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Der Duisburger Kabarettist Kai Magnus Sting trat beim Kevelaerer Bühnenhaus-Open-Air auf

„Wenn schon falsch, dann richtig!“

Wenn jemand eine Erklärung mit den Worten „Wenn Sie mich fragen…“ beginne, „können Sie sofort aufhören zuzuhören“, sagt Kai Magnus Sting. Will man aber gar nicht.

Am Wochenende startete die Premiere des Bühnenhaus-Open-Air-Programms

Kabarett ohne Dach

„Wir waren uns nicht sicher, ob wir es schaffen, den Platz gemütlich zu gestalten“ sagt Verena Rohde, Abteilungsleiterin „Tourismus & Kultur „der Wallfahrtsstadt Kevelaer, und blickt am Abend der Kabarett-Veranstaltung begeistert auf das Ergebnis.

Kabarettistin Anka Zink im Bühnenhaus

Das Ende der Bescheidenheit ist ein Halleluja aufs Protzen

Das wird ein höllischer Spaß für alle, die böses Kabarett mögen, Vorurteile lieben und Ungerechtigkeit hassen. Verspricht zumindest die Kabarettistin Anka Zink, die mit ihrem Programm „Das Ende der Bescheidenheit“ nun endlich wieder vor Publikum auftreten darf.

Die Ursache liegt in der Zukunft und die im Argen

Dass Jürgen Becker gesellschaftliche wie politische Ereignisse und Phänomene gerne mal so richtig auf links zieht, kennen wir aus seinen TV-Moderationen und Solo-Bühnenprogrammen. Seine aktuelles Programm dreht den Spiegel quasi noch einmal mehr um: „Die Ursache liegt in der Zukunft“ lautet der Titel.

Frotzeln for Future

Und einmal mehr ist Jürgen Becker damit dem Zeitgeist auf der Spur, denn nach gefühlten Jahren der Vergangeheits- und Gegenwartsbewältigung im Kabarett richtet er den Blick nach vorn. In Zeiten, in denen ganze Bevölkerungsgruppen ganz Wochentage der Zukunft widmen, nimmt sich auch der Kabarettist das Recht, einen „schönen Abend“, den er immer noch eingangs jeden Programms wünscht, dem Blick auf das zu widmen, was da kommen wird. „Frotzeln for Future“, mag man lapidar sagen – doch Becker wäre nicht einer der besten Kabarettisten der Republik, wenn er es bei Kalaueren und Klamauk belassen würde. Gut, das alles gibt‘s auch, und manchmal ein wenig zu erdig, zu nah am Bodensatz des Niveaus. Aber meist dann eben doch am Boden der Tatsachen, die Becker in gewohnt gekonnter Manier in den eigenen und unser aller Alltag holt.

Allein schon die Idee dieses Perspektivwechsels hat ihren Charme, was Jürgen Becker mit Blick in die Zukunft daraus macht, wird wohl mal ein Klassiker. Denn das Zeug dazu hat Becker, manchmal vielleicht sogar ein bisschen zuviel davon. Denn das Programm ist keinesfalls schon in Stein gemeißelt, deutlich spürt man als Zuschauer, dass er bei den zahlreichen Vorpremieren, so auch in Kevelaer beim „Kabarett unter‘m Dach“, die Nähe zum Publikum nutzt, um Pointen zu probieren, Reaktionen zu testen, Erfahrungen mit neuen Texten zu sammeln.

Thematisch schränkt er sich weniger ein als bei seinen bisherigen Solo-Programmen, sammelt neben Steilvorlagen wie der Klimadiskussion auch die Trümmer ein, die ihm die Kirche hinterlässt und widmet sich vermeintlich sperrigen Fragen wie der „dümmsten aller Wissenschaften“ (BWL), dem gespannten innerdeutschen Ost-West-Verhältnis, dem ungebremsten Wirtschaftswachstum oder der Gesundheitsversorgung.

Und natürlich streift er dabei immer wieder gesellschaftliche Phänomene wie die zunehmende Digitalisierung, die oft als „Antwort auf alle Zukunftsfragen“ gehandelt werde, oder die Volksparteien, die einfach nicht mehr in die Zeit passen wollen.
Auf alles eine Antwort hat Jürgen Becker natürlich auch. Rund zwei Stunden lang gibt er Denkanstöße und fodert Utopien ein, um dann mit dem Satz zu enden: „Die Zukunft liegt im Argen – oder in der Menschlichkeit.“

Nächster Programmpunkt der Reihe „Kabarett unter‘m Dach“ ist der Auftritt von Anka Zink mit ihrem Programm „Das Ende der Bescheidenheit“ am 16. März im Forum der Öffentlichen Begegnungsstätte. Karten gibt‘s im Service-Center im Rathaus.

