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Schutzkonzept für mehr Sicherheit

Genau hinsehen, wo es Räume für mögliche Übergriffe geben könnte, und genau hinhören, damit insbesondere Kinder und Jugendliche sich nicht schon durch übergriffige Sprache bedrängt fühlen – das sind nur einige Aspekte im sogenannten Institutionellen Schutzkonzept (ISK). Alle Pfarreien und Einrichtungen im Bistum Münster haben die Aufgabe, ein solches ISK zu erstellen – individuell auf die jeweiligen Gegebenheiten vor Ort abgestimmt. Entsprechende Konzepte haben nun die beiden Kevelaerer Pfarreien St. Antonius und St. Marien entwickelt und gemeinsam vorgestellt.

Ausführlich haben die Verantwortlichen jeweils dargestellt, wie es potenziellen Tätern künftig schwer gemacht werden soll, in den Pfarreien Opfer zu finden. Vielmehr sollen Kinder und Jugendliche erleben, dass sie in den kirchlichen Einrichtungen Orte erleben, in denen sie sich wohlfühlen und Personen kennenlernen, denen sie sich anvertrauen können. Gleichzeitig sollen haupt- und ehrenamtliche Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter dafür sensibilisiert werden, mögliche Anzeichen für einen Missbrauch schneller zu erkennen und ernst zu nehmen, wie Ursula Grave-Bousart, Präventionsfachkraft von St. Antonius, erklärt.

Beschwerdewege und Kontaktmöglichkeiten

Kernstück beider Konzepte ist der Verhaltenskodex, an den sich alle halten müssen, die sich in der Pfarrei engagieren. Aufgezeigt sind zudem Beschwerdewege mit Hinweisen, wie man sich verhalten soll, wenn der Verdacht besteht, dass es zu grenzverletzendem Verhalten oder sexualisierter Gewalt gekommen ist. Dazu gibt es Kontaktmöglichkeiten zu Präventionsfachkräften in den Pfarreien und zu staatlichen Stellen. Und auch wenn sie benachbart sind, gibt es unterschiedliche Herausforderungen in Kevelaer.

Wallfahrtsrektor Gregor Kauling, Pfarrer von St. Marien, führt aus: „Nach St. Marien kommen durch die Wallfahrt zahlreiche Menschen von außerhalb, darunter auch viele Kinder und Jugendliche. Das Priesterhaus wird zur Beherbergung und als Übernachtungsmöglichkeit genutzt, das musste in unsere Überlegungen einbezogen werden.“ Andreas Poorten, Pfarrer von St. Antonius, ergänzt: „Auch mit dem ISK bleibt die Präventionsarbeit eine Daueraufgabe, der wir uns immer wieder neu stellen müssen. Daher wird das Konzept auch regelmäßig überprüft und fortgeschrieben.“

Den Verantwortlichen ist es wichtig, dass durch das ISK nicht alle haupt- und ehrenamtlichen Mitarbeiter unter Generalverdacht gestellt werden. Es gehe darum, mögliche Täter abzuschrecken und den Mitarbeitern Sicherheit in ihrem Umgang mit Kindern und Jugendlichen zu geben. Bernadette Baldeau, Präventionsfachkraft von St. Marien erklärt: „Die Konzepte sind für uns und nicht gegen uns entwickelt worden, wir klagen uns nicht gegenseitig an, sondern helfen uns im Umgang miteinander.“

Was ist ein gerechtes Urteil?

Der Missbrauchsprozess gegen einen 50-jährigen Kevelaerer Sozialpädagogen am Klever Landgericht ist zu Ende. Ein Kommentar von Alexander Florié-Albrecht:

Drei Jahre, neun Monate für sechsmaligen schweren sexuellen und 33-fachen sexuellen Missbrauch an Minderjährigen – das sind zunächst mal die Zahlen. Das Verfahren gegen den 50-jährigen Sozialpädagogen hat viele Menschen aufgewühlt.

Da sind als allererstes die Opfer – der Neffe, die acht Kinder. Da sind die Familien der Betroffenen, die Eltern, deren Kinder mit auf den diversen Ferienfreizeiten waren und die sich die Gedanken darüber machen, ob es ihr Kind hätte sein können.

Da ist aber auch die Familie des Täters, deren Mitglieder auf ihre Weise auch Betroffene sind und die mit dem leben müssen, was da geschehen ist. Sie sollte man immer mitbedenken. Und da sind die vielen Menschen der Zivilgesellschaft, die sich für die Ereignisse interessieren, mitempfinden, mitdiskutieren.

Ich habe mir selbst in den letzten Tagen nach dem Urteil immer wieder Gedanken über den Prozess gemacht. Jeder Fall für sich ist vor Gericht einzigartig. Dieser ist so besonders, weil den Mann halb Kevelaer kennt – und er sogar ein Kollege war. Darum nur ein paar Gedanken dazu.

Der erste unmittelbare Reflex, der im Internet zu lesen war, lautete: „viel zu wenig, unfassbar, was soll man von der Justiz halten“. Einzelne gingen sogar noch weiter und posteten sinngemäß: Die wahre Strafe, die bringe ich ihm selbst bei.

Von dieser Neigung zur Selbstjustiz halte ich nichts. Wut und Zorn kann ich eher nachvollziehen.

Denn Hand an Kinder zu legen, ist eine der ethisch-moralischen Grenzlinien, die zu überschreiten wir als Gesellschaft mit am meisten verabscheuen und dementsprechend ächten. Das erklärt, warum die moralische Empörung, das Unverständnis ob eines als „mild“ empfundenen Urteils da ist.

Eine Frage, die mir unwillkürlich kam, war: Was ist da ein „gerechtes Urteil“? Kann es das überhaupt geben – egal ob dieser Mann drei, sechs, acht oder zehn Jahre im Gefängnis sitzt?

Die Taten bleiben, die Opfer benötigen einen Weg, damit umzugehen, bei denen sie Unterstützung brauchen. Das ist das eigentlich Wichtige. Der Ruf nach „Justitia“ allein wird nicht zur Aufarbeitung der Geschehnisse genügen.

Die wichtigste Botschaft des Urteils ist diejenige, die für den Neffen und die Kinder sicher zählt: Dass er verurteilt wurde, seine Schuld unmissverständlich klargestellt wurde. Dass er den Körper und das Vertrauen seines Neffen aufs Schwerste missbraucht, dessen Seele beeinträchtigt hat.

Dass er das Vertrauen der Eltern missbraucht hat, die ihm die Kinder für die Ferienfreizeiten in Obhut gegeben haben – und er seine Rolle als verantwortbewusster Jugendleiter abgelegt hat, um sich den Kindern zu nähern, all das bleibt. Inwieweit die Kinder innerlich davon berührt sind, können nur die Kinder selbst und deren Eltern beantworten. In diesem persönlichen Bereich haben wir alle nichts verloren.

Und auch wenn es unangenehm für uns alle ist, besonders für die Angehörigen der Opfer sicher schwer zu ertragen ist: Zu der vollständigen Geschichte gehört noch der Täter.
Es handelt sich nicht um ein „Monster“, sondern um einen Mensch aus unserer Mitte – einem nach Aussagen des Gutachters sogar sensiblen, kreativen, hochintelligenten Mann mit einem IQ von 125 plus. Das macht es umso unverständlicher.

