Mit dabei: 40 blaue Schafe

Die vierte interreligiöse Wallfahrt stand ganz im Zeichen des Ausgleichs zwischen den Religionen und der Gleichheit aller Menschen. Die ersten Friedensbewegten versammelten sich dabei mit den Vertretern der verschiedenen Religionen, vom Judentum bis zum Baptisten, im Marienpark. Dort berichtete Pastor Gregor Kauling in einer Art „Vorprogramm“ vor der offiziellen Eröffnung der Wallfahrt über seinen Start in Kevelaer und seine interreligiösen Erfahrungen.

Auf der Wiese waren die Anwesenden, darunter auch der Bruder des „Cap Anamur“-Gründers und Mitbegründer dieser Wallfahrt Rupert Neudeck, Veit, von über 40 blauen Schafen des Rheinberger Künstlers Rainer Bonk umgeben. „Das Motto ist: die Herde ist gleich, was bedeutet, das jeder Mensch gleich wichtig ist“, erläuterte dieser die Idee zu den Kunstwerken. „Wir empfinden alle gleich. Was viel mehr gefördert werden müsste, ist das menschliche Gegenüber.“

Das „zu überführen in eine optische Kategorie“ sei das Anliegen und das in Blau, weil Menschen auf der Welt das zu 50 Prozent als besonders positiv empfinden. „Das ist auch ein poltiische Statement für die EU“, sagte Bonk. „Humanität muss in jedem Menschen entwickelt werden.“

Die Schafe wurden von den Anwesenden von Station zu Station mitgetragen und trugen so optisch diesen Gedanken mit.

Auch die Künstler des Tages, wie Anne Rossmann, äußerten sich, was sie aktuell beängstige? „Die Unberechenbarkeit – es fallen Schranken, das Treten auf Menschen, die schon am Boden liegen und die Anonymität von Gewalt.“

Den Kontrapunkt dazu setzte zur Eröffnung der interreligiösen Wallfahrt Karl Timmermann, der das Lied „Frieden ist ein Lächeln auf dieser Welt, stärker als Worte, Macht oder Geld“ mit der Gitarre vortrug. Danach zogen die Anwesenden mit den Schafen – singend zu „Schalom chaverim“ und „Herr, gib uns Deinen Frieden“ über den Roermonder Platz und die Hauptstraße bis vor die Stufen der Basilika. Dort wurden die über 200 Menschen von dem Familienchor unter der Leitung von Romano Giefer mit Liedern wie „Sounds of silence“ zum Innehalten empfangen.

Bürgermeister Dominik Pichler wies in einer Rede darauf hin, wie wichtig es sei, gerade in einer „viel unfriedlicher“ gewordenen Welt „für den Frieden in der Welt zu beten“ und „ein Zeichen zu setzen für den Frieden. Ich danke Ihnen allen , dass sie keine Angst haben, dieses Zeichen für Toleranz und Diskurs, dieses Zeichen gegen Ausgrenzung zu setzen“ Auch die Gesellschaft in Deutschland werde immer stärker „durch Radikale, in der Politik von links und rechts, in den Religionen durch Fundamentalisten“ bedroht.

An einem differenzierten Austausch von Argumenten und Kompromissen seien immer weniger Menschen interessiert. „Rücksichtslosigkeit, Intoleranz und fehlender Respekt stehen zunehmend im Mittelpunkt.“ Und das Recht des Stärkeren sei „zum Teil Staatsräson geworden selbst bei Staaten“, die eigentlich unsere Verbündeten und Freunde seien.
Jede Religion sorgte dann auf ihre Art und Weise für ihren Beitrag zum Friedensthema, das in Anlehnung an das Wallfahrtsmotto 2018 alle Religionen verband.

