Man sagt der Orgel nach, dass sie die Königin der Instrumente sei. So mächtig, so erhaben, so feinfühlend und temperamentvoll zugleich kann sie klingen. Die große Seifert-Orgel in der Kevelaerer Marienbasilika ist so etwas wie die große alte Dame der Orgelmusik, ein wahres Prachtstück mit heute wieder nahezu 10.000 Pfeifen und mehr als 140 Registern, Baujahr 1907. 2023 konnte die Restaurierung abgeschlossen werden. Wolfgang Seifen kennt die Lady mit der vielen Luft im Bauch in- und auswendig. Der Mann, international renommierter Musiklehrer, Komponist, Orgelmusikimprovisator, hat seine große Liebe zur Orgelmusik in jungen Jahren nicht zuletzt an der großen Seifert-Orgel in Kevelaer entdeckt. Heute ist Wolfgang Seifen geschmeidige 69 Jahre alt – und immer noch viel unterwegs, um Konzerte zu geben und die Menschen mit und von der Orgelmusik zu begeistern.
Herr Professor Seifen, was oder wer hat bei Ihnen die Liebe zur Orgelmusik entfacht?
Die Liebe zur Orgel und somit auch zur Kirchenmusik wurde durch meinen damaligen Lehrer Hermann Kräling, Kirchenmusiker an St. Vinzentius in Oberaussem, gefördert. Bereits im Alter von drei Jahren nahm mich meine Mutter, die im örtlichen Kirchenchor sang, mit auf die Orgelbühne, und so erhielt ich im Verlauf der Zeit einen eigenen Platz neben dem Spieltisch der Orgel. Dort konnte ich den Organisten beobachten und so wurde mir der Orgelklang und die Orgelmusik vertraut.
Eine Zimmerorgel, ein Instrument für den Konzertsaal, ist das eine, so ein großer Klangkörper wie eine Kirchenorgel ist da schon etwas ganz anderes …
Es gibt auch sehr große Orgeln in Konzerträumen, vor allem in England, den USA und Australien. Eine Orgel braucht immer auch einen geeigneten Raum. Daher wirkt ein solches Instrument im „Wohnraum“ nicht so wie in einer Kirche mit guter Akustik. Der weltberühmte französische Orgelbauer Aristide Cavaillé-Coll wurde einmal gefragt, welches Register das wichtigste in einer Orgel sein sollte. Daraufhin antwortete der Meister: „Das wichtigste Register in einer Orgel ist die Raumakustik!“ Die Marienbasilika in Kevelaer verfügt über eine optimale Raumakustik, und das veredelt den ohnehin schon genialen Klang der Orgel.
Nun ist Orgelmusik eine sehr besondere Art der Tonkunst, nicht jeder und jedem erschließt sich die Schönheit auf den ersten Blick bzw. Klang.
Die Entwicklung der Orgelmusik (Komposition) begann mit der Aufzeichnung etwa ab dem 14. Jahrhundert und erreichte ihren ersten Höhepunkt mit der Musik von Johann Sebastian Bach. Die strengen Formen und die Integration der Musik in die Liturgie waren nicht darauf ausgerichtet, einen möglichst großen „Effekt“ zu erzielen, sondern dienten im besten Sinne den gottesdienstlichen Anforderungen. Erst im 19. und 20. Jahrhundert entstanden Kompositionen für Konzerte, welche dann auch publikumswirksam waren und die Menschen in Begeisterung versetzten. Die zeitgenössischen Orgelwerke sind oftmals aufgrund der freitonalen oder sogar atonalen Anlage oft schwer verständlich, und daher kommt es darauf an, im Konzertprogramm eine ausgeglichene Auswahl zu treffen. Die zunehmende Begeisterung für die Orgel und somit auch für die Orgelmusik wurde sicherlich durch die vor einigen Jahren geadelte „Aufnahme in das Weltkulturerbe“ befeuert, und so ist das Interesse für dieses Instrument gewachsen.
Wie kompliziert ist es, Füße, Hände und Tasten gleichzeitig im richtigen Miteinander zu bewegen?
Die Komplexität ist wie bei vielen anderen Dingen relativ zu sehen. Wenn man die Orgel täglich spielt und sich durch Übungen fit hält, kann man die Frage mit „relativ einfach“ beantworten. Es ist etwas vergleichbar mit der Fliegerei. Auch da müssen die Hände und Füße unabhängig voneinander agieren. Gleichwohl ist die Orgel neben diesen technischen Eigenarten aber auch ein Musikinstrument, welches kunstvoll traktiert werden muss. So ist der Organist gleichsam „Maschinist und Instrumentalist“. Eine große Herausforderung!
Orgelmusik ist viel auch Kirchenmusik, ist liturgisch, gebunden an feste Traditionen …
Das habe ich ja bereits angesprochen. Vielleicht hat das auch dazu beigetragen, dass die Orgelmusik und die Orgel selbst ein schlechtes Image erhalten haben. Nicht immer wurde und wird die Orgel in Gottesdiensten fachgerecht und gut gespielt, und die Situation der Kirche insgesamt waren und sind auch Anlass dafür, dass viele Menschen die Kirche meiden und somit auch nicht mehr Orgelmusik wahrnehmen können. Viele Organistinnen und Organisten sind daher bestrebt, die Orgel durch Konzerte einer breiten Öffentlichkeit näherzubringen und die Faszination des Klanges zu demonstrieren.
