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Spurensuche in der Geschichte Wettens

Auch wenn heute zweifelsohne die Wallfahrt mit der Trias aus Gnadenkapelle, Basilika und Priesterhaus das geistliche Zentrum Kevelaers bildet, so ist das kirchliche Leben in Wetten doch ungleich älter.

Untrennbar verbunden mit der Christianisierung ist die Entstehungsgeschichte der Ortschaft Wetten, denn beide Stränge sind fest ineinander verwoben – nicht umsonst ist das früheste Schriftzeugnis für eine Besiedlung die erste urkundliche Erwähnung eines Priesters im Jahr 1154.

Dennis Hartjes, selbst Wettener, hat die Geschichte und Kirchengeschichte seines Heimatortes zu einem seiner Forschungsschwerpunkte gemacht. Erste greifbare Frucht dieser Arbeit ist sein nun vorliegendes Buch: „Wetten bei Kevelaer – Territorialgeschichtliche Untersuchung zur Entstehung und Entwicklung einer Ortschaft und ihrer Kirche am linken unteren Niederrhein bis zum Ausgang des 12. Jahrhunderts“. Mag der Titel auf den ersten Blick sperrig wirken, ist es der Inhalt keinesfalls.

Dennis Hartjes gelingt der Spagat zwischen Masterarbeit – dort liegt der Grund für den „akademisch korrekten“ Bandwurm-Titel und dem an sich selbst formulierten Anspruch, ein Buch für einen breiten geschichtlich interessierten Leserkreis zu schreiben.

In Wetten aufgewachsen, zog es ihn zum Studium an die Westfälische Wilhelms-Universität nach Münster, wo er jüngst zwei Masterabschlüsse erwarb: einen im Lehramt für Katholische Theologie und Geschichte und einen im Fach Mittelalterliche und Frühneuzeitliche Kirchengschichte. Auch wenn Hartjes für sich selbst den Wunsch formuliert, eine „klassische“ Forschungslaufbahn als (Kirchen-) Historiker einzuschlagen, sichert er sich mit einem zweiten Standbein als Lehrer ab – aktuell absolviert er sein Referendariat in Haltern am See.

Der momentan im Vordergrund stehende Schulbetrieb lässt nur begrenzten Raum für eine umfangreiche Forschungstätigkeit. Dennoch ist Dennis Hartjes‘ nächstes Projekt schon weit fortgeschritten: Ansetzend am Zwischenziel seines vorliegenden Buches, dem Jahr 1154, arbeitet er an seiner Doktorarbeit, die seinen Forschungsgegenstand bis zur Fusion der Pfarrei im Jahr 2014 fortschreibt. Und auch hier benennt er neben dem selbstverständlichen akademischen Anspruch wieder den Willen, einen großen Leserkreis ansprechen zu wollen, der Interesse für Land, Leute und Heimatgeschichte mitbringt.

So sieht das Buch über Wetten aus. Grafik: Verlag

Diese Arbeit wird weniger eine strenge Chronologie sein, sondern sich mehr an Themenfeldern orientieren, die tiefer ausgeleuchtet werden. So werden beispielsweise die zahlreichen in der Wettener Kirchengeschichte überlieferten Anekdoten einer eingehenden Prüfung in Bezug auf ihre Herkunft und ihren Wahrheitsgehalt unterzogen – da hat sich manch Spannendes aufgetan.

Auch wenn die Literatur zur rheinischen (Kirchen-) Geschichte eine nur schwer zu überschauende Breite aufweist und im Rahmen der hiesigen Heimatforschung Beachtliches geleistet wurde, fehlte es bislang an einer groß angelegten Arbeit zum ältesten Ortsteil Kevelaers. Einen ersten Schritt diese Lücke zu schließen, hat Dennis Hartjes mit seinem Buch nun geleistet.

Immerhin kann Wetten als Urpfarrei Kevelaers bezeichnet werden – die Eigenkirche des Grafen von Geldern und später der Äbtissin des Zisterzienserinnenklosters in Roermond hatte im Hochmittelalter eine größere Bedeutung als die deutlich spätere von Weeze erfolgte Abpfarrung der heutigen Gemeinde St. Antonius.

