„Musik ist für mich selbst immer die Hauptsache“

Auch für einen Künstler wie Tom Löwenthal ist die Corona-Zeit eine Besondere. „Musik ist für mich selbst immer die Hauptsache“, sagt der vor kurzem 67 Jahre alt gewordene niederländische Komponist, Chorleiter und langjährige Kevelaerer. „Aber jetzt in der Corona-Zeit merke ich, man braucht das Zusammensein und das Singen, ein Gläschen Wein danach, die sozialen Kontakte. Das braucht man wie Wasser und Luft.“ Vorher habe er das nicht so stark empfunden, wie das jetzt der Fall sei. „Die Leute vermissen das alle. Die Leute möchten gerne zusammen singen und zusammen sein, ich spüre das an den Reaktionen.“

Auch für ihn selbst ist es „ganz komisch. Da ist kein Chor mehr, kein Theaterchor Niederrhein, auch mein Chor in Uedemerbruch ist seit Monaten in Ruhestand‘. Das ist ganz fremd.“ Das Komponieren fällt einem Mann, der ansonsten viel Energie und Enthusiasmus in seine Arbeit wirft, in dem aktuellen Umfeld doch ein Stück schwerer. „Ja, sicher beeinflusst mich das. Gestern habe ich mit einem Kollegen gesprochen, dem Kirchenmusiker Antoine Oomen, der ist auch in Deutschland bekannt. Der hat das Gleiche wie ich: Wenn man keinen Chor hat, ist es kompliziert. Man weiß nicht, wofür man was schreiben muss, wenn man keine Vision hat, dass das von denen und denen dann auch gesungen wird.“

Es lägen zwar Aufträge vor – wie im Zusammenhang mit dem großen niederländischen Theologen und Dichter Huub Osterhuis. Und mit seinem kongenialen Partner Peter van Aar, der momentan auch nicht so viel machen kann, will er gerne „eine Oper, ein Musiktheater schreiben.“ Auch für den Theaterchor Niederrhein hat er noch eine Idee im Sinn. Aber „es geht alles slow motion“, lächelt Löwenthal verhalten. „Es wird alles etwas langsamer, man wird bequemer.“

Alle zwei Wochen über die Grenze

Aktuell hält sich Löwenthal häufiger in den Niederlanden auf, was natürlich auch Pendeln zwischen den Ländern zur Folge hat. „Für die evangelische Kirche komme ich einmal in 14 Tagen, singe mit Anja Rossmann für Videoaufnahmen mit Karin Dembek.“ Über die Online-Gottesdienste könne die Gemeinde wenigstens ein bisschen ihren Glauben leben.    

Er bekommt gut mit, wie das Thema Corona auf der anderen Seite der Grenze so gehandhabt wird. „Die Holländer denken, dass sie damit umgehen können. Und Rutte (der niederländische Ministerpräsident, Anm. d. Red.) hat von einem „intelligenten Lockdown zwei“ gesprochen. Aber das ist natürlich Quatsch. Man muss streng sein.“ Bislang habe er beim Übertreten der Grenze mit seiner deutschen Plakette am Auto noch nie eine Kontrolle erlebt. „Ich mache mir Sorgen, dass die Grenze wieder zugeht.“ Der Umgang und die Maßnahmen seien aktuell ziemlich gleich gewesen in beiden Ländern, stellt er fest. „Deutschland hat den Lockdown verlängert und Holland das bis Mitte Februar jetzt entschieden.“ Das mit den Ausgangssperren, das gebe es bereits in Belgien. 

Noch „etwas Luft“

Er setzt darauf, dass beide Länder starke Ökonomien haben und demnach noch über „etwas Luft“ verfügen. Aber die Situationen seien vergleichbar. „Die Geschäfte – nicht nur Cafés, Hotels, Restaurants, große Veranstalter, die organisieren – haben Probleme, auch Modegeschäfte, die viel eingekauft haben, aber nicht verkaufen können.“ 

Es sei (noch) keine Krise wie vor 100 Jahren zu Zeiten der „Spanischen Grippe“, sagt Löwenthal. Aber auch die Künstler*innen in den Niederlanden litten unter der Situation. „Gute bekannte Künstler*innen haben es schwer. Musiktheater und Ballett – das geht alles nicht.“ Nur Bildhauer*innen, Maler*innen oder eben Menschen wie er könnten bedingt weiter arbeiten. „Ich hatte gelesen, dass eine junge Opernsängerin, die im Ausland gesungen hat, nichts mehr zu tun hat. Ich habe der geholfen, wir singen etwas zusammen. Es gibt ganz viele Leute, die kein Einkommen haben, die keine Knete verdienen.“ 

Löwenthal ist froh, dass wenigstens alle in seiner Familie gesund sind. „Meine Schwester hatte Corona, aber jetzt nicht mehr.“ Über die englische Variante des Virus mache er sich große Sorgen, sagt er. Der Komponist hofft jetzt, dass die Impfungen schnell kommen. „Und ich bin gespannt, wo man sich am schnellsten impfen lassen kann – ob in den Nieder-landen oder in Deutschland.“ 

Was er mitbekommen hat, ist, dass das Impfen in den Niederlanden wohl schon läuft, viele im Gesundheitswesen auch geimpft werden wollen. Seine Hoffnung ist, „dass ich meinen Geburtstag 2022 mit mehreren feiern kann.“ Und dann auch wieder mit vielen seiner Chorsänger*innen und Musiker*innen kreativ zusammen arbeiten und den Menschen wieder eine Freude machen kann.

Einen weiteren Artikel zum Thema „Grenzgänger in Corona-Zeiten“ finden Sie hier auf unserer Website.