Erinnerungen an eine beeindruckende Frau

Das wäre für Maria Polders undenkbar gewesen: Einige Hundert Menschen versammelten sich letzten Montag zu ihren Ehren und zu ihrem Abschied beim Requiem in der Basilika. Dabei hatte sie Menschen, die ihr für gute Taten danken wollten, immer freundlich abgewiesen.

Ganz versöhnt wäre sie allerdings durch die Eucharistie gewesen. Die vielen Messbesucher feierten, was für Maria Zentrum irdischen Lebens gewesen war. Am 29. Dezember ist sie im Alter von 96 Jahren gestorben.

Mit ihrer Zurückweisung von Dank hätte sie 1996 fast den Papst in Verlegenheit gebracht. Johannes Paul II. wollte sie für ihr Lebenswerk zur „Dame des Gregorius-Ordens“ ernennen. Sie war erschreckt. Weihbischof Heinrich Janssen musste Überzeugungsarbeit leisten, um die Auszeichnung wenigstens in kleinstem Kreis überbringen zu dürfen (er schaffte es). Bischof Reinhard Lettmann hatte über Maria Polders in einem Brief an den Papst geschrieben: „Ihr ganzes Leben lang hat sie sich um die Caritas vor Ort und in der Welt bemüht.“ Wo Maria Polders Not der Menschen gesehen habe, habe sie selbstlos geholfen und sei dabei vielen ein Vorbild gewesen. Andere hohe Ehrungen von Kirche, Caritas und Malteser Ritterorden kamen hinzu.

Was machte Maria auszeichnungswürdig? Es gibt kein berühmtes Lebenswerk zu bestaunen, keine Stiftung, keine Erfindung, kein Kunstwerk und keine weltumspannende Initiative.

Maria war eine Mutter. Sie war die Mutter ihrer Kinder Elisabeth, Hildegard, Mareile, Wilhelm, Ludger, Markus und Ferenc, ihrer Schwiegerkinder, Enkel- und Urenkelkinder. Und sie war voll Mütterlichkeit für ungezählte Menschen, die zu ihr kamen.

Keiner weiß, wie viele Arme aller Art, wie viele Laffe und Himmelsstürmer, Zweifelnde und Glaubende, schwarze Schafe und Purpurträger im Lauf der Jahre an der Hauptstraße 17 die steilen Stufen zum Erkerzimmer von Maria hochgestiegen sind. Sie hätte ihnen ohnehin keinerlei Attribute zugesprochen. Sie nahm sie, wie sie kamen.

Sie traten in eine Welt ein, die aus der Zeit gefallen schien. In diesem Erkerzimmer hatte Maria Schätze versammelt, vor allem Bilder ihrer Familie, auf dem Tisch ein Foto ihres verstorbenen Mannes, Kinderzeichnungen und Kunst an den Wänden, auf denen nicht viele Quadratzentimeter frei blieben. Das war kein Erinnerungszimmer, das Altes verwahrte, um ihm von Zeit zu Zeit Geschichten zu entlocken. All das, was da stand und hing und erspürt werden konnte, war in Maria gegenwärtig.

Das Erkerzimmer war bis zuletzt ihr Lebensraum. Ihre Seele war voll von dem, was die Wände trugen. Sie kehrten ein Stückweit Marias Seele nach außen.

Kein Zweifel: In dieser seltsam trauten Umgebung wohnte eine lebenserfahrene Frau und freute sich über Gäste. Manche kamen, nahmen von den immer köstlichen Pralinés und verbreiteten bei der Senior-Chefin der berühmten Goldschmiede Polders ihr Ego. Maria ließ sie gewähren. Sie gingen und wussten nicht, was sie verpasst hatten.

Andere Gäste sagten mitunter nur wenige Sätze, und schon fanden sie sich mit Maria in einem Gespräch über Religion oder Privates wieder.  Oft waren sie ohne Absicht gekommen und hatten doch plötzlich, ohne zu wissen, wie es geschehen war,  Anliegen oder Sorgen vorgetragen. Maria war eine Zuhörerin vor dem Herrn und alles andere als eine Mediatorin. Sie stellte kaum Fragen, strukturierte nicht, kritisierte nicht, bot keine Lösung und fragte keine ab.

Manchmal nickte sie oder nahm ihre Hand und legte sie in die Hand des Besuchers. Die eigentliche Arbeit verrichteten ihre Augen. In diesen weisen und gütigen Augen fühlte sich mancher Gast mit seinen eigenen starken Eigenschaften „erkannt“ und sah mit einem Mal selbst, was er tun konnte.