Es handelt sich um einen Mann ohne Selbstvertrauen, dessen jahrelange sexuelle Beziehung zu seinem ein halbes Jahr älteren Cousin ab dem achten Lebensjahr die pädophile Neigung mit begründet hat. Hat das niemand damals bemerkt, habe ich mich im Prozess gefragt.

Der seine Erfahrung mit dem Cousin auf den Neffen übertrug, weil er sie vielleicht als „normal“ begriff – was sie nicht war. Ein Mann, der eine Frau geheiratet und mit ihr zwei Kinder gezeugt hat; eine Frau, die ihm Halt und die zwischenzeitliche Abwesenheit von Pädophilie gegeben hat.

Einen Mann, der vielleicht wirklich aus seiner Wahrnehmung heraus mit seinen Projekten das Selbstbewusstsein von Kindern stärken wollte – und mit den Übergriffen genau das Gegenteil tat. Der sich nicht in Therapie begab, als er begriff, was passierte, weil er es nicht wollte. Der dabei nur verschämt im Verborgenen agieren konnte und glaubte, das so zu tun, „sodass es den Kindern nicht schadet“. Was er dann doch tat. Dessen Leben „vorbei“ ist, weil für ihn alles um ihn herum zusammenbricht – wofür er einzig und allein die volle Verantwortung trägt.

Oscarreife Vorstellung“ habe ich im Internet in einem Kommentar gelesen, nach dem Motto: Das war alles nicht echt, der will nur Mitleid. Seine Aussagen aber waren stimmig mit den Bewertungen des Gutachters. Seine Biographie sei keine Ausrede für die Taten, sagte er. Taktik? Vielleicht. Aber das Gericht muss bewerten, was im Verfahren zusammengetragen wird. Das Angebot der 1000 Euro Wiedergutmachung an die Opfer – ein „Zeichen der Reue“, wie der Rechtsanwalt es sagte, oder „ein Witz“, eine „Unverschämtheit“, wie viele im Netz meinen? Das müssen die Betroffenen und deren Familien für sich entscheiden.

Mit Geld lässt sich der Verlust von „Urvertrauen“, den das Gericht festgestellt hat, seitens der Kinder aber sicher nicht wiedergutmachen. Das wieder zu schaffen, diese Aufgabe kommt den Familien, Freunden, dem Umfeld, uns allen zu.

Drei Jahre, neun Monate – „angemessen“ oder nicht? Die Taten selbst „sühnt“ es in dem Sinne nicht, egal wie lange er sitzt. Das kann es auch nicht. Abschreckende Wirkung wie bei Rasern kann eine höhere Strafe kaum erzeugen, wenn die Neigung bleibt. Die ist therapierbar.

Deswegen hat es mich irritiert, warum man ihm nicht eine begleitende Therapie verordnet hat. Denn wenn er wieder in die Gesellschaft zurückkehrt und irgendwo neu anfängt, dann wird die Neigung unbehandelt bleiben. „Eine Rückfallgefahr besteht“, sagte selbst das Gericht. An diesem Punkt ist es eine Antwort schuldig geblieben.

Das Landgericht Kleve verhandelt die Anklage gegen einen Kevelaerer wegen vielfachen sexuellen Kindesmissbrauchs. (Foto: aflo)

Missbrauchsprozess: Suche nach Erklärungen

Vor der öffentlichen Fortsetzung des Prozesses gegen ein Kevelaerer wegen vielfachen sexuellen Kindesmissbrauchs (das KB berichtete) hatte die Kammer des Landgerichts Kleve am Dienstag, 18. Februar 2020, zunächst nichtöffentlich mehrere minderjährige Zeugen vernommen. Im Anschluss daran äußerten sich Ton- und Filmtechniker aus Köln, die mit dem Angeklagten einen Film gedreht hatten, und der beste Freund des Angeklagten, der diesen seit fünfzehn Jahren kennt und mit ihm im Verein die Ferienfreizeiten ausrichtete. Der Freund gab in seiner Aussage an, dass es in den Jahren keinerlei Anzeichen gegeben habe. Auch dass der Angeklagte sich Jungen gegenüber anders verhielt als gegenüber Mädchen, auf den Filmaufnahme kaum Mädchen zu sehen waren, habe niemand in einen Zusammenhang mit solchen Vorfällen gebracht. Als er ihn dann im Sommer letzten Jahres darauf angesprochen habe, habe dieser die Taten abgestritten.

Der Angeklagte reagierte erkennbar emotional auf den Auftritt des Zeugen.

Keiner hat etwas geahnt

Ähnlich wie der Freund klangen die Aussagen zweier weiterer Betreuer. Ein Achterhoeker, dessen Sohn mal mitgefahren war und der als Betreuer auf den Sommer- und Pfingstfreizeiten unterwegs war, gab an, dass ihm nichts aufgefallen sei. Bei den Radtouren seien aber immer so fünf bis zehn Kinder mit dem Angeklagten vorne gefahren. „Das sind Thomas‘ Kinder“, habe es da immer geheißen. Ein 19-jähriger Winnekendonker, der als Jugendlicher auf drei Sommertouren und vier Pfingsttouren mitgefahren war, konnte von keinerlei Auffälligkeiten oder Gerüchten berichten.

Nach einer Pause sagten drei Beamte der Ermittlungskommission aus, die zu den Vorfällen eingerichtet worden war. Die Beamten bestätigten, dass der Angeklagte die Taten zugegeben habe, aber der Neffe als Opfer eine andere Anzahl genannt habe.

Im Anschluss daran äußerte sich der Sachverständige in dem Prozess, Martin Platzen, dessen differenzierte Ausführungen für manche betroffene Mutter im Saal schwer zu ertragen waren. Er machte in seiner Bewertung drei Problemfelder im Zusammenhang mit dem Angeklagten deutlich: dessen sexuelle Ausrichtung auf Jungen, dessen Depression und die Frage, inwieweit eine Alkoholisierung im Zusammenhang mit den Taten stehe.

Die Pädophilie sei nur eine prägende Facette der Sexualität des Angeklagten, da dieser auch Kontakte zu Frauen gehabt und mit seiner Ehefrau Kinder gezeugt habe. Dass die Pädophilie sich so herausgebildet habe, liege in seiner Biographie begründet. Er habe zu seinem Cousin bereits mit acht, neun Jahren sexuelle Kontakte mit hoher Intensität gehabt, „die aus dem Rahmen fallen“.

Die Annäherung an den Neffen habe der Angeklagte als „Fortsetzung dessen, was er als Junge erlebt hat“, aufgefasst – und dann so empfunden, dass das im Einvernehmen geschah. „Die ,Freiwilligkeit‘ eines Kindes ist in dem Alter keine Freiwilligkeit“, machte der Gutachter unmissverständlich klar, dass es im Prozess um aktive Handlungen von Pädophilie und klare Eingriffe in die Intimsphäre von Kindern gehe. „Das hätte er wissen müssen.“

Die Neigung breche durch, „wenn nicht die Chance auf Spannungsabbau“ bestehe. Dass in der Zeit zwischen 2001 und 2012 nichts passiert sei, habe an der regelmäßigen Sexualität mit seiner Frau gelegen. Dazu komme eine extreme Angst vor Entdeckung.

