Diese Spiele gehören unter den Weihnachtsbaum

174.000 Besucher informierten sich im Oktober bei der Essener Spielemesse über die diesjährigen Neuerscheinungen im Bereich Gesellschaftsspiele. Der Besucherrekord belegt, dass Spielen ein ungebrochener Trend ist. Das Kevelaerer Blatt hat aus den vielen interessanten Spielen des zu Ende gehenden Jahres drei viel gelobte Spiele ausprobiert.

Kinderspiel

Leo muss zum Friseur (Grafik: Verlag)

Leo muss zum Friseur (Grafik: Verlag)


„Leo muss zum Friseur“ hat es auf die Auswahlliste zum Kinderspiel des Jahres 2016 geschafft und den Deutschen Kinderspielepreis 2016 gewonnen. Das Spielprinzip ist schnell verstanden und verlangt vor allem Konzentration und Gedächtnisleistung, ermöglicht aber in einfachem Maß auch den Einsatz von Taktik. Und so geht es:
Gemeinsam versuchen bis zu fünf Spieler, den Löwen Leo rechtzeitig durch den Dschungel zum Friseur zu lotsen, bevor der in einem Riesenknäuel aus seiner Mähne verschwindet. Eine Reihe aus 30 verdeckt ausliegenden Dschungelplättchen in fünf verschiedenen Farben bildet den Weg. Jeder Spieler hat Handkarten, die die entsprechenden Farben sowie Zahlen von eins bis fünf tragen. Der erste Spieler wählt nun eine Karte aus und zieht Leo die entsprechende Zahl Dschungelplättchen vorwärts. Das erreichte Plättchen wird aufgedeckt: Stimmt die Farbe mit der der gespielten Karte überein, ist alles gut und der nächste Spieler an der Reihe. Weicht die Farbe jedoch ab, wird die Uhrzeit an einem Wecker um so viele Stunden vorgestellt, wie die Zahl auf dem aufgedeckten Plättchen es vorgibt. Dann versucht der nächste Spieler sein Glück. Sobald der Wecker jedoch um mindestens zwölf Stunden vorgestellt worden ist, hat Leo sein Ziel an diesem Tag nicht erreicht – und muss zurück zum Anfang des Dschungels. Alle Dschungelplättchen werden wieder verdeckt, die Spieler erhalten neue Handkarten. Jetzt kennen die Spieler natürlich schon einige Felder des Weges und können versuchen, farblich passende Plättchen oder zumindest solche mit kleinen Zahlen zu treffen. Endet auch der vierte Tag, bevor Leo den Friseur erreicht, haben die Spieler verloren.
Leo auf seinem Weg zum Friseur (Grafik: Verlag)

Leo auf seinem Weg zum Friseur (Grafik: Verlag)


Empfohlen wird das Spiel ab sechs Jahren. Kinder, die genügend Geduld aufbringen, werden aber auch schon mit vier oder fünf Jahren mit Spaß und Erfolg an Leos Weg durch den Dschungel mitwirken können. Der lange Weg und die Beschränkung der Möglichkeiten auf die jeweiligen Handkarten machen das Spiel aber selbst für Erwachsene noch spannend.
Leo muss zum Friseur von Leo Colovini, Abacusspiele, ca. 20 Euro.

Familienspiel

Imhotep (Grafik: Verlag)

Imhotep (Grafik: Verlag)


„Imhotep“ hat es sowohl beim Spiel des Jahres auf die Auswahlliste als auch beim Deutschen Spielepreis in die Top Ten geschafft. Das Spiel besticht vor allem durch seine kurzen Regeln und die sehr einfache Spielweise, die trotzdem Raum für taktische Tiefe lässt. Im Wesentlichen transportieren die Spieler mit Schiffen Steine, um Bauwerke zu errichten. Je nachdem, wie viel oder auch in welcher Reihenfolge die Spieler zu den unterschiedlichen Bauwerken beitragen, gibt es Punkte: Mal erhält der am meisten, der die meisten Steine abgeliefert hat, mal gibt es Punkte für zusammenhängend gebaute Flächen der eigenen Steine, mal hat jede Position im Bauwerk ihren eigenen Wert.
Imhotep hat hübsches Spielmaterial (Grafik: Verlag)

Imhotep hat hübsches Spielmaterial (Grafik: Verlag)