Am 30. April 2001 saß ich bei Maria im Erkerzimmer. Ihr 80. Geburtstag stand bevor, ich wollte sie fürs Kävels Bläche porträtieren. Sie lehnte ab; sie sei nur eine Mutter und Geschäftsfrau wie Hunderttausend andere. Doch gern könnten wir ein bisschen reden.

Tiefes Interview zum 80. Geburtstag

In den folgenden Stunden entspann sich zwischen uns eines der tiefsten „Interviews“, die ich je erlebt habe. Ich war kurz zuvor in Israel gewesen. Maria holte ein Fotoalbum von einer eigenen Reise ins Heilige Land hervor. Sie setzte sich neben mich aufs Sofa, und während sie blätterte, begann sie zart dieses Lied zu singen: „Yerushalayim, shel Zahav…“ Ich kannte jedes Wort, wir hatten das Lied über die Sehnsucht nach Frieden, Treue und Geborgenheit oft in Israel gesungen. Ich fiel leise ein.

Im Singen begann Maria zu weinen. Ich legte meinen Arm um sie, sie legte ihren Kopf an meine Schulter und weinte weiter, während ich das Lied zu Ende summte. So saßen wir lange da. Es gab nichts zu sagen. Alles war mitgeteilt und geteilt.

Später begann Maria von Wunden und wundersamen Ereignissen zu erzählen, von Geschenken und unfassbar gefügten Begebenheiten, die ihr Leben weiter getragen hatten. Oft stockte mir der Atem.

Nur einige Bruchstücke ihrer Lebensgeschichte gab sie für eine Berichterstattung frei. Sie berührten ihre Jugend mit Einschnitten nach Beginn des Zweiten Weltkriegs. Sie war damals 17 Jahre alt und das jüngste von sieben Geschwistern, die im „Weißen Kreuz“ von Vater Anton und Mutter Maria Voss am Kapellenplatz groß wurden.

Nur acht Tage nach dem Überfall der Deutschen auf Polen fiel im September 1939 ihr Bruder Hubert im „Blitzkrieg“. Der Theologiestudent hatte Priester werden wollen. Wenige Monate später starb im Januar 1940 Marias Mutter. Sie hatte den Tod ihres Sohns nicht verkraftet.

Während der Kriegszeit war die Front für die Familie Voss immer nah: Im Hotel waren deutsche Soldaten einquartiert. Jahrzehnte später erzählte Maria ihrer Enkelin Elisabeth: „Ich war also ein Hausmädchen für den Krieg in meinem Elternhaus.“

Im April 1944 starb Vater Anton Voss. Ein Jahr später, an Karsamstag 1945, erhielt Maria die Nachricht, dass ihr Bruder Antonius, Pfarrer in Bottrop, von der letzten Bombe getötet worden war, die die Stadt getroffen hatte.

Gerade Antonius war ihr zuvor eine Lebensstütze gewesen. Im November 1944 hatte sie von Kevelaer aus in Bedburg-Hau als Liebesdienst für eine Familie Lebensmittel holen wollen. Auf dem Rückweg griffen alliierte Jagdbomber den Sanitätskraftwagen an, der sie mitgenommen hatte. Jeder versuchte sich in Sicherheit zu bringen, auch Maria. Sie sprang aus dem Wagen. Ein Bein geriet unter die Räder und wurde zerfleischt. Bombensplitter fraßen sich in Arme und Füße.

Auf dem nahen Hauptverbandsplatz bei Schloss Wissen wollte der Lazarettarzt das Bein amputieren. Maria wehrte sich. Das Bein wurde verbunden. In den folgenden Monaten wechselte sie in weitere Lazarette. Dort hörte sie die Schreie verletzter und sterbender Soldaten und hatte Sicht auf Ärzte, die in Stiefeln durch Lachen von Blut gingen. Sie trennten Arme und Beine von zerschundenen Körpern.

Endlich ging es Ende 1944 weiter ins Marienhospital nach Bottrop. Hier schloss ihr Bruder Antonius sie in seine Arme. Er besuchte sie oft, bis eine Bombe ihn tötete. Der Krieg war seit Monaten vorbei, als Marias Bein halbwegs genesen war und sie im Oktober 1945 nach Hause zurückkehren konnte. Kaum ein halbes Jahr später – im Februar 1946 – spielte ihr Bein noch einmal eine wichtige Rolle.

Maria hatte sich zurückgezogen und wollte nicht Karneval feiern. Doch Verwandte drängten sie, einen Kostümball zu besuchen. So schnitt sie aus roter Pappe ein Herz und schrieb darauf: „Herz mit leichtem Defekt gegen Wipproller zu tauschen gesucht“. Das Herz pappte sie sich auf den Rücken. Sie fühlte sich beim Ball fehl am Platz, konnte wegen der Sperrstunde nicht weg und verfolgte freudlos, wie „Prinz Karneval“ gewählt wurde. Ein Tusch, und ausgesucht war ein Mann, der sich aus einer „Blechbüchse von den Amis“ ein Krönchen geschnitten hatte.