Der Gutachter beschrieb den Angeklagten als „frei von aggressivem Verhalten in der Pädophilie. Das ist einer, der sich maximal an schlafende Kinder rantraut, der aber nicht Kinder quälen kann. Weiter kann er gar nicht.“

Er beschrieb den Angeklagten weiter als „feingeistigen“ und überdurchschnittlich intelligenten Menschen, der sich immer selbst als „Loser“ und „Underdog“ gesehen habe. Bis Mitte 20 habe er sich gegen den Willen der Eltern nie auflehnen können, als Liebhaber „keine Erfolgserlebnisse eingefahren“. Platzen meinte: „Wer eine Null ist, traut sich nichts zu, auch als Mann nicht.“

Die Ehefrau sei ein „Fels in der Brandung“ gewesen, die Kreativität als Pädagoge und Filmemacher „Rettungsanker, wo er seine Fähigkeiten hineinlegen konnte.“ Das extreme Engagement im sozialen Bereich und für Kinder rühre aus seiner eigenen Geschichte, in der er es gern gehabt hätte, in seinen Fähigkeiten gefördert zu werden. Er habe „kein Zeltlager gemacht, um Kinder zu verführen, aber zugelassen, der Situation nachzugeben“.

Geplatzte Lebenslüge

Der Alkohol könne in Kombination mit der Depression zur Enthemmung geführt haben – und der Wahrnehmung, dass die Kinder nichts von seinen Übergriffen mitbekommen. Von einem „Alkoholrausch“ könne man aber hier nicht sprechen.

Der Gutachter sprach bezüglich des Angeklagten von einer geplatzten „Lebenslüge“: nach außen hin Familienvater und positiver Akteur, auf der anderen Seite Pädophilie ausübend, wovon die Ehefrau nichts wusste, und „immer so, dass es keiner merkt. Das war die Konzeption.“ Umso größer seien jetzt der Zusammenbruch und der Selbstekel angesichts der Taten.

Der Gutachter prognostizierte, dass es zukünftig keine Übergriffe dieser Art mehr geben werde. Denn alle wüssten jetzt, was der Angeklagte getan habe. „Das blockiert jede Aktivität.“ Der Gutachter empfahl Antidepressiva sowie eine Verhaltens- und Sexualtherapie.

Am Freitag, 28. Februar, wird der Prozess mit den Plädoyers der Anwälte fortgesetzt, die unter Ausschluss der Öffentlichkeit vorgenommen werden. Im Anschluss ist mit dem Urteil zu rechnen.

„Er hat mich eiskalt missbraucht“

Zum Auftakt des Prozesses gegen einen 50-jährigen Sozialpädagogen aus Kevelaer am Freitag, 14. Februar 2020, am Landgericht Kleve hat der Angeklagte die gegen ihn erhobenen Vorwürfe „im Großen und Ganzen“ bestätigt. Gegenüber dem Richter Christian Henckel gab der Mann lediglich an, einige Einzelheiten anders in Erinnerung zu haben. Die Anklage wirft ihm in 52 Fällen sexuellen Missbrauch von Minderjährigen vor, unter anderen mehrfachen schweren sexuellen Missbrauch seines Neffen.

Der Missbrauch des Neffen habe demnach im Jahr 1998 begonnen, als der damals Achtjährige bei ihm übernachtete, später auch den eigenen Sohn mit beaufsichtigte. „Ich wurde nachts wach, er schlief auf dem Sofa, ich habe ihn berührt. Ich dachte, er schläft.“ Er habe sich „nicht unter Kontrolle“ gehabt, gestand er im Verfahren. Vorher habe es nie so ein Verlangen gegeben. „Das ist in dieser ersten Nacht entstanden.“

Danach habe es immer wieder Berührungen gegeben. „Erst nur nachts, irgendwann ist es tagsüber auch passiert.“ Er habe sich oft zu ihm auf das Sofa gesetzt. Der Angeklagte sprach von „20 bis 25 Vorfällen“ dieser Art. Auch bei zwei Urlauben in den Niederlanden sei das passiert.

Warum die Übergriffe im Jahr 2002 endeten, konnte der Angeklagte nicht genau sagen. „Es gab die Gelegenheit einfach nicht mehr, und wir haben nie darüber gesprochen.“ Die Tochter wurde geboren, er begann sein Sozialpädagogik-Studium und gründete einen Verein, der jährliche Abenteuer-Freizeiten für Kinder organisierte.

Auch dort soll es auf den verschiedenen Fahrten zu Übergriffen gekommen sein – laut Anklage in zehn Fällen. „Irgendwann war da so eine so eine Art Spannung, die ausgelöst wurde“, schilderte der Angeklagte den Impuls bei einem Pfingstzeltlager. Dort legte er einem Jungen die Hand auf den Bauch, der neben ihm lag. Mehr sei aber nicht geschehen.

Die Kontrolle verloren

In den Folgejahren habe er dann „irgendwann die Kontrolle nicht mehr“ gehabt und habe „aus der Situation heraus“ immer wieder Kinder berührt – mal kurz, mal etwas länger – und sich auch dabei selbst befriedigt, als er neben ihnen gelegen habe. Denn häufig habe er auf den Freizeiten mit den Kindern in einem Zelt geschlafen, und die Kinder hätten entschieden, welcher Betreuer wo schläft. Häufig habe er neben den Jungen gelegen, die ihm „sehr nahe“ standen, sagte der 50-Jährige. Er habe nie wahrgenommen, dass die Opfer wach geworden seien. „Sie haben sich dann weggedreht.“ Tatsächlich müssen einige Opfer sich aber erinnert haben, sonst wären die Taten nicht Bestandteil der Anklage geworden.

Bei der letzten Fahrt im Sommer 2019 habe er sich erstmals bewusst neben einem Jungen gelegt, um ihn zu berühren. Der Junge entdeckte am Morgen dann „etwas Flüssiges“, verständigte die anderen Betreuer – und die die Polizei.

Als mögliche Ursache für seine sexuelle Veranlagung benannte der Angeklagte einen intimen sexuellen Kontakt mit seinem gleichaltrigen Cousin, als er acht Jahre alt war. „Es könnte ein Baustein in meinem Kopf sein, der da gelegt wurde und den ich nicht mehr losgeworden bin“, sagte der Angeklagte.