Konkret darf in jedem Zug eine von vier Optionen gewählt werden: neue Steine in Besitz nehmen, einen Stein auf ein beliebiges der gemeinsam genutzten Boote laden, ein Boot zu einem Ziel bzw. Bauwerk fahren und entladen oder eine Aktionskarte spielen. Dadurch, dass jeder Spieler jedes Boot fahren darf, das eine Mindestladung trägt, und damit jedes in dieser Runde noch freie Ziel ansteuern kann, muss in jedem Zug abgewogen werden: Lade ich noch einen Stein auf, um mehr Punkte machen zu können? Wenn ja, in welches Boot und an welche Position im Boot – denn auch davon kann die Punktzahl abhängen. Oder fahre ich ein Boot, in dem Steine von mir sind, an mein Wunschziel? Oder ein anderes Boot an ein Ziel, wo es den Mitspielern möglichst wenig einbringt? Denn auch die kleinen Gemeinheiten, mit denen man die Pläne der anderen durchkreuzen kann, tragen zum Reiz des Spiels bei. Doch wer zu viel sabotiert, wird am Ende selbst nicht genug gepunktet haben – und so bleibt die Entscheidung in jedem Zug spannend. Für Wiederspielspaß sorgt die zufällige Auswahl der jede Runde zur Verfügung stehenden Boote. Nach sechs Runden ist Schluss und der Sieger wird ermittelt.
Imhotep von Phil Walker-Harding, Kosmos, ca. 30 Euro.

Kennerspiel

Jórvík (Grafik: Verlag)

Jórvík (Grafik: Verlag)


Jórvík ist ein Remake des vergriffenen „Die Speicherstadt“, das dessen Mechanismus samt Erweiterung in die Welt der Wikinger transportiert. Bis zu fünf Spieler bieten rundenweise auf unterschiedliche Karten, aus denen sich am Ende die Siegpunkte ergeben. Der Reiz liegt dabei im Bietmechanismus: Je nach Spielerzahl kommen jede Runde eine feste Anzahl Karten ins Angebot. Das können beispielsweise Händler sein, die Waren in Geld umwandeln, Handwerker, die Waren in Siegpunkte umwandeln, Schiffe, die Waren liefern, oder Krieger. In der Basisvariante hat jeder Spieler drei Figuren. Reihum kann er nun eine davon in eine Bieterschlange an eine der ausliegenden Karten anstellen – auch in eine Reihe, in der schon eine eigene Figur ansteht. Haben alle Spieler alle Figuren platziert, geht es ans Kaufen. Der Besitzer der vordersten Figur an einer Karte darf diese Karte kaufen – wenn er so viel zahlt, wie Figuren an dieser Karte anstehen. Passt er stattdessen und entfernt seine Figur aus der Schlange, darf der Zweite in der Schlange sich für den Kauf entscheiden – jetzt natürlich eine Münze günstiger. Das geht so weiter, bis die Karte gekauft wurde oder alle gepasst haben. Der gleiche Ablauf wird für alle ausliegenden Karten wiederholt. Dann werden die erworbenen Karten ausgewertet – zum Beispiel Waren von Schiffen an Händler oder Handwerker übergeben, um deren Effekte zu nutzen. Eine neue Runde mit neuen Karten beginnt.
Szene aus dem Kennerspiel "Jórvík" (Grafik: Verlag)

Szene aus dem Kennerspiel „Jórvík“ (Grafik: Verlag)


Jórvík ist schnell gelernt, doch auch hier verbirgt sich sehr viel Tiefe. Schließlich können Spieler mit ihren Figuren bluffen, wenn sie eine Karte gar nicht kaufen, sondern nur den Preis in die Höhe treiben oder einem Spieler den Kauf unmöglich wollen. Das stets knappe Geld und die schon erworbenen Karten lassen schließlich Rückschlüsse zu, wie ein Spieler seine Figuren wohl einsetzen wird. Die wandernde Startspielerposition, gelegentliche Angriffe durch neutrale „Pikten“ und das ein oder andere Details mischen noch etwas Strategie unter das schon sehr taktische Spiel. Letztlich aber dreht sich alles um den spannenden Kaufmechanismus. Dieses Bluffspiel kann man lieben oder etwas eintönig finden. Wem die Komplexität noch nicht genügt, für den befinden sich Mechanismen für eine noch optionsreichere Spielvariante direkt mit im Spielkarton.
Jórvík von Stefan Feld, Eggertspiele, ca. 35 Euro im Fachhandel

Und sonst?

Wer ein neues Partyspiel sucht, kommt um „Codenames“ nicht herum. Das Spiel des Jahres 2016 sorgt schon seit seiner Vorstellung im Oktober 2015 für Begeisterung. Mit „Isle of Skye“ ist auch das Kennerspiel des Jahres 2016 wieder eine gelungene Wahl – schnell gelernt, schnell gespielt und doch eine gelungene Mischung aus taktischen und strategischen Entscheidungen. Und wer ein Kinderspiel sucht, das ohne Gedächtnistraining auskommt, der liegt mit „Stone Age Junior“, dem Kinderspiel des Jahres 2016, richtig. Es bietet komplexe Strategie, die schon für junge Kinder zugänglich ist. (loh)