Es gibt Momente, in denen eine Stadt ganz zu sich selbst findet. Kevelaer hat so einen Moment erlebt – still, unspektakulär, und mit einem einzigen Strauch als Hauptdarsteller.

Der neue Hochzeitsgarten vor dem Alten Rathaus ist fertig. Gepflastert, ordentlich abgegrenzt, von einem Ingenieurbüro erdacht, das für seine Leistungen nicht eben bescheiden honoriert wurde. Und mittendrin: ein Strauch. Allein. Trotzig. Unverheiratet.

Die sozialen Netzwerke haben den einsamen Protagonisten natürlich sofort entdeckt. „Romantischer als meine erste Ehe”, kommentierte ein Nutzer. „Endlich ein Garten, der genauso leer ist wie das Versprechen damals”, schrieb ein anderer. Ein dritter User meldete sich mit echter Anteilnahme zu Wort: ob der Strauch eigentlich allein zurechtkomme, wollte er wissen – und ob die Stadt nicht wenigstens eine Topfpflanze als Gesellschaft aufstellen könne. Schließlich sei Einsamkeit vor dem Standesamt das Traurigste, was einem passieren kann.

Dabei, das betont die Stadtverwaltung mit bemerkenswerter Ernsthaftigkeit, war das alles so gewollt. Der Hochzeitsgarten ist kein fertiges Produkt. Er ist ein Versprechen. Ein Samen, sozusagen. Und wer weiß das besser als frisch Vermählte, dass aus einem kleinen Samen am Ende bisweilen ganz erstaunliche Dinge erwachsen können.

Ein Mitmachgarten mit kommunaler Beteiligungspflicht

Was bislang für manche eher nach großzügig gepflasterter Nüchternheit mit Solitärstrauch aussah, soll in Wahrheit der Auftakt zu einem unverwechselbaren Kevelaerer Gesamtkunstwerk sein: ein Mitmach-Hochzeitsgarten, der sich mit jeder Trauung weiterentwickelt. Nicht die Stadt allein gestaltet den Ort, sondern die Paare selbst. Wer hier Ja sagt, darf künftig auch etwas hinterlassen. Eine Pflanze, ein Gestaltungselement, eine Erinnerung. Kevelaer macht aus dem Hochzeitsgarten kein fertiges Produkt, sondern ein Dauerprojekt mit romantischem Anspruch und kommunaler Beteiligungspflicht.

Stimulation. Abgenickt. Beschlossen. Kevelaer.

Die zukünftige Bepflanzung soll dabei mit bemerkenswerter Symboltiefe ausgewählt werden. Die Themenbereiche folgen einer inneren Logik, die man als mutig bezeichnen darf: biblischer Hintergrund, Apfelbaum, Vertreibung aus dem Paradies, Liebe, Glück, Fruchtbarkeit – und Stimulation. Letzteres, so stellt sich bei näherer Betrachtung heraus, keineswegs ohne Erläuterung. Denn wer denkt, das sei einfach so ins Konzept gerutscht, kennt Kevelaer noch nicht gut genug.

Den Auftakt macht natürlich der Apfelbaum – kaum eine Pflanze vereint Verführung, Neugier und die langfristigen Konsequenzen schlechter Entscheidungen so elegant in einem einzigen Gewächs. Der Liebstöckel ergänzt mit einer Symbolik, die im Zusammenhang mit „Stimulation” keiner weiteren Erläuterung bedarf. Das Tränende Herz bringt die emotionale Tiefe ins Beet. Lavendel sorgt für Ruhe – was im Umfeld einer standesamtlichen Trauung nie verkehrt ist. Rosen stehen für Leidenschaft, Mohn für den Traum vom Glück. Und die Zierkirsche erinnert daran, dass das Schönste im Leben oft nur kurz blüht – aber was für eine Blüte.

