Nachts in der Marienbasilika in Kevelaer – wer denkt, alles ist dann ruhig, leise und still, konnte in den vergangenen Tagen eines Besseren belehrt werden. Da schickten Pauken und Trompeten ihren Klang nach draußen, dann waren es die leisen, fast zarten Klänge, dann schien ein ganzes Orchester ein- und auszumarschieren. Nun, die frisch und wunderbar sanierte Seifert-Orgel war im Dauereinsatz – eine kleine Gruppe sehr besonderer Schülerinnen und Schüler eines großen Orgelspielmeisters zog im wahrsten Sinne des Wortes alle Register ihrer Kunst: Der französische Musiker und Organist Jean-Paul Imbert, inzwischen 82 Jahre alt, hatte sechs ehemalige Schülerinnen und Schüler um sich geschart, um eine CD einzuspielen.
Natürlich war Elmar Lehnen, Organist in der Basilika, ein bisschen „schuld“ daran, dass sich die exzellenten Orgelspielerinnen und -spieler in Kevelaer zum musikalischen Spiel trafen – Jean-Paul Imbert war einst der Lehrer von Lehnen – und von der Qualität und Klangschönheit der Seifert-Orgel müsse man niemanden in der Welt mehr überzeugen, das Instrument sei gesetzt. Die Nachtschichten waren nötig, weil tagsüber die Orgel ja im normalen kirchlichen Einsatz ist. Und nachts ist es in der zugesperrten Basilika denn auch wirklich leise, so dass die Tonaufnahmen tatsächlich ohne Störgeräusche möglich waren – wenn man das letzte Glockenläuten geduldig abwartet.
Jean-Paul Imbert hat mehrere Orgeltranskriptionen symphonischer Werke geschrieben: Liszts Präludien etwa, Prokofjews Auszüge aus Romeo und Julia, Richard Wagners Präludium und Isolde oder auch Werke von Rachmaninow, Skrjabin und Mozart – man ahnt es schon, das ist auch für den talentiertesten Organisten keine einfache Aufgabe. Zumal die Arbeit am Spieltisch auch ihre Tücken hat, die Töne erklingen immer minimal zeitverzögert – daran muss sich auch ein international erfahrener Organist erst gewöhnen. „Es ist einfach wunderbar, dass meine Schülerinnen und Schüler nun diese CD mit mir machen“, sagte der ältere Herr fast schon ein bisschen ergriffen. „Es ist so schön, dass alle so wunderbare Organisten geworden sind. Und es ist eine große Ehre für mich, hier zu sein.“
„Wir sind eine große Familie“, ergänzte Elmar Lehnen und stellte die Truppe kurz vor: Gabriele Studer und Alice Nardo aus Italien, Jean-Marie Fritz aus dem Elsaß, Vera Zveguintseva, die in Russland geboren wurde und schon seit vielen Jahren in Frankreich lebt, und Jacob Purches, der mit seinem Label „base 2 music“ für seinen umhüllenden Surround-Sound bekannt ist. „Wir formen Klanglandschaften mit modernstem Equipment und besonderen Mikrofonen“, sagt der Mann aus Brighton. Die mussten den auch jeden Morgen wieder abgebaut und abends wieder aufgebaut werden, um den „normalen“ Betrieb tagsüber in der Basilika nicht zu stören.
Sieben oder acht Werke von Jean-Paul Imbert wird die CD dann verewigen – im Spätherbst soll sie auf den Markt kommen.



