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Für Frieden – gegen Hass und Gewalt

Die Basilika bildete den Ausgangspunkt des Gedenkens, zu dem sich die Schützenvereine und Verbände Kevelaers versammelt hatten. Den ersten Akzent setzte der Kevelaerer Wallfahrtsrektor Gregor Kauling. Er schlug in seiner Predigt den Bogen vom „Tohuwabohu“ des eigenen Schreibtisches zum „Tohuwabohu“ in den ersten Bibelzeilen beim Erschaffen der Welt und der Rolle Gottes als ordnendes, lenkendes Prinzip im Chaos und als „Klammer der Hoffnung.“

Zwischen dem „Tohuwabohu“ und dem „Komm Herr Jesu“ spiele sich das Leben ab, sagte Kauling. „Wenn es diese Klammer nicht gäbe, würden wir vieles im Leben des Menschen auf dieser Erde schlechter ertragen.“ Denn ob nun Tsunamis, Hurrikans, Erdbeben, Krieg und Gewalt oder Hungersnöte – man sehe diese Katastrophen „Tag für Tag vor unserer Tür. Erschrecken tut es immer noch.“ Es sei gut, „dass zur Kultur des Menschen das Erinnern und Gedenken“ gehöre.

Damit wir „einen kleinen Bruchteil der Zeit darüber klar werden, worauf es ankommt“, erzählte er die Begebenheit eines amerikanischen Todeskandidaten, der vor seiner Hinrichtung eine Hostie erbittet, um noch einmal den Herrn zu empfangen.

Der Weg zum Ehrenmal

Im Anschluss an den gemeinsamen Gottesdienst machte sich ein beeindruckender Tross aus mehreren Hundert Menschen zu würdevoller Musik der begleitenden Orchester durch die Hauptstraße auf den Weg zu dem Ehrenmal im Marienpark. Dort hielt der diesjährige Festkettenträger Hans-Gerd Rütten die Gedenkrede. „Wir stehen hier und heute zum Gedenken an die Gefallenen und die Opfer der beiden Weltkriege“, sagte Rütten. „Aber wir sind hier auch zum Gedenken an alle, die immer noch sterben müssen an den Kriegsschauplätzen dieser Welt.“

Der Tross zog über die Hauptstraße zum Ehrenmahl im Marienpark.

Dass es „leider immer noch Egoisten, Kriegstreiber und Fanatiker“ auf der Welt gebe, die „unter dem Mantel von Religion und Macht Menschen töten und vertreiben, sollte uns zu denken geben und uns wachrütteln.“ Das Gut Leben „sollte und darf keiner durch Geldgier, Machtgier, Egoismus nehmen.“ Aber solange es primitive Menschen an Machtpositionen gebe, „wird diese Welt nicht zur Ruhe kommen“, sagte Rütten. „Dazu ist es vielen ein Bestreben, mit Waffen viel Geld zu verdienen und es gibt genug Länder, die auch diese gegen die Schwachen dieser Welt einsetzen.“

Den Egoismus zurückstellen

Rütten unterstrich das Recht der Menschen, ihr Leben selbstbestimmt führen zu dürfen. „Es sollte unser aller Bestreben sein, uns für Frieden auf dieser Welt einzusetzen. Dazu muss sich aber auch unsere Gesellschaft ändern. Wir alle sollten unseren Egoismus zurückstellen.“ Jeder solle sich auch mal um den anderen kümmern „und nicht wegsehen, wenn jemand Hilfe braucht“. Rütten richtete einen Appell an alle Politiker dieser Welt. „Wir alle haben nur diesen einen Planeten zum Leben. Das sollte auch mit verschiedenen Glauben möglich sein.“

Es gebe viele Politiker, „die unter dem Mantel der Immunität sich primitiv äußern und Hetzparolen rausschreien“, machte der Festkettenträger deutlich: „Ich kann hier nur sagen, dass wir den Rechten keinen Fuß breit weichen dürfen.“ Man dürfe sich aber auch „nicht unsere Kultur und unseren Glauben wegnehmen lassen.“ Wer hier leben wolle, „muss sich auch anpassen. Es kann nicht sein, dass wir uns in unserem Land nicht mehr wohlfühlen, dass wir uns alles wegnehmen lassen, damit sich keiner beleidigt fühlt. Wir sollten die Hand reichen, aber nicht unsere Herkunft aufgeben.“ Denn „trotz unserer Vergangenheit haben wir auch ein Recht auf unsere Kultur“, sagte Rütten. „Wir sind Deutsche – und ich denke, wir dürfen es auch sein.“

Der Kranz wurde später niedergelegt.