Poltergeist der politischen Pointe

„Täglich, täglich, unbeweglich, regungslos und nichts im Sinn, endlos, endlich, unverständlich, her und hin, unbeweglich wie ich bin…“.

Es ist ein Hagenbuch-Zitat aus dem Vermächtnis des Hanns Dieter Hüsch, das dem geneigten Kabarettbesucher im zweiten Teil des Programms „Kein zurück“ die Nähe Wilfried Schmicklers zu dem Niederrheindichter plaktaiv vor Augen führt. Denn bei vielen Texten, Liedern und Gedichten, die Schmickler zuvor im ausverkauften Bühnenhaus auf Kevelaerer und Konsorten losgelassen hat, fühlte man sich an den politischen Hüsch der frühen Jahre erinnert, bevor sich dieser mit den vermeintlich einfachen niederrheinischen Küchenmenschen wiedervereinigte.

Unbeweglichkeit kann man Wilfried Schmickler keinsfalls vorwerfen, schon gar nicht geistige, dazu analysiert er zu zutreffend die Asozialität sogenannter Sozialer Netzwerke und das wahre Interesse hinter den Datenkraken wie Google. Hin und her hetzt er zwischen politischen und gesellschaftlichen Themen, zeigt null Tolleranz gegen Intoleranz, wettert wütend gegen alte Betonköpfe und neue Nazis, wirbt für offene Grenzen und klare Kante.

Das muss man alles erstmal unter einen Hut, respektive in einen Kopf kriegen. Schmickler schafft das und er kriegt‘s auch wieder raus und in den Raum und rüber zum Publikum. Mal böse polternd, mal leise weinend, mal stolpernd dichtend und mal frech flötend – aber nie lächerlich. Am Ende des Programms stellt man fest, dass man zwei Stunden politisches Kabarett gesehen hat, ohne sich ein einziges Mal kaputtgelacht zu haben, und wahnsinnig viel von dieser brachialen Energie eingefangen hat, die Wilfried Schmickler auszeichnet. Er ist nicht der Kabarettist der leisen Zwischentöne, er ist der Poltergeist der politischen Pointe. Er haut oft einfach mit der Faust auf den Tisch, wo andere eben nur eine flache oder gar hohle Hand in petto haben. Trotz aller Polterei kommt dabei aber auch der poetische Geist nie zu kurz.

Langer Applaus für zwei Stunden anständige Anstrengung, die zeigt, dass Anständigkeit eben anstrengend sein kann – aber, wenn man ganz ehrlich bleibt, auch alternativlos ist.

Barbara Ruscher glänzt nicht nur auf der Mattscheibe

Weinerlich und wütend, fröhlich und fassungslos – es ist eine ganz eigene Mischung aus Kabarett und Comedy, die Barbara Ruscher da auf die Kleinkunstbühne beim „Kabarett unter‘m Dach“ brachte. Oft glänzt sie auf der Mattscheibe, als Moderatorin oder in TV-Satireshows. Jetzt konnten sich die Kevelaerer mal hautnah von ihrer Ausstrahlung überzeugen.

Und da hat die zweifache Mutter von der großen weiten Weltpolitik bis zur kleinen, intimen Verhütungsfrage, eine Menge zu bieten: Plastik in den Weltmeeren und SUVs auf der Garagenauffahrt, Brexit („der Berliner Flughafen Englands“) und Fitness-Tracker („bevorzugt getragen von jenen, die früher gegen die Volkszählung demonstrierten“), Nestlé in Afrika und Beckenbauer in Katar, Trump und Höcke, Ausländerhass und Ausmalbücher für Erwachsene – es gibt kaum ein Thema, an dem sie nicht irgendwas oder irgendwen Schlechtens oder Schlechten findet – und sei es auch mal sie selbst.

Als ob das alles nicht schon für gute Werte in einer imaginären Umfrage zur Beliebtheit von Komikerinnen ausreichte, puscht sie ihre Sympathiewerte immer wieder mit Selbstironie hoch und das sogar mit dem Hinweis auf ihren ersten Bildungsweg. Die Frau ist Lehrerin („Kabarettistin mit Exkursionshintergrund“), hat aber den ganz langen Zeigestock und die quietschende Kreide irgendwo verlegt.

