Sehnsucht nach Frieden

In Kevelaer muss man oft gar keine Reise machen, um andere Länder, Kulturen und Sitten zu erleben: Im Rahmen der Wallfahrt pilgern immer wieder Gläubige aus aller Herren Länder in den beschaulichen Marienort. Am vergangenen Samstag beherrschten indische Saris, Kaftans und Veetis das Bild des Kapellenplatzes. In einer großen Prozession trugen die schön, kostbar und bunt gekleideten tamilischstämmigen Menschen, die aus ganz Europa nach Kevelaer gereist waren, ein Marienbild um den Kapellenplatz. Reich war es mit Blumen geschmückt und viele Menschen berührten das Bild während des Herumtragens mit den Händen.

Fremd waren die Gesänge, fremd die Sprache. Rund um den Kapellenplatz konnte man für einen Tag in eine andere Welt eintauchen, auf dem Basilikaparkplatz waren Stände mit typisch indischen, tamilischen Kleidern, Gewürzen und Speisen zu entdecken – und das, ohne Kevelaer überhaupt verlassen zu müssen.

Bereits zum 32. Mal fand die Wallfahrt der Tamilen statt, mit teils 10.000 Teilnehmern ist sie mit Abstand die größte Einzelwallfahrt in Kevelaer. Dieses Jahr waren es mit rund 8.000 bis 9.000 geschätzten Teilnehmern etwas weniger. Aber immer noch war das Forum Pax Christi beim Gottesdienst oder bei der eucharistischen Anbetung so voll, dass es kaum ein Durchkommen gab. Die Menschen knieten andächtig auf dem bloßen Steinboden, teils mit ihren schlafenden Kindern auf dem Arm.

Ehrengast aus Jaffna

Als Ehrengast kam dieses Jahr der Bischof von Jaffna, Dr. Justin Gnanapragasam. In seinen benachbarten Diözesen hatten sich an Ostern die schrecklichen Anschläge während der Festgottesdienste ereignet. Doch auf die Gewalt folgte keine Gegengewalt. „Unsere geistlichen und politischen Führer hatten einige aufgebrachte Jugendliche, die nur Gewalt und Rache als Antwort auf die Anschläge sahen, beruhigt. Nicht Gewalt zwischen den Religionen und neue Feindseligkeit sollten den Bluttaten folgen, sondern das Gebet und die Vergebung. Hätten nicht die friedvolle Begegnung und Vergebung, sondern die Emotionen gesiegt, hätte es wohl erneut viele Todesopfer, Gewalt, Schutt und Asche in Sri Lanka gegeben. Der Bischof von Jaffna hat an diesem Friedensprozession auch einen großen Anteil“, erzählt Robert Richard aus der tamilisch-katholischen Gemeinde in Herne.

Lange Schlangen vor den Kapellen. Foto: DdB

Jahrzehntelang herrschte der Krieg in Sri Lanka; als Bürgerkriegsflüchtlinge waren die Tamilen nach Deutschland und Europa geflohen und man spürt, wie groß ihre Sehnsucht nach Frieden ist. Vor zehn Jahren wurde der Krieg offiziell beendet, aber noch stets gibt es hohe Militärpräsenz im Land. „Auf drei Menschen kommt auch heute ein Militär in Sri Lanka“, meint Robert Richard. „Auch vor den Schulen gibt es täglich bewaffnete Militärs.“

Noch stets würden Tamilen das Land verlassen, zumal sie neben der ständigen Militärpräsenz in ihrem Land eine Minderheit im eigenen Land sind mit nicht immer gleichen Rechten. Bischof Gnanapragasam stellte in seiner Predigt den zahlreichen tamilischen Familien die Heilige Familie als Vorbild und Leitbild vor Augen. Auch sie hätten Ungerechtigkeit, Flucht und Verfolgung erlebt, doch als Familie zusammengehalten und liebende Hingabe aneinander auch in schwieriger Zeit gelebt.

Weite Anreise

Zahlreich waren die Familien, die für diese Wallfahrt und für das Gebet um den Frieden und die Gleichberechtigung nach Kevelaer gekommen waren. Manche hatten eine weite Anreise und kamen aus Dänemark oder der Schweiz, andere hatten keinen weiten Weg. Sarmila war mit ihren beiden erwachsenen Söhnen und ihrer achtjährigen Tochter Shagili aus Krefeld gekommen. Seit 30 Jahren schon lebt sie in Deutschland und jedes Jahr ist sie bei der Wallfahrt dabei. Für ihre Kinder opfert sie, bis diese 15 Jahre alt sind, eine Kerze. Diese ist immer so groß wie das Kind.

Hohe Kerzen

Geduldig warten alle in der Reihe, bis sie dran sind. Lange Schlangen bilden sich auch vor der Gnadenkapelle und vor der Basilika, wo wohl an keinem Tag im Jahr so viele Kerzen brennen wie an diesem. 2014 hatte es in der Beichtkapelle während der Tamilenwallfahrt gebrannt, weil zu hohe Kerzen mitgebracht und angezündet wurden.

Daraus haben alle gelernt und Elisabeth Wackers hält freiwillig Wache vor der Pieta der Beichtkapelle. So viele Kerzen wurden entzündet, dass sie öfter alle ausblasen musste, um Platz zu haben für neue, aber alle werden später nach und nach wieder aufgestellt und angezündet. „Für mich war es faszinierend, welche Geduld alle hatten. Sie standen hier in der Schlange oft stundenlang, ohne Gedränge, in großer Ehrfurcht und Frömmigkeit“, meinte sie und passte selber in aller Geduld bis abends auf, dass auch dieses Jahr nichts passierte.

Auch das Forum Pax Christi war gut gefüllt. Foto: DdB

Im Tamilenchor beim Pontifikalamt sang Elena Anton-Robert. Die junge Frau aus Dortmund, die zweisprachig aufwuchs, kennt Sri Lanka selbst nur von zwei Besuchen. „Hier in Deutschland gibt es einfach bessere Berufsaussichten, es gibt Frieden und Gleichberechtigung“, erzählt sie. Tamilische Gottesdienste gibt es meist nur alle drei Wochen und auch zu Hause trägt sie die kostbaren Saris nur zu besonderen Anlässen. Die Kevelaer-Wallfahrt ist für alle Tamilen der Höhepunkt im Jahr, an dem sie Verwandte und Freunde aus ganz Europa treffen können.

Die Tamilen sind angenehme Kunden“

Auch die Kevelaerer haben sich inzwischen schon lange und gezielt auf die tamilischen Gäste eingestellt. Bei Kerzenkunst Baumgärtner, im Kerzengeschäft von Lucia Jacobs und vor dem Kerzenhaus gibt es Kerzen bis 1,95 m zu kaufen. Thomas Bloemen hat zwei Kerzenstände rund um das Kerzenhaus, die Familie kam zum Helfen teils aus München angereist. „Die Tamilen sind sehr angenehme Kunden. Manchmal verstehen wir uns nur mit Händen und Füßen, aber sie lächeln immer und sind nett und geduldig.“ Die extralangen Kerzen werden eigens für die Tamilenwallfahrt gefertigt und werden nur für diesen einen Tag aus dem Lager geholt.

Neben Kerzen konnten sich die Tamilen an 54 Ständen auf dem Basilikaparkplatz mit typisch tamilischen Kleidern, Essen und anderem eindecken. Unter den Tamilen selbst waren Katholiken und Hindus, aber sie präsentierten ein friedliches Bild des Miteinanders und des gemeinsamen Betens um den Frieden in ihrer Heimat und auf der Welt.