Im Jahr 1993 kam der Bagger

Hinter den Straßen und Gebäuden der Wallfahrtsstadt verbergen sich viele Geschichten. Nachdem wir bereits einen Blick auf die Hauptstraße 36 geworfen haben, stellt das KB heute das Gebäude an der Hauptstraße 38 vor.

Man nannte sie früher einmal Dorfstraße; ein Name, den man z.B. in Twisteden durch die Zeit hat erhalten können. Nicht so in der „City“. Da wurde aus der Dorfstraße schon vor vielen Jahren die Hauptstraße. Seit Langem schon zählt sie zu den wichtigsten Achsen unserer Stadt, trägt daher wohl zu Recht ihren Namen. Und hier lohnt sich ein genauerer Blick auf unterschiedliche Häuser. In direkter Nachbarschaft zu der letztens beschriebenen Haus-Nr. 36 „Kölner Hof“ steht die 38, wohl besser gesagt: stand – denn die „alte“ 38 wurde 1993 abgerissen und erstand ab 1994 neu als modernes Geschäftshaus.

Drehen wir das Rad der Zeitgeschichte wieder einmal ein wenig zurück: Dr. Robert Plötz (700 Jahre Kevelaer, Bd. I) kommt in seiner „Beschreibung der Hauptstraße vor 130 Jahren“ auf Umwegen an die Nr. 38: „[…] Der dann folgende Teil (nach Nrn. 42-40, später Paepen bzw. Labonté; Anm. d. Red.) bis zum jetzigen Hof war unbebaut und hieß „Beyers Koolgarden“.[…]“ Erst ab 1900 erhalten wir ein Bild vom Haus Nr. 38, das damals „Gasthof Roter Hirsch“ genannt wurde und im Besitz einer Wwe. Gerh. Rütter, danach einer Familie Peter Kisters war (Quelle: Karl Renard, 2011, „Gastronomie in Kevelaer“).

In der Folge der kommenden Jahre sollten sich ausgerechnet um dieses Haus einige recht amüsante Anekdoten ranken. In den Jahren 1958 bis 1975 habe ich, Wilfried Schotten, selbst dort gewohnt, meine Eltern „JoScho mit Frau“ sogar bis 1983 bzw. 1992. Somit weiß ich um einige der amüsanten Dinge, die dort passierten.

Das Gebäude hatte seinen Namen weg

Ein genaues Datum für die folgende Anekdote ist nicht notiert, wenngleich wohl jeder ältere Kevelaerer weiß, wie dieses Haus an seinen anrüchigen Namen „de Cond“ gekommen ist. Auf dem obersten Foto in diesem Artikel sind schwach die Fensterbeschriftungen zu erkennen: „Conditorei  Café“. Hier soll ein Malermeister die Beschriftung „Conditorei“ samstags mittags um 12 Uhr abgebrochen und sich ins Wochenende verabschiedet haben. Ganz Kevelaer las also über den gesamten Samstag und Sonntag die angefangene Schrift „Cond“ – und das Gebäude hatte fortan seinen Namen weg.

Viele Jahre später kauften Heinrich Dickmann und seine Frau Anna das Haus, wobei rechts wie links Geschäftsräume und Ladenlokale entstanden. 1957/58 mietete Josef Schotten das linke Ladenlokal nebst anschließenden Räumen von Heimkunst Kocken im Tausch gegen  Lokal und Wohnung der Hauptstraße 21.

Mehrere Mietparteien zogen in den ersten und zweiten Stock und auch in den Anbau Richtung Annastraße ein, darunter auch Aenne Kisters (verwandt mit dem damaligen Besitzer) und Anna Intveen, die resolute Leiterin vom Lebensmittelgeschäft C.F. Beck. (Kevelaerer Aussprache: Bääk) Dazu unterhielt Anna Dickmann auch eine kleine Kammer im dritten Stock (unterm Dach, juchhé) zur Aufnahme von Pilgern.

Die „Du-Frau“

„Du-Frau“ Anna Dickmann im Jahr 1985 an der Hauptstraße.

Die Jahre gingen ins Land, von der „Cond“ sprach fast niemand mehr; vielmehr hatte sich ein anderer Begriff in Kevelaer festgesetzt und der hing mit der Vermieterin zusammen. Sie verstarb 1990 im Alter von 87 Jahren, zählt aber heute mit Sicherheit immer noch zu den bekannten Kevelaerer Originalen. Von ihrem einzigen Sohn Heinz immer liebevoll „Herzchen“ gerufen, hatte sie sich auch dieses Attribut redlich verdient. Sie konnte extrem gutherzig sein, vor allem Kindern gegenüber, aber auch extrem robust und lautstark im Umgang mit den Mietern. Noch ein Attribut? Ja – natürlich, ganz Kevelaer kannte sie mehr als „die Du-Frau“. Ein ehrwürdiger Herr, Gymnasial-Klassenlehrer ihres Sohnes, kam über die  Hauptstraße und wurde von Anna freudig  begrüßt: „Hach, Herr Studienrat, dat is abba schön, dat du mal vorbeikommst.“ Gräfin von Loë wurde konfrontiert mit der Frage: „Kannst du dat auch bezahlen?“

Zurück zum Gebäude, das nach  gut 90 Jahren seit seiner Erbauung einen gewissen Alterungs- und leider auch Verfallprozess erkennen ließ. Sohn Heinz verkaufte es an den Kevelaerer Bäckermeister  Peters, was für den inzwischen  92 Jahre alt gewordenen Mieter Josef Schotten (eigener Kommentar: „NRWs dienstältester Fachverkäufer“) bedeutete, seinen geliebten und beliebten Malkasten aufgeben zu müssen.

Im Jahr 1992 – kurz bevor der Bagger kam.

Der Bagger kam 1993 und „de Cond“ nebst „Du-Frau“ nebst „Joschos Malkasten“ waren Geschichte. Anna Dickmann verstarb wie erwähnt in 1990, ihr Nachbar Josef Schotten in 1997. Nr. 38 existiert weiterhin – seit 26 Jahren im neuen Gewand.