Nicht verkannt werden sollte, dass die nur noch archäologisch belegbare Siedlungsgeschichte im Wettener Raum natürlich deutlich weiter zurückreicht als bis zum Beginn der Christianisierung, selbst wenn vieles natürlich im Dunklen bleibt. Greifbarer wird die Geschichte beim Blick in die römische Zeit. So sind auf dem Ortsgebiet zwei römische Höfe nachweisbar und auch der Sockel der St. Petrus-Kirche ist ein Zeugnis dieser Zeit, wurde er doch zu Beginn des 15. Jahrhunderts mit Bruchmaterial römischer Bauten aus dem Xantener Raum aufgemauert.

Für heimatgeschichtlich interessierte Leser aus Kevelaer und Umgebung ist Dennis Hartjes‘ Buch sicher auch eine Empfehlung für den weihnachtlichen Gabentisch. Beim Lesen des flüssig geschriebenen 240 Seiten starken Buches fällt einem die durch Corona bedingte Kontaktreduzierung ein Stück weit leichter. Allerdings muss man sich vorerst mit einem Zwischenstopp im Jahr 1154 zufrieden geben: die daran anschließende Doktorarbeit wird noch etwa zwei Jahre auf sich warten lassen, soll dann aber ebenfalls als Buch für jedermann vorliegen.

Abschließend sei erwähnt, dass auch im gerade druckfrisch erschienenen „Geldrischen Heimatkalender 2021“ sich ein Aufsatz aus der Feder Dennis Hartjes‘ findet. Er nimmt den Silberschatz der St. Petrus-Bruderschaft in den Blick.

Vera Lörks erzählt ihre Geschichte „Auf Kreuzfahrt“

Vera Lörks, die in Kevelaer wohnt und in Moers aufgewachsen ist, ist in der soeben erschienenen Geschichten-Anthologie „Glühende Herzen, Schockstarre und verlassene Limousinen – 41 Heldengeschichten“ vertreten.

Vera Lörks, geboren 1986, hat sich schon in der Grundschule gerne Geschichten ausgedacht. Sie hat Anglistik und Geschichte in Düsseldorf studiert und arbeitet heute als Lektorin und Autorin am Niederrhein. Sie wohnt in einer Wohnung voller Bücher. Viele ihrer Bücher und Geschichten sind unter ihrem Geburtsnamen Vera Marquardt erschienen. 2019 gewann ihre Kurzgeschichte „Geordnete Weihnachten“ den ersten Preis des Wettbewerbs „Liebe Liebe“ des Kindermuseums Unikatum. Mehr über ihr Schaffenswerk gibt‘s unter veraloerks.wordpress.com

Zum Buch: Wer sind die wahren Heldinnen und Helden in unserer Zeit? Schon seit der Antike verehren Menschen Helden, die sich durch große und kühne Taten im Kampf auszeichnen. Manche Geschichten, die man sich über sie erzählt, gehören ins Reich der Mythologie, manche haben sich tatsächlich zugetragen oder haben zumindest einen wahren Kern.
Helden des Alltags

Heutzutage denken wir bei dem Begriff „Held“ häufig an Menschen, die sich unerschrocken und mutig herausfordernden Aufgaben stellen und sich dabei oft für andere einsetzen. Diese Alltagshelden können beispielsweise Feuerwehrleute, Polizist*innen oder Pfleger*innen sein, aber auch Menschen, die in gefährlichen Situationen Zivilcourage zeigen und sich einmischen. Auch die vielen fiktiven (Super-)Helden, die in ungewöhnlichen Kostümen und mit wehenden Umhängen in den letzten Jahren unsere Kinosäle bevölkert haben, werden gerne mit dem Thema assoziiert.

