Ein Licht am Horizont und jeden Tag ein bisschen Weihnachten

Dass es Regionen gibt, in denen Weihnachten auf andere Art und Weise und vor allem auch unter anderen gesellschaftlichen Rahmenbedingungen stattfindet als bei uns, mit dieser Realität sehen sich die Helfer und Aktivisten der „Aktion pro Humanität“ Jahr für Jahr in den Gebieten, in denen sie tätig sind, konfrontiert. Seit 25 Jahren engagiert sich Elke Kleuren-Schryvers mit dem Team der Stiftung Aktion pro Humanität und den Menschen am Niederrhein für die Menschen in Westafrika – aktuell in Benin und im Niger. Gerade im November ist das Ärzteteam um die Medizinerin Kleuren-Schryvers und den Kevelaerer Arzt Rüdiger Kerner aus dem Krankenhaus in Benin zurückgekehrt.

Dieses Krankenhaus hatte es in einem nationalen Ranking nach internationalen Qualitätsstandards gerade zuvor geschafft, zum besten Krankenhaus Benins aufzusteigen – eine Bestätigung für die beninischen und deutschen Ärzte, die versuchen, auch in den ländlichen Regionen eine menschenwürdige und fachlich nach internationalen Standards ausgerichtete medizinische Versorgung auf die Beine zu stellen.

Fehlende Basisversorgung

„In der Fläche betrachtet fehlt eine adäquate Basisversorgung“, sagt Kerner und nennt als Beispiele die Unfallchirurgie und auch die Gelenkersatz-Chirurgie. Bestimmte Erkrankungen führen bei sehr jungen Menschen unter anderem zu Hüftkopfzerstörungen. „Es ist kein Hexenwerk mehr, ein neues Hüftgelenk zu implantieren. Aber es fehlen dort die Materialien und die Fachärzte, die das leisten können. Immer noch sterben Kinder an absolut behandelbaren Krankheiten, weil Eltern erst gar nicht ins Krankenhaus gehen, weil sie meinen, das Geld nicht aufbringen können. „Und dann kommen noch die epidemischen Erkrankungen hinzu: Lassa oder Ebola“, ergänzt Kleuren-Schryvers.

Kerners nachhaltigste Patienten-Erfahrung bei dieser Reise war eine erst 20 Jahre alte Frau, deren Leben durch eine Eiteransammlung in der kollabierten Lunge bedroht war und die Fachärzte zusammen vor Ort die Technik zusammen „improvisierten“, um die Lunge angemessen behandeln zu können. „So eine Patientin, die noch nicht über den Berg war, zurücklassen zu müssen, das fällt nicht leicht“, berichtet der Chefarzt der Inneren Abteilung des Marien-Hospitals in Kevelaer. Ein Therapieplan aber steht – und über das Internet tauscht sich Kerner mit dem Chefarzt vor Ort, Dr. Gilles Mensah, aus, sieht Röntgen- und Laborbefunde ein und kann Hinweise geben.

Humanitäre Hilfe vor Ort wird schwieriger

Es werde deutlich, sagt Kleuren-Schryvers, dass es das Team der „Stiftung Aktion pro Humanität“ vor Ort immer schwerer hat, unter friedlichen Bedingungen humanitär zu agieren. Das deutet sich in Benin durch bestimmte politische Entwicklungen an und sei im Niger bereits Realität. „Falls die internationale Gemeinschaft nicht zu Hilfe kommt, kann es durch den im Sahel massiv zunehmenden IS-Terror eine Blockade der humanitären Entwicklungszusammenarbeit geben.“ Die Leidtragenden seien dann die Menschen.

Der Transport von Wasser. Foto: privat

Die Ursachen dafür reichten von den ungerechten Verhältnissen des Welthandels über die politische Führung von Staaten durch Autokraten und Potentaten, denen eine Perspektive für ihre Bevölkerung nicht wichtig sei – und eben der alles zersetzende, mörderische Vernichtungsterror des IS. Nach Angaben der „Agentur Fides“ wurde am 10. Dezember ein Massaker an über 70 nigrischen Soldaten in Inatés nahe der Grenze zu Mali begangen. Im Rahmen der dreitägigen Staatstrauer hatte der Bischof Lompo, der in Kevelaer schon häufig zu Gast war, eine mahnende Grußbotschaft verfasst, in der es unter anderem hieß: „Der Anschlag am 10. Dezember in Inatés (…) zeigt uns die Situation, in der wir leben.“

Und ein Pater erinnerte daran, dass es aufgrund der Tatsache, dass der Pater Pierluigi Maccalli am 17. September 2018 entführt wurde, einige Gemeinden der Diözese Niamey geben wird, in denen Weihnachten ohne einen Priester gefeiert werden wird.

