„Mit Erdbeeren hat man das ganze Jahr über zu tun“

Als ich Stefan Baumanns morgens um neun Uhr auf seinem Spargel- und Erdbeerhof auf Keylaer besuche, geht er schon eine Weile seiner Arbeit nach. Die Erdbeeren müssen abgewogen werden, um danach direkt im eigenen Hofladen über die Theke zu gehen. Genau das ist der Schritt, den der Verbraucher sieht: Die beliebten, rot leuchtenden Früchte liegen in Schälchen zum Kauf bereit. Oftmals geht dann zu Beginn der Erdbeersaison die Jagd nach den günstigsten Preisen los. Auch Stefan Baumanns kennt das Kaufverhalten der Bürger. Er macht nun darauf aufmerksam, dass es wichtig ist, die regionalen Landwirte zu unterstützen und erklärt, warum es nicht unbedingt möglich ist, preislich mit den Erdbeeren der Supermärkte und Discounter aus fernen Ländern mitzuhalten.

„Mit Erdbeeren hat man das ganze Jahr über zu tun“, macht Baumanns direkt zu Beginn des Gesprächs deutlich. Bereits im Januar werden die Treibhauserdbeeren gesetzt. Diese werden dann belichtet und bis zum Blütenstadium geheizt. „Das hat alles den Effekt, dass die Erdbeeren sechs Wochen vorgeholt werden“, erklärt der Fachmann, der bereits in der vierten Generation Erdbeer- und Spargelbauer ist. So wird dafür gesorgt, dass es auch im April bereits heimische Erdbeeren zu kaufen gibt. Auch wenn der ein oder andere Verbraucher gerne das ganze Jahr über Erdbeeren kaufen würde, verrät Baumanns. „Wenn im Februar gutes Wetter ist, fragen die Leute schon, wann es Erdbeeren gibt.“ Ob es einen geschmacklichen Unterschied zwischen Treibhauserdbeeren und Erdbeeren vom Feld gibt? „Ja den gibt es. Die Photosynthese kann im Gewächshaus nie so stattfinden wie draußen.“ So schmecke die gleiche Sorte jeweils unterschiedlich.

Unterschiedliche Bedingungen bei der Pflanzung

Von April/Mai bis Juli pflanzt Baumanns auf seinem Hof auf Keylaer Erdbeeren auf Feldern an. Aber warum kann man seine Erdbeeren dann bis in den Oktober hinein kaufen? Ganz einfach: Die Pflanzen werden in drei Partien geteilt und unter verschiedenen Bedingungen angebaut, erklärt Baumanns. So kann der Landwirt gewährleisten, dass die Früchte nicht alle zum gleichen Zeitpunkt reif werden. Denn ob die Pflanzen mit Vlies bzw. Folie abgedeckt werden oder direkt unter freiem Himmel stehen, mache da einen bedeutenden Unterschied im Reifeprozess. Vor allem sei die Ernte aber von den Wetterverhältnissen abhängig, erklärt der Unternehmer. 30 bis 50 Kältetage mit Temperaturen unter zehn Grad Celsius benötige die Pflanze. „Nachfröste sind sehr wünschenswert.“

Um den 10. Januar herum komme dann die Folie auf die Felder, damit die Pflanze keinen Frost mehr abbekomme. „Das hält minus acht bis minus zehn Grad Celsius ab.“ Optimal seien Temperaturen von 20 bis 22 Grad Celsius am Tag und unter zehn Grad Celsius in der Nacht. „Große Temperaturschwankungen sind nicht förderlich für die Ernte“, betont Baumanns, der auf einer Fläche von 1,5 Hektar Erdbeeren anpflanzt. Vor allem die Temperatur in der Nacht spiele eine entscheidende Rolle für die Entwicklung der Früchte. Denn nachts werde die Größe der Früchte geprägt. Das sei auch der Grund, weshalb es im vergangenen Jahr viele kleine Erdbeeren gegeben habe. Die Nächte seien einfach zu warm gewesen, blickt der Kevelaerer zurück.

Auch der Herbst ist entscheidend für die Ernte im kommenden Jahr. Denn dann bilden die Pflanzen die Blütentriebe für das nächste Jahr, erklärt der Landwirt. Im Gespräch mit dem Landwirt wird schnell deutlich, dass es schon allein durch die Wetterabhängigkeit keine Garantie eines bestimmten Ertrages gibt. Für die diesjährige Ernte konnte er noch keine Prognose abgeben. Die bisher teilweise recht starken Temperaturschwankungen der vergangenen Wochen seien natürlich nicht gut für die Früchte.

Erdbeeren aus dem Wasserschutzgebiet

Dass die Arbeit mit der Ernte nicht vorbei ist, das sei vielen Verbrauchern gar nicht klar, meint Baumanns. Neben den Pflückarbeiten müssen auch die Triebe geschnitten werden und mehrfach die Blätter der Pflanzen. Teilweise müssen die Pflanzen komplett zurückgeschnitten werden. Stefan Baumanns baut seine Erdbeeren im Wasserschutzgebiet an. Daher wächst zwischen den einzelnen Reihen Gras. „Damit wir nicht spritzen müssen.“

Während der Unternehmer seine Erdbeeren weiter von Hand abwiegt, schaue ich mich in der großen Halle hinter dem kleinen Hofladen um. Trubel herrscht hier nicht, eher idyllische Stille. Stefan Baumanns führt keinen Großbetrieb. Fünf bis sieben Erntehelfer sind bei ihm in der Saison aktiv. „Da gab es anfangs sehr große Probleme“, nimmt der Landwirt Bezug auf den Ausbruch des Coronavirus. „Die Leute, die normalerweise hier sind, konnten nicht kommen.“ Allerdings seien nun deren Familienmitglieder, die ohnehin in Deutschland waren, bei ihm auf dem Hof. So habe er jedoch ein völlig neues Team, was natürlich mehr Arbeit bedeute.  Beim  Spargel habe er mit seinem Team aufgrund der neuen Situation nicht alles ernten können. Dennoch zeigt sich der Unternehmer dankbar, dass die Ernte trotz des Virus gesichert ist. Mehr Hygienemaßnahmen als sonst müsse er auch aktuell nicht einhalten. Da seine Erntehelfer ohnehin in richtigen Wohnungen mit angemessener Aufteilung untergebracht seien anstatt in Containern, gebe es auch dahingehend keine Schwierigkeiten.

Stefan Baumanns beobachtet in den vergangenen Jahren ein „Umdenken der Leute.“ Es sei wichtig, „dass man auch vor der Haustüre kaufen und die regionale Landwirtschaft unterstützen sollte.“ Denn sonst würde es in einigen Jahren die kleinen, familiären Betriebe in der Region vielleicht nicht mehr geben. Der Landwirt ist guter Dinge. Sowohl der Betrieb im eigenen Hofladen und auf den umliegenden Wochenmärkten als auch der Verkauf an Bäckereien und die Gastronomie beweisen, dass sich die Leute immer mehr mit der Herkunft der Früchte beschäftigen. Immer mehr Menschen wollen – so ist der Eindruck des Landwirts – lieber die Erdbeeren vom Bauern um die Ecke, als weit gereiste Früchte aus Spanien und Co. „Wir sind auf einem guten Weg“, ist sic