Die große Seifert-Orgel in der Marienbasilika, immerhin die größte deutsch-romantische Orgel der Welt, ist mit Spendengeldern und öffentlichen Zuschüssen in den vergangenen Jahren nach und nach restauriert worden. Kenner sagen, sie klingt mindestens genauso schön wie die „Pariser Kollegin“ in Notre Dame.
Die Orgel der Kathedrale in Notre-Dame in Paris war zu ihrer Entstehungszeit ein „Wunderwerk“ und von eleganter Schönheit. Leider gab es zu viele Veränderungen durch nachfolgende Generationen, was diesem Instrument nicht unbedingt gutgetan hat. In Kevelaer haben wir aber mit der Großen Seifert-Orgel ein nahezu vollkommen erhaltenes Instrument ihrer Erbauerzeit
(1907). Veränderungen späterer Jahre (auch durch die Kriegswirren bedingt) wurden sorgfältig durch Rekonstruktionen beseitigt, so dass wir heute ein absolut vergleichbares Kunstwerk zur Orgel in Notre-Dame vorfinden. Die Orgel wurde seinerzeit nach der „Elsässer Orgelreform“ konzipiert. Nicht nur ihrer Größe wegen, sondern im Besonderen aufgrund ihrer einheitlichen Konzeption zählt sie wohl zu den weltweit schönsten Orgelwerken ihrer Epoche.
Sie sind Vorsitzender des Orgelbauvereins Kevelaer und haben sich da vorgenommen, all die Orgeln rund um den Kapellenplatz – das sind immerhin sechs Instrumente – zu pflegen und damit für zukünftige Generationen zu erhalten. Nach der Mammutaufgabe ‚große Seifert-Orgel‘ hat sich der ehrenamtlich aktive Verein die „kleine Schwester“ in der Kerzenkapelle am Kapellenplatz vorgenommen …
Ja. Diese Orgel ist ebenfalls ein Juwel am Kapellenplatz und wurde nach den ursprünglichen Plänen von Wilhelm Rütter (1843) im Jahre 1990 rekonstruiert. Durch den starken Rußbefall ist dieses Instrument stark in Mitleidenschaft gezogen worden und bedarf einer umfassenden Restauration. Da die Kerzenkapelle als erste Wallfahrtskirche am Kapellenplatz vielfältig genutzt wird (tägliches Marienlob, tägliche Gottesdienste, Hochzeiten, Wallfahrtgottesdienste etc.), besteht dringender Handlungsbedarf, um dieses wunderbare Instrument zu erhalten. Der Rußbefall hat sämtliche Orgelteile (Leder, Dichtungen, Metall u.v.m.) stark in Mitleidenschaft gezogen und muss in nächster Zeit unbedingt gereinigt werden, damit das Material nicht unbrauchbar wird. Somit ist Handlungsbedarf angesagt und daher bittet der Orgelbauverein Kevelaer alle Kevelaerer, aber auch Wallfahrer, um Unterstützung zur Finanzierung der dringend durchzuführenden Instandsetzung.
Im Konzertjahr 2026 werden Sie ein ungewöhnliches Konzert, mal wieder, an der großen Seifert-Orgel geben: Sie improvisieren zum Stummfilm „Nathan der Weise“ von Noa (1926). Wie „geht“ das eigentlich, das Improvisieren? Haben Sie da einen Plan im Kopf oder geschieht das spontan?
Das ist eine sehr komplexe Frage und die Beantwortung, „wie das Improvisieren geht“ in diesem Rahmen unmöglich. Improvisation ist das Spielen „aus dem Stegreif“, also ohne Notenvorlage und aus dem Moment heraus. Dies geschieht jedoch nicht ohne die Beherrschung musikalischer Regeln (Form, Stil, Kontrapunkt, Harmonielehre), ist aber erlernbar. Voraussetzung hierfür ist eine umfassende Kenntnis der Orgelliteratur und deren Beherrschung. Was die Stummfilm-Improvisation betrifft, so habe ich da keinen Plan im Kopf. Alles geschieht spontan und die Musik kommentiert quasi die Bilder des Films. Natürlich muss man den Film sehr genau kennen und die dramaturgische Abfolge verinnerlichen. Der Stummfilm „Nathan der Weise“ eignet sich bestens dafür und ist – ähnlich wie der Film „Faust“ von Murnau, welchen ich im vergangenen Jahr gespielt habe – ein Meisterwerk der Stummfilmkunst. Dieser Stummfilm und die große Seifert-Orgel in der akustisch hervorragenden Marienbasilika sind Garant für ein außergewöhnliches und beeindruckendes Erlebnis.
Das Interview führte Heike Waldor-Schäfer