Sie weiß was, weiß es aber nicht besser, außer bei den ganz Doofen vielleicht. So begegnet sie etwa dem Publikum auf Augenhöhe, den Rappern „Kollegah“ und „Fahrid Bang“ mit dem Statement „Dummheit ist ein nachwachsender Rohstoff“ und einem Anti-Rap.

Überhaupt sind die sparsam eingestreuten Lieder in ihrem Programm „Ruscher hat Vorfahrt“, zu denen sie sich selbst am Klavier oder an der Luftpumpe (beim Lied übers Liegerad) begleitet, immer wieder kleine Höhepunkte. Songtexte, die irgendwo zwischen der Beiläufigkeit eines Hagen Rether und der Aggressivität eines Rainald Grebe liegen, nicht ganz so böse und weltläufig, aber oft genug präzise auf den Punkt.

Unterricht am Gymnasium, Schrottwichteln im Netz

Und dann immer wieder diese harten Landungen, diese Bodenhaftung mit beiden Beinen mitten im Leben: Vom Wechsel der Tochter zum Gymnasium („weil da der meiste Unterricht ausfällt“) zum Nachwuchs-Kollegen, dem sie sich als „die Mutter von Mario Barth“ vorstellt, bis zum Partnerportal im Internet („Schrottwichteln“) reichen die und lassen aufhorchen und loslachen. Tolles Kabarett-Comedy-Kleinkunst-Gemisch, das das Publikum beim „Kabarett unter‘m Dach“ mit viel Applaus honorierte.

Barbara Ruscher hat Vorfahrt

Scharfzüngig, intelligent, aber charmant hinterfragt Deutschlands Kabarett-Lady Barbara Ruscher den Selbstoptimierungswahn unserer Gesellschaft und ist dabei immer eine Spur voraus. Am Montag, 28. Oktober 2019, kommt die Kabarettistin in die Öffentliche Begegnungsstätte nach Kevelaer. Sie regt sich auf – über finanziell ausufernde Kindergeburtstags-Event-Rankings und über Raser, die ihren Wettbewerb ohne Rücksicht auf Verluste auf öffentlichen Straßen austragen.

Ruscher fragt sich, warum ihre Tochter unbedingt aufs Gymnasium will und bekommt die Antwort: „Weil da so viel Unterricht ausfällt.“ Das sieht Ruscher ein und stimmt zu. Vor keinem Thema schreckt sie zurück und geht mit viel Charme und satirisch intelligentem Biss gesellschaftsaktuellen Fragen nach. Ökologische Themen sind ihr Steckenpferd (Privatisierung von Wasser, Vermüllung der Meere), aber auch Themen wie Dating-Portale und der Wahnsinn im Alltäglichen: Warum klingt die Kaffeemaschine in der Bäckerei wie die Duschszene aus Psycho? Sind wir nicht schon längst Opfer der Digitalisierung oder warum denken wir beim Ton einer Klangschale, dass wir eine WhatsApp bekommen haben?

Entlarvende Comedy und brüllend komische Songs

Barbara Ruscher, auch bekannt durch ihre Radiokolumnen bei HR1, sowie als Moderatorin der NDR-Satireshow „Extra3 Spezial“ sowie aus zahlreichen Kabarett- und Comedysendungen bleibt mit ihrem Mix aus aktuellem Kabarett, entlarvender Comedy und brüllend komischen Songs am Klavier auch in ihrem neuen Programm auf der Erfolgsspur.

Der Kartenpreis für Ruschers Auftritt in Kevelaer beträgt 23 Euro, ermäßigt ab 20,80 Euro. Die Tickets sind an folgenden Verkaufsstellen erhältlich: Rathaus der Wallfahrtsstadt Kevelaer, Sonsbecker Reisebüro, Hochstraße 54 in Sonsbeck, Buchhandlung Keuck, Issumer Straße 15 in Geldern, Kulturbüro Niederrhein, Nimweger Straße 58 in Kleve, oder online unter ADticket.de. Beginn ist am 28. Oktober 2019 in der Öffentlichen Begegnungsstätte um 20 Uhr, Einlass um 19 Uhr.

