Wenn Ralph Müschen am Freitag zum letzten Mal die Tür seines Büros am Peter-Plümpe-Platz hinter sich zuzieht, endet ein Stück Kevelaerer Verwaltungsgeschichte. 45 Jahre lang hat der Verwaltungsfachwirt für die Stadt gearbeitet, die letzten zehn davon als Leiter des Standesamtes – jene Jahre, sagt er selbst, seien die schönsten seiner ganzen Laufbahn gewesen.
Vom Azubi zum Amtsleiter
Begonnen hat alles 1981, mit einer klassischen Ausbildung in der Kevelaerer Stadtverwaltung. Müschen qualifizierte sich zum Verwaltungsfachwirt und durchlief in den folgenden Jahrzehnten mehrere Abteilungen: das Ordnungsamt, das Jugend- und Sozialamt sowie das Jobcenter zählten zu seinen Stationen, bevor er die Leitung des Standesamtes übernahm – als Nachfolger von Wilhelm „Willi” Cleve, der die Kevelaerer bis Anfang 2018 traute und seither seinen wohlverdienten „Unruhestand” genießt.
Dass es ausgerechnet das Standesamt werden würde, hätte sich Müschen selbst lange nicht vorstellen können. „Hätte man mich zehn Jahre vorher gefragt, ob ich das Standesamt leiten möchte, hätte ich abgelehnt”, gibt er unumwunden zu. Der Wechsel gelang trotzdem – und wurde zur Erfolgsgeschichte.
Ganz ohne Zusatzqualifikation ging das allerdings nicht. Wer in Deutschland Standesbeamter werden will, muss einen zweiwöchigen Grundlehrgang für Personenstandswesen absolvieren und wird anschließend förmlich bestellt, denn Trauungen, Geburts- und Sterbebeurkundungen zählen zu den hoheitlichen Amtshandlungen des Staates – eine Vertrauensstellung, die nicht jedem Verwaltungsmitarbeiter übertragen wird.
Sechsmal Ja-Wort zur selben Frau
Zu den kuriosesten Erinnerungen seiner Amtszeit gehört ein persönlicher Rekord: Eine Kevelaererin hat Ralph Müschen im Laufe der Jahre gleich sechsmal getraut. Damit hätte er fast eine Hollywood-Legend erreicht – Elizabeth Taylor war achtmal verheiratet.
„Die Trauungen sind die Kirsche auf der Torte”, sagt Müschen über seinen Beruf – und meint damit den emotionalsten Teil seines Arbeitsalltags. Geburten dagegen beurkundet das Kevelaerer Standesamt inzwischen deutlich seltener: Seit die Geburtshilfe im Marienhospital bereits 2004 eingestellt wurde, kommen in Kevelaer praktisch nur noch Hausgeburten zur Welt. Anders sieht es bei den Sterbefällen aus: Mehr als 500 werden jährlich verzeichnet, wobei längst nicht alle Verstorbenen tatsächlich aus Kevelaer stammen.
Ein Nachfolger mit Erfahrung aus Kamp-Lintfort
Die Leitung des Standesamtes übernimmt künftig Andreas Holz, der bislang als stellvertretender Leiter des Standesamtes in Kamp-Lintfort tätig war und nun als Neuzugang nach Kevelaer wechselt. Müschen gibt seinem Nachfolger einen einfachen, aber herzlichen Wunsch mit auf den Weg: „Ich wünsche ihm genauso viel Spaß, wie ich gehabt habe.”
Gitarre statt Terminkalender
Vermissen wird Ralph Müschen seinen Job – zumindest im Moment – nicht. „Ich freue mich, aus dem Termindruck raus zu sein”, sagt er. Stattdessen wartet eine lange Liste angefangener Projekte auf ihn, die er endlich zu Ende bringen möchte. Ganz oben auf der Liste: die Gitarre, die er wieder öfter in die Hand nehmen will. Früher spielte Müschen in den lokalen Bands Shamrock und Moyland; nun will er sich in aller Ruhe den Blues erarbeiten – „nur für mich”, wie er betont. Besonders angetan hat es ihm der Chicago Blues mit seinem unverwechselbaren, elektrisch verstärkten Sound.
Auch bei der Hubertusgilde will sich der Ruheständler künftig wieder stärker einbringen. Und im Alltag steht ebenfalls noch eine Lektion an: „Beim täglichen Einkaufen muss ich noch lernen, wie man sich beim Aldi in die Reihe stellt – so wie die vielen anderen Rentner und Pensionäre, die man dort auch zum Quatschen trifft.”
Müschen ist verheiratet, hat zwei Kinder – auch für sie soll im Ruhestand nun mehr Zeit bleiben.
Vor zwei Wochen hat Ralph Müschen sein letztes Paar getraut. Am 11. September ist sein letzter Arbeitstag im Kevelaerer Rathaus – nach 45 Jahren, in denen er nicht nur Urkunden, sondern auch ein Stück Lebensgeschichte vieler Kevelaerer mitgeschrieben hat.
Schnelle Fakten
Gut zu wissen: Der Weg zum Standesbeamten
Was macht ein Standesbeamter oder eine Standesbeamtin?
Standesbeamte beurkunden Geburten, Eheschließungen und Sterbefälle und führen die entsprechenden Personenstandsregister. Weil es sich dabei um hoheitliche Amtshandlungen handelt, dürfen diese Aufgaben nur formell „bestellte” Personen ausüben.
Wie wird man Standesbeamter?
Voraussetzung ist in der Regel eine abgeschlossene Verwaltungsausbildung. Zusätzlich muss ein zweiwöchiger Grundlehrgang für Personenstandswesen absolviert werden, etwa an der Akademie für Personenstandswesen in Bad Salzschlirf. Erst nach bestandener Prüfung erfolgt die offizielle Bestellung durch die Kommune – meist per Urkunde.
Das Standesamt Kevelaer
- Adresse: Peter-Plümpe-Platz 12, 47623 Kevelaer
- Telefon: 02832 122-825
- Zuständig für Geburten, Eheschließungen, Sterbefälle und die Ausstellung von Personenstandsurkunden für die Wallfahrtsstadt Kevelaer.
- Keine Geburtsstation mehr in Kevelaer
Die Klinik für Gynäkologie und Geburtshilfe im Marienhospital Kevelaer stellte ihren Betrieb bereits zum 30. September 2004 ein. Werdende Eltern aus Kevelaer weichen seither meist auf Kliniken in der Region aus oder entscheiden sich für eine Hausgeburt.


Daniel Heinrichs
Niederrhein Medien GmbH / Emmerich