Michael Rubinstein, Geschäftsführer des Landesverbandes der Jüdischen Nordrhein-Gemeinden, erinnerte an die Ermodung Yitzhak Rabins 1995, der für den Versuch des Ausgleichs zwischen Isarelis und Palästinensern erschossen wurde: „Er wusste, dass man nur Kompromisse schließen kann, wenn man auf einander zugeht.“ Es reiche nicht mehr, passiv dem Geschehen der Welt zuzusehen. „Wir müssen unsere Stimme erheben.“ Markus Kaja und Aaron Malinsky, Kantor der jüdischen Gemeinde Düsseldorf, präsentierten zunächst auf Klarinette die Improvisation eines jüdischen Volksliedes und dann „Das Lied des Friedens“, dass Rabin in seiner Hemdtasche trug, als er ermordet wurde.

Samir Bouissa, der NRW-Vorsitzende des Zentralrats der Muslime in Deutschland, trug ausführlich viele der Koranverse vor, die unterstrichen, „wie wichtig Frieden und Gerechtigkeit im Koran ist“ auch mit Blick auf die „Glaubensbrüder, die das vergessen oder nie kennengelernt haben.“

Kauling, die evangelische Pfarrerin Karin Dembek und der neue Baptistenpfarrer David Burau betonten im Gebet die „Zeichen für Menschen, die sich für eine versöhnte Welt einsetzen“ und dem Glück „gelungeger Beziehungen; die der Seele Frieden geben“ mit der Botschaft: „Lasst uns Menschen werden, die das Leben lieben und den Frieden suchen.“
Nach gemeinsamen Fürbitten für „die unglücklichen Opfer“ von Kriegen, entwickelten alle Religionsvertreter zusammen symbolisch eine mit einem Tuch umhüllten Frau.

Nach einer kurzen Andacht an der Gnadenkapelle liefen alle Beteiligten zur Friedensstele, wo Tom Löwental und der Männergesangsverein „Frieden“ und Janssens Lied intonierten,

Der Krieg ist ein großes Monster

Dort erfuhren die Anweseden auch einiges über die Flüchtlingsfamilie Khatib aus Aleppo. 2016 waren Mohab und Hala Khatib aus Aleppo geflüchtet, berichtete Hala von den Bomben auf ihre Schule und dem Tod aller Zweitklässler dort.

Im Forum Pax Christi hatten beide am 28. August bei der Wallfahrt mit ihrer dort zurückgelassenen Mutter Rawa telefoniert. „Ich hatte die Hoffnung, dass es eines Tages alles besser wird“, meinte Sohn Mohab.

Die 52-Jährige kam mit der Tochter Shalaa, die via Handy Deutsch lernte, nach „zwei Jahren, fünf Monaten und zehn Tagen“ im Februar 2018 nach Deutschland. Sie fasste ihre Erlebnisse auf französisch in einen Satz zusammen: „Der Krieg ist ein großes Monster.“

Spontan ging für das Studium eins der Schwestern der Hut rum. Und die Religionsvertreter verlasen ihre gemeinsame Friedens-Deklaration 2018 „gegen hemmungslosen Kapitalismus“, der die Lebensgrundlagen zerstört, gegen den Hunger und immer perfektere Waffen.“

Bonk verteilte anschließend Mini-Schafe zur Erinnerung und schenkte der Mitinitiatorin Elke-Kleuren-Schryvers von der „Aktion Humanität“, Gregor Kauling und Dominik Pichler jeweils ein „großes Schaf“, dass in Kevelaer bleiben soll.

Samir Bouissa als Vertreter der Muslime zeiget sich nach dem Ende der Veranstaltung tief bewegt: „Es ist faszinierend und toll, dass so viele Menschen teilnahmen – und die Hilfe für die Familie ist beeindruckend. Wie die Menschen da spontan für die junge Frau eingesprungen sind. Das zeigt, dass es Menschen mit großem Herzen gibt.“ Und Elke Kleeuren-Schryvers meinte: „Es ist gelungen, wieder ein bisschen mehr Frieden unter den Religionen zu stiften.“

Andacht am Marienbildnis.