Eine echte Kunst: Kabarett ohne Kunstfiguren

Die Figur des „Herrn Heuser vom Finanzamt“ rennt ihm ein bisschen nach, diesem Gernot Voltz, der als Autor und Regisseur für viele Kollegen aber auch ganz anders kann, als diese fleischgewordene Büroklammer. Im relativ kleinen Kreis präsentierte Voltz beim „Kabarett unter’m Dach“ in Kevelaer am Montagabend, 23. September 2019, Gernot Voltz als Gernot Voltz. Keine Kunstfigur, sondern ein philosophisch-sarkastischer Kabarettist im Strudel des selbst erlebten Alltagswahnsinns, der von der Supermarktkasse bis ins heimische Ehebett alles fein beobachtet, was um ihn herum und mit ihm selbst nicht stimmt.

Gänzlich unpolitisch wird er darob nicht, immer wieder lässt er mächtig Dampf in Richtung der Mächtigen ab, die er als absurder entlarvt, als es der Normalbürger je werden kann.  Und je höher es hinausgeht, umso größer wird die Spielwiese. Gernot Voltz hat auch ohne Kunstgriff zur Kunstfigur Format genug, sich darüber auszulassen und dadurch einzubringen. Vom verdient flachen Witz über ein hohes Tier bis zum großartigen philosophischen Exkurs aus der Welt des kleinen Mannes. Der Titel „Die Kunst bei sich zu bleiben, ohne aus der Haut zu fahren“ mag etwas sperrig klingen. Das eineinhalbstündige Programm war es absolut nicht und die Zuschauer belohnten Voltz mit viel Applaus.

Die Bühnenfleißigen vom „Kabarett unter‘m Dach“

Das Loblied aufs „Kabarett unter‘m Dach“, das der Veranstalter und Kabarettist Bruno Schmitz vom Kulturbüro Niederrhein anstimmt, trifft sicherlich den guten Ton, den viele Kevelaerer Gäste im Laufe der Jahre mit der beliebten Veranstaltungsreihe unter dem Dach der Öffentlichen Begegnungsstätte in Kevelaer und im hiesigen Bühnenhaus verbinden: „Oh, was waren das wieder für schöne Abende oben unter‘m Dach, gemütlich, nah dran an den KünstlerInnen, verständlich jede Pointe, jeder Witz und sichtbar jede Schweißperle auf der Stirn der Bühnenfleißigen, die für beste Unterhaltung sorgten und jeden beschwingt nach Hause gehen ließen. So muss Kleinkunst sein.“
Ganz nah dran

Seit 1991 gibt‘s die Reihe und die Kevelaerer konnten im Laufe der Jahre unter ihrem Dach schon viele Kleinkünstler begrüßen, die heute große Hallen füllen. An die intime Atmosphäre erinnern sich jedoch alle gern und manche wünschen sie sich sogar wieder zurück. Kabarett-Koryphäe Jürgen Becker ist so einer. Er wird im Februar kommenden Jahres bei einer Lesung in Form einer Vorpremiere beispielsweise Teile seines neuen Programms „ausprobieren“.
Beckers ebenso beliebter TV-Kollege Wilfried Schmickler ist dagegen bereits fertig mit seinem aktuellen Programm „Kein Zurück“ und präsentiert es im Januar im Bühnenhaus. Dort wird‘s in diesem Dezember auch wieder ebenso urplötzlich wie urkomisch weihnachtlich mit dem „Springmaus“-Ensemble.
Eine weitere Gruppe will den Saal des Bühnenhauses ebenfalls füllen – bei der Bühne werden sie da sicherlich keine Probleme haben: „Stunk unplugged“, die Mitglieder der Stunksitzung, haben ein neues Programm aus alten, aber längst nicht abgetragenen, unnachahmlichen Sketchen und Parodien zusammengestellt und präsentieren sie, ohne die Stunk-Hausband, aber trotzdem mit musikalischer Begleitung, im April im Bühnenhaus.
Außerdem sind dabei: Barbara Ruscher, Anka Zink, Christoph Brüske und Schmitz‘ Kollege aus ganz alten Tagen, Gernot Voltz. Der macht im September mit dem Programm mit dem schönen Titel „Die Kunst bei sich zu bleiben, ohne aus der Haut zu fahren“ den Eisbrecher für die heiße Saison 2019/2020. In der „neuen Unübersichtlichkeit“ des gesellschaftlichen Lebens seinen Weg zu finden, ohne sich zu verlaufen, sei nicht einfach, aber auf jeden Fall sehr unterhaltsam, findet Voltz. Er verspricht „ein Kabarettprogramm nach dem Motto: auch wenn man manchmal nicht mehr weiß, wo es langgeht, bleibt das Lachen nicht auf der Strecke!“
Programm
Gernot Voltz:
Montag, 23. September, „Die Kunst bei sich zu bleiben, ohne aus der Haut zu fahren“, Begegnungsstätte
Barbara Ruscher:
Montag, 28. Oktober, „Ruscher hat Vorfahrt“, Begegnungsstätte
Springmaus:
Freitag, 13. Dezember, „Merry Christmais – Auf die Tanne, fertig los!“, Bühnenhaus
Wilfried Schmickler:
Freitag, 24. Januar, „Kein Zurück“, Bühnenhaus
Jürgen Becker:
Freitag, 7. Februar 2020, Lesung Vorpremiere „Die Ursache liegt in der Zukunft“, Begegnungsstätte
Anka Zink:
Montag, 13. März 2020, „Das Ende der Bescheidenheit“, Begegnungsstätte
Stunk unplugged:
Donnerstag, 23. April 2020, neues Programm mit Ausschnitten aus den Sitzungen, Bühnenhaus
Christoph Brüske:
Montag, 8. Juni, „Willkommen in der Rettungsgasse“, Begegnungsstätte

