Seit 60 Jahren von Kevelaer nach Ameland

Was vor 60 Jahren damit begann, einigen Kevelaerer Kindern schöne Ferien zu ermöglichen, ist in der Wallfahrtsstadt längst Tradition geworden. Der Zulauf für das Amelandlager wurde immer größer, die Ferienfreizeit entwickelte sich für viele Kinder zum festen Bestandteil ihrer freien Zeit im Sommer. Die Gründung geht zurück auf eine Initiative der Familie Janssen aus Kevelaer. Pfarrer Hubert sowie Marianne und Liesel Janssen erinnern sich anlässlich des 60-jährigen Bestehens an den Start des Projekts und ihre Erlebnisse zurück.

Dass es die Ferienfreizeit auf der Insel heute in der Form gibt, ist sicherlich der Zielstrebigkeit von Edmund Janssen zu verdanken. Er lernte Ameland im Jahr 1906 kennen – unter besonderen Umständen, wie sich seine Familie erinnert. Denn der Kevelaerer wollte die Insel über eine Landverbindung erreichen, die er auf seiner Landkarte eingezeichnet sah, die es aber schon gar nicht mehr gab. Davon habe sich der Kevelaerer allerdings nicht abhalten lassen. Schließlich sei er durch das Wattenmeer gewandert und habe auf der Insel erste Kontakte geknüpft. Einige Jahre später, 1921, entsteht der Amelandverein „Poort van Kleef“. Weitere 39 Jahre vergehen, bis die erste Gruppe aus Kevelaer sich auf den Weg zur Insel macht. Marianne Janssen, die viele Jahre die Lagerküche leitete, erinnert sich daran, dass vor allem die Unterkunft und auch die Kochmöglichkeiten in den Anfangsjahren noch sehr einfach waren. Gab es früher einen großen Schlafsaal eines Hofes, dürfen die Kinder heute mehr Komfort genießen. „Die meisten Höfe haben heute Jugendherbergs-Charakter“, meint Hubert Janssen. „Auch die hygienischen Verhältnisse sind heute ganz anders.“

Der 93-Jährige deutet an, dass sich der Zulauf ganz von selbst entwickelte: „Das hat sich schnell rumgesprochen.“ Inzwischen fahren manche Familien bereits seit mehreren Generationen mit. Mehr noch: „Es ist schon die ein oder andere Ameland-Ehe entstanden“, erzählt Hubert Janssen lachend. Die Liebe zur Insel werde oft weitergegeben, sind sich die Janssens einig. Und wer im Kindesalter selbst viele Abenteuer dort erlebte, wird nicht selten im Anschluss Betreuer. Warum die Ferienlager über so viele Jahrzehnte trotz der sich verändernden Gesellschaft so beliebt geblieben sind? „Weil das nicht so mondän ist“, meint Marianne Janssen. In den Wochen auf Ameland besinne man sich ein Stück weit auf das Wesentliche, genieße das Leben in der Gemeinschaft und auch heute in Zeiten der Digitalisierung hätten Handys dort keinen großen Stellenwert.

Große Bedeutung für die Gemeindearbeit

Ganz unschuldig seien die Ameländer nicht daran, dass es heute so viele Kinder – das Ferienwerk hat ca. 200 Entsendestellen – auf die Insel zieht. „An sich fängt die Geschichte an mit den Ameländern selbst“, sagt Hubert Janssen, der im Alter von elf Jahren das erste Mal auf die Insel reiste. Kurz nach dem Ersten Weltkrieg hätten Familien auf der Insel durch die Vermittlung von Edmund Janssen nämlich unterernährte, deutsche Kinder für ein Jahr aufgenommen, um sich zu kümmern. Das sei schließlich der Anstoß gewesen, ein großes Jugendferienwerk zu gründen. „Aus der Not heraus geboren“, findet Hubert Janssen passende Worte und freut sich darüber, dass die Amelandlager auch einen großen Stellenwert in der Jugendarbeit der Gemeinde einnehmen. „Es wächst aus der Gemeinde und wird einbezogen in die Gemeinde.“

In großen Gefährten ging es damals auf die Insel. Foto: privat

Früher wie heute spielt die sportliche Betätigung eine große Rolle während des Lagers. Völkerball, Fußball, Wanderungen und Turnen stehen auf dem Programm der Freizeitbeschäftigungen. Außerdem werde viel gemeinsam gesungen – besonders gerne das 1956 entstandene Amelandlied –, Lagerfeuer gemacht und Kutterfahrten unternommen. „Es gibt sehr viele Möglichkeiten der Freizeitgestaltung“, betont Hubert Janssen die abwechslungsreichen Aktivitäten. „Die fallen abends wie ein Mehlsack ins Bett“, fügt seine Schwester Marianne hinzu. Bei all dem Trubel sorgte lange Zeit auch Liesel Janssen für Ordnung und die nötige Verpflegung der Kinder. Die Schwester von Marianne und Hubert Janssen brachte sich viele Jahre ins Lagerleben ein.

Kontakt der Lager untereinander

Heute fahren in der Regel insgesamt ca. 120 Kinder und Jugendliche für zwei Wochen mit nach Ameland – es gibt ein Jungen- und ein Mädchenlager. Vor Ort gibt es intensive Verbindungen zwischen den Lagern aus den einzelnen Städten. „Das ist nicht isoliert“, betont Hubert Janssen. Die Kevelaerer hielten sich hauptsächlich im Dorf Nes auf. Der Standort habe sich im Laufe der Jahre geändert, nachdem die ursprüngliche Unterkunft nicht mehr tragbar war.

Die Geschwister Janssen sind zwar in der Lager-Organisation nicht mehr so aktiv wie einst, lassen es sich dennoch nicht nehmen, regelmäßig Urlaub auf der Insel zu machen – allerdings etwas komfortabler in einem Ferienhaus. Aber natürlich in dem Zeitraum, in dem die Lagerkinder ebenfalls vor Ort sind. In diesem Jahr wäre das 60-jährige Bestehen des Kevelaerer Lagers gebührend gefeiert worden. Aufgrund der Corona-Pandemie fielen die Fahrten aus. „Das ist sehr schade“, bedauert Hubert Janssen. Aber dieser „runde Geburtstag“ soll nur aufgeschoben sein. Denn „nach Ameland ist vor Ameland“, deutet Marianne Janssen, dass es immer weiter geht. Wenn nicht in diesem, dann im nächsten Jahr. 

Das Ameland-Lager im Jahr 1960. Foto: privat