So erzählt Vera Lörks in ihrer Geschichte „Auf Kreuzfahrt“ von Erik dem Roten, dem Schrecken der Weltmeere. Der Entdecker von Grünland wird auf einem modernen Kreuzfahrtschiff gefangen gehalten. Er soll die Passagiere unterhalten und ihnen das echte Wikingerleben näher bringen…

Doch das sind noch längst nicht alle Varianten. Wie unterschiedlich man das „Heldentum“ interpretieren kann, beweisen die 189 kreativen Einsendungen, die vom Schreiblust-Team gewissenhaft geprüft wurden. 41 davon hat der Schreiblust-Verlag ausgewählt.
Das Buch (350 Seiten) „Glühende Herzen, Schockstarre und verlassene Limousinen – 41 Heldengeschichten“ gibt‘s im Schreiblust-Verlag für 10,90 Euro, ISBN: 978398201224.

Alles rund um „Buch und Lesen“

Schon außerhalb der Kirche wurde erkennbar, dass sich an diesem Nachmittag in der evangelischen Kirche alles rund um das Thema „Buch und Lesen“ drehen würde.
Bücherreihen, Stände, Liegestühle auf der Wiese und ein Pavillon mit Tischen, auf denen die Werke diverser Autoren standen, waren die Angebote der „Aktion Lesen“, die das Presbyterium der Gemeinde mit seinen Mitgliedern organisiert hatte.
„Unsere erste Idee war ja die Lesezelle, die super eingeschlagen hat“, erklärte Rainer Thiede vom Presbyterium. „Daraus entstand die Idee mit diesem Aktionstag, mit einer Lesung von Christine Westermann als i-Tüpfelchen.“
Im Gotteshaus selbst hatte Pastorin Karin Dembek unter dem Titel „Das Buch der Bücher“ zu einem Familiengottesdienst eingeladen, der sich inhaltlich der Bibel und dem Lesen an sich widmete.
Zu Anfang entzündete Dembek eine Kerze, die später in einem der Kirchenräume mit Wachsbuchstaben verziert und gestaltet wurde. „Gottes Wort ist wie Licht in der Nacht“, sang die Gemeinde gemeinsam mit dem Kirchenchor, nachdem die Zeilen aus dem Psalm 119 rezitiert worden waren: „Dein Wort ist meines Fußes Leuchte und ein Licht auf meinem Weg“.
Acht Bibelstationen
Anschließend wurde aus der Apostelgeschichte gelesen. Die dargestellte Geschichte handelte von einem äthiopischen Minister, der in Jerusalem eine Schriftrolle mit Worten des Propheten Jesaja erwirbt und in ihnen nach einer Botschaft von Gott sucht.
Die Gläubigen teilten sich danach an acht verschiedenen Bibelstationen auf, an denen sie verschiedene Aufgaben erwarteten. Im hinteren Raum der Kirche durften sie biblische Bücher in der richtigen Reihenfolge in ein Regal sortieren oder Bibeln in verschiedener Sprache studieren.
In der Sakristei konnten Bibelgeschichten malend „weitererzählt“ und an einem Bibelbalken befestigt werden. Den eigenen Namen in griechischen oder hebräischen Buchstaben auf ein Blatt schreiben, ein Holzstäbchen kleben und wie eine Schriftrolle aufrollen konnte man im Kirchenvorraum. Und am Abendmahltisch legten Gemeindemitglieder den Schöpfungskreis.
Auch der Tisch mit Bibel in unterschiedlichen Sprachen und aus verschiedenen Jahren sorgte für Aufmerksamkeit. „Ich war zwei Wochen auf Kreta, seitdem kann ich griechisch“, schmunzelte Matthias Kaenders und vertiefte sich in das „Novum Testamentum Graciae“. Jürgen Kropsch hielt eine Ausgabe aus dem Jahr 1910 mit handschriftlichem Vermerk in Händen: „Das zeigt die Vielfalt der Bibel, echt faszinierend.“
Bibelgeschichte konnte man in dem Büroraum am Eingang der Kirche anhand von Bildern interpretieren. „Viele sind offensichtlich, aber es gibt auch verschiedene Bedeutungen“, gab Fabienne Schmitz an der einen oder anderen Stelle Hinweise.
Ein Bibelkuchen
Ein Stockwerk tiefer wurde in der Küchenzeile des Jugendraums ein „Bibelkuchen“ gebacken. „Wir haben in die Bibel geschaut und Textstellen rausgesucht, wo sich Zitate finden. Damit waren wir relativ erfolgreich“, stellte der 15-jährige Ole zufrieden fest, als er den Teig in den Ofen schob. Später wurde der Kuchen am Ausgang an die Gemeindemitglieder verteilt.
Am Ende kamen alle nochmal zusammen, um Fürbitte zu halten und zu singen. „Ich fand das sehr eindrücklich, eine Gottesdienstgemeinde in Bewegung zu sehen“, dankte Karin Dembek allen fürs Mitmachen: „Ich hab im Vorfeld ganz schön geschwitzt, weil ich nicht wusste, wie das ankommt, wenn man etwas Neues in der Form hier anbietet.“
Draußen stöberten derweil die Gäste am Stand von Buchhändlerin Gertrud Aengenheyster in aktuellen Werken oder blätterten in den von den Gemeindemitgliedern dargebotenen Exemplaren.
Insgesamt kam die Aktion bei allen gut an. „Das war echt mal was anderes“, betonte Nina Muellemann, wie wichtig ihr das Lesen ist. Und auch der Weezer Patrick McGovern konnte der Aktion als Anregung etwas abgewinnen: „Ich lese alles. Ich brauche zwei Monate, wenn das Buch schlecht ist, und ein paar Tage, wenn es gut ist .“

