Wenn ich so über die Hauptstraße gehe, Mechel, dann hebe ich manchmal bewusst den Kopf und schaue mir die ersten Etagen der Häuser an. Dann fühle ich mich gleich in die Vergangenheit zurückgesetzt. An einer dieser Häuserfronten erkennt man eine weiße Bischofsgestalt mit einer Tonne zu seinen Füßen, aus der drei Kinderköpfe ragen. Der heilige Nikolaus soll diese Kinder vor einem bösen Metzger gerettet haben. Die Details dieser schaurigen Legende gebe ich angesichts der heutigen Geschehnisse lieber nicht wieder. Überhaupt besitzt der Heilige Mann zwei Seiten. Erst einmal ist er der gute Bischof von Myra, der seine Stadt vor dem Hungerstod bewahrt hat und deshalb als der Wohltäter für die Kinder verehrt wird, andererseits wurde er bis in unsere Zeit hinein zu zweifelhaften pädagogischen Zwecken missbraucht.

Wenn er am Nikolausabend in die Häuser oder Versammlungen kam und sein goldenes Buch aufschlug, dann stand darin ja nicht nur, welch gute Taten die Kinder vollbracht hatten, sondern er tadelte auch ihr Fehlverhalten, und sie mussten, nachdem sie ihr obligatorisches Gedicht aufgesagt hatte, Besserung geloben.

So geschah es auch vor vielen Jahren, als der Nikolaus, begleitet von „Hans Muff“ im „Schravelschen Bur“ erschien. Die Kinder der Schützenbrüder waren schon in mehr oder weniger freudiger Erregung, denn vor dem „Schwarzen Mann“ mit seinem großen Kartoffelsack und den klirrenden Ketten hatten sie schon gehörigen Respekt. Nur ein Junge hatte zuvor große Töne gespuckt: „Ich hab’ keine Angst, wenn der Hans Muff mich in den Sack steckt, dann bin ich so wieder raus, ich hab’ ja meine Rasierklinge dabei!“ Nikolaus holte den Lausbuben nach vorne und sagte mit ernster Stimme: „So, so, zeig mir mal deine Rasierklinge!“ Jetzt war es um ihn geschehen, die Knie schlotterten und er konnte nur noch stott…