Seit 1945 seien Hunderte von Kriegen überall auf der Welt geführt worden und Millionen von Menschen „Opfer von Krieg, Verfolgung, Vertreibung und fanatischem Terror“, mahnte Rütten. „Und nach wie vor ist Gewalt weltweit verbreitet, um andere, einzelne Menschengruppen oder Staaten zu unterdrücken und im Namen von Nationen, Volk, Rasse, Religion oder Ideologien den eigenen Willen aufzuzwingen.“

Die Stimme erheben

Der Volkstrauertag sei „ein Tag zur Erinnerung und der Besinnung – der Erinnerung an Krieg, Gewalt und des Gedenkens an die Toten. Wir verneigen uns in Trauer vor ihnen und bleiben ihnen verbunden, in der dauerhaften Verpflichtung für Frieden, Freiheit, Demokratie und Menschlichkeit“, sagte der Seb-Vorsitzende. „Unser Wissen um die Geschichte, die Information über unheilvolles Geschehen verpflichtet uns, die Stimme zu erheben“ gegen die „Verletzung der Menschenrechte und des Völkerrechts, egal in welchem Winkel dieser Erde es stattfindet.“ Er schloss mit dem John F. Kennedy-Zitat: „Die Menschheit muss dem Krieg ein Ende setzen oder der Krieg setzt der Menschheit ein Ende.“   

Im Anschluss legten Dominik Lemken und Peter Tenhaef für die Geselligen Vereine und Bürgermeister Dominik Pichler und sein Stellvertreter Mario Maaßen an dem Ehrenmal einen Kranz nieder, hielten dort für einen Moment kurz inne. Danach zog der Tross zurück in den Stadtkern.

Das Leid der Kinder in Aleppo

Wie Kartenhäuser sind ganze Stadtteile in sich zusammengefallen, Wände durch Gewehrkugeln zu Sieben verwandelt, mit Bombentrichtern übersäte Straßen, ein Trümmermeer das die hässliche Fratze eines Krieges zeigt. Mittenrin befinden sich 1,5 Millionen Menschen, überwiegend Kinder und Frauen. Franziskanerpater Firas Lutfi, der in Aleppo lebt, war in der letzten Woche zu Gast in Kevelaer und hatte Bilder der zerstörten Stadt in Syrien mitgebracht. Die Fotos erschreckten und belegen, dass von der einstmals blühende und kulturreiche Stadt, in der zuvor über 2,5 Millionen Menschen lebten, wenig erhalten geblieben ist.
Pater Firas ist Ordensoberer des St. Anthony‘s Convent in Aleppo und versucht mit seinen Mitbüdern den traumatisierten Menschen, unter ihnen viele Kindern, die ihre Eltern verloren haben, mit Gebet, Tat und materieller Hilfe zur Seite zu stehen und Zuversicht zu geben. Er versucht auf die Frage: „Wo ist Gott gewesen und wo ist er heute“, mit christlicher Zuwendung und Nächstenliebe zu antworten. „Er ist genau hier bei euch und leidet mit euch“, so Pater Firas. So schließt sich der Kreis zur Consolatrix Afflictorum, der Trösterin der Betrübten, die der Grund des Jubiläums 375 Jahre Wallfahrt ist.
„Das Wort Schrecken reicht nicht aus, um die Lage zu beschreiben“, sagte der Wallfahrtsrektor und designierte Weihbischof Rolf Lohmann, „Mit Bezug auf Maria in der Welt, können wir dieses Leid vor die Mutter Gottes tragen und ihr die Menschen ans Herz legen.“
Auf Initiative der Stiftung „Aktion pro Humanität“ von Dr. Elke Kleuren-Schryvers und durch das Spendenengagement eines Klever Unternehmers, waren kurz vor Weihnachten in der Kirchengemeinde St. Marien 40.000 Euro für die Menschen in Aleppo gespendet worden. Angesicht der Zerstörung, die an die Bilder vieler deutscher Städte nach dem zweiten Weltkrieg erinnert, wird aber dringend weitere Hilfe benötigt.
„Seit die Kämpfe um Weihnachten 2016 zum Erliegen kamen, hat sich die Lage im Bereich Infrastruktur verbessert und es gibt viele Zeichen der Hoffnung. Das Beste für die Kinder ist aber, dass sie einmal lachen können und Spaß haben“, sagt Firas. „Ich kann nicht zaubern. Aber ich bin immer nah bei den Menschen und ihrem Leid. Wir beten viel und geben einander Kraft. Das ist auch eine Art Wunder.“
„Drei Dinge sind wichtig in Aleppo: Essen, Schlafen, Gehen“, sagt der Franziskaner. Elke Kleuren-Schryvers unterstützt mit ihrer Hilfsorganisation weiter die Arbeit des Paters. Auch in der St. Marien Gemeinde soll beim bevorstehenden Pfarrfest ein Viertel der Einnahmen nach Aleppo gehen und in die Projekte Nahrungsmittel, Medikamente, Notfallhilfe und Hilfe beim Wiederaufbau fließen. Angesichts der vielfältigen und umfangreichen Aufgaben wird weitere Hilfe zum Helfen benötigt.