Als das Ereignis der letzten Ferienfreizeit die Runde machte, war das für den Neffen der Impuls, sich seiner Familie zu offenbaren, gemeinsam mit der Ehefrau des Angeklagten zu seinem Onkel zu fahren und ihn aufzufordern, sich selbst anzuzeigen. Der heute 29-Jährige sagte als Zeuge im Verfahren aus, nannte seinen Onkel nur „den Angeklagten“ und führte aus, wie der vorgegangen sei. „Er weiß, wie Kinder und Heranwachsende funktionieren, wie man ein Kind so manipuliert, dass es Vertrauen aufbaut und dass mit sich machen lässt. Er hat eine Welt geschaffen, in der ich mich wohlfühle – und hat mich eiskalt missbraucht.“

Zu den Taten wegen sexuellen Missbrauchs kommt noch der Vorwurf des Besitzes von kinderpornographischem Material. Bei einer Hausdurchsuchung fanden die Ermittler auf einem Laptop, einer Festplatte und USB-Sticks insgesamt 27 Fotos mit kinderpornographischem Inhalt. Vor Gericht bestritt der Angeklagte, das Material selbst hergestellt, heruntergeladen oder verkauft zu haben.

Das Verfahren wird am kommenden Dienstag fortgesetzt – dann aufgrund von Zeugenbefragungen zumindestens in den ersten beiden Stunden unter Ausschluss der Öffentlichkeit.

Missbrauchsprozess beginnt Freitag

Die Selbstanzeige eines Kevelaerer Sozialpädagogen im Sommer vergangenen Jahres hatte die Ermittlungen ins Rollen gebracht: Damals wurde zum einen eine aktuelle Anzeige wegen eines Vorfalls während einer Ferienfreizeit öffentlich, die der heute 50-Jährige begleitet hatte. Zum anderen soll es Druck seitens eines früheren Opfers gegeben haben, das damit drohte, zur Polizei zu gehen. Das Ergebnis dieser Ermittlungen mündet nun am morgigen Freitag vor dem Klever Landgericht in einen Strafprozess. Die Vorwürfe der Staatsanwaltschaft: sexueller Missbrauch von Kindern in 52 Fällen in Tateinheit mit schwerem sexuellem Missbrauch eines Kindes in elf Fällen, in weiterer Tateinheit mit sexuellen Übergriffen in weiteren fünf Fällen und versuchten sexuellen Übergriffs in noch einmal fünf weiteren Fällen. Hinzu komme der Besitz kinderpornografischen Bildmaterials.

Das Gros der Vorwürfe konzentriert sich auf Vergehen gegen einen Neffen des Angeklagten in den Jahren 1998 bis 2002 in der damaligen Wohnung des Kevelaerers und während zweier Urlaube in den Niederlanden. Die Staatsanwaltschaft spricht von mindestens 42 sexuellen Handlungen zum Nachteil des damals noch keine 14 Jahre alten Verwandten. Weitere zehn Fälle listet die Staatsanwaltschaft, die Teilnehmer von sozialen Projekten oder Jugendfreizeiten betreffen, die der Angeklagte insbesondere für sozial benachteiligte Kinder bis zum Sommer 2019 regelmäßig organisiert hatte. Neben 2019 betreffen die Vorwürfe mindestens die Jahre 2018 und 2016.

Der Angeklagte arbeitete auch als Fotograf und Filmemacher

Beim kinderpornografischen Material soll es sich um 27 Fotos handeln, die die Polizei bei einer Wohnungsdurchsuchung des Angeklagten im Sommer 2019 sichergestellt hat. Hinweise darauf, dass der Kevelaerer mit dem Bildmaterial gehandelt habe oder Teil eines Kinderpornorings sei, gebe es laut Staatsanwaltschaft nicht. Der Angeklagte arbeitete auch als Fotograf und Filmemacher.

Der Kevelaerer Sozialpädagoge befindet sich nach seiner Selbstanzeige seit dem 25. Juli 2019 in Untersuchungshaft. Haftverschonung hatte das Gericht wegen möglicher Wiederholungsgefahr abgelehnt.

Hat die Kirche beim Thema Missbrauch dazugelernt?

Das Petrus-Canisius-Haus erschien angesichts des Andrangs fast schon zu klein für die Ausrichtung dieses Abends, in dem eineinhalb Stunden lang offen über den sexuellen Missbrauch in den 1980er-Jahren durch einen Kaplan an St. Marien und den Umgang damit diskutiert wurde. Dabei schälten sich eine Reihe grundlegender Fragen über die Struktur und das Verhalten der Kirche und ihrer Glieder heraus.

Der amtierende Kevelaerer Wallfahrtsrektor Gregor Kauling, der mit dem Verlesen des Briefes der betroffenen Frau am Sonntag während der Eucharistiefeiern den Stein ins Rollen gebracht hatte (das KB berichtete), dankte allen Anwesenden zunächst für „das Interesse, miteinander im Gespräch zu sein, angesichts der schweren Thematik.“ Er machte deutlich: „Mir war klar nach der schweren Aufgabe der Veröffentlichung, dass dieser Abend nicht nur notwendig, sondern wichtig ist.“ In diesem Zusammenhang fiel von Kauling das Wort „Transparenz“.

André Fritz, Chefredakteur von Radio Kreis Wesel, übernahm die Moderation des Abends. Er stellte klar, dass im Zuge der Diskussion keine Opfernamen genannt würden, verwies auf die beiden Opferberater, die bei Bedarf zur Verfügung stünden, bevor er kurz noch einmal die Zusammenhänge des Falls darstellte, was wichtig für die spätere Debatte war.

Schockstarre in der Gemeinde

Wallfahrtsrektor Gregor Kauling beschrieb die ihm entgegengebrachte Stimmung nach der Veröffentlichung des Briefes so: „Ich habe eine Stille erlebt, in diese Stille hinein eine große Betroffenheit der Menschen, was unter uns – auch nach vielen Jahren – passiert ist.“ Er sprach sogar von „einer Art Schockstarre“. Viele Reaktionen im Nachgang hätten sich mit der Frage beschäftigt, wie so etwas passieren konnte in Bezug auf den langen Zeitraum des Falles, warum keiner gemerkt habe, „dass augenscheinlich Versäumnisse des Bistums zu sehen sind.“ Er wolle auch „nicht verschweigen, dass es auch Rückmeldungen gab, die nicht verstehen, warum ich in dieser Weise die Veröffentlichung getätigt habe.“

Kauling gestand während der Diskussion, dass es nicht leicht gewesen sei, mit dem Wissen um den Fall durch dieses Jahr zu gehen. Auf einen Umstand wies er dabei hin: „Es hat während des Pilgergottesdienstes eine konkrete Fürbitte für Opfer sexuellen Missbrauchs in der Kirche gegeben – und wie oft ich spätestens im Sommer von Gemeindemitgliedern angesprochen worden bin, dass es doch mal endlich gut sei, diese Fürbitte herauszunehmen, das hat mich auch erschüttert.“

Es gibt einen zweiten Fall

In den Gesprächen des Sommers sei er froh gewesen, als es hieß, das werde in eine Veröffentlichung hinein gehen. „Aber ich hoffe, dass sich unabhängig von dem Fall betroffene Jungen, Mädchen, Männer und Frauen melden.“

Der Interventionsbeauftragte des Bistums Münster, Peter Frings, machte deutlich: „Der Bischof hat ja bis auf Weiteres jede Form des Gottesdienstes für den Priester untersagt.“ Jetzt müsse man weitersehen. „Es wird in jedem Fall eine Entscheidung gefällt werden, wie es weitergeht. Ich gehe davon aus, dass der Priester nicht mehr weiter priesterlich tätig sein wird, aber das muss formal kirchenrechtlich noch deutlich festgelegt werden.“

Auf die Frage des Moderators, ob es weitere Fälle gebe, antwortete Frings. „Wir haben gestern Abend die Mitteilung bekommen, dass sich eine zweite Person gemeldet hat bei einer der Ansprechpartnerinnen, die gesagt hat, sie sei in diesem Rahmen sexuell missbraucht worden. Sie habe aber klar gesagt, dass sie wolle, dass keine weitere Details bekannt gegeben werden.“ Ob es noch weitere Meldungen geben werde, wisse er nicht.