Der IS-Terror gefährdet Entwicklung

In Burkina Faso ist die aktuelle Lage für die Christen noch dramatischer, sagt Kleuren-Schryvers. „Früher haben wir gemeinsam mit den Menschen vor Ort die Projekte entwickeln dürfen und konnten sie dann mit Hilfe der Menschen am Niederrhein auch zumeist sehr zeitnah realisieren.“ Die Lebensqualität wurde durch den Zugang zu sauberem Trinkwasser, zu adäquater medizinischer Basisversorgung, durch den Bau von Schulen oder durch Mikrokreditprojekte verbessert – und das mit einem interreligiösen Ansatz. „Das humanitäre Tun war zugleich auch immer Friedensarbeit – zwischen Männern und Frauen, zwischen Ethnien und Religionen, so dass die Menschen ihre Zukunftsperspektive in ihren Heimatländern sahen.

„Die Situation im Sahel hat sich so desaströs entwickelt, dass der Bischof uns sagte: Es geht nicht mehr um Geld – es geht ums Gebet und die Tatsache, dass wir euren Mund und die Hände brauchen, um die Menschen hier in Europa zu sensibilisieren, dass wir in der Situation des islamistischen Terrors keine Chance mehr auf Entwicklung haben.“ Als Beispiel nennt Kleuren-Schryvers den Brunnenbau. Sonst gab es zur Weihnachtszeit im Niger immer drei oder vier neue Brunnen, die durch die Förderer der Aktion pro Humanität möglich waren. Auch diesmal wurde das Geld dafür schon in den Niger transferiert. Die Brunnenbau-Teams sind mit ihren Fahrzeugen und ihrer Technik aus Burkina Faso bereits vor Ort. „Aber die Regierung des Niger befürchtet Terror-Attacken auf die Teams.“ Das heißt, dass erst der Militärschutz organisiert werden muß. „Den Brunnenbau wird das verzögern, allerdings nicht verhindern“, versichert die „APH“-Begründerin.

Die zunehmend unsichere Situation zeige aber eins: „Wenn Erzbischof Laurent einzig um unser intensives Gebet für Schutz und Sicherheit für die Menschen im Sahel bittet, dass Frieden werden kann, dann zeigt sich daran, wie viel aussichtsloser die Situation ganz aktuell ist im Vergleich mit jeder schweren oder schwersten Hungerkrise des Niger.“ Für den Schutz und die Sicherheit der Menschen im Niger engagiert sich gerade keiner effektiv. „Wir müssen lernen, neue Wege humanitärer Hilfe in dieser Region zu gehen“, sagt Kleuren-Schryvers. „Wenn die jungen Leute dort sehen, was es in Europa alles gibt, dann ist das ein starkes Motiv, um sich in ihrer Situation auf den Weg zu machen“, sagt Kerner. Und dann riskierten sie halt ihr Leben – in der lybischen Wüste oder auf dem Mittelmeer.

APH-Projekte schaffen Hoffnung

Die APH-Projekte in Benin und im Niger sind aktuell von diesen Tendenzen (noch) nicht berührt. Die Menschen, die dort Arbeit gefunden haben, stehen in Lohn und Brot der Stiftung Aktion pro Humanität, der Erzdiözese Niamey über APH oder demnächst vielleicht auch des Bistums Münster. Ein entsprechendes Angebot des Weltkirche-Referates gibt es dazu. „Das geplante Krankenhaus-Projekt für den Niger in der ländlichen Region Makalondi wird eine Leuchtturm-Funktion haben können“, glaubt Kleuren-Schryvers. „Denn auch dort können – wie in Benin – über 100 Menschen, oft junge Menschen mit guter Ausbildung, Arbeit, Lohn und Brot finden.“

Das Weihnachtsfest feierten Bürger in Westafrika auf andere Art und Weise als wir in Deutschland. Foto: privat

Das wird auch auf die Entwicklung im Umfeld Einfluss nehmen, wenn kleine Handwerksbetriebe vermehrt an Aufträge kommen können und so noch mehr Menschen von dem Projekt profitieren. „Den Menschen eine Alternative zum Angebot des IS zu geben, den interreligiösen Dialog sehr ernst und engagiert weiter zu betreiben, den Menschen an der Seite zu sein in ihrer verzweifelten Lebenssituation aus Armut, Hunger, Angst und Terror – das ist die große Herausforderung für unsere Arbeit in den nächsten Jahren“, so Kleuren-Schryvers.