Umgang mit dem eigenen Leben

Rund 30 Zuhörer hatten den Weg in die Jesus-Christus-Kirche gefunden, um die Lesung des auf Bornholm lebenden Autors und Seminarleiters Udo Schroeter zu erleben. „Das Buch ‚Meer als alles‘ wurde mir empfohlen. Ich habe es gelesen und fand es spannend“, betonte Andreas Lassmann vom Presbyterium der Herz-Jesu-Kirche, dass ihn vor allem das Thema angesprochen hatte.
„Das Leben, wie es im Hamsterrad ist, auf sich hören und aus dem Hamsterrad, das in uns steckt, hinauszukommen“, nannte er bei der Begrüßung das eigene Beispiel, eine Woche zu Fuß mit dem Zelt in der Eifel unterwegs gewesen zu sein. „Bei mir ist es das Wandern, bei ihm ist es das Meer.“
Es entwickelte sich keine Lesung im „klassischen Sinn“, sondern mehr die Vermittlung eines philosophischen Lebens-Grundgerüstes, das sinnbildend für den Zuhörer angelegt war. Dabei trug Schroeter Auszüge aus der Geschichte des alten Angelführers Leif vor, der fünf Tage mit dem Sinnsucher Daniel am Meer verbringt. Der Autor schlüsselte begleitend seine Idee von der Verwirklichung des Menschen in seinem eigenen Leben auf.
Einen seiner zentralen Kernsätze nannte er gleich zu Beginn: „Viel mehr auf das eigene Herz hören und dem zu folgen.“ Schroeter skizzierte anhand einer Zeichnung den Lebensverlauf von Geburt über Pubertät und Älter werden bis zum Sterben. Äußere und innere Reisen zögen sich durch das gesamte Leben. Beim Älterwerden stellten sich neue Sinnfragen wie „Was will ich von der Zeit? Was sind meine Gaben und Talente?“
Dabei gehe es auf die Reise „zurück zu dem, der man im Grunde ist.“ Die meisten Männer, die zu seinen Angel-Seminaren kämen, nähmen die „Einladung auf der Suche nach dem eigenen Wert“ für sich an.
Als zentral erwies sich ein Buchauszug, wo Leif und Daniel im Meer im Wasser stehen und Leif ihn fragt, wieweit er die Rute werfen kann? Dieser Entfernungskreis spiegele „in unser alltäglichen Welt das Hier und Jetzt“ wider. „Der Augenblick, in dem sich ein Fisch deinen Köder packt, ist niemals in der Vergangenheit oder in der Zukunft. Er finde immer und ausschließlich im Hier und Jetzt statt.“
Anhand zweier Plastikflaschen zur Linken und Rechten des Tisches und Steinen in der Mitte versinnbildlichte Schroeter, dass es im Leben nicht darauf ankommt, in die Vergangenheit zurückzublicken oder große Blicke auf die Zukunft zu richten, sondern im Hier und Jetzt zu leben.
So finde man mehr zu sich selbst, mit Herz und Verstand. „Zurück in die Mitte seines Kreises zurückkommen, ein Feuer entfachen“, nannte das Schroeter und stellte den Bezug zu dem christlichen Grundgedanken „Fürchte Dich nicht“ her. „Sicherheit ist aus dem Lexikon der kleinen Jungen“, machte er im Zusammenhang mit der Geschichte deutlich. Man solle für sich ein Wort finden, das auf der Visitenkarte des eigenen Lebens steht. Er zitierte Leif, dessen Wort von einer Navajo-Frau stammt: „Bird­triber“ ist der, der das Feuer wieder anmacht.“
Im Buch ist Daniel der Diplom-Ingenieur, der seinen Job gekündigt habe, um als „Fummler“ mit Holz und allem Möglichen zu werkeln. „Den gibt es wirklich. Der fährt heute mit einem Wagen herum, bastelt mit Kindern und ist der glücklichste Mensch der Welt“, versichert der Autor.
Tatsächlich fand sich im Publikum mit dem Schwalmtaler Stefan Vogt ein Gast, der für sich bei Schroeter vor einem Jahr das Identitätswort „Kaffee“ gefunden hatte. „Jetzt bringe ich mit einer kleinen Rösterei eine eigene Kaffeekreation heraus.“