Recht mit zweierlei Maß

Die Debattenbeiträge aus dem Publikum ließen an Deutlichkeit nichts zu wünschen übrig. Der Mitarbeiter eines katholischen Kindergartens wäre längst schon entlassen worden, wenn er überführt worden wäre, für Priester gelte ein anderes Recht, meinte ein Mann gleich zum Auftakt. Dass er keine Messe mehr lesen dürfe, sei keine Strafe. Dass die Frau weiter habe erleben müssen, dass er Messen lese, sei eine Schande. „Kaum einer hat Verständnis dafür, dass es für solche Täter unterschiedliche Bestrafungen gibt“, meinte Irmgard Ripkens. Man müsse darüber nachdenken, „unsere Kinder zu stärken, viel eher sich zu äußern, wenn was Komisches passiert.“

Bernadette Baldeau als neue Präventionsfachkraft der Pfarrei St. Marien unterstrich in der Diskussion, dass genau das das Ziel des zukünftigen Schutzkonzeptes sei. Präventionsschulungen solle es in allen kirchlichen Einrichtungen des Bistums geben, ergänzte Peter Frings. Es gehe um einem Bewusstseinswandel, sagte Pastor Kauling.

Als ehrenamtliche Mitarbeiterin der Caritas, die an solchen Schulungen bereits teilgenommen hat, kritisierte Ingrid Jörgens die Schulungen. „Die sind nicht gut genug.“ Man müsse die Kinder lehren, sich auch gegen Autoritäten aufzulehnen.

Theo Verhülsdonk, damals in St. Marien Messdiener, sagte: „Ich finde es ein Skandal, wie damit umgegangen wird. Wir haben 2019 und die Kirche sagt, wir haben eine eigene Gerichtsbarkeit. Im Zivilrecht wäre mit dem Mann ganz anders umgegangen worden. So kann es nicht weitergehen.“ Er wolle nicht wissen, „wie viele Pfarrer hin- und hergeschickt werden, von denen das Bistum weiß. Ich gehe davon aus, dass der Fall bekannt war. Das halte ich für einen Witz!“

Ralf Blumenkemper sprach von „Wischi-Waschi, was da vorne erzählt wird.“ Er kritisierte, „ dass man sich hinter der Betroffenen zurückzieht, die sagt, sie hat die Öffentlichkeit nicht gewollt.“ Er fragte sich, warum die Kirche „nicht den Mumm“ habe, „diese Leute aus dem Verkehr zu ziehen? Laut der Pressemitteilung habe sich der Betroffene darauf eingelassen, „dass es so ist. Spätestens dann muss die Kirche handeln.“

Fritz Pesch stellte die Frage, inwieweit jetzt das Bistum den Vortrag der Frau dahin trägt, wo der Geistliche zur Zeit ist. „Sie wirken für mich ein Stück hilflos, sagen, wir wollen alles ändern. In den letzten Jahren ist aber schon so viel passiert, und es ändert sich nichts. Und das ist traurig.“

Wilfried Renard, der als Lehrer damals mit dem Geistlichen zu tun hatte, beschrieb, wie der Mann in der Bibliothek die Mädchen um sich versammelt und auch mal „ausgekitzelt“ habe. Er machte eine wichtige Feststellung zu dem Thema: „Das Generalvertrauen gegenüber dem Priester wandelt sich in Misstrauen.“

„Bin ich in der Kirche noch Zuhause?“

Warum die Kirchen nicht wenigstens jetzt den Opfern helfen, fragte Karin Koppers, die den Geistlichen acht Jahre lang als Kolping-Präses kannte. Und Birgit Pauly fragte: „Es gab acht Stellen nach Kevelaer für den Priester bis 2010. Ist bei den Folgepfarreien nicht nachgefragt worden, ob da was ist?“ Die Menschen verstünden nicht, warum man so einen Mann auf ein Kissen fallen lasse. Und die Tatsache, dass der Mann sich selbst nicht anzeige, bringe sie persönlich an ihre Grenzen, wo sie sich frage: „Bin ich in der Kirche noch zu Hause?“

Peter Frings hatte bei so geballter Wut einen schweren Stand. Das Ganze sei nicht an den Staatsanwalt gegangen, „weil die Frau das nicht wollte“. Die Auflagen, wo Absprachen getroffen wurden, seien „falsch und unklar“ gewesen. Es müsse präzisiert werden, was geht und was geht nicht – „zum Beispiel, was ist ein öffentlicher Gottesdienst.“

Wenn das klar gewesen wäre, „wäre es möglicherweise nicht an die Öffentlichkeit gegangen“, sagte Frings. „Aber es ist das Recht der Frau zu sagen, ich habe den Fall vorzubringen. Sie hat das entschieden.“ Er stellte die Frage: „Wie wollen Sie als Bistum eine Regelung mit einem Kleriker treffen, wenn ich den in eine andere Gemeinde versetze, wenn ich das nicht öffentlich machen darf?“ Denn dann werde es öffentlich.

Man versuche jetzt, „aus den Fehlern zu lernen“ und zu handeln, ohne über die Betroffenen hinwegzugehen und diese selbst bitten, sich an die Staatsanwaltschaft zu wenden. Gleichzeitig meinte er, man sei „an einem Punkt“, wo man in solchen klaren Fällen den Priester „aus dem Verkehr ziehen“ dürfe.

Widersprüchliche Aussagen

„Heute wäre es nicht mehr möglich, dass so ein Kleriker im Dienst bleibt. Er muss nur verurteilt sein. Wenn nicht, sieht das Kirchenrecht vor, dass der Fall nach Rom gemeldet und eine Auflage erteilt wird. Sie können aus dem Kirchenrecht heraus nicht entlassen werden.“ Ein paar Minuten später räumte Frings aber offen ein, dass es sicher „nach wie vor Kleriker gibt“, die Taten begangen haben, „eingesetzt sind, das ist unstreitig so.“ Und er erklärte: „Wir haben in der Kirche kein Strafrecht, das soll ja auch geschaffen werden. Wir können als Kirche ein eigenes Strafsystem aufbauen, das ist überfällig.“

Die strafrechtliche Frage der Verjährung werde man „nicht beantworten, weil das Recht so kompliziert ist“, gab er den Ball an die Staatsanwaltschaft weiter. „Wenn die sagen, es ist verjährt, dann ist es verjährt.“ Seit einigen Wochen gebe es Historiker, die den Zugang zum gesamten Bistumsarchiv bekommen, um sich alle Akten von allen Klerikern anschauen zu können.