Kervenheimer Kirmes: Kabarett als gelebte Inklusion

Schon die Begrüßung von Mitorganisator Michael Fichte machte deutlich, wohin an diesem Abend die Reise ging: „Willkommen zum ökumenischen Gottesdienst“, scherzte er nicht ohne Hintergedanken angesichts der „Berufung“ des Gastes, der neben seiner Profession als Kabarettist als Pastor und mehrfacher Tischtennis-Weltmeister und Paralympics-Sieger weitere Persönlichkeitsfacetten aufweist.
Und so betrat ein bestens aufgelegter Rainer Schmidt an seinem ersten Auftritt nach der Sommerpause die Bühne. „Wenn du so aussiehst wie ich, hast du keinen langweiligen Tag“, verwies er gleich zum Start auf seine fehlenden Unterarme und Hände sowie seinen verkürzten rechten Oberschenkel. Und natürlich erwähnte er sein kleines „Däumchen“ an der linken Hand, die seinem Programm „Däumchen hoch“ den Namen gab.
Was es heißt, mit seiner Optik immer im Fokus zu stehen, machte er anhand von zwei Begegnungen deutlich: mit dem Portier im Hotel, wo er den Meldeschein von ihm nicht ausgefüllt haben wollte, und mit dem Kind, das ihn fragte, warum er keine Hände habe. „Abnutzung“, lautete da seine Antwort. Als „Schwarzer-Humor-Variante“ fügte er selbst noch „missglückter Suizidversuch, falsch auf die Gleise gelegt“ hinzu. Im weiteren Verlauf erzählt er überwiegend wahre Geschichten aus seinen Erlebnissen, wobei er die Namen mit einem weiblichen und männlichen Namen aus dem Publikum – „Allessandra“ und „Eckmar“ – ersetzte.
Über vergrößerte Bilder seines „Däumchens“ stellte er diesen als „ritterlichen Typ“ mit Helm und „Hypochonder“ mit Wäscheklammer dar, ehe er von dem Schrecken der Mutter („der schlimmste Tag in meinem Leben“) und der Oma bei seiner Geburt im Februar 1965 im oberbergischen Land berichtete. „Ich bin da raus wie ein Sektkorken, konnte mich nicht festhalten.“
Vielfalt statt Stigma
Der damals bestehende „Fluchtreflex“, zwischen sich und dem Problem eine Distanz zu schaffen, habe damit zu tun, dass Menschen Vielfalt nicht gewöhnt seien – wie bei den 860.000 Flüchtlingen 2015, stellte er eine Verbindung zur gesellschaftlichen Gegenwart her.
Er erzählte von seiner Einschulung in die Sonderschule, wo er nach dem ersten Schrecken feststellte, dass auch Rollstuhlfahrer und Spastiker Kinder sind, die genauso Spaß am Spielen haben wie „normale“ Kinder. Die Einteilung in „normal“ und „anders“, die habe es in Deutschland schon mal gegeben. Es wurde mucksmäuschenstill im Zelt an der Burg, als er von „David als einzigem Juden in der Klasse“ unter Nazis sprach.
Danach seien es die Sinti und Roma, die Schwulen und später Gewerkschaftler gewesen, sprach er davon, wie „brandgefährlich“ solche Stigmatisierungen wie „die Flüchtlinge“ oder „die Schmarotzer“ auch heute seien. „Ich wollte es so dramatisch machen, damit ihr nicht denkt, es war nur ein fröhlicher Abend“, drückte er aus, dass es ihm um mehr als nur Unterhaltung ging.
Inklusion heißt Dazugehören
Später ließ er sich vom Publikum originelle Vorschläge dafür zurufen, was er alles nicht kann – vom „Klavier spielen“ über „den Hintern abwischen“ und „Schuhe anziehen“ bis „Melken“ oder „sich das Kondom alleine überziehen“ war da alles dabei. Aber auch da konterte der Kabarettist gewitzt, zeigte seine Hilfsmittel, um sich entsprechend zu reinigen. „Weil es normal ist, dass Sie sich Gedanken machen, wie der das macht. Kinder fragen das – Erwachsene nicht.“ Er machte in Sachen Klavier klar, dass auch „Leiden“ manchmal zum Dasein dazugehört, unterstrich, dass er die Kondom-Geschichte könne, dann aber „den Latexgeschmack im Mund“ habe, und sich tatsächlich mit dem Fuß die Zehennägel schneiden könne.