Schlaganfall: „…und danach kommt die Angst“

Am Dienstag, des 15. Juli 2014 kam Karl-Heinz („Kalle“) Baaken (59) vom Spätdienst bei der Deutschen Bundesbahn nach Hause und freute sich auf sein Abendessen. Das wollte er sich an diesem Tag selbst zubereiten, da seine Frau Gabi noch bei ihrer „Krabbelgruppe“ war (eine Gruppe von Müttern, die das regelmäßige Treffen über das Erwachsen werden ihrer Kinder beibehalten haben).
Für den bodenständigen, in Kevelaer wohnenden, Baaken eigentlich ein Abend wie viele andere zuvor auch. Doch es sollte anders kommen. Er erinnert sich besonders gut an diesen Abend, zum einen weil er die Rückkehr der deutschen Weltmeister-Elf aus Brasilien im Fernsehen verfolgen wollte und zum anderen weil ihn „der Schlag“ traf.
Nach dem Verzehren seines Abendessens stand er vom Tisch auf, um das Geschirr in die Küche zu bringen, als er spürte das ihm schwindelig wurde. Sein erster Gedanke war, du bist zu schnell aufgestanden. Wer kennt dieses Gefühl nicht auch, wenn der Kreislauf  mit dem abrupten Aufstehen nicht sofort klar kommt. Doch etwas war anders, denn plötzlich lag er auf dem Boden und ein Arm und auch eine Hand waren verkrampft und ein Bein wollte ihm nicht mehr gehorchen. Nach einger Zeit konnte er sich unter starken Mühen aufstellen und schaute in einen Spiegel. Als er seinen herunterhängenden Mundwinkel und das schiefe Gesicht sah, wollte er laut mit sich selbst reden, allerdings konnte er die Laute, die aus seiner Kehle drangen nicht mehr verstehen. Sofort schoss es ihm der Gedanke durch den Kopf „Scheiße, du hast einen Schlaganfall“.
Irgendwie fiel ihm ein den Notruf zu wählen und es war ihm ganz klar, dass das die 112 ist. Auch, dass er dazu ein Telefon benötigte erschien ihm logisch. So ergriff er das Handy, das in der Nähe lag, doch wusste er nicht mehr was er damit sollte. Er konnte sich einfach nicht mehr erinnern, wie er das Telefon bedienen muss. Einfach weg die Erinnerung.
Hilflos in der Küche
Hilflos und allein ließ er sich in der Küche nieder und legte seinen  Kopf auf die verschränkten Arme auf Küchentisch. Es sind dann wohl 30 Minuten vergangen bis seine Frau nach Hause kam und fragte, „Sag mal Kalle warum sitzt du denn hier im dunkeln? Schläfst du?“ Als sie erkennt, dass ihr Ehemann in großer Not war, packt sie ihn beherzt sofort ins Auto und fuhr zum Kevelaerer Krankenhaus. „Meine Frau ist eine echte Kämpferin, hätte ich sie und die professionelle Ersthilfe im Marienhospital nicht gehabt, wer weiß…
Baaken hatte sehr viel Glück, da ihm schnell geholfen wurde. Auch der Umstand, dass er einen Ruhepuls von nur ca. 50 Schlägen hat (ähnlich wie bei Leistungssportlern), hat vermutlich größere Schäden verhindert. So vermuteten es zumindest seine behandelnden Ärzte. „So ein Schlaganfall ist schon eine komische Sache“, sagt er, „es tut nicht weh und manche Dinge die man vorher aus dem Eff-Eff konnte gehen dann nicht  mehr“. Auf einfache Fragen, die man ihm zur Diagnose im Krankenhaus stellt, fand er keine Antworten. So zeigte man ihm ein Bild, auf dem eine Tomate abgebildet war. Er erkannte zwar den Gegenstand, konnte aber nicht mehr das passende Wort dafür über die Lippen bringen. „Oder“, so führt er weiter aus, „Multiplizieren konnte ich,  nur addieren nicht, auch simpelste Aufgaben, diese Fähigkeit war weg“.
