In lockerer Serie stellt KB-Autorin Delia Evers Kevelaerer Persönlichkeiten vor. Die Wallfahrtsstadt beheimatet viele engagierte Menschen – früher wie heute. Ob zum Geburtstag, Jubiläum oder anderen Anlässen werden wir auf bewegte Leben blicken. Heute auf das von …

Hans Pickers

Er hielt sich gern in Kevelaer auf: (v. l.) Hans Pickers 1986 im Museum mit Reinhard Thoenissen, Dr. Mechthildis Scholten-Nees, frisch geehrt mit dem Bundesverdienstkreuz, und Dr. Hans-Wilhelm Schneider. Foto: Archiv Delia Evers

„Zusammenfassend kann ich heute sagen: 20 Jahre Tätigkeit als ehrenamtlicher Landrat – im besten Sinne des Begriffes ‚ehrenamtlich‘ – erfüllen mich mit Dankbarkeit.“

So endete die kurze Replik, die Hans Pickers über seine Landratszeit zum Jubiläum des neuen Kreises Kleve im Jahr 2000 verfasste (25 Jahre Kreis Kleve – Eine runde Sache, S. 144).

Eine runde Sache? Am Anfang war sie das Gegenteil: eckig, stachelig, ohne Chance auf ein auskömmliches Miteinander. Der Kreis Geldern, dessen Gebilde entfernt an das einst mächtige Oberquartier im Reich des spanischen Königs Philipp II. erinnerte, musste sich mit einem anderen Gebilde vereinigen, das sich mit Stolz auf das Herzogtum Kleve und damit auf den Jahrhundertfeind des katholischen Südens bezog. Der Zuschnitt des neuen Kreises verhieß nichts Gutes.

Im Süden kam wie ein Fremdkörper Rheurdt hinzu. Emmerich und Rees saßen jenseits des Rheins auf einmal mit im Boot. Und den Führungsanspruch, das lehrte der Name des neuen Kreises, hatte Kleve. Mancher Gelderner fühlte sich wie seine Vorfahren bei der Eroberung ihrer Stadt durch Preußen.

Unter den Gelderner Kreispolitikern galt als abgemacht: Wenn sie schon die „feindliche Übernahme“ nicht verhindern konnten, wollten sie sich so teuer wie möglich verkaufen. Der Kampf begann bei der Posten-Verteilung zwischen Gelderns Landrat Theo Pellander und Oberkreisdirektor Franz-Josef Ebbert auf der einen Seite sowie Kleves Landrat Gert Brock und Oberkreisdirektor Dr. Hans-Wilhelm Schneider mit Kreisdirektor Rudolf Kersting auf der anderen Seite.

Zwei gebürtige Emmericher entschieden durch kluge Regie den scheinbar unlösbaren Streit. Willi Pieper, der spätere Fraktionsvorsitzende der CDU, und der Gelderner Kreistagsabgeordnete Hans Pickers. Sie konzipierten eine salomonische Kräfteverteilung: Der Klever OKD Schneider, ein überaus hoch geschätzter Fachmann, sollte die Verwaltung führen, der Gelderner Pickers als Landrat die politische Spitze übernehmen; und nicht Kersting, sondern Gelderns OKD Ebbert sollte Schneiders „Vize“ und damit Kreisdirektor werden.

Pieper und Pickers erreichten in einer Kampfabstimmung allerdings nur den ersten Teil ihrer Lösung: Pickers setzte sich als Landratskandidat auf einer CDU-Tagung mit einer Stimme gegenüber Brock durch – das war geschafft. Doch nach verletzendem Gerangel stieg Franz-Josef Ebbert aus dem Machtpoker aus: Kersting wurde Kreisdirektor (und 1989, als Schneider ausschied, Oberkreisdirektor).

Es hagelte harsche Kritik. Versöhnung musste her. Den größten Anteil daran hatte zum einen Oberkreisdirektor Schneider, der sein Amt bravourös ausübte und sich die Hochschätzung auch der Gelderner erwarb – und zum anderen Ex-OKD Ebbert, der trotz teils unwürdiger Zumutungen ohne ein belastendes Wort seine Koffer packte und fortzog. Das half den Geldernern sehr. Sie mussten nicht mehr zurückschauen, sondern nahmen die Zukunft des neuen Kreises in den Blick.

