Mehr Eigenverantwortung im Distanzunterricht

„Mal ein Test – könnt Ihr mich gut hören?“, fragt Christian Berghs in den „virtuellen Klassenraum“ hinein. Ein vielstimmiges, mal verzögertes, mal undeutliches „Ja“ schallt dem Mathelehrer des Oberstufen-Grundkurses als Antwort aus den diversen „Bildschirmkästen“ entgegen. Auf einem winzigen Bildschirm kann Berghs die diversen Schüler*innen ausmachen, die an der Videokonferenz teilnehmen. In dem „realen“ Klassenraum, in den er sich zurückgezogen hat, sieht er auf seiner winzigen Bildschirmleiste die „winkenden Hände“ neben den Namen. Sie zeigen an, wer gerade „aufzeigt“ und etwas sagen möchte. 

Die Nachbesprechung des Mathetests mit den Schüler*innen der elften Klasse geht konzentriert und leise vor sich. Immer wieder gilt es für alle Beteiligten, Geduld aufzubringen, um die Verzögerung des Netzes aufzufangen. Sich mit dem Bild wegschalten, das gibt es nicht. „Wir finden es nicht gut, Schüler nicht zu sehen. Es ist so eh schon schwer, weil man kein Gefühl für die Schüler hat“, sagt Schulleiter Christoph Feldmann. „Und es werden immer die Schüler eingeblendet, die was sagen.“ Wer nicht zeigen will, wo er gerade sitzt, kann eine Funktion zum Weichzeichnen des Hintergrundes nutzen. Den meisten Schüler*innen, die im Bild zu sehen sind, scheint das nicht so wichtig zu sein. Sie nutzen die Funktion nicht. 

Dass Lernen mit Hilfe des Programms durchaus funktioniert, beweist die virtuelle Schulstunde. Berghs schreibt die Aufgaben über das „Notes“-Programm auf den Bildschirm, wodurch die Schüler*innen die Schritte mit nachvollziehen können. Und später kommen noch Lernspiele dazu, mit denen die Schüler*innen noch aktiver in den Lernprozess einbezogen werden können. 

Der Lehrer unterrichtet am Tablet. Foto: AF

Viele lernen mit dem Tablet, tatsächlich noch einige mit dem Smartphone. „Solange das Tablet nicht da ist, wird es so gehen“, sagt Jana. Es gab da Probleme beim Versand. „Es ist nicht zu klein, man kann ranzoomen“, meint sie zu der praktischen Seite.  Aber ein bisschen beobachtet fühle man sich in dieser Unmittelbarkeit schon. Ob es anstrengender als der „reale“ Schulunterricht ist? „Hier muss man sich mehr konzentrieren, zuhören und gleichzeitig arbeiten“, sagt Lara. Und ab und zu komme es vor, dass man in Kervenheim halt mal Internetprobleme habe, sodass „ich nix sehe, nix höre und eine Minute verpasse.“ Ihm fehle der Lernrhythmus im Klassenzimmer, sagt Danny.

Ein Quantensprung

Technisch sei das digitale Lernen „ein Quantensprung für die Schule“, sagt der Digitalbeauftragte der Schule, Patrick Cosar. „Es geht um unterschiedliche Lernplattformen – „Logineo“ und „Moodle“ für die Klassen fünf bis zehn und in der Oberstufe arbeiten wir mit ,Teams 365‘“, erklärt die didaktische Leiterin der Gesamtschule, Martina Boudewins.  Schule habe sich in kürzester Zeit komplett gewandelt, ergänzt Schulleiter Christoph Feldmann. „Was sich die Schüler und Lehrer ,draufgeschaufelt‘ haben“ an digitalem Umgang und Wissen, „das gab es so noch nicht.“ Für die Lehrer*innen gab es zu Beginn des ersten Shutdowns eine Art dreitägige „Turbo“-Fortbildung, mit der sie erstmal arbeiten mussten. „Es gibt dann immer so kleine ,Fortbildungs-Snacks‘ in der Woche von 30 bis 60 Minuten“, ergänzt Boudewins. 

Die Voraussetzungen seit dem ersten Shutdown haben sich deutlich verbessert, nachdem die Lehrer*innen über den Digitalpakt mit iPads von der Stadt versorgt wurden und 150 iPads für die Schüler*innen leihweise parat stehen. Und das Lernen laufe besser als im Frühjahr, bezieht sie sich dabei auf eine aktuelle Umfrage an der Schule. „Da zeichnet sich ab, dass Eltern und Schüler deutlich zufriedener sind.“ Oftmals könnten Eltern schon für ihre Kinder am Vorabend die bereitgestellten Aufgaben ausdrucken und sogar vorbesprechen. 

Über die Videokonferenzen ließen sich nicht nur gezielte individuelle Fragen beantworten, sondern durchaus auch mal andere Fragen bereden, so Boudewins. Auch das sei in der Zeit wichtig. „Klar ist, dass das alles viel mehr Eigenverantwortung für die Schüler bedeutet“, ergänzt ihr Kollege Cosar. 

„Es wird weniger in die Klasse reingerufen“

Die Schüler*innen haben zu dem virtuellen Lernen eine differenzierte Meinung. „Ich denke schon, dass ich in der Schule motivierter bin als vor dem Bildschirm, aber ich finde es richtig, dass wir das jetzt hier so durchziehen wegen Corona“, sagt eine Schülerin. „Wegen Lüften und Corona“, sei es im Moment so besser, meint Maret. Für Emilie ist es aktuell „bequemer, wenn man nicht um 6 Uhr aufstehen und früh mit dem Bus fahren, sondern erst um halb 8 aufstehen muss.“ Und Lara hat einen weiteren interessanten Vorteil ausgemacht: „Es wird weniger in die Klasse reingerufen.“

Aber bei allen klingt deutlich durch, dass ihnen der normale Schulunterricht fehlt. „Ich hätte das früher nicht gedacht, aber ich freue mich auf die Schule“, sagt Lara. „Es fehlt das Stück Normalität und der geregelte Ablauf, morgens um 6 Uhr zu frühstücken, zum Bus und dann zur Schule zu laufen“, fasst Danny das Gefühl aller gut zusammen. Dieser Aspekt kommt bei vielen durch.