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Adlerauge

„Wo Schatz? Wo denn?“ Schatz hatte mal wieder was entdeckt, was sich außerhalb meines Wahrnehmungshorizonts befand. Wie oft ist es schon passiert, dass er völlig entrückt in eine Richtung zeigte und begeistert verkündete, was seine Augen (obwohl auch nicht mehr taufrisch) erspäht hatten.
Egal, ob ein Reh oder ein Eisvogel – er sieht´s und ich krieg nichts mit. Das sind die Momente, in denen ich mich frage: „Bin ich blind oder doof?“ Dabei gibt Schatz sich wirklich alle erdenkliche Mühe, mir auch die Möglichkeit einer besonderen Entdeckung aufzuzeigen. Aber egal, ob ich nun seinem ausgestreckten Zeigefinger oder seiner Beschreibung „Da oben hinter dem vierten Baum rechts – 12 Uhr“ folge, ich seh´ meistens nix.
So verpasse ich manchen erfreulichen Moment. Denn welches Tier verweilt schon so lange an einer Stelle, bis ich es wahrnehmen kann? Wie Schatz es immer wieder schafft, während der Fahrt mit dem Rad, noch dazu mit dem Hund an der Leine, etwas Spektakuläres zu schauen, ist mir ein Rätsel. Mir bleibt nichts anderes übrig, als Schatz zu glauben, was er mir da erzählt. Denn mit Beweisfotos wird es meistens nix, auch wenn mein Liebster die Kamera immer dabei hat. Entweder dauert die Einstellerei zu lange oder er hat nicht das richtige Objektiv dabei. Ich muss zugeben, dass da ein klein wenig Schadenfreude aufkommt.
Allerdings konnte ich im letzten Urlaub einige Erfolgserlebnisse für mich verbuchen. Ich entdeckte ein Reh in einem Garten – ein lebendiges wohlgemerkt – und einen Fuchs auf der Wiese. Endlich konnte auch ich einmal rufen: „Da guck´ mal!“ Ich hatte mal etwas zuerst gesehen, an dem Reh war Schatz sogar achtlos vorbeigefahren. Stolz wie Oskar war ich in diesen Momenten.
Christel Hundertmarck

Drecksarbeit

„Soll ich dir helfen, Schatz?“ Schatz schaut mich ganz erstaunt an, ist es doch eher selten, dass ich ihm bei handwerklichen Dingen meine Hilfe anbiete. Im Grunde ist er auch gar nicht so scharf auf meine Hilfestellungen, denn handwerkliches Geschick ist so rein gar nicht meins.
Aber wider Erwarten stimmt er mir dieses Mal verhalten begeistert zu. Gerade heute hat er ein solches Angebot meinerseits nicht erwartet. Ehrlich gesagt, hätte ich auch nichts dagegen gehabt, wenn er es abgelehnt hätte. Jetzt komme ich nicht mehr raus aus der Nummer und schon nach wenigen Minuten befinde ich mich kniend im Dreck. Versehen mit Knieschonern ergebe ich mich in mein selbst erwähltes Schicksal und befreie alte Pflastersteine von dicken Erdkrusten. Bereits nach einer halben Stunde merke ich, dass es nicht nur eine ziemlich öde, sondern auch eine mühsame und anstrengende Tätigkeit ist. Jeden einzelnen Stein darf ich in die Hand nehmen, abkratzen, drehen, wenden und auf der anderen Seite wieder ablegen.
Das Ganze kommt mir schier endlos vor. Ich kann gar nicht so schnell gucken wie Schatz die von mir bearbeiteten Steine wieder verbaut. Kaum ist der mir zugewiesene Stapel bewältigt, kredenzt mir Schatz den nächsten. Nach einer Stunde brauche ich erst einmal eine ausgiebige Pause, ich schwitze „wie Schwein“ und sehe inzwischen auch genauso aus. Mein Liebster grinst, als er meine verdreckten Füße und Beine betrachtet. Er ist natürlich schlauer, trägt langes Beinkleid und geschlossene Schuhe.
Als ich feststelle, dass mein Jammern und Stöhnen nichts bringt, arbeite ich weiter stumpfsinnig vor mich hin. Wie herrlich ist es, als ich später unter der Dusche stehe, befreit von Dreck und Schweiß. Noch zwei Tage danach soll ich diese ungewohnte Tätigkeit in meiner Muskulatur spüren. Zukünftig werde ich mir dreimal überlegen, bevor ich meinem Schatz irgendwelche Hilfsangebote mache.

Bitte lächeln

„Aber sicher Schatz, für dich lächle ich doch besonders gerne!“ Wieder einmal richtet er seine Kamera auf mich, um was auszuprobieren. So habe ich schon vor geraumer Zeit gelernt, auf Kommando die Mundwinkel nach oben zu ziehen. Heute ist es besonders heftig, ich komme aus dem Dauergrinsen gar nicht mehr raus, denn Schatz hat eine neue Kamera. Schlimm genug, dass man wahrscheinlich wieder jede noch so kleine Falte sieht. Da will ich nicht noch ein langes Gesicht zeigen. Auch ein Probefoto soll doch ein bisschen nett anzuschauen sein.
Lächeln kann man eh nie genug. So manche Situation lässt sich damit gut entspannen. Man muss es nur vernünftig dosieren. Habe ich jemanden beinahe mit dem Fahrrad umgenietet, macht es einen gewaltigen Unterschied, ob ich dümmlich grinse oder entschuldigend lächle.
Eigentlich sollte sich jeder ein Dauerlächeln zulegen, denn Lachen ist erwiesenermaßen gesund, mittlerweile gibt es da sogar schon diverse Angebote, wie zum Beispiel Lachyoga. Brauch´ ich aber nicht, ich kann es auch ohne Training und Animateur. Jedenfalls wäre die Welt viel freundlicher.
Es kann auch durchaus mal passieren, dass man mal unwissentlich, so ganz ohne Vorwarnung fotografiert wird. Wie doof sehe ich aus auf einem Radarfallen-Foto, wenn ich ´ne Fleppe vor mir hertrage. Und erst gestern habe ich dem Geldautomaten lieblich zugelächelt, ist doch allgemein bekannt, dass man gefilmt wird, wenn man sein Kärtchen in den Schlitz schiebt.
Und dann sind da noch die Pilger und Touristen, die alles fotografieren, was ihnen vor die Linse kommt – wie Schatz. Ich könnte ja ganz zufällig auf einem Erinnerungsfoto landen. Niemand soll sagen können, dass die Kevelaerer unfreundliche und übelgelaunte Menschen sind.
Christel Hundertmarck