Man helfe Betroffenen, indem über „Zartbitter“ Münster Hilfsanträge nicht mehr allein ausgefüllt werden müssen. Über einen Notar könne jetzt für Betroffene auch Akteneinsicht gewährt werden. „Ich kann nicht in Monaten aufarbeiten, was in der Kirche in Jahrzehnten schief gegangen ist“, machte er klar.

Dass Priester aus dem Dienst genommen würden, wenn sie verurteilt werden – dem widersprach Martin Schmitz, selbst Betroffener von sexuellem Missbrauch durch einen Priester und Mitbegründer der Selbsthilfegruppe Rhede. „Mein Täter ist mehrfach versetzt worden trotz einer Bewährungsstrafe. Es stimmt nicht. Es wird immer noch gesehen, wie man den Priester und Täter möglichst ruhig hält und dass es nicht an die Öffentlichkeit kommt.“ Die Reaktion des Bistums erfolge immer erst dann, wenn die Betroffenen an die Öffentlichkeit gingen. Das sei ein „Schlag ins Gesicht“ der Betroffenen und unverantwortlich gegenüber der Gemeinde. „Wer will denn die Messe von Verbrechern gelesen bekommen?“

Für den emotionalsten Moment des Abends sorgte eine Frau, als es um die juristisch korrekte Benennung des Missbrauchers seitens der Kirche als „Beschuldigter“ oder „Täter“ ging. „Ich habe einen Brief, einen Brief von dem Priester, dass er es zugibt“, rief sie aus, stand auf und verließ den Raum.

Bleiben, aber aufstehen

Die KFD St. Antonius protestiert und auch andere in der katholischen Kirche begehren auf – nicht nur gegen die Missbrauchsfälle selbst, die immer zahlreicher bekannt werden, sondern auch gegen den Umgang der Amtskirche damit. Die gebürtige Kevelaererin Monika Eyll-Naton hat als Pastoralreferentin von St. Maria Magdalena Geldern das Thema vor Ostern in einer streitbaren Predigt aufgegriffen – mit Reaktionen im gesamten Bistum:
Liebe Mitchristen, liebe Schwestern und Brüder, das Gleichnis vom barmherzigen Vater – die Paradegeschichte für eine Predigt in der Fastenzeit, um mit Ihnen darüber nachzudenken, was Umkehr bedeutet und wie wir uns auf das kommende Osterfest vorbereiten können. Doch ich bin in diesem Jahr dazu überhaupt nicht in der Lage. Wie kann ich, die ich als Hauptamtliche fiir die Kirche stehe, Ihnen irgendetwas über Umkehr und Buße sagen. Jedes einzelne Wort bliebe mir im Hals stecken.
Ich wage mich trotzdem an dieses Gleichnis heran, aber aus einer anderen Perspektive. Der barmherzige Vater, ja, das ist auch aus meiner Perspektive Gott, der uns liebt. Der uns nachgeht. Der um uns wirbt. Der uns seinen Sohn gesandt hat in der großen Hoffnung, dass die Menschen durch ihn zu ihm zurückkehren und sein Angebot einer Neuen Welt annehmen. Der jüngere Sohn aus Jesu Gleichnis, der sich aufmacht und in die Welt zieht, das ist für mich die Kirche.
Die große römisch-katholische Weltkirche. Sie hat sich von ihrem Vater das Erbe auszahlen lassen. Das, was sie für das Erbe hält: die Prachtbauten in Rom, der großzügige Lebensstil – wobei ich Papst Franziskus da versuche herauszunehmen. Das Machtgebaren des Wasserkopfes einer Kirche, die ein armer Wanderprediger sich vor 2000 Jahren ganz anders vorgestellt hat. Die gepachtete Kenntnis der Wahrheit, für die sie sogar über Leichen ging und das nicht zu knapp.
Die Kirche hat sich von Gott entfernt und ist in die Welt hinausgezogen. Sie hat geprasst und gefeiert, sich in goldene Badewannen gelegt und rumgehurt, dass einem schlecht wird, wenn nun die ganzen Gewaltdelikte ans Licht kommen.
Wie käme ich dazu, zu Ihnen von Umkehr zu sprechen, wenn die Kirche selber, die Amtsträger da oben es noch mit keinem Schritt getan haben?!?! Die katholische Kirche ist noch nicht mal an den Schweinetrögen angelangt wie der verlorene Sohn in unserem Gleichnis. Sie ist noch dabei, das Erbe zu verprassen, nämlich ihre Glaubwürdigkeit und ihren guten Ruf, sollte sie ihn jemals verdient haben. Punkt! Ich wiederhole es gerne noch einmal: die Kirche ist der verlorene Sohn und mit ihren ganzen Skandalen verprasst sie das Erbe Gottes und seines Sohnes Jesus Christus.
Die Bischöfe, Kardinäle und leider auch Papst Franziskus übersehen die Zeichen der Zeit. Sie sehen nicht, dass ihnen alles zwischen den Fingern zerrinnt, dass die Menschen in Scharen weglaufen, dass Gottes Botschaft mit den Füßen getreten wird. Ich habe mich in den letzten Monaten durch alle möglichen Berichte gelesen. Ich habe mir die Dokumentation „Gottes missbrauchte Dienerinnen“ angesehen und geweint über das, was Ordensfrauen auf der ganzen Welt, in jedem Land, auf jedem Kontinent durch Priester erleiden müssen. Ich habe das Gipfeltreffen der Bischöfe in Rom verfolgt und Auszüge aus der Rede unseres Papstes gelesen. Dabei muss ich sagen, dass ich bis vor wenigen Wochen große Stücke auf Papst Franziskus hielt, dass ich große Hoffnungen in ihn gesetzt habe, auch dann noch, als immer deutlicher wurde, dass auch er zögert anzupacken und es nicht schafft, den Dreck, der im Klerus geschieht, aus der Kirche zu fegen. Doch leider relativiert Papst Franziskus in seiner Abschlussrede des Gipfeltreffens die Missbrauchsfälle der Priester, indem er sagt, dass in den Familien und Sportvereinen, im Internet und durch Sex-Tourismus mindestens so viel Missbrauch stattfindet wie im Klerus.
In der Mitte der Rede sieht Franziskus die „Hand des Bösen“ am Werk. Das empört mich besonders. Denn wenn ich die sexuelle Gewalt an Kindern und an Ordensfrauen, wenn ich diesen ganzen Machtmissbrauch als Satans Werk bezeichne, dann verlagere ich diese Taten nach außen. Dann ist Satans Werk das Böse und nicht mehr dieser oder jener Priester, der seine Taten verantworten muss.

