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KB-Leser Bodo Behlau hat uns aus Stolberg Aufsätze mit Kindheitserinnerungen aus Twisteden zugesandt

Kindheitserinnerungen 1948-1952: „Hasenbraten“

19. Juli 2024/vonKevelaerer Blatt

Twisteden, ein sonniger, klarer Wintertag. Über Nacht hat eine dünne Schneeschicht die Landschaft zugedeckt. Eine Kette Rebhühner schwirrt im Tiefflug heran, landet auf der Straße neben dem alten Walnussbaum und macht sich über das her, was man „der Apfel fällt nicht weit vom Pferd“ nennt. Sie scharren und picken in eifrigem Hin und Her, bis der Forstaufseher, von mir Hennöhm genannt, Senta, den Münsterländer Jagdhund mit dem borstigen silbergrauen Fell, aus seiner Hundehütte befreit, und fliegen davon. Senta springt übermütig, voller Freude über den bevorstehenden Ausflug, an seinen Hosenbeinen empor. Heinrich, der bei jeder Gelegenheit ewig „Krüllschnitt“ Rauchende, nimmt sein Fahrrad, legt den alten braunen Leinenrucksack mit den kleinen verkrusteten Blutflecken vergangener Jagderfolge und den harten breiten Lederriemen auf den Gepäckträger seines Fahrrades. Seine doppelläufige Flinte hängt lässig über seiner Schulter. Das so ausgestattete Paar strebt über die dünne Schneedecke dem Einsatzgebiet seiner Aufgabe entgegen, Schlingen zu entfernen, worin sich Hasen und andere Tiere verfangen sollen. Nach halb-stündiger Zeit am Ziel angelangt, legt Omen Henn sein Fahrrad ins Gebüsch, schultert seinen alten braunen Leinenrucksack, hängt sich die Flinte mit nach unten gerichtetem Lauf über die Schulter, und gibt Senta das Zeichen, dass die Jagd beginnen kann.

Neben die aus glänzendem Kupferdraht rötlich leuchtenden Drahtschlingen, die in die Wildwechselfährten aufgestellt sind, zu entfernen, heißt die Losung nun „Hasenbraten sichern“.

Senta, ihrem Jagdtrieb vollkommen ergeben, rennt Haken schlagend mit nahe an den frostigen Boden gerichteter Nase ihrer Begierde, einen Hasen aus seinem Ruhelager aufzuscheuchen, über die Schneedecke.

Das freie, zugeschneite Feld zwischen Heide und Fruchtland liegt friedlich in der morgendlichen Sonne glitzernd vor beiden.

Ebenso friedlich liegt ein Hase in seiner Hasensasse. Erst in ge-kauerter, zusammengezogener Haltung die Körperwärme haltend, dann später, auf den seinen Körper wärmenden Sonnenstrahlen lang ausgestreckt, um sich an diesem so friedlichen Morgen wohlzufühlen. Plötzlich, von Ferne, erschnuppert er, noch immer die im Schnee glitzernden Sonnenstrahlen genießend, Gefahr!

Sein Körper geht in eine der Gefahr entsprechenden Habachtstellung. Angespannt zum Sprung bereit. Sein Kopf schnellt senkrecht hoch über den Rand seiner Ruhestätte. Es sieht aus, als wenn das Sehrohr eines U-Bootes ausgefahren wird. Er dreht den Kopf in die Richtung, aus der die Gefahr droht. Da war sie, die Gefahr!

Erst klein, noch entfernt von seinem Lager, aber schnell immer größer werdend, wuchs die Gefahr zu einem Ungeheuer, groß und mächtig vor ihm.
Mit einem gewaltigen Sprung, raus aus dem warmen Hasenlager, und zick-zack-schlagend, der Versuch der Gefahr zu entgehen.

Vergebens! Senta folgte dem Befehl von Ohmen Henn, seine Ha-sensuche aufzugeben und legte sich spontan flach in den Schnee.

Der Jagdaufseher und Freischütz reagierte, was man kaum zu glauben vermochte, wenn er sonst so ruhig seinen Krüllschnitt-Tabak paffte, blitzschnell.
Die doppelläufige Flinte schon vorher im Anschlag, entsicherte er, zielt über Kimme und Korn und zog am Abzug.

Die Dramatik einer Oper begann. Mit einem lauten Knall entlud sich die ganze Patronenladung. Aus der Mündung des Laufes schlug eine kurze helle gelblich Flamme, gefolgt vom Pulverdampf und unzähligen kleinen Schrotkugeln der Größe Fünf dem immer noch zick-zack-schlagenden Hasen hinterher.
Getroffen! Der letzte zirkusreife Auftritt unseres Hasen begann.

Wie ein Artist in der Manege, der seinen letzten Akt zum Höhepunkt der Veranstaltung präsentiert, so wollte sich das Opfer aus seinem Revier verabschieden. Es musste, was die artistische Ausführung des Vortrages angeht, eine Vorstellung werden, die in langer zeitlicher Erinnerung bleibt.
Mit der ganzen Kraft seiner großen Hinterpfoten setzte er zu einem Sprung senkrecht in die Höhe an. Im Zenit seines Höhenfluges dann, um den Applaus der Besucher des Zirkuszeltes noch zu erhöhen, setzte er unter letzter Kraftanstrengung an und machte einen gestreckten Salto rückwärts. Dann brach das ganze Vorhaben kraftlos in sich zusammen. Für Meister Lampe ging die Lampe aus. Das Opfer legte sich lang ausgestreckt, mit einem kleinen Blutstropfen vor der Nase, auf das in der Sonne glitzernde unbefleckte weiße Schneebett.

Aus dem Lauf der Flinte waberte leichter Qualm.

Senta erwachte auf Befehl aus ihrer starren Haltung im Schnee, apportierte den noch warmen leblosen Körper in ihrem Maul und legte ihn brav neben dem braunen Rucksack ab.

Ein weiterer kleiner Blutfleck am Rucksack, noch frisch, zeugte vom Transport auf dem kalten Betonboden der Tenne. Die Aufgabe schien beendet zu sein, doch Senta setzte noch einen Schlussstrich dazu, sie durfte die kleinen Eiszapfen in seinem silbergrauen Fell am warmen „Bullerofen“ in der Küche abtauen lassen.

Am Sonntagmittag saßen alle am reichgedeckten Tisch, es gab Hasenbraten.

Bodo Behlau

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