Im gemeinsamen Kampf gegen die Stereotype

Stolz präsentierten die 16 beteiligten Schüler der Gesamtschule Kevelaer gemeinsam mit ihrer Spanischlehrerin Caroline Hendricks das Schild mit dem Signet „Erasmus+ – Strategische Schulpartnerschaft 2019 bis 2021!“ Die Initiative, gemeinsam mit der „IES Estuaria“ im spanischen Huelva eine Schulpartnerschaft zu gründen, ging dabei von der jungen Lehrerin aus, die in der Schule hospitierte. „Die Schule ist ähnlich aufgestellt wie hier. Das ist auch eine Mittelschule mit Stufen von fünf bis zehn, das Kollegium hat mich gut aufgenommen.“ Da entstand neben der Hospitation die Idee, zusammen einen Antrag zu stellen, um an einem „Erasmus+“-Projekt teilzunehmen. „Das ist ein von der EU gefördertes Programm, das sich auf die allgemeine und die berufliche Bildung bezieht, um im Rahmen der EU die Toleranz und interkulturelle Kompetenzen zu fördern. Das ist für die Schüler eine super Gelegenheit, da was mitzubekommen.“

Der Titel des Projekts war schnell gefunden: „Eine Teenagervision von Deutschland und Spanien. Geht es nur um Bratwurst und Stierkampf?“ Oder auf Englisch: „A teenager´s vision of Germany and Spain, is it all about sausages and bullfighting?“. Das Ziel sei es, „Stereotypen über den jeweils anderen abzubauen“, erklärte Hendricks. Insgesamt hat die Gesamtschule Kevelaer mit ihrer Partnerschule über zwei Jahre eine Förderung von 64.000 Euro bekommen, die unter beiden Schulen aufgeteilt wird. Alle anfallenden Kosten – Reisekosten für die Schüler und Lehrer sowie Sachkosten für Veranstaltungen und Material – werden vom EU-Programm „Erasmus+“ übernommen.

Für das Projekt und die Reise nach Spanien holte sich Hendricks ihre Kolleginnen Verena Jansen, Dagmar Koberg und Sarah Putzke dazu. „Es hingen hier Plakate, Frau Hendricks hatte dazu im Unterricht auch was gesagt. Dann mussten wir eine Bewerbung auf Englisch schreiben“, erzählte die 15-jährige Joyce. Denn die „Verkehrssprache“ vor Ort war hauptsächlich Englisch. „Dann wurde immer weiter geguckt, du durftest nicht schlecht sein in der Schule.“ Denn schließlich sollte man ja auch fähig sein, den verpassten Lernstoff nachzuholen.

In der Stierkampfarena flossen die Tränen

Insgesamt gab es um die 30 Bewerbungen, von denen dann am Ende 16 Schüler und Schülerinnen ausgewählt wurden. „Wir hatten sowohl in Spanien als auch in Deutschland das gleiche Bewerbungsformular“, erläuterte Hendricks. In der Woche im Oktober konnten die 16 Kevelaerer Jugendlichen jedenfalls eine Menge erleben. Unter anderem besuchten sie die Stierkampfarena von Sevilla. „Das ging schon ans Herz, obwohl da nur Fotos von den Kämpfen zu sehen waren. Aber alleine schon die ausgestopften Tiere zu sehen, das war nicht so schön“, meinte die 15-jährige Joyce. „Und man hat gemerkt, dass das Tierquälerei ist, dass die danach umgebracht werden“, ergänzte die gleichaltrige Lara. „Es gab Einzelne, die das echt mochten, was viele unverständlich fanden.“ Da flossen dann auch bei manchen schon mal die Tränen.

Stolz nahmen die Schüler aus Kevelaer die Plakette für das Projekt entgegen. Foto: AF

Interessant war auch der Besuch eines Naturparks, weniger schön aber die Nähe zur eigenen Metzgerei. Auf positive Resonanz stieß das Flamencotanzen. „Das hat viel Spaß gemacht. Es waren vier Schritte, wir haben immer mal den Partner gewechselt“, erzählte die 15-jährige Lara. „Es war relativ kompliziert, weil die Schrittfolge schnell hintereinander kam, um dann zur Musik einzusteigen.“ Aber sie packten das alle ganz gut. Lara fand „die Schiffe von Christopher Kolumbus“ in dem Museum in Huelva „am besten. „Da geht man in einen Raum, schaut einen Film darüber, und da findet man die nachgebauten Schiffe. Da war noch ein See und Palmen, das war sehr schön.“

Im normalen Schulunterricht waren die Schüler nicht – da war nur kurzes Hineinschauen angesagt. Ähnlich wird man das bei dem Besuch der spanischen Schüler handhaben. Erstaunt waren die Schüler darüber, dass die spanischen Schüler ihre Lehrer mit Vornamen ansprechen und nicht bei der Begrüßung aufstehen. „Und sie haben eine so grelle Schulglocke, das ist schlimmer als der Feueralarm hier. Das war unangenehm“, erinnerte sich Joyce. Damit die Schüler ihre Erinnerungen nicht vergessen, hatte die Schule ein Büchlein als eine Art „Guidebook“ vorbereitet – mit den Tagen, was man wann sehen würde und gezielten Fragen dazu.