Statt die Ursachen nach außen zu delegieren, also an den Satan, würde ich eher von „systemischen Defekten“ (Julia Knop, Erfurter Theologín, in ihrer Rede bei der Frühjahrsversammıung) sprechen, die endlich in unserer Kirche überdeutlich zutage treten und wie ein Geschwür nun aufbrechen. Ob sie nun richtig behandelt werden, ob sie entfemt werden, wage ich zu bezweifeln. Mit systemischen Defekten meine ich eine religiöse Aufladung von Macht, eine Sakralisierung des Weiheamtes, die theologisch nicht zu haltende Ablehnung von Frauen zu Weiheämtern, eine Stilisierung von Gehorsam und Hingabe, eine Dämonisierung von Sexualität und die Tabuisierμng vom Homosexualität.

Ich will nur ein›Thema mal herausgreifen: Die Spiritualität und Sexualität. Die spirrfualirät und die sexuaıirär sind das Intimste des Menschen. Sie berühren den Menschen so tief in seiner Seele, dass er oftmals gar nicht davon zu sprechen vermag. Mir geht es jedenfalls so. Gotteserfahrung kann man nicht in Worte fassen und den Höhepunkt des Geschlechtsaktes, den Orgasmus, kann man auch kaum in Worte fassen. Beides hebt einen über Grenzen hinweg. Beides hat eine« so schöpferische, eine gebârende Kraft. Beides gehört ganz zum Menschsein dazu. Spiritualität und Sexualität gehören zusammen.

Die Kirche hat diese Ganzheit gespaltet, die Spiritualität erhöht und verherrlicht, die Sexualität erniedrigt und verteufelt. Die Lösung des Missbrauchskonfliktes liegt also nicht nur in der juristischen Aufarbeitung, die ohne Frage absolut notwendig ist, oder in der Auflwebung des Pflichtzölibats, was mehr als überfällig ist, sondern in der Integration von Spiritualität und Sexualität, um beides im Menschen zur Ganzheit zu bringen.

Durch die Spaltung, durch die Abspaltung der Sexualität, der Verhenlichung der Keuschheit, der Überhöhung Marias als „die reine Magd“ sucht sich die Sexualität erst recht einen Ausdruck. Einen macht-vollen Ausdruck. Sie wird so machtvoll, dass es zu massivem Machtmissbrauch kommt und das Oben des Klerus und das Unten der Gläubigen manifestiert wird.

Neben jeder Entschuldigung, neben der juristischen Aufarbeitung, neben der Wiedergutmachung an die Opfer ist es daher ein mehr als überfälliger Schritt, die Sexualmoral neu zu erschaffen. Frau und Mann sind als gleichberechtigte Geschöpfe Gottes zu sehen, Spiritualität und Sexualität zu vereinen und zu integrieren. Sicher müssen sich Strukturen verändem, aber vor allem müssen sich das Denken und die Haltung verändem.

Im Bild des heutigen Gleichnisses gesprochen, lebt die Amtskirche in einer Blase, femab von der Lebenswirklichkeit ihrer Gläubigen und der Botschaft Gottes. Sie ist ausgezogen aus dem Vaterhaus, hat sich von der Botschaft Gottes weit entfemt. Die Botschaft Gottes ist in der Sprache und den Kulturen der damaligen Zeit verfasst. Heute wäre sie in eine andere Sprache gebracht, mit anderen Bildem übersetzt, vor allem in die jeweilige Kultur hineingeholt. Warum sollen Tradition und Lehren aus völlig anderen Zeit- und Erkenntniszusammenhângen für uns heute eine unveränderte Bedeutung haben?

Dazu gehört zum Beispiel der Blick auf homosexuelle Menschen, die in der Theologie und der Pastoral immer noch nicht gewürdigt werden. Dabei gibt es längst solche Anpassungen der Lehre Gottes an neueste Erkenntnisse. Vor 300 Jahren durfte niemand sagen, dass die Erde eine Kugel ist und um die Sonne kreist, dass die Erde ein Windhauch ist im gesamten Weltall. Da hätte man um sein Leben fürchten müssen. Heute belächeln wir die Kreationisten, die immer noch daran festhalten, dass die Welt in sieben Tagen erschaffen wurde. Es ist daher notwendig, auch beim Thema Homosexualität eine andere Haltung und Lehrmeinung einzunehmen. Es ist eben eine andere Lebensform. Machen wir darum nicht so ein Auflleben. Starren wir nicht auf die Sexualität, sondern auf den Menschen in seiner Ganzheit!

Ich weiß, dass mit mir viele an dem Zustand unserer Kirche leiden. Die Austritte steigen gewaltig und den Zenit haben wir noch nicht überschritten. Das sind einerseits Menschen, die die Hoffnung aufgegeben haben, dass sich noch was åndem könnte, odengandererseits Menschen, die bislang immerhin noch solidarisch ihren Kirchensteuerbeitrag geleistet haben, das aber angesichts der Skandale jetzt nicht mehr veranhuortëñfiiläánnen. Etliche aber bleiben und leiden und wissen nicht, was sie tun können. Müssen aushalten, dass sie angefragt werden, wanım sie diesem Laden noch treu bleiben. Ich antworte dann immer, es ist nicht die Kirche, der ich treu bleibe, sondem Jesus Christus. Und Jesus Christus hat eine Kirche gewollt! Allerdings nicht die, die wir haben. wie gesagt, der jüngere Sohn verprasst noch sein Erbe und ist noch nicht mal an den Schweinetrögen angelangt.

Aber ich möchte nicht leiden u_nd lieben und stumm bleiben. Ich habe beispielsweise die Petition unterschrieben, die Frauen aus Münster unter dem Stichwort Maria 2.0 aufgesetzt haben. Darin schreiben sie unter anderem: Wir stehen fassungslos, enttäuscht und wütend vor dem Scherbenhaufen unserer Zuneigung und unseres Vertrauens zu unserer Kirche.

Sie rufen auch zum Streik auf vom 11. – 18. Mai. Am liebsten hätte ich das in unserer Gemeinde mitinitiiert, fühle mich aber den Kindern und Familien verpflichtet, die in dieser Zeit noch ihre Erstkommunionfeiem haben. Mir ist klar, dass ein Streik nichts ändert, aber er ruft Aufmerksamkeit hervor. Er zeigt vor allem: wir dürfen den Wandel unserer Kirche nicht den Bischöfen überlassen. Wir müssen selber anfassen, denn neben der Amts kirche gibt es uns. Wir alle sind Kirche.

Darum gibt es auch vieles über das Dasein und das Leben der Kirche zu erzählen, das liebevoll ausfällt. Wo wir jenseits der aktuellen Krisen und Streitfragen von der Geschichte Gottes mit den Menschen in der Kirche egrzählen können. Sie alle werden solche Antworten selber geben können, sonst wären wir heute nicht hier.

In vielen Fällen in ihrer Geschichte stand und steht die Kirche an der Seite von Opfem ganz verschiedener Zusammenhänge, sei es in Armut oder Trauer, in Krieg oder Naturkatastrophen, in den kleinen oder großen Lebensschicksalen. Dafür stehen Sie als Gläubige und Ehrenamtliche und wir als Seelsorgeteam unserer Gemeinde.