Rainer Schmidt demonstriert, dass körperliche Einschränkungen nicht vom Tischtennisspielen abhalten müssen. (Foto: aflo)

Rainer Schmidt demonstriert, dass körperliche Einschränkungen nicht vom Tischtennisspielen abhalten müssen. (Foto: aflo)


Jeder Mensch komme irgendwann an seine natürlichen Grenzen. „Ich bin kein Handwerker, ich musste ein Mundwerker werden“, schlug er wieder dein Bogen zur Inklusion. Entscheidend sei die Inklusion, für die es im Englischen nur einen Begriff gebe: „Sense of belonging“ – Zugehörigkeitsgefühl. Das gelte auch für ihn – und für alle anderen.
„Es geht nicht darum, ob du alles gleich gut kannst, sondern ob du dazugehörst“, nannte er das Beispiel einer Paderborner Schule, die fünf inklusive Kinder mit separatem Schulstoff von Sonderpädagogen betreuen lassen wollte. „Warum nicht gleich ein Zaun drum und ein Schild: Bitte nicht füttern?“, lautete seine ironische Antwort auf diese Situation.
Natürlich gebe es Menschen, denen sein Aussehen fremd sei, erzählte er von zwei chinesischen Putzfrauen, die ihn als Paralympics-Spieler am Flughafen in Shanghai anstarren und eine Traube von Menschen nach sich ziehen. „Aber wir treffen jeden Tag fremde Menschen“, lautete seine Antwort darauf.
Jeder Mensch hat seine Grenzen
Die zweite Botschaft des Abends lautete: Jeder hat auf seine Weise seine Einschränkungen. Es gehe darum, „mit seinen Einschränkungen und Talenten ein glückliches Leben zu führen.“ „Behinderung“ sei im Wesentlichen „Verunsicherung“, nannte er das Beispiel einer Bediensteten im Zugabteil, die ihm Kaffee verbilligt anbieten wollte, „weil Sie so arm dran sind“ – obwohl sie es als Minijobberin gegenüber dem Pastor sicher finanziell schlechter hat. Seine Antwort: er reichte ihr einen Fünfer, „weil ich dachte, dass Sie so arm dran sind.“ Die Überraschung zeigt
Die Strategie dagegen sei, einfach die Distanz zu sich zu verringern. Das gelinge ihm auf dreierlei Weise: indem er als Pfarrer bei Trauerbesuchen einfach drauflosrede, bis er nach drei Minuten im Haus ist, auf Partys die Frauen, die ihm gefallen, einfach mit „Küsschen links, Küsschen rechts“ überfalle (was er spontan bei einer Frau im Publikum umsetzte) oder Handschuhe mit Bockwürstchen trage. Und ab und an „leihe“ er sich eben mal fremde Hände.
Als „Zugabe“ zu dem normalen Kabarettprogramm zeigte der frühere Paralympics-Sieger im Zusammenspiel mit einem Gast, einem zählenden Schiedsrichter und einem „Balljungen“ seine Künste an der Tischtennisplatte – und bewies auch da, dass man auch mit seinen „Einschränkungen“ eine Menge Spaß haben kann.