„Kein Selbstläufer, aber: Ja, es geht noch!“ Da waren sich die 50 Teilnehmerinnen und Teilnehmer des Interreligiösen Dialogs am Sonntag, 18. Januar in der Evangelisch-Freikirchliche Gemeinde Kevelaer (das KB berichtete) einig. Das Bündnis der Interreligiöse Friedenswallfahrt Kevelaer hat mit dieser Veranstaltung Menschen mit ihren Anliegen und Fragen erreicht.

„Seit mehr als 10 Jahren treffen wir uns alljährlich im Sommer hier in Kevelaer. Gerade von den Religionen muss in diesen unübersichtlichen Zeiten Zuversicht und Orientierung ausgehen. Eben durch Dialog, durch das Betonen und Eintreten für gemeinsame Werte wie Mitmenschlichkeit, Teilhabe, Gerechtigkeit und Frieden“, so Dr. Elke Kleuren-Schryvers, eine der Organisatorinnen.

Den Fragen der Anwesenden stellt sich nach jeweils einen Impulsvortrag ein Podium aus drei Religionsvertretern, des Islams, des Judentums und des Christentums. Ahmad Aweimer, Dialog- und Kirchenbeauftragter des Zentralrats der Muslime, beschrieb den interreligiösen Dialog mit dem Bild der Wippe, auf das sich viele der Anwesenden in ihren Fragen beziehen konnten. „Im Dialog brauchen wir einander. Wir kommen zusammen und lassen uns aufeinander ein. Anders geht es nicht“, so Aweimer.

Ein wichtiger Ausgangspunkt für diesen Dialog sei der Friede für den der Islam steht. In den letzten Jahren sei der Dialog immer schwerer geworden. Aber auf die Gemeinschaft der Religionen sei verlass, so wie die Anwesenden eben haben sehen können, als er Michael Rubinstein, Israelitischen Religionsgemeinschaft Württembergs, zur Begrüßung umarmt hatte. Rubinstein nahm für seinen Vortrag Ausgang beim Titel der Veranstaltung „Geht’s noch? Wo steht der interreligiöse Dialog?“ und erinnerte an die Verantwortung aller Menschen zum Zusammenhalt der Gesellschaft. Dazu ist der Dialog ein wichtiges Werkzeug. Er schafft Vertrauen und hält Unterschiede aus, ohne sie zu negieren.

Ausgangspunkt dabei ist die Schöpfung jedes Menschen als Ebenbild Gottes. „Dabei ist echter Dialog ist kein Schonraum. Er lebt vom konstruktiv-kritischen Diskurs, vom Aushalten von Spannungen und von ehrlicher Selbstreflexion. Interreligiöser Dialog? Ja, weiter so!!“

David Burau, Evangelisch-Freikirchliche Gemeinde Kevelaer, erinnerte an die Geschichte des Baptismus, der sich seit dem 17. Jahrhundert für die Religions- und Gewissensfreiheit aller Menschen einsetzt. Burau berichtete wie diese Freiheit in der Gemeinde gelebt wird. Die Taufe von Gläubigen, die Selbstständigkeit der Ortsgemeinde und die gleiche Beteiligung aller Mitglieder sind der Gemeinde besonders wichtig. „Freiheit braucht Rechtssicherheit. Darum gingen die Forderungen der ersten Baptisten über Toleranz hinaus. Religionsfreiheit darf nicht zwischen guten und schlechten Religionen unterscheiden. Wir brauchen einander. Wir brauchen starke Jüdinnen, starke Juden, starke Muslima, starke Muslime, starke Christen, starke Christinnen, starke Atheist*innen und viele andere in der Öffentlichkeit“, forderte Burau. Dafür stehe der interreligiöse Dialog.

In der anschließenden Diskussion zeigte sich das Publikum sowohl skeptisch als auch engagiert. Immer wieder drehten sich die Gespräche um die Fragen wie Extremismus begegnet werden kann und wie gerade junge Menschen für den Dialog gewonnen werden können. Aweimer und Rubinstein könnten dazu von verschiedenen Projekten und eigenen Engagement in Schulen berichten. Für junge Menschen hätten interreligiöse Schulgottesdienste und Projekte wie „Meet a Jew“ eine besondere Bedeutung. Auch ein gemeinsamer Religionsunterricht aller Religionen könne Teil einer Lösung sein. Wichtig sei vor allem aber Klarheit von Politiker*innen aber auch allen anderen Teilnehmer*innen der Gesellschaft in der Benennung und Bekämpfung von Antisemitismus, anti-muslimischem Rassismus und jeder anderen Diskriminierung.
Ein Nachmittag, der Mut gemacht und neuen Elan für den interreligiösen Dialog geweckt hat. Kontaktdaten wurden ausgetauscht und Termine für weitere Begegnungen vereinbart. „Mit Vertretern der Religion zu sprechen war hochinteressant für mich. Bis jetzt habe ich noch nie mit einem Juden gesprochen. Ich freue mich auf den weiteren Austausch“, so ein begeisterter Teilnehmer.