Zu Beginn des Gottesdienstes sprach ich in der Einleitung davon, dass die beiden Söhne auch dafür stehen, ich zwischen Gehen oder Bleiben zu entscheident Für mich ist Gehen keine Option, weil meine Berufung mich hierhin, mitten in die Kirche geführt hat, um durch mein Frau-sein, mein Ehepartnerin-Sein, mein Muttersein und mein Christin-sein Gottes Liebe zu uns Menschen zu bekunden und zu verkünden. Auch wenn es schwierig ist und die Strukturen mich behindem, auch wenn KlerikaIismus von oben, aber auch von unten, aus der Gemeinde mich einschränken.

Ich möchte noch einmal dazu aufrufen, die Gestaltung der Kirche nicht den Bischöfen überlassen. Natürlich weiß ich, dass bei diesem riesigen Schiff das Wendemanöver sehr lange dauert. Aber wenn wir nicht einfordem, dass das Ruder herumgerissen wird, dann fährt der ganze Laden an die Wand, ungebremst. Ich gebe mich nicht zufrieden mit einem „synodalen Weg“, wie die Bischöfe es bei ihrer Frühjahrskonferenz beschlossen haben, denn ich befürchte, dass außer reden, reden, reden und sitzen, silzen, sitzen nichts dabei herum kommt.

Wir Frauen müssen entschiedener das Diakonat und das Priesteramt einfordem – mit dem Wissen, dass wir selber es nicht mehr erleben werden. Aber wer den ersten Schritt nicht untemimmt, hat schon resigniert.

Wir Männer und Frauen an der Basis müssen entschiedener einfordem, dass Menschen in konfessionsverbindenden Partnerschaften selbstverständlich gemeinsam zur Kommunion gehen dürfen.

Wir müssenientschiedener einfordem, dass Menschen, deren Liebe in der Ehe gestorben ist und die sich mit Hoffnung auf einen .neuen Partner einlassen, dazu den kirchlichen Segen bekommen und sich weiterhin von Jesus Christus nähren lassen dürfen.

Wir müssen entschiedener einfordem, dass Menschen in ihrer Liebe, Treue und Verlässlichkeit zueinander gesehen und nicht auf ihre Homosexualität reduziert werden.

Geben wir uns nicht mit der immer gleichen Antwort zufrieden, die da lautet: Wir müssen beachten, dass wir Weltkirche sind und andere Kontinente, Länder und Kulturen mitnehmen. Wir können keinen deutschen Sonderweg gehen.

Wenn wir heute von Mission sprechen, dann- bedeutet das immer auch Inkulturation, d.h. die Kultur des jeweiligen Landes beachten und in die Gestaltung von Kirche einbeziehen. Warum sollte das für uns nicht gelten? Warum müssen wır uns durch eınseıtıges Weltkırche Denken ausbremsen lassen?

Schauen wir zum Schluss noch auf das Ende des Gleichnisses vom verlorenen Sohn: Der Sohn, der beim Vater zu Hause geblieben ist, der tagein, tagaus sein Leben brav als Sohn auf dem Hof seines Vaters gelebt hat. Der hat sich nie getraut, den Mund aufzumachen und zu sagen „ich will“. Hier im Gleichnis „Ich will wenigstens mal ein Ziegenböckchen, wenn schon nicht das Mastkalb“. Der Sohn blieb immer Sohn, er wurde nicht zum Mann. Er trat nie aus dem Schatten des Vaters heraus und hat sein Leben nie eigenständig in die Hand genommen.

Dieser Sohn kann uns Ansporn sein, ein Anti-Beispiel gleichsam, es anders zu machen. Erwachsen zu werden und das Geschick unserer Kirche mit in die Hand zu nehmen. Den Mund aufzumachen, Veränderungen einzufordern, mitzugestalten, neue Wege zu gehen im Kleinen wie im Großen.

Gehen oder bleiben? Für mich ganz klar: Bleiben. Aber aufstehen, Leute, aufstehen – aus Liebe zu Jesus Christus!

Anonyme Missbrauchsvorwürfe gegen verstorbenen Priester

In gleichlautenden anonymen Briefen, die an drei Pfarreien im Bistum Münster versandt wurden, werden Vorwürfe des sexuellen Missbrauchs gegen einen verstorbenen Priester A. des Bistums Münster erhoben.
Die Schreiben gingen an die Pfarreien in Sevelen, Winnekendonk und Frasselt. Unter anderem an diesen Orten war der Priester eingesetzt. Den Schreiben waren Fotos beigefügt, die zeigen, dass am Grab des Priesters Hinweisblätter auf den Missbrauch angebracht wurden. Weder zu seinen Lebzeiten gab es Hinweise noch ergeben sich solche aus seiner Personalakte auf einen sexuellen Missbrauch.
Der betreffende Pfarrer A. wurde 1961 zum Priester geweiht. Er war Kaplan in Werne, St. Konrad (1961-1964), in Emmerich, Liebfrauen (1964-1967), in Sevelen, St. Antonius (1968-1973). 1967 bis 1968 war er Militärpfarrer in Altahlen/Heessen und danach Pfarrer in Nordkirchen, St. Mauritius (1973-1984).
1984 kam er nach Winnekendonk, wo er die Verwaltung der Pfarrei St. Urbanus übernahm. Ihrem neuen Pastor bereiteten die Pfarrangehörigen damals einen herzlichen Empfang. Das ganze Dorf präsentierte sich im festlichen Gewand. A. trat die Nachfolge von Jacob Kalscheur an, der inzwischen als Ruheständler in Rheinberg wohnte. Der neue Pfarrer legte einen seelsorgerischen Schwerpunkt auf Hausbesuche. Damit wollte er darauf reagieren, dass seiner Meinung nach viele Winnekendonker den Gang ins Pfarrhaus scheuten. Von 800 Familien hatte er bereits 500 besucht. 1986 feierte er hier sein silbernes Priesterjubiläum.
Nach vier Jahren wechselte er als Pfarrer nach Frasselt (St. Antonius). Im September 1988 war ruchbar geworden, dass A. seine Gemeinde verlassen wollte. Der damals 54-Jährige hatte den Münsteraner Bischof Lettmann gebeten, ihn von seinen Pflichten in Winnekendonk zu entbinden, allein aus gesundheitlichen Gründen.
A. hatte sich in den Jahren zuvor immer wieder stationären Behandlungen unterziehen müssen und war wochenlang für die Betreuung der großen Winnekendonker Pfarrei ausgefallen. Bis die Pfarrei über einen neuen Seelsorger verfügte (es folgte Heinrich Kopowski), war Pfarrer Richard Schulte Staade von St. Marien Kevelaer Pfarrverwalter in Winnekendonk. A. blieb bis zuletzt in Frasselt wohnen und arbeitete dort in der Seelsorge mit. In Frasselt starb er am 9. Januar 2002 im Alter von 66 Jahren.
Sollte es weitere Betroffene geben (es haben sich bereits Betroffene gemeldet) bittet das Bistum diese, sich bei den Ansprechpersonen für Verfahren bei Fällen sexuellen Missbrauchs zu melden. Kontakt: Bernadette Böcker-Kock: Telefon: 0151/63404738 oder Bardo Schaffner: Telefon: 0151/ 43816695.