Er musste sich, passend zum Krönchen, eine Prinzessin suchen. Wieder ein Tusch, dann sagte der Mann: „Ich wähle Maria Voss.“ Es war Wilhelm Polders aus der Nachbarschaft, den sie zuvor kaum wahrgenommen hatte, da er acht Jahre älter war als sie. Nach der Sperrzeit um 6 Uhr ging die Karnevalsgesellschaft zur Gnadenkapelle, um zu beten.

Wochen später wagten Maria und Wilhelm einen ersten Spaziergang. Sie setzten sich auf Klinkenberg, wo damals kein Haus stand, an die Ley. Wilhelm fragte Maria, ob sie sich mit ihm verloben wolle. Maria legte das entstellte Bein bloß. Er sagte, es komme auf ihr Herz an. Maria: „Da wusste ich, dass er der Richtige war.“

Sie heirateten am 19. November, dem Festtag der Heiligen Elisabeth. „Sie ist Sinnbild eines Menschen, der anderen dient. Wir wollten unsere Beziehung dadurch tragfähig machen, dass wir für andere da sind.“ Was für ein Vorhaben!

Es war nicht einfach dahingesprochen. Die beiden machten es wahr. Maria erzählte bei meinen Besuchen kleine und große Episoden. Eine ereignete sich vor der Wende, war spannend wie ein Kriminalroman, spielte hinter dem Eisernen Vorhang und zeigte, dass es bei Polders weit über Kevelaer und das edel geschmiedete Metall hinaus immer und zuerst um christliche Botschaft ging.

Maria erlebte in der Goldschmiede meisterliche Kunsthandwerker und Künstler. Und sie war selbst eine Meisterin. Ihre Kunst oder besser: ihre Natur war es, anderen auf die gerade notwendige  Art Wegweisung zukommen zu lassen.

Sie war eine zutiefst religiöse (daher auch von Selbstzweifeln geplagte) Frau und dankbar für die Nähe zum Gnadenbild der Trösterin der Betrübten, deren Namen sie trug, konservativ groß geworden und groß geworden mit einem Herzen, das Regeln hinter sich ließ, wenn Güte gefragt war.

Sie wollte nicht streng sein, wenn die Strenge Barmherzigkeit und Liebe verletzte – und damit das Gebot, dass ihr das höchste war.

Weihbischof Rolf Lohmann predigte darüber beim Requiem und nannte den Leitspruch, der die Eheleute Polders verbunden hat: Amor omnia vincit. Viele übersetzen ihn mit den Worten: „Die Liebe besiegt alles“. Maria sagte gern: „Die Liebe überwindet alles.“ Die Liebe braucht nicht die Niederlage des Besiegten. Sie versöhnt und versorgt. So sah es Maria.

Die Liebe zählte für sie zur besten Schöpfungsgabe Gottes: Sie wächst im Hergeben

In den letzten Jahren kam Maria – auch wegen ihrer körperlichen Gebrechlichkeit – immer mehr zur Ruhe. Sie klagte nicht über ihre Schmerzen, sondern lobte ihren Arzt. Neben ihrem Sessel stapelten sich Bücher, Bildbände und Werke von Weisheitslehrern wie Peter Dyckhoff, der einst Kaplan in Kevelaer gewesen war und das Ruhegebet neu entdeckt hatte.

Jeden Tag betete sie für ungezählte Menschen. Und oft wurde sie still. Dann hörte sie auf, mit Worten und Gedanken zu bitten. Sie hatte die Gewissheit, dass „Er“ ohnehin all ihre Anliegen kannte; und sie vertraute darauf, dass „Er“ das Richtige fügen würde.

Kurz vor ihrem Tod war ihre Familie aufs Beste an ihrer Seite. Maria wusste, dass ihr Leben sich ein Vierteljahrhundert nach dem Tod ihres Mannes vollendete. Er war schon schwerstkrank gewesen, als er noch jemanden gebeten hatte, 100 rote Rosen zu kaufen. Er schenkte sie Maria. Die zweigte einige Exemplare ab und stellte sie in einer Vase auf den Wohnzimmertisch. Den großen Rest trug sie in die Nachbarschaft, zur Trösterin der Betrübten.

Ein Teil der Familie Voss zur Kriegsweihnacht mit einquartierten Soldaten. Maria ist in der mittleren Reihe die zweite Frau von rechts, links mit Bart ist ihr Vater zu sehen.