Heute, am Donnerstag, 10. September, wurde es um 11 Uhr laut in Kevelaer und den Ortschaften: Der bundesweite Warntag testete Sirenen, die Warn-App NINA, Cell Broadcast auf dem Handy sowie Radio- und Lautsprecherdurchsagen. Gegen 11.45 Uhr gab es Entwarnung, für die Bevölkerung bestand zu keinem Zeitpunkt eine echte Gefahr. Ein Routinetermin also – und doch wirft er eine unbequeme Frage auf: Was würde eigentlich passieren, wenn der Alarm einmal kein Test wäre?
Was am Donnerstag konkret getestet wird
Im Kreis Kleve ertönten die Sirenen im Fünf-Minuten-Takt in der Reihenfolge Entwarnung – Warnung – Entwarnung. Ein auf- und abschwellender Heulton bedeutet Gefahr, ein einminütiger Dauerton signalisiert Entwarnung. Zusätzlich testete der Kreis Kleve Durchsagen über das Lokalradio Antenne Niederrhein, während der Bund parallel Cell Broadcast und die App NINA auslöst. Wer teilnehmen möchte, kann sich vom 10. bis 17. September an der bundesweiten Warntag-Umfrage unter warntag-umfrage.de beteiligen.
Kevelaers Sirenennetz ist runderneuert – fast
Technisch steht Kevelaer inzwischen gut da. Die Stadt hat 2024 ihr komplettes Sirenennetz modernisiert: 13 neue digitale Sirenen wurden an Feuerwehrgerätehäusern, Grundschulen und städtischen Gebäuden installiert, dazu kamen zusätzliche Maststandorte außerhalb der Ortschaften, ermittelt anhand einer detaillierten Beschallungsübersicht. Verantwortlich für die Ausschreibung war Heinz Tepest vom Kevelaerer Ordnungsamt, zugleich stellvertretender Wehrleiter der Freiwilligen Feuerwehr. „Die neuen Sirenen sind für den Katastrophen- und Bevölkerungsschutz sehr wichtig, denn sie werden als wichtiges Warnmittel zur Alarmierung der Bevölkerung genutzt“, sagte Bürgermeister Dr. Dominik Pichler zum Abschluss des Projekts. Offen blieb zum Jahreswechsel 2024/2025 allerdings noch die sogenannte Tetra-Alarmierung, mit der die Leitstelle in Kleve künftig eine Rückmeldung erhalten soll, ob eine Sirene tatsächlich ausgelöst hat. Ob diese Funktion inzwischen vollständig läuft, will das Kevelaerer Blatt von der Stadt erfahren.
Die unbequeme Wahrheit: kein einziger Schutzraum mehr einsatzbereit
Weit größer als bei den Sirenen ist die Lücke bei den Schutzräumen. Bundesweit gibt es nach Angaben der Bundesanstalt für Immobilienaufgaben (BImA) aktuell keinen einzigen technisch funktionsfähigen öffentlichen Schutzraum mehr. In Nordrhein-Westfalen bestehen zwar noch 48 Anlagen mit früherer Zivilschutzbindung – Hochbunker, ehemalige Hilfskrankenhäuser, Stollen und Mehrzweckanlagen mit rechnerisch rund 66.000 Plätzen –, doch sie sind seit einer gemeinsamen Entscheidung von Bund und Ländern aus dem Jahr 2007 ungewartet und außer Betrieb. Lüftungs- und Filtersysteme wurden abgeschaltet, lediglich die Bausubstanz wird gesichert, um Einstürze oder unbefugtes Betreten zu verhinder. Weder auf den Internetseiten der Stadt Kevelaer noch des Kreises Kleve taucht das Wort Schutzraum oder Bunker überhaupt auf. Die offizielle Verhaltensempfehlung im Ernstfall lautet stattdessen nüchtern: Ruhe bewahren, Gebäude oder Wohnung aufsuchen, Türen und Fenster schließen, Radio einschalten.
