Es war ein Abschied, der vielen wohl noch lange in Erinnerung bleiben dürfte: Am heutigen Karsamstag standen Hans und Martina Kannenberg gemeinsam mit Tochter Christina ein letztes Mal mit ihrem Geflügelhof auf dem Markt. Nach mehr als 60 Jahren endet damit in Kevelaer eine Ära, die für viele Kundinnen und Kunden weit mehr war als nur der Einkauf von Hähnchen, Gänsen oder Eiern. Auf dem Wochenmarkt geht es künftig mit dem Geflügelhof Aengenheister aus Geldern-Kapellen weiter, das Personal bleibt dabei gleich.
Vom Mofa zum Lkw
„Kann man in einem Satz nicht beschreiben“, sagt Hans Kannenberg, wenn er den eigenen Hof erklären soll. Und tatsächlich: Der Geflügelhof war für die Familie nie einfach nur ein Betrieb, sondern Heimat, Alltag und Lebensgeschichte zugleich. „Es gibt uns seit mehr als 60 Jahren, und es war immer Federvieh um uns herum“, sagt er. Besonders anschaulich wird diese Geschichte, wenn er an die Anfänge denkt: „Mein Vater fuhr am Anfang mit dem Mofa und zwei Satteltaschen zum Markt.“ Später wurden daraus zwei Lkw, und auch das Angebot entwickelte sich mit den Jahren weiter. Früher wurden vor allem ganze Tiere oder Viertel verkauft, heute ist die Auswahl deutlich vielfältiger.
Warum der Betrieb endet
Dass dieser Weg nun endet, fiel der Familie nicht leicht. Vor allem die letzten Monate hätten gezeigt, dass es so auf Dauer nicht mehr weitergehen kann. Die Vogelgrippe habe den Betrieb zusätzlich belastet und viel Unsicherheit mit sich gebracht. „Das ist für uns als Betrieb sehr anstrengend. Die Ungewissheit, ob alles gut geht“, sagt die Familie. Als im Januar die Gänse nicht mehr verkaufbar waren, sei noch deutlicher geworden, wie eng wirtschaftliche und emotionale Grenzen inzwischen zusammenliegen.
Hinzu kamen steigende Kosten, die sich nicht mehr an die Kundschaft weitergeben ließen. „Die Kosten steigen immer schneller und stärker, aber es lassen sich diese nicht mehr auf die Preise anheben“, schildern die Kannenbergs die Lage. Auch personell wurde die Situation schwieriger. Tochter Christina ist schwanger und wird zukünftig in ihrer eigenen kleinen Familie benötigt, zwei Minijobber und eine Vollzeitkraft stützen den Betrieb noch, doch die Vollzeitkraft geht bald in Rente. Neue Mitarbeitende zu finden, sei kaum noch möglich gewesen.
Familie und Generationen
Auch die Familie selbst rückte in dieser Entscheidung noch stärker in den Mittelpunkt. „Meiner Mutter habe ich das schonend beigebracht“, sagt Hans Kannenberg. Sie sei mit ihren 80 Jahren immer noch mit am Start und helfe, wo sie könne. „Irgendwann ist auch gut, aber sie hätte nie nein gesagt zu helfen.“ Diese Sätze machen deutlich, wie eng der Hof mit mehreren Generationen verbunden war und wie selbstverständlich hier lange Zeit alle mit angepackt haben.
Ein schwerer Abschied vom Markt
Besonders schwer war für die Familie aber nicht nur die Entscheidung selbst, sondern vor allem die Nachricht an die treuen Stammkundinnen und Stammkunden. Viele von ihnen begleiten den Hof seit Jahren, manche seit Jahrzehnten. „Den Kunden unsere Entscheidung mitzuteilen war deutlich schwieriger“, sagt Hans Kannenberg. Für ihn sei der Wochenmarkt immer etwas Besonderes gewesen. „Für mich war das Marktgeschäft schon als kleiner Junge ein Highlight, mitfahren zu dürfen um zu helfen. Ich habe das immer geliebt“, erinnert er sich. Auch Christina habe diese Zeit immer gern erlebt, besonders in den Ferien.
Neuer Schwerpunkt Landwirtschaft
Ganz verschwinden soll der landwirtschaftliche Betrieb aber nicht aus dem Blick. Die Kannenbergs wollen sich künftig stärker auf den Schwerpunkt Landwirtschaft konzentrieren. Dazu gehören die eigenen Pferde als Hobby, vor allem Kutschpferde, aber auch fremde Pferde, die auf dem Hof eingestallt sind. Diesen Bereich wollen sie eventuell ausbauen – gewissermaßen das Hobby zum Beruf machen. Außerdem bleiben die Legegänse ein Teil des Betriebs, allerdings künftig nur noch zur Eierproduktion. Beliefert werden damit Handelsketten. Gänseeier gelten als typisch für den Niederrhein; Richtung Süden oder etwas hinter Wesel seien sie kaum bekannt, sagt die Familie. Die Nachfrage sei groß, auch wenn die Arbeit dahinter viel Handarbeit bedeute.
Ein Hof mit Geschichte
So bleibt am Ende nicht nur der Abschied von einem Geflügelbetrieb, sondern auch die Erinnerung an einen Hof, der in Kevelaer tief verwurzelt war. Was jetzt beginnt, ist ein neuer Abschnitt mit Fokus auf Landwirtschaft. Was bleibt, ist die Dankbarkeit vieler Menschen für einen Familienbetrieb, der über Jahrzehnte zum Stadtbild gehörte. Und der letzte Karsamstag auf dem Markt wird für die Kannenbergs vermutlich einer jener Tage sein, die man nicht vergisst.



Niederrheinisches Museum Kevelaer