Gleichwohl brach für Hans Pickers, den frisch gewählten Landrat aus Geldern, eine schwere Zeit an. Von ihm erwartete der Südkreis, dass er sich als „Gelderner Landrat“ definierte und die Interessen der „abgewählten“ Kreisstadt vertrat. Sein Amt verlangte jedoch von ihm, das Wohl aller 16 Gemeinden im Auge zu behalten. Der Spagat konnte nicht funktionieren. In dieser Situation waren es zwei Politiker, die das Problem angingen – Gelderns Bürgermeister Paul Wolffram (CDU) und Kevelaers Kreistagsabgeordneter Klaus Hölzle (SPD). Die wohlvorbereitete Folge: Der Kreis ließ sich auf das „Geldern-Paket“ ein. Es enthielt teure Wohltaten als Ausgleich für den verlorenen Kreissitz.

In dieser Phase, da der Kreis Kleve unter Schmerzen zusammenwuchs, wurde das nachhaltige Wirken von Hans Pickers eher unterschätzt. Ab September 1974 war der Berufsschullehrer auch Vorsitzender des erheblich vergrößerten CDU-Kreisverbands aus 16 Stadt- und Gemeindeverbänden sowie 49 Ortsverbänden. Als Kreisparteichef trug er wesentlich dazu bei, dass die fast überall mit absoluter Mehrheit regierenden CDU-Politiker von einem Wir-Gefühl getragen wurden, wie man es sonst nur aus Bayern von der CSU kannte. Pickers führte in die Kreispolitik einen neuen Stil ein: eine freundliche Umgänglichkeit. Wer die joviale Art der Amtsführung von Pickers mit Schwäche verwechselte, lernte einen willensstarken Politiker kennen, der laut und deutlich seine Meinung sagte.

Als Hans Pickers 1981 den Kreisparteivorsitz an Heinz Seesing übergab, dessen Stellvertreter Peter Roosen aus Kevelaer wurde, war die aus „fremden“ Ortsverbänden bunt gemischte neue Kreispartei fast eine homogene Gruppe mit Gemeinschaftsgefühl geworden. Die Partei dankte es Pickers. Sie erhob ihn zu ihrem Ehrenvorsitzenden.

1994 beendete Pickers, inzwischen 70 Jahre alt geworden, seine Zeit als Landrat. Bis dahin hatte er ungezählten Bürgerinnen und Bürgern mit kraft- und gehaltvollen Reden Bundesverdienstkreuze überreicht, hatte Veranstaltungen eröffnet und begleitet, erste Spatenstiche gesetzt und später Fertigstellungen mitgefeiert. Er war in der Bevölkerung im besten Sinn präsent gewesen.

Nach der Pionierarbeit des Führungsgespanns Pickers/Schneider musste nun die neue Spitze mit Landrat Gerd Jacobs und Oberkreisdirektor Rudolf Kersting die Zukunft gestalten, die mit dem Konversionsprojekt Flughafen Laarbruch die wohl größte Einzelaufgabe brachte.

Hans Pickers widmete sich fortan seiner liebsten Beschäftigung, nämlich die plattdeutsche Sprache zu fördern. Sein Werk ist der Anfang 1998 in Aldekerk gegründete Förderkreis „För Land en Lüj“, der durch Gemeinschaftsveranstaltungen und Wettbewerbe den Heimatdichterinnen und -dichtern und überhaupt allen, die die Mundart pflegen, eine Plattform bietet.

1995 ehrte ihn die Landwirtschaftskammer Rheinland mit der goldenen Plakette. Im selben Jahr zeichnete ihn die Karnevalsgesellschaft Queekespiere in Keppeln mit dem „Möökeshüß-Orden“ aus. Im Jahr 2002 erhielt er den Rheinlandtaler.

Dann wurde es immer stiller um ihn. Nach langer, schwerer Krankheit starb Hans Pickers im November 2005.
Zehn Jahre zuvor hatte er gesagt: „Wer aus dem Geist des ‚C‘ heraus handelt, weiß um die Unvollkommenheit menschlichen Strebens und Wirkens.“ Das bezog er gern auch auf sich selbst.

Delia Evers
(Textgrundlage Martin Willing †)