Von allzu ehrgeizigen botanischen Experimenten wird allerdings abgeraten. Giftpflanzen seien zwar dekorativ, aber für ein langfristig funktionierendes Ehemodell eher ungeeignet – schließlich geht es hier um den Beginn und nicht um das potenzielle Ende einer Ehe. Wer also auf die ganz große Wirkung zielt, sollte zu Pflanzen greifen, die schön aussehen und gut riechen.

Dass das Wort Stimulation übrigens nicht leichtfertig ins Konzept geschrieben wurde, legt ein Blick in die jüngere Stadtgeschichte nahe. Aufmerksame Leser des Kevelaerer Blatts werden sich erinnern: Bereits 2018 berichtete das KB exklusiv darüber, dass das Solewasser aus dem benachbarten Solegarten St. Jakob eine wissenschaftlich belegte Libido steigernde Wirkung besitzt. Hier zum Nachlesen: (https://www.kevelaerer-blatt.de/chance-vertan-riesige-einnahmequelle-fuer-kevelaer-verpasst-gerichtliches-nachspiel/)

Ob der Hochzeitsgarten in unmittelbarer Nachbarschaft zum Solegarten also Zufall ist oder Teil eines größeren städtischen Gesamtkonzepts zur Förderung von Fruchtbarkeit und Stimulation – die Verwaltung wollte das auf Nachfrage nicht kommentieren. Das Jugend- und Ordnungsamt hingegen prüft bereits, ob ähnliche Zutrittsregelungen wie einst für das Gradierwerk auch hier gelten sollten. Schließlich wisse man nie, was passiert, wenn Botanik und Solewasser zusammenwirken.

Was man hinterlassen darf – und was besser nicht

Neben den Pflanzen sollen Hochzeitspaare künftig auch persönliche Gegenstände im Garten hinterlassen dürfen. Die Verwaltung hat dafür eine Liste zulässiger Objekte erarbeitet, die in ihrer Offenheit bemerkenswert ist: herzförmige Holzschilder mit Hochzeitsdatum, kleine Skulpturen, Windspiele und dekorative Steine mit eingravierten Namen. Auf Wunsch mehrerer Paare soll zudem das Aufhängen von Liebesschlössern an einer noch zu installierenden Metallranke möglich werden. Wer es persönlicher mag, darf einen handbemalten Blumentopf aufstellen – mit dem freundlichen Hinweis, dass Motive aus dem Bereich „Fruchtbarkeit und Stimulation” zwar thematisch passend, im Hinblick auf den Wallfahrtscharakter der Stadt jedoch mit Augenmaß zu wählen seien. Was genau darunter zu verstehen ist, klärt auf Wunsch das Standesamt in einem persönlichen Beratungsgespräch.

Der Bürgermeister empfiehlt – aus eigener Erfahrung

Vom Konzept vollständig überzeugt zeigt sich der Bürgermeister. Er hält den Hochzeitsgarten für wegweisend – insbesondere den Themenbereich Fruchtbarkeit. Als Vater von sechs Kindern gilt er in dieser Frage als ausgewiesener Fachmann und gilt als der erfahrenste Mann im Rathaus – und das ist in diesem Fall wortwörtlich gemeint.

Das Standesamt wartet. Der Garten wartet. Der Strauch auch.

Was den einsamen Strauch betrifft: Er bleibt vorerst das Herzstück der Anlage. Unerschrocken, unbeeindruckt vom öffentlichen Spott – und mit einer Ausdauer gesegnet, um die ihn manches Ehepaar insgeheim beneidet. Er wächst nicht schnell. Er fällt nicht auf. Aber er ist da. Und das, bei Licht betrachtet, ist mehr als manche Ehe von Anfang an mitbringt.

Alle Paare, die in den vergangenen Jahren bereits vor dem Alten Rathaus geheiratet haben, können sich in der Verwaltung melden, um sich nachträglich im Garten zu verewigen. Das Standesamt wartet. Man könnte das als romantische Geste sehen. Man könnte es auch als Gelegenheit betrachten, endlich das Grünzeug nachzuliefern, das man damals versprochen hatte. Der Garten wartet. Der Strauch auch.

Dieser Text ist ein Aprilscherz – aber nur zum Teil.