Was es in Kevelaer stattdessen gibt: Leuchttürme statt Bunker
Statt auf unterirdische Schutzräume setzen Kreis Kleve und die kreisangehörigen Kommunen auf ein gestuftes System oberirdischer Anlaufstellen. An der Spitze stehen sogenannte „Leuchttürme“: mit Notstrom versorgte zentrale Anlaufstellen, an denen Bürgerinnen und Bürger im Krisenfall Hilfe und Informationen erhalten und die zugleich als Verbindungsstelle zu den Einsatzstäben von Kommune und Kreis dienen. Darunter sind „Notfall-Infopunkte“ und „Notrufstellen“ gestaffelt.
In Kevelaer existieren nach Angaben des Kreises fünf solcher Leuchttürme, ursprünglich für den Fall eines großflächigen Stromausfalls eingerichtet, inzwischen aber allgemein für den Krisenfall vorgesehen (Kreis Kleve). Wichtig zu wissen: Es handelt sich nicht um dauerhaft besetzte Einrichtungen, sondern um Standorte, die erst im Bedarfsfall aktiviert werden.
Sicherheitskonzepte gibt es längst – nur nicht für diesen Fall
Dass Kevelaer große Menschenmengen organisatorisch im Griff hat, zeigt sich bei den großen Wallfahrten. Wenn wie bei der jährlichen Tamilenwallfahrt rund 10.000 Gäste in die Stadt strömen, greifen längst eingespielte Sicherheitskonzepte zwischen Wallfahrtsleitung, Stadt und Polizei. Diese Konzepte betreffen jedoch die Absicherung von Veranstaltungen, nicht den klassischen Zivilschutz im Katastrophen- oder Kriegsfall. Die Wallfahrtsstadt kann also große Menschenmengen schützen – vor einem großflächigen Ernstfall, wie ihn der Warntag simuliert, gibt es dagegen bislang kein vergleichbares bauliches Sicherheitsnetz.
Diese Fragen stellt das Kevelaerer Blatt an die Verantwortlichen
Das Kevelaerer Blatt wird die Stadt Kevelaer und den Kreis Kleve anschreiben und unter anderem fragen, ob die Tetra-Rückmeldefunktion aller Sirenen inzwischen abgeschlossen ist, ob es in der Region überhaupt noch Schutzräume mit Zivilschutzbindung gibt, wie schnell die fünf Leuchttürme im Ernstfall tatsächlich einsatzbereit wären und wie die Stadt angesichts der sicherheitspolitischen Lage über eine mögliche Reaktivierung von Schutzinfrastruktur denkt. Die Antworten werden in einem Folgebericht veröffentlicht.
Schnelle Fakten
Der Warntag 2026 auf einen Blick
- Termin: Donnerstag, 10. September 2026, ab 11 Uhr, Entwarnung gegen 11.45 Uhr
- Getestet wurden: Sirenen, Warn-App NINA, Cell Broadcast, Lautsprecherdurchsagen, im Kreis Kleve zusätzlich Antenne Niederrhein
- Sirenensignal Warnung: auf- und abschwellender Heulton, 1 Minute
- Sirenensignal Entwarnung: durchgehender Dauerton, 1 Minute
- Für die Bevölkerung besteht keine Gefahr: reiner Systemtest
- Bürgerumfrage: 10. bis 17. September 2026 unter warntag-umfrage.de
- Öffentliche Schutzräume im Kreis Kleve: keine bekannt beziehungsweise nicht einsatzbereit (bundesweit: 0 funktionsfähige öffentliche Schutzräume, NRW: 48 stillgelegte Anlagen)
- Kevelaerer Anlaufstellen im Ernstfall: fünf „Leuchttürme“ sowie Notfall-Infopunkte, aktiviert erst bei Bedarf
Quellen: Bundesregierung, Bundesamt für Bevölkerungsschutz und Katastrophenhilfe, Stadt Kevelaer, Kreis Kleve


Niederrhein Medien GmbH / Emmerich
Rudolf Beerden