Nach dem Verlassen des Krankenhauses kam das übliche Programm der Nachsorge und Reha, um seine Defizite in den Griff zu bekommen. Die Physiotherapie half ihm die eingeschränkten Bewegungsabläufe wieder herzustellen, mit Logopädie die Sprache zu normalisieren und die Wortfindungsstörungen abzubauen. „Manchmal ist es auch heute, nach drei Jahren, noch so, dass mir einzelne Worte nicht spontan einfallen wollen, aber die Logopädin hat mir Tricks beigebracht, wie ich das umgehen kann bzw. wie ich mich an das fehlende Wort erinnere“, sagt er mit einem Lächeln.
Plötzlich kam die Angst
Er war schon eine ganze Weile aus der Reha zurück aber noch nicht wieder arbeitsfähig. Daher verbrachte er viel Zeit Zuhause. Seine Frau Gabi war ganztägig arbeiten und sein erwachsener Sohn wohnt in einer anderen Stadt. Sein Tagesablauf gab zu viel Raum zum Grübeln und um sich selbst zu beobachten. Und dann war sie plötzlich da, die Angst.
Denn jedes Mal wenn ihn irgendetwas zwickte kreisten seine Gedanken sofort um das, was ihm wiederfahren war und dass das möglicherweise wiedergeschehen kann. Dieses negative Gefühl kam immer häufiger und er steigerte sich derart heftig hinein, dass sein Blutdruck auf 200 hochschnellte. Umgehend wurde er wieder ins Marienhospital eingeliefert und kam erneut auf die Stroke Unit (Spezialstation für Schlaganfallpatienten). Hier konnte man jedoch nichts diagnostizieren, dass auf ein körperliches Defizit hindeutete. Man gab ihm die Empfehlung sich in psychologische Behandlung zu begeben, um seine Ängste abzubauen. Zum Psychologen? Das war ihm dann doch suspekt. „Da war ich doch noch nie. Und was soll ich da“, so schildert er seine ersten Gedanken.
Aber er wollte und musste sich seiner Angst, die sich schon zu einer beginnenden Depression ausweitete, stellen. Es war nicht die Angst vor dem Tod, sondern von jetzt auf gleich nicht mehr gebraucht zu werden und nichts mehr alleine zu können. „Ich hatte riesige Angst ein Pflegefall zu werden. Ich war doch immer der, der geholfen hat. Ob im Beruf bei der Bahn oder sonst im alltäglichen Leben“, sagt er mit ernster Mine.
Also begab er sich zur regelmäßigen psychologischen Behandlung nach Kalkar und in eine erneute Reha nach Füssen.  „Das alles hat mir unglaublich geholfen. Aber die beste Medizin hat mit ein Arzt in Kalkar verabreicht. Dieser fragte mich nach meinen Hobbies und ich erwähnte, dass ich sehr gerne und auch viel lese. Darauf hin meinte der Arzt, dann könne ich doch auch ein Buch schreiben über das, was mich beschäftigt. Denn wer lesen kann, der kann auch schreiben“, erzählt Baaken sehr emotional.
