Lyrische Impulse zum Kapellenplatz

Fast die gesamte Stadtführerkompetenz war nebst vielen Kevelaerern und Neugierigen zu dem Kunst- und Kulturspaziergang mit Dr. Bastian Rütten gekommen. Der Verkehrsverein Kevelaer und Umgebung e.V. hatte dazu eingeladen. Dr. Rainer Killich konnte gleich zu Beginn sehen, auf welch reges Interesse die Führung gestoßen war.

Dr. Rütten ist zwar kein geborener Kevelaerer und erst seit gut einem Jahr fest im Seelsorgeteam von St. Marien. Aber der Religionspädagoge, der allen Kevelaerern als Autor von „Mensch, Maria!“ ein Begriff geworden ist, verstand es, verschiedene Seiten des Kapellenplatzes spirituell und literarisch gekonnt zu erschließen. Da rief sogar Marianne Heutgens, die dienstälteste Stadtführerin, am Ende spontan aus: „Dieser Mann ist ein Gewinn für unsere Stadt! Wir hoffen, Sie bleiben uns hier noch lange erhalten.“

Auf dem knapp einstündigen Spaziergang über den Kapellenplatz ging es nicht um Daten und Fakten zur Wallfahrt oder ihrer Geschichte. Auch Einheimische bekamen neue Gedanken und Gedichte mit auf den Weg, die sie die Orte in Zukunft anders wahrnehmen lassen.

„Wir wollen uns in die Zeit von vor 375 Jahren zurückbeamen“, begann Rütten. „Denken Sie sich alles weg, was später dazu kam. Damals gab es hier außer dem Bildstock nur die Handelsstraßen, die sich genau hier kreuzten“. Das Heiligtum läge, so Dr. Rütten, an den Straßen der Menschen, was ihn als Seelsorger dazu inspiriere, an den Straßen der Menschen und nicht nur in den Häusern der Kirche zu sein. Hier gelte es, Menschen anzusprechen, die mit der Kirche oft nichts mehr am Hut haben: „Der Kapellenplatz muss ein Experimentierlabor werden, wo Trost und Tröstung geschenkt wird.“

In der Kerzenkapelle stünden die vielen Hunderten Kerzen der einzelnen Pilgergruppen nicht nur für Andacht, sondern auch für ihr buntes Leben, ihre Geselligkeit. Mit Rainer Maria Rilkes Gedicht „Gebet“ sei die Kerzenkapelle gerade nach dem 1. November ein Ort für die stille Seele und könne den Werktag abbilden. Die Basilika dagegen würde mit ihrer Pracht und ihrem Gold den Pilgern, die hier Trost suchen, jeden Tag zum Fest, zum Sonntag machen. „Was für ein toller Dienst für andere, die oft seit Monaten kein Fest mehr hatten“, so der Theologe.

Sein spiritueller Lieblingsplatz sei aber eher unscheinbar, liege an der Seite der Basilika zwischen Priesterhaus und Brunnenhof. An einer Stele habe die Ordensfrau Silja Walter ihr Gedicht „Beter“ hinterlassen. Zweimal habe Dr. Rütten die Ordensschwester persönlich getroffen, die zwar freiwillig in beengten Räumen lebte, aber das volle Leben erfahren habe. Hier am Seiteneingang zur Basilika, zwischen Empore und Sakramentskapelle, sei genau der richtige Ort für ihre Zeilen: „Jemand muss wachen… Jemand muss singen, Herr, wenn du kommst.“

Vor der Sakramentskapelle, wo in Kevelaer den ganzen Tag eine unscheinbare Hostie angebetet wird, stellte Dr. Rütten einen interessanten Vergleich an. Der Wert eines weißen Blattes Papier sei mit 0,04 Cent materiell denkbar gering, aber wenn darauf der erste Liebesbrief unseres Partners, Abschiedsworte unserer Eltern oder die ersten Worte unsere Kinder und Enkel notiert sind, hat dieses eine Blatt Papier für uns einen unschätzbaren ide­ellen Wert. Ebenso die Hostie. Eine Hostie habe ungewandelt einen reinen Materialwert von 0,0003 Cent. Aber gewandelt ist es unschätzbar kostbar und heilig, weil Christus darin verborgen ist.

Vom Gedanken der Anbetung ging es weiter zur alten Aschermittwochswahrheit „Homo viator“, gegenüber der Priesterhausstele. „Wir sind unterwegs als pilgernde Menschen mit der Gewissheit des eigenen Todes, aber unter dem Schutz der Sakramente“, so Dr. Rütten. Neue Tore aber öffnen sich auch an dieser Stelle, die Tore zum Brunnenhof, wo sonst das Wasser als Zeichen des Lebens sprudelt. „Hoch über dem Brunnenhof der Engel mit Fahne und Trompete, der uns auch aufzeigt, dass wir in unserem Leben einen guten Schutzengel zur Seite haben.“ Wieder schrieb Rilke dazu passende Verse: „Ich ließ meinen Engel lange nicht los, und er verarmte mir in den Armen und wurde klein… Da hab ich ihm seine Himmel gegeben, – und er ließ mir das Nahe, daraus er entschwand; er lernte das Schweben, ich lernte das Leben, und wir haben langsam einander erkannt…“

Am Ende der Führung, die mit großer Begeisterung angenommen wurde, waren alle noch zum weiteren Austausch bei Kaffee oder Tee im Museum eingeladen. Allerdings ohne Dr. Rütten, der schon seinen nächsten Termin hatte. Aber alle hegen die Hoffnung auf eine Fortsetzung dieses Kunst- und Kulturspaziergangs.