrößte Stadt des Landes.

Anfang der 60er-Jahre kämpfte Paraguay mit wirtschaftlichen und sozialen Problemen. Zwar blieb in Paraguay die politische Führung durch den diktatorisch regierenden Präsidenten Alfredo Stroessner stabil, doch ein großer Teil der 2,3 Millionen Einwohner lebte am Rande des Existenzminimums. Engagement für diese Menschen war ein politisches Statement, das die offizielle Kirche in Paraguay bis 1969 vermied. An der Basis allerdings konnten Männer wie Pater Augustin dem Elend der Menschen nicht tatenlos zusehen. Mit der ihm eigenen Tatkraft griff der Steyler Missionar zu Bibel und Maurerkelle. Er reiste durchs Land, hörte sich die Sorgen und Wünsche der Menschen an und veranlasste den Bau zahlreicher Kirchen und Schulen. In Encarnación entstanden zwischen 1962 und 1968 Heime für Kinder, junge Mütter und alte Menschen, eine Krankenstation, eine Landapotheke, ein Gymnasium und eine Handwerkerschule sowie ein eigenes Priesterseminar, in das 1966 die ersten Novizen einzogen.

Der Weg ins Rampenlicht

Als Augustin van Aaken 1968 seinen zweiten Heimaturlaub antrat, vollzog die Kirche in Paraguay gerade einen Stellungswechsel. Nach jahrelangem Schweigen wandten sich die Bischöfe von Villarica und Colonel Oviedo öffentlich gegen die fortdauernden Menschenrechtsverletzungen des Regimes. Die Folge war eine repressive Kirchenpolitik, die bis Mitte der 70er-Jahre anhielt und auch Augustin van Aaken nicht verschonte, denn in dieser Zeit geriet er selbst ins kirchenpolitische Rampenlicht: 1972 erlag der erste Bischof der jungen Diözese Alto Paraná nach nur einjähriger Amtszeit einem Hitzschlag. Papst Paul VI. ernannte daraufhin Augustin van Aaken zu dessen Nachfolger.

Die Bischofsweihe, zu der van Aakens Geschwister Margarethe und Heinrich sowie die Neffen Karl und Paul aus Kevelaer anreisten, erfolgte am 12. August 1972 in Encarnación. Aus allen Richtungen strömten die Menschen herbei, um mit ihrem Pater Augustin zu feiern – und ihn gleichzeitig zu verabschieden. Als Bischof von Alto Paraná lag sein Amtssitz fortan in der neu entstehenden Stadt Puerto de Stroessner.

Als Wahlspruch für sein Bischofswappen hatte Augustin van Aaken 1972 den Satz „Servir en Carida“ – „Dienen in Liebe“ gewählt. Diesem Motto blieb er treu. Seine spartanische Haushaltsführung ging einher mit großzügiger Gastfreundschaft.

Seelsorger

Augustin van Aaken betrachtete sich nicht als Entwicklungshelfer, sondern als Seelsorger. Trotzdem ließ sich beides nie trennen. Auch in Puerto de Stroessner fungierte er als Baumeister. Seine Projekte finanzierte er nahezu vollständig über Spenden, von denen ein großer Teil aus Kevelaer und Aulendorf stammte. Die Diözese Alto Paraná bekam unter seiner Leitung ein Hospital mit 30 Betten, Krankenstationen, Schulen, Kinder- und Mütterheime sowie ein von Adveniat finanziertes Exerzitienhaus. Der besondere Stolz Augustin van Aakens war die Katholische Universität in Puerto de Stroessner. Um eine Mauer zu sparen, baute er sie gleich an die bescheidene Bischofsresidenz an.

Besonders am Herzen lagen van Aaken die acht Indianermissionen seiner Diözese, die er nur durch die Unterstützung der Sternsinger aus Kevelaer und Winnekendonk am Leben erhalten konnte. Für die Indigenen, die als Jäger und Sammler durch den Urwald zogen, kämpfte er um eine rechtlich abgesicherte Existenzgrundlage in Form von Landtiteln. Er gewann sowohl den Rechtsstreit als auch den Respekt der Indianer, denn er akzeptierte ihre Kultur und verband seine Hilfe nicht mit Bekehrungszwang.

Nachdem van Aaken im Juli 1989 anlässlich seines 75. Geburtstages das Große Verdienstkreuz mit Stern des Verdienstordens der Bundesrepublik Deutschland erhalten hatte, reiste er über Kevelaer nach Rom und überreichte Papst Johannes Paul II. sein Rücktrittsgesuch. Er hoffte, sein Bischofsamt einem Einheimischen übergeben zu können und selbst in den Alltag einer Missionspfarrei zurückzukehren. Nur ein Teil seines Wunsches erfüllte sich. Nach der Einweihung der erweiterten Kathedrale in Ciudad del Este, dem früheren Puerto de Stroessner, übergab er am 10. Juni 1990 seinen Bischofsstab an den Paraguayer Bischof Cuquejo und zog nach Obligado, wo er die Seelsorge für die 800 Schüler des Colegio San Blas und die umliegenden Ortschaften übernahm. Hier starb Augustin van Aaken wenig später, am 11. August 1990.