Kakao, American Cookies und Muffins zum Frühstück

Untergebracht waren sie in Gastfamilien – und bekamen so einen Einblick in die jeweils fremde Kultur. „Ich hab nicht so viel gesprochen, weil ich kaum was verstanden habe“, gestand die 14-jährige Magdalena. „Ich habe die ganze Zeit Spanisch gesprochen, weil ich auch zu Hause Spanisch spreche – meine Eltern kommen aus Südamerika“, ergänzte Laura. Oft lief es so, dass man mit den Schülern Englisch redete und die Eltern, die nicht Englisch konnten, mit den deutschen Kindern langsam Spanisch sprachen. Besonders die Essenskultur faszinierte die Jugendlichen. „Elf Uhr abends Abendessen ist total anders, und sie wohnen eben viel kleiner in Wohnungen“, stellte Schülerin Emilia fest. „Und es gab zum Frühstück Kakao mit zwei Löffeln Zucker, American Cookies, Muffins oder Kekse“, erzählte Lara.

Der Kontakt zu den Schülern besteht noch: Ende März werden die spanischen Schüler Kevelaer mit zwei Begleitpersonen besuchen und in Gastfamilien wohnen. „Das ist die beste Variante, weil man die Gelder dann noch anders nutzen kann. Das Kennenlernen des Alltags ist sehr wichtig. Das kann man nur durch 24-Stunden-Kontakt erfahren.“

Gemeinsam mit ihrer Spanischlehrerin und Vertretern der Schule diskutierten die Teilnehmer der Erasmus-Fahrt über ihre Erlebnisse in Spanien. Foto: AF

Über ein „e-twinning“-Programm werden in einer Projektgruppe alle Arbeitsergebnisse zusammengefasst – zum Beispiel, was es für Essen in Spanien und Deutschland gibt. Außerdem hat die Gruppe eine Art „Tourguide“ als Video für die Gäste erstellt, indem sie durch Kevelaer gegangen ist, um den spanischen Schülern einen Eindruck der Stadt zu vermitteln. Für die „Erasmus Days“ erstellten die Schüler ein Video, in dem sie typische Klischees, wie es sie über Deutschland gibt, auf die Schippe genommen haben. Das Video ist auf der Homepage der Schule unter „Internationales“ verlinkt. „Und wir wollen auch einen Jugendflyer über Kevelaer erstellen, im Rathaus verteilen und an die Gäste in Spanien zur Orientierung weitergeben.“

Projekt vielleicht bald in anderen Ländern

Im kommenden Schuljahr werden 16 neue Schüler im zweiten Förderungsjahr am selben Projekt weiter arbeiten. Langfristig will Hendricks über die zwei Jahre hinaus das Projekt fortführen – und dann auch in Zusammenarbeit mit mehreren Ländern und mehreren Partnern. „Aber je mehr Partner man hat, desto weniger Schüler gibt es dann.“ Da könnte man aber sicher auch einen zusätzlichen Antrag stellen, erläuterte der stellvertretende Schulleiter Christoph Feldmann. „Da sind wir zur Zeit dran, aber da steckt viel Arbeit und Hintergrundwissen dran, was erbracht werden muss.“ Man denke da zum Beispiel an Schulen in England, „aber da wollten so ziemlich alle hin. Und Kevelaer ist nicht der Nabel der Welt.“

Trotzdem sei das ganze Projekt „eine tolle Sache, um kulturelle Unterschiede kennenzulernen und zu erfahren, wie andere Nationen ticken“, meinte Feldmann. „Das finde ich echt super, dass sich Frau Hendricks darum gekümmert hat, das Programm hier zu installieren – und dass die Schüler das hier so annehmen.“

Vielleicht ergibt sich eine Ausweitung der Idee auf anderem Wege: die Partnerschule in Spanien hat bereits überlegt, so ein Projekt weiter mit der Kevelaerer Schule und einer ihnen bekannten Schule in Italien fortzusetzen, erzählte Hendricks. „Und es gibt viele Lehrer, die einen über die ‚e-twinning‘-Plattform anschreiben und fragen: Hätten Sie da nicht Lust, mitzumachen?“