Mit dem Gedanken, tatsächlich ein Buch zu schreiben, setzte er sich intensiv auseinander und kaufte eine Ausgabe „Ein Schnupfen hätte auch gereicht“ von Gabi Köster (Kölner Komikerin, erlitt 2008 einen schweren Schlaganfall), um herauszufinden wie andere das gemacht haben.
Baaken war aber enttäuscht über den Inhalt, da nicht wirklich etwas über ihre Krankheitsgeschichte und ihre Ängste in dem Buch stand. „Das kann ich besser“, war seine Überzeugung. Er setzte sich an seinen PC und fing an drauf los zuschreiben. „Am ersten Tag hatte ich bereits 50 Seiten geschafft“, sagt er voller Begeisterung. Eva Dicks, die er aus der ehrenamtlichen Hilfe kennt –  die beiden geben Deutschkurse für Flüchtlinge im Sporthotel – bestärkte ihn darin und bot ihm Hilfe beim Korrekturlesen an. Sie brachte ihn auch darauf, das Buch im Selbstverlag zu produzieren. (Anm. d. Red. Selbstverlag oder Eigenverlag bezeichnet die Herausgabe eines Buches oder anderer Publikationen durch einen Autor selbst, der damit zum Selbstverleger wird).
Nach rund sechs Monaten des Recherchierens und Schreibens sowie Dank der Unterstützung durch seine Familie war es dann soweit, das Buch war mit 228 Seiten fertiggestellt. Das erste vollständige Exemplar gab er seiner Mutter zur Lektüre. „Nach zwei Tagen war sie fertig und war mächtig stolz auf mich“, sagt er mit leicht wässrigen Augen. „Wenn ich die Endfassung lese, dann hätte ich heute sicherlich 350 Seiten schreiben können. Es fallen mir jeden Tag noch Dinge ein, die erwähnenswert sind“.
„Ich möchte mit diesem Buch auch manchem die Hoffnung geben, dass nach einem Schlaganfall das Leben auch immer noch schön sein kann. In der Reha habe ich viele, jüngere und ältere Menschen kennengelernt, die nicht so viel Glück wie ich gehabt haben. Denen möchte ich Mut machen.“ Sein Lebensmoto heute lautet: „Bevor du sagst, das kann ich nicht, versuche es und du wirst sehen, du kannst es. Nach dieser Maxime hatte ich die letzten zwei Jahre nicht gelebt. Jetzt kommt das gute Gefühl wieder und es geht mir gut, auch wenn die Angst nicht vollständig weg ist“.
Er hat Pläne. Er arbeitet wieder bei der Deutschen Bahn, erfüllt aber andere Aufgaben als früher, da er in dem was er zuvor machte nicht zu 100 Prozent einsatzfähig ist.
„Ich gehe wieder gerne zur Arbeit und meine neue Tätigkeit füllt mich aus. Ich werde dann in gut drei Jahren in Rente gehen können und spätestens dann werde ich wieder ein Buch schreiben. Vielleicht wird es eine ergänzende Fassung des jetzigen sein oder etwas gänzlich anderes. Erste Ideen habe ich bereits. Jetzt bin ich erst mal gespannt, wie mein Buch angenommen wird und wie die Reaktionen darauf sein werden. Das Buch ist erschienen unter dem Titel „….und danach kommt die Angst“ und kann als Taschenbuch in jeder Buchhandlung oder auch als eBook erworben werden. Wer Baaken schreiben möchte, der kann ihm eine Nachricht unter baaken@gmx.net zukommen lassen.