Hilfe nach Flutkatastrophe

Zu den bereits beschriebenen Problemen kam Ende Oktober/Anfang November noch eine in den westlichen Medien kaum beachtete Flutkatastrophe im Benin dazu, bei welcher der Grenzfluss zum Nachbarland Togo über die Ufer trat, die Lehmhütten der Bewohner wegspülte und die Not vor Ort vergrößerte. „Das war eine der bedrückendsten Situationen, die ich in den Jahren im Benin erlebt haben – dieser Matsch und Modder in den überfluteten Gebieten, die eingebrochenen Hütten in den Dörfern, die Moskito-Schwärme mit tausendfachem Malaria-Infektionspotenzial“, erzählt Kleuren-Schryvers.

Ein kleiner Lichtblick war da die von der APH hier am Niederrhein am Nikolaustag gestartete Weihnachts-Reis-Aktion für die Kinder in den Flutgebieten. „Wir haben da eine WhatsApp-Liste mit Spendern einer zurückliegenden Hirse-Sammelaktion gegen den Hunger im Niger reaktiviert“, erinnert sich Kleuren-Schryvers. Am Ende des Nikolaustages waren es mehr als 6.000 Kilogramm Reis, die gespendet worden waren – ein Kilo zu 50 Cent. „Es bewegt einen enorm, wenn das Handy permanent blinkt, weil Menschen sich hier engagieren mit ihren Kindern, Familien, Chören und Vereinen.“ Das zeige, wie ausgeprägt das Mitfühlen auch für den fernen Nächsten in unserer Region verankert ist, dankt Kleuren-Schryvers allen für ihr Mitwirken.

So haben dann am Heiligen Abend 3.000 Kinder je einen Kilo Reis erhalten und haben zusätzlich einen Kilo mitnehmen können, um es ihren Familien zu schenken. Gerade für die Kinder sei das etwas Außergewöhnliches. „Welches afrikanische Kind bekommt schon mal etwas geschenkt im Leben? Das sind Kinder, die in den Dörfern mit den alten Reifen und dem Stock spielen, die nur ein paar Flip-Flops haben, wenn es hoch kommt, nur eine Hose, ein Shirt und ein-, maximal zweimal am Tag etwas zu essen.“ Da sei eine solche Spende „wie ein Licht am Horizont. Dann wäre quasi jeden Tag Weihnachten.“

Weihnachten wird auch in Westafrika gefeiert

Das Weihnachtsfest selbst haben beide Mediziner vom Niederrhein dort in Westafrika noch nicht erlebt. Einmal allerdings war die Ärzte-Mission zu St. Martin vor Ort. Und man feierte mit den Aids-Waisenkindern und den Kindern und Müttern aus der Kinderkrippe im Projekt.„Da sind wir mit Kerzen in der Dunkelheit mit den Kindern durch das Gelände gezogen und haben da Martinslieder gesungen“, erinnert sich Kerner auch an gebackene Teilchen aus der Bäckerei in Dobo als Weckmann-Ersatz. „Die Kinder strahlten – und wir waren froh, dass wir bei den Martinsliedern in tropischer Nacht noch einigermaßen textsicher waren.“ „Als wir jetzt das Krankenhaus-Projekt in Gohomey verließen, stand in der kleinen Projektkapelle schon die Weihnachtskrippe in der Sakristei bereit und der Plastiktannenbaum“, erzählt Kleuren-Schryvers.

Zu Weihnachten gab es ein großes, leuchtendes Kreuz an der Kapelle. „Und für alle Kinder aus der Kinderabteilung des Krankenhauses, aus der Kinderkrippe und den Waisenhäusern kommt am ersten Weihnachtstag Papa Noel ins Projekt.“ Da hat dann der „Weihnachtsmann“ in voller Montur „mit Rauschbart und Kapuze bei mindestens 35 Grad“ allen Kindern kleine Geschenke gebracht. „Für die Kinder ist das wunderbar, die Erwachsenen freuen sich – und es wird viel gelacht, gesungen, getanzt, getrommelt.“

In solchen Situationen drücke sich vor allem eines aus, sagt die erfahrene Kämpferin für das Menschliche: „Die Sehnsucht nach einem Moment, in dem einem im Leben auch mal etwas geschenkt wird und man nicht nur kämpfen muss